Liebe Wein-Freund:in,
Du liest den WeinLetter #114. Heute gibt’s: Wein-Manga-Verfilmung. Nämlich: Die 2. Staffel von Drops of God, die gerade auf AppleTV angelaufen ist. WeinLetter-Autor Philipp Bohn hatte im WeinLetter #58 schon Teil 1 von Drops of God (Abre numa nova janela) analysiert - jetzt bespricht er selbstverständlich auch Teil 2. Es geht dabei nicht nur um die Story, um das Duell zwischen Camille und Issei. Es geht auch um die prinzipielle Art, wie Wein erzählt wird. Und da wartet Philipp Bohn sehnsüchtig auf eine deutsche Staffel von Drops of God, den göttlichen Früchten: “Ich kann mir Camille und Issei gut in einer Moselaner Steilterrasse oder einer Rheingauer Klosteranlage auf der Suche nach dem deutschen ‘Apostel’ vorstellen.” +++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte.
Aber vor allem: Trinkt friedlich!
Euer Thilo

Das Geschwisterduell geht in die zweite Runde: Camille Léger (Fleur Geffrier) gegen Issei Tomine (Tomohisa Yamashita) FOTO: APPLE TV
Camille Léger gegen Issei Tomine: Das Duell um die Weinwelt
von Philipp Bohn
„Wein ist langweilig.“ Weingenie Issei Tomine überrascht mit diesem Satz zu Beginn der zweiten Staffel von „Drops of God“. Tatsächlich wirkt der Hauptprotagonist nach den Geschehnissen der ersten Staffel mitgenommen und ausgelaugt. Glücklicherweise beweist die Serie aber das Gegenteil von Langeweile und mischt dabei gekonnt die Weinwelt mit der Gefühltswelt der Protagonisten.
Die aktuelle Staffel hat dabei im Vergleich zur Premierenstaffel und Manga-Vorlage auch dunklere Töne und Noten. Nicht jeden emotionalen Spannungsbogen löst sie auf. Das ist eine mutige und richtige Entscheidung der Showrunner: Sie lassen die Serie reifen. Reift sie wie guter Wein? Darum geht es in diesem WeinLetter.
1. Worum ging es nochmal in der ersten Staffel von „Drops of God“?
In der Geschichte dreht sich alles um das Erbe des bekannten Weinkritikers Alexandre Léger, der seinen Nachlass an den Ausgang eines außergewöhnlichen Duells knüpft: Seine entfremdete Tochter Camille Léger, die mit Wein zunächst nichts anfangen kann, tritt gegen seinen japanischen Zögling und Star-Sommelier Issei Tomine an (siehe WeinLetter #58 (Abre numa nova janela)). Dabei sind sie Geschwister, wie sich im Lauf der Handlung auch zu ihrer Überraschung herausstellt.
In mehreren Prüfungen sollen die beiden potenziellen Erben legendäre, für den Vater prägende Weine identifizieren. Er nennt sie die „Apostel“, den finalen Wein seine „Drops of God“. Dabei geht es nicht nur um Fachwissen, sondern auch um Erinnerung, Herkunft, Intuition und die Frage, ob der Zugang zu Wein erlernt oder gefühlt wird. Camille gewinnt das Duell knapp, erbt die große Weinsammlung und wird Herausgeberin des Weinführers „Guide Léger“.
Die Geschichte kam gut an: So erreicht die erste Staffel beim Filmportal „Rotten Tomatoes“ eine perfekte Kritikerwertung von 100 Prozent basierend auf 28 Rezensionen und eine Publikumswertung von 93 Prozent. Entsprechend wurde die Apple TV-Serie 2024 mit dem prestigeträchtigen Emmy als beste Dramaserie ausgezeichnet.

Sie gewinnt das erste Duell: Szene aus Staffel 1 von Drops of God mit Camille Léger und Issei Tomine FOTO: APPLE TV+
2. Worum geht es jetzt in der zweiten Staffel von „Drops of God“?
Die Handlung setzt drei Jahre nach den Geschehnissen der ersten Staffel an. Camille hat sich auf dem fiktionalen Familienweingut ihres Verlobten Thomas - Domaine Chassagne - niedergelassen. Issei Tomine ist von Tokio aus als Weinberater weltweit erfolgreich. Er muss aber auch seine Niederlage und familiäre Turbulenzen verkraften.
Während in der ersten Staffel wie in der Comic-Vorlage die Suche nach den „Apostel“-Weinen im Vordergrund steht, geht die zweite Staffel einen Schritt weiter: Alexandre Léger fordert in einem bislang unbekannten Zusatz seines Testaments Camille und Issei mit einer nicht etikettierten Flasche zur Jagd auf einen besonderen Wein heraus, den er selbst zu Lebzeiten nicht identifizieren konnte.
Der Preis ist der Wein selbst, denn das materielle Vermächtnis ist bereits verteilt. Die Serie nimmt so das bekannte Duell-Motiv auf und gibt den Geschwistern die Chance, über ihren brillanten wie kontroversen „Übervater“ hinauswachsen.
Das ist Drops of God, Teil 2
Streamingdienst: Apple TV+ (exklusiv)
Regie: Oded Ruskin
Serienerfinder: Quoc Dang Tran
Hauptdarsteller: Fleur Geffrier als Camille Lége,Tomohisa Yamashita als Issei Tomine
Vorlage: Manga "Drops of God" von Tadashi Agi & Shu Okimoto, 44 Bände.
Dauer: Starttermin war 21. Januar 2026. Episodenanzahl: 8 Folgen, wöchentliche Veröffentlichung bis 11. März 2026.
3. Richtet sich die zweite Staffel an Einsteiger oder Weinkenner?
Beide Gruppen kommen auf ihre Kosten. So spielt etwa die Rebsorte Herbemont eine zentrale Rolle, die selbst versierten Kennern bislang unbekannt sein wird. Ob die Zusammensetzung des Bienenwachses, der die gesuchte Flasche verschließt, auf ihre genaue regionale Herkunft schließen lässt, scheint in der Praxis unwahrscheinlich. Der Kunstgriff bringt den Plot aber kreativ voran. Aktuelle Themen wie Klimawandel, Wassermangel, Biodynamie oder Sonnenschutz durch Bäume im Weinberg (siehe: Vitiforst im WeinLetter #98 (Abre numa nova janela)) werden explizit diskutiert.
Gleichzeitig nimmt die Produktion Neueinsteiger an die Hand und begeistert durch gefühlsbetontes Storytelling und starke Bilder aus der Weinwelt. Das ist gerade in der aktuellen Absatzkrise der Branche von großem Wert: Die emotionale Bindung der Zuschauer an die Protagonisten und Regionen zeigt Wein als kulturell prägendes Genussmittel, statt vor allem als Gesundheitsrisiko. Sie rückt negative Aspekte wie etwa den Alkoholgehalt oder im Vergleich zu anderen Getränken höhere Preise mehr in den Hintergrund, ohne den Wein als Rauschmittel zu propagieren. Ein Beitrag und Appell für mehr Ausgewogenheit in der öffentlichen Debatte um Abstinenz und Genuss.
4. Der gesuchte georgische Wein ist aus der Rebsorte Herbemont gemacht. Was ist über sie bekannt?
Die genaue Herkunft der Rebsorte ist unbekannt. Laut „The Grapes of New York“ (1908) hat sie möglicherweise der in Frankreich geborene Weinbauer Nicholas Herbemont 1798 in Columbia, South Carolina, entdeckt. Die Herkunft könnte aber auch in dem amerikanischen Bundesstaat Georgia oder in Europa liegen. Schon damals wusste man das nicht mehr so genau.
Und wie kommt so eine Rebsorte von Georgia nach Georgien? Dr. Franco Röckel vom Julius Kühn-Institut für Rebenzüchtung am Geilweilerhof in Siebeldingen erklärt, dass in Folge der Reblaus-Krise und der Einschleppung von Mehltau-Erregern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts widerstandsfähige Reben aus Nordamerika importiert wurden. Viele dieser Sorten haben sich über Frankreich als Hauptimporteur ins übrige Europa und auch das damalige russische Reich und möglicherweise auch bis Georgien verteilt.
Er betont, dass viele dieser Sorten aufgrund geringer Weinqualität oder ungewohnter Geschmacksprofile keine große kommerzielle Bedeutung hatten, sondern eher lokal oder als Hausreben zum Einsatz kamen. Auch in der Serie ist es eine kleine Familie, die den gesuchten Wein für den eigenen und lokalen Verbrauch herstellt. Kein Wunder also, dass ihn Alexandre Léger zu Lebzeiten nicht finden konnte.

Camille und Issei finden den mysteriösen Wein und Familienanschluss in Georgien. FOTO: APPLE TV+
5. Und wie kamen die „Drops of God“-Macher auf die Rebsorte Herbemont?
Dazu habe ich den Pariser Sommelier und offiziellen Berater der Produktion Seb Pradal befragt. Er bestätigt, dass die Rebsorte in Georgien extrem selten ist und tatsächlich eher in Südfrankreich vorkommt, besonders der Ardèche.
Dennoch hat er sich aus zwei Gründen für sie entschieden: Zum einen sollte es eine möglichst unbekannte Rebsorte sein, um die Geschichte über einen längeren Zeitraum erzählen zu können. Auch bei einer seltenen georgischen Sorte wäre das Rätsel zu schnell gelöst.
Der zweite Grund spiegelt seine Sicht auf die Weinwelt wider: Herbemont wurde in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhundert verboten, eben weil die Rebe angeblich keinen guten Wein hervorbringt. Mit entsprechender Technik und Erfahrung der Winzer ist die Herstellung eines respektablen Weins aber durchaus möglich, so der Experte.
Tatsächlich wurde sie auch wegen ihrer natürlichen Widerstandsfähigkeit gegen diverse Schädlinge und Krankheiten von der chemischen Industrie bekämpft. Er wollte auf diesen „David und Goliath“-Kampf hinweisen und so für mehr natürliche Nachhaltigkeit im Weinbau plädieren. Und zeigt, dass es auch eine Show von Wein-Nerds für Wein-Nerds ist.
6. Wie passt der Fokus auf das Weinland Georgien in die Zeit?
Georgien gilt als eine der Wiegen des Weins, der dort seit mehr als 6000 Jahren angebaut wird. Das Land hat derzeit einen Moment in der Weinszene: Beispielsweise werden in bekannten Weinbars wie der „Freundschaft“ in Berlin Masterclasses für Gastronomie und Handel angeboten. Ergänzt durch öffentliche Plakatwerbung für das Weinland Georgien. Vor Kurzem sprach der Önologe Patrick Hannef vom Château Mukhrani beim Podcast „Die letzte Flasche“ über georgische Wein- und Esskultur. Klassisches und gut gemachtes Herkunftsmarketing also, das jetzt nochmal zusätzlich Fahrt aufnehmen kann.
7. Im Manga kommen deutsche Weine etwa von Egon Müller oder den Vereinigten Hospitien Trier als Nebendarsteller vor. Egon Müllers Scharzhofberg erscheint nochmal in Staffel eins. Wie sieht es mit deutschem Wein in der zweiten Staffel aus?
In der japanisch-französischen Produktion dominieren erwartungsgemäß französische Weine, inklusive der fiktionalen Domaine Chassagne als einer der zentralen Orte der Handlung. Der französische Sommelier und Berater der Produktion, Seb Pradal, lässt französische Weine und Sekte von Pol Roger, Château d’Yquem, Domain Roulot und viele mehr auftreten, sowie Flaschen aus Italien, Georgien, Korsika, Griechenland, Neuseeland, USA und sogar England und Mexiko (siehe Infobox).
Seb Pradal sagt dem WeinLetter, dass er sich bei der Auswahl an der Manga-Vorlage orientiert hat: Dort sind 70 Prozent der Weine französisch. Den Anteil hat er zugunsten von Weinen aus dem übrigen Europa und der Neuen Welt etwas reduziert.
Deutscher Wein fehlt auf der Liste. Bedauerlich. Der Weinberater verweist jedoch auf die hoch geschätzte Scharzhofberger Trockenbeerenauslese von Egon Müller aus der ersten Staffel. Während er durchaus gerne mehr deutsche Weine präsentieren würde, schränkt er ein, dass „Drops of God“ keine Weindokumentation ist. Das Weinportfolio hat also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht am Ende um die beiden Hauptdarsteller, ihre Reise durch die Welt des Weins und die Leidenschaft der französischen „Art de Vivre".
Trotzdem: Hier liegt Potenzial für Marketing und Kommunikation der deutschen Winzer und ihrer Verbände, mit positiven Botschaften und Storytelling der aktuellen Absatzkrise beizukommen. Ich kann mir Camille und Issei gut in einer Moselaner Steilterrasse, einer Rheingauer Klosteranlage oder in Weinbergen der klassischen Pfälzer Mittelhaardt auf der Suche nach dem deutschen „Apostel“ vorstellen. Das wären starke Bilder für ein emotionaleres Profil des Weinlands Deutschland auf der großen Bühne.
Das sind alle Wein- und Champagner-Weingüter der zweiten Staffel von „Drops of God"
Frankreich: Billecart-Salmon, Pol Roger, Jacques Selosse, Hermitage Domaine Jean Louis Chave, Domaine Marquis d’Angerville, Terrasse du Larzac Mas Jullien, Château d’Yquem, Domaine Roulot, Saint-Joseph Domaine Merlin, IGP Aveyron, Domaine Montrozier Calibre 12, Domaine des Comtes Lafon, Volnay Domaine Y. Clerget, Domaine Emmanuel Darnaud, Château Grillet, Clos des Tart, Bourgogne Domaine d’Eugenie.
England: Gusbourne Estate Brut Sparkling.
Italien: Amarone Azienda Agricola Giuseppe Quintarelli, Cortona Azienda Agricola Stefano Amerighi.
Korsika: Clos Venturi Chiesa Nera
Griechenland: Tinos Island T-Oinos
Argentinien: Mendoza Monasterio PerSe
Georgien: Marani Ruispiri Giorgi Aladashvini
Mexiko: Baja California Dominio de las Abejas
Neuseeland: Marlborough Fromm Winery
USA: Santa Rita Hills Racine
Quelle: Apple TV Production Notes
8. Wie kann es mit „Drops of God“ weitergehen?
Ob es eine Fortsetzung gibt, hängt in erster Linie vom kommerziellen Erfolg der laufenden Staffel ab. Die Showrunner haben es geschafft, das Duell-Format weiterzuentwickeln, enger mit persönlichen und familiären Höhen und Tiefen der Protagonisten zu verknüpfen und dabei auf eine neue Anbauregion und ihre Kultur zu übertragen.
So wie die Erfolgsserie „The White Lotus“ ihr Krimiformat auf Luxusresorts in immer neuen Urlaubsregionen überträgt, könnte auch das Drops-Duell-Format für viele unterschiedliche Weine und Regionen funktionieren.
Denn es gibt neben Bordeaux, Burgund und Barolo in der Weinwelt noch viel zu entdecken. Die Branche steckt global in der Krise und muss neue, auch jüngere Zielgruppen auf neuen Wegen ansprechen. Warum also nicht Drops of Napa, Burgenland oder Pfalz.
PS: Japan und deutscher Wein: Passt das zusammen? Oder warum spielt deutscher Wein bei “Drops of God” keine Rolle? Im nächsten WeinLetter gibt es den Faktencheck zur Manga-Verfilmung - u. a. mit einem Interview mit Kerstin Bauer und Max Goldberg vom Sterne-Restaurant Irori und einem Marktbericht über das Wein-Exportland Japan.
Alles über die erste Staffel der Apple-Serie Drops of God gibt’s hier! (Abre numa nova janela)

Philipp Bohn leitet das globale Marketing für den Geschäftsbereich “Data & AI” beim Digitalisierungsspezialisten Atos. Er lebt mit Frau und zwei Kindern im Prenzlauer Berg. Seine Weinheimat ist die Pfalz. Für den WeinLetter hat Philipp u. a. über Eva Frickes Eltville-Collection (Abre numa nova janela), die Pfälzer Weinlage Idig (Abre numa nova janela), PIWI (Abre numa nova janela), die Weingeschäfte von Lieferdiensten wie Flink (Abre numa nova janela), das Weingut von Karsten Peter (Abre numa nova janela), die Nachhaltigkeitsstrategie des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) (Abre numa nova janela) geschrieben. FOTO: SOPHIE BELLMANN
Du willst den WeinLetter und Qualitätsjournalismus auch finanziell unterstützen? Darüber würde ich mich sehr freuen! Dann werde hier zahlendes Mitglied: