Saltar para o conteúdo principal

Warum die AfD auf ein ostdeutsches Moped abfährt

Hi,

in den USA wurde der rechtsextreme MAGA-Aktivist Charlie Kirk ermordert. Ein wöchentlicher Newsletter wie unserer ist denkbar ungeeignet, um das zu covern. Deshalb teilen wir drei Journalist:innen-Bluesky-Threads & und ihre zugehörigen Kanäle, die vielleicht auch für dich interessant sind:

Annika Brockschmidt (Abre numa nova janela)

Die Journalistin teilt gerade sehr viele Informationen zu dem Attentat und hat unter anderem eine (unvollständige) Liste (Abre numa nova janela) mit Äußerungen zusammengestellt, die zeigt, welche Positionen Kirk vertrat.

Eliot Higgins (Abre numa nova janela)

Der Bellingcat-Gründer beobachtet sehr genau, wie sich der Diskurs um das Attentat entwickelt und welche Funktionen er erfüllen soll (Abre numa nova janela).

Jeff Sharlet (Abre numa nova janela)

Er erklärt auf Bluesky (Abre numa nova janela) und in einem längeren Blogeintrag (Abre numa nova janela), welche Reaktionen auf den Mord Kirks besonders gefährlich sind.

Dann wollen wir noch eine gute Nachricht hinterherschieben. Gefunden haben wir sie auf LinkedIn. Da hat Felix Kolb von Campact geschrieben (Abre numa nova janela), dass die AfD am Sonntag zwei Rathauswahlen im ersten Wahlgang verloren habe - was absolut keine Ausnahme sei.

So hat die AfD laut Kolb in Brandenburg zwei Landrats- und mehrere Bürgermeister:innenwahlen verloren, sie ist in Thüringen bei 18 Landratswahlen leer ausgegangen genauso bei vier Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Das zeigt: Wo Demokrat:innen zusammenstehen und zivilgesellschaftlich gegenmobilisieren, verliert die AfD.

Besonders in Meißen, wo eine der beiden Rathauswahlen stattfand, ist das eindrücklich: Hier blieb der AfD Kandidat trotz namhafter Unterstützung von Parteichef Tino Chrupalla und Landeschef Jörg Urban deutlich unter dem Erststimmen-Ergebnis der Bundestagswahl. Entscheidend waren laut Kolb öffentliche Gegenmobilisierung und demokratische Bündnisse vor Ort.

Was der Campacter deshalb fordert: nicht auseinanderdriften, rechten Themen nicht hinterherlaufen, sondern gemeinsam dagegenhalten - mit Aufklärungskampagnen, Postwurfsendungen, Kooperationen und praktischem Support für demokratische Kandidaturen. Widerstand wirkt.

Herzliche Grüße und bleib achtsam!

Und wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, dann kannst du ganz leicht Mitglied werden - und den Newsletter auch als Podcast (via Spotify (Abre numa nova janela)) hören.

Das geht ab 1,50 Euro / Ausgabe und sichert unsere Arbeit finanziell. Wir freuen uns natürlich über jede:n Unterstützer:in!

Um was gehts?

Simme ist Freiheit, Simme ist Kult, Simme ist das alte und neue, starke Ostgefühl!”

Das hat der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke kürzlich auf Telegram (Abre numa nova janela) geschrieben. Damit lud er zu einem Simson-Treffen mit gemeinsamer Ausfahrt am 16. August ein.

Bildquelle: Pixabay

Die Simson ist ein DDR-Moped , das die AfD seit Jahren politisch und identitär auflädt und instrumentalisiert. Dafür hat sie schon, auch ganz aktuell, landes- und bundespolitische Anträge für die Simson eingebracht.

🛵 Was die Simson bedeutet

Seit Jahren steigt Björn Höcke immer wieder auf eine Simson und lässt sich so fotografieren. Das ist erstmal eine Form der Selbstverharmlosung: Er inszeniert sich als ostdeutscher Politiker, dem der Sinn nach unpolitischen Freizeitaktivitäten steht, statt als “der knallharte rechte Ideologe, der er ist (Abre numa nova janela)”, wie Rechtsextremismus-Experte David Begrich in der Zeit schreibt.

Bilder von ihm auf einer Simson gibt es deshalb viele, einige aus dem vergangenen Jahr für seine Kampagne vor der Landtagswahl in Thüringen. Ein Motiv (Abre numa nova janela): Landstraße, Höcke auf einer Simson, lächelnd, hochgekrempelte Ärmel, kein Helm. Die Überschriften, die er dazu teilte, lauteten beispielsweise “Ja! Zur Jugend!” oder “Wir lassen uns von den Grünen den Spass nicht verbieten!”

In der DDR bedeutete Simson Gemeinschaft und Freiheit, weil sie vor allem auf dem Land unabhängige Mobilität ermöglichte. Regionen, in denen noch heute der ÖPNV sehr oft sehr schwach ausgebaut ist.

Mittlerweile kommt ein zweiter Aspekt hinzu, den Begrich als “neues ostdeutsches Selbstbewusstsein“ bezeichnet. Er meint damit ein Stolzsein auf die Herkunft, auf “Spee-Waschmittel und Rotkäppchen-Sekt und Ostrock-Shows” - und eben auf die Simson.

🪞 Aneignung einer ostdeutschen Identität

Und das ist ein zentraler Grund, warum sich der Westdeutsche Höcke auf die Simson setzt und Ausfahrten organisiert. Er will diesen neuen Oststolz, die ostdeutsche Identität, mit der AfD verknüpfen. Das Ganze rahmt er in seinen Social-Media-Beiträgen mit Schlüsselwörtern (Abre numa nova janela) wie “wild”, “Abenteuer”, “Freiheit”, “Heimat” und “Kult”:

“Grüße aus dem wilden Osten! Mit der Simson […] frei, ungebunden und mitten in unserer wunderschönen Heimat. Fernab von Großstadthektik und Ideologie zeigt sich hier, was echte Freiheit bedeutet: knatternder Zweitakt, klare Luft und offene Straßen. So fühlt sich der Osten an - ehrlich, kraftvoll und lebendig.”

Das beispielsweise hat Höcke nach der eingangs erwähnten Simson-Ausfahrt Mitte August geschrieben. Diese Form der “Affektpolitik”, also der Gefühlspolitik, wirkt in Ostdeutschland besonders stark. Ein Grund: Weil klassische Parteien weniger etabliert sind als in westdeutschen Bundesländern. Das erklärt der Soziologe Steffen Mau in einem Interview mit dem Philosophie Magazin (Abre numa nova janela). Dasselbe gelte auch für vorpolitische Orte des Austauschs, wie “Vereine, Kirchen oder Gewerkschaften”. Deshalb sei bei vielen Menschen eine große Politikverdrossenheit gewachsen und vor allem “Gefühle” entscheidend dafür, “wo jemand sein Kreuz macht”.

Sich positiv auf ostdeutsche (Kult-)Symbole zu beziehen ist deshalb eine erfolgreiche Strategie für die AfD. Das paart sie mit ihrer Inszenierung als “Antiestablishmentpartei” oder “Antipartei”, mit der sie sich maximal von den demokratischen Parteien, die in diesem Bild ein korruptes Parteienkartell bilden, abgrenzt.

Das geht auch in Höckes Zitat auf, wenn er im Simson-Kontext die “Freiheit” des Ostens einer “Großstadthektik und Ideologie” gegenüberstellt. Eine “Ideologie”, die damit gemeint sein dürfte, ist die Verkehrswende. Passend dazu plakatierte die Junge Alternative: “Simson statt Lastenrad” - die Verkehrswende wird so zum Feindbild einer vermeintlich “ideologischen Großstadt”.

Die Simson ist also nicht unideologisch besetzt, vielmehr macht sie die AfD zum Kulturkampf-Kontrastmittel: Stadt gegen Land, “wir” gegen “die”, “Anti-Establishment” gegen “Parteienkartell”, “unten” gegen “oben”.

Die Steigerung davon ist dann, das erklärt Steffen Mau, eine Grenzziehung zwischen dem Osten und dem als dekadent dargestellten Westen:

“Der Westen verkörpert dabei alles vermeintlich Schlechte: Den Aufstieg der Migrationsgesellschaft oder progressive Themen wie Gender und Diversität. Ostdeutschland steht dagegen für einen Ort, der nicht Neukölln oder Offenbach ist, wo man noch Schweinefleisch essen darf, wo es noch eine vernünftige Geschlechterordnung gibt und Männer noch Männer sein dürfen.”

📃 Die politischen Anträge

Die AfD setzt nicht nur auf Bilder und Kampagnen, sie instrumentalisiert die Simson auch politisch. Im Image-Video von der Simson-Ausfahrt mit Höcke sagt der rechtsextreme Politiker: 

“Die robusten Zweiräder haben nicht umsonst Kultstatus erlangt: Es ist eben nicht alles schlecht, was früher gut war. Für uns ist die Simson ein echtes Kulturgut: Das haben wir in einem entsprechenden Antrag deutlich gemacht.”

Gerade im August hat das die sächsische AfD gemacht. Der Titel des Antrags: “SIMSON - Mehr als bloß ein Moped: Ein ostdeutsches Symbol auf zwei Rädern (Abre numa nova janela)“. Damit will die Partei die Simson nicht nur zum “Immateriellen Kulturerbe” machen, weil diese für die “Vermittlung eines Gefühls von Identität und Kontinuität” stehe. Sie fordert auch, dass alle Re-Importe von Simsons aus dem Ausland zurück nach Deutschland von einer Ausnahmeregelung profitieren: Dass auch sie, wie alle in der DDR zugelassenen Simsons, 60 km/h fahren dürfen und nicht nur 45 km/h, wie moderne Mopeds. Ähnliche Worte stehen auch in einem bundespolitischen Antrag (Abre numa nova janela) aus dem vergangenen Jahr.

Diese Anträge erfüllen mehrere Funktionen:

  • Zuerst kann sich die AfD damit als Bewahrerin ostdeutscher Tradition darstellen. Einerseits über den Schutzaspekt, der ein Kulturerbe bedeuten würde und andererseits, über die Besonderheit der 60-km/h-Ausnahmeregelung. Würde diese ausgeweitet, dann hätte die AfD einen herausragenden Aspekt der Simson bewahrt (beispielsweise vor zu viel “Bürokratie” oder einer Großstadt-“Verbotspolitik”).

  • Würde es zu der gewünschten Aufwertung der Simson kommen, erzeugt die AfD damit immer neue Anlässe, um sich mit dem ostdeutschen Kultobjekt zu verknüpfen. Sie würde damit ihren Zugriff darauf festigen. Dass dieser umkämpft ist, zeigt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der ebenfalls immer wieder auf eine Simson steigt (Abre numa nova janela).

  • Geht die AfD-Strategie auf, könnte sie zur Blaupause für weitere “Erbe”-Vorhaben der AfD werden - und damit für ihre Identitätspolitik.

😡 Vehikel, um rechtsextreme Position normal zu machen

Wenn AfDler wie Björn Höcke über die Simson sprechen, dann oft im Deutungsrahmen von “Wildheit”, “Freiheit” und “Heimat”. Es geht es um ostdeutsche Tradition, gepflegt und gemeinschaftlich zelebriert in der Freizeit - alles betont unideologisch und harmlos. All das ist es aber nicht, wie mehrere Medien im vergangenen Jahr bei einem mehrtätigen Simson-Treffen in Zwickau gezeigt haben. Sie haben zahlreiche rechtsextreme Vorfälle dokumentiert (die es auch dieses wieder Jahr gab (Abre numa nova janela)):

  • Eine Reporterin der taz beschreibt (Abre numa nova janela) beispielsweise eine “Gruppe junger Erwachsener, vielleicht gerade einmal 20”. Einer zeige den Hitlergruß, vier grüßten mit demselben zurück. Sie alle hätten sich mit “Filzstift Hakenkreuze auf die nackten Oberkörper gemalt”. Weitere rechtsextreme Sprüche, Symbole und Schriften, die die Reporterin sieht: White Power, Kraft durch Freude, Blut-und-Ehre, Schwarze Sonne, Dritter Weg.

  • Auch der MDR (Abre numa nova janela) war vor Ort und berichtet über Reichsadler, über den Spruch “Alle Schwarzen sollen hängen”, der auf einem Rücken geschrieben stand, über ein Schild mit “NS-Zone” und das Shirt “Auch ohne Sonne braun”, über “Deutschland-den-Deutschen”-Gesängen sowie viele Mopeds mit der Startnummer 88 - dem rechtsextremen Code für “Heil Hitler”.

  • Ähnliches steht auch in einem Text der Berliner Zeitung (Abre numa nova janela), die einen Reporter zu einem weiteren Simson-Treffen nach Stadtlengsfeld geschickt hat. Dort wird ein Teilnehmer wie folgt zitiert: “Das mit den rechten Parolen, das nervt. […] Der Humor ist richtig rechts geworden.” Hitlergrüße, Hakenkreuze, das sei alles nur noch lustig, alle würden lachen, keiner nehme es mehr ernst. Das habe sich bei der Jugend so sehr eingebürgert. Ein Grund dafür ist laut diesem Teilnehmer: “Simsons werden extrem ins Rechte gezogen. […] Das funktioniert hier eben verdammt gut.” Was dazu führe, dass in seinem Freundeskreis “so gut wie alle die AfD” wählten - “weil sie sie geil finden”.

Natürlich sind nicht alle Simson-Fans rechtsextrem. Was die Berichte über die Treffen aber nahelegen, ist eine große Toleranz gegenüber rechtsextremen Symbolen und Parolen - es ist genau dieses Wegsehen, das die AfD will und das ihre Ideologie normalisiert. Das zeigt auch ein Satz in dem MDR-Bericht. Da heißt es: “Den Simson-Fans scheint es gleichgültig zu sein, was auf ihrem Festival passiert.”

🫱🫲 Was Simson eigentlich bedeutet - und wer das Erbe verteidigt

Simson wurde 1856 von zwei jüdischen Brüdern gegründet (Abre numa nova janela) und blieb lange im Familienbesitz - bis die Nazis das Unternehmen 1935 entschädigungslos enteigneten.

Heute liegen die Markenrechte bei der Gesa, der “Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten”, die wiederum mittelbar der Bundesrepublik (Abre numa nova janela) gehört. Deshalb hat Buzzfeed im vergangenen Jahr einmal nachgefragt, was die Gesa zur Vereinnahmung von Simson durch die AfD sagt. Die Antwort (Abre numa nova janela): Man distanziere sich von politischer Vereinnahmung und wolle Verstöße markenrechtlich verfolgen.

Ähnlich positionierte sich auf der Journalist Bruno Dietel. Er hat sich im Namen seines verstorbenen Großvaters mit einem Statement an die Freie Presse gewandt (Abre numa nova janela). Der Grund: Dieser Großvater war Karl Clauss Dietel, der Designer der Simson S 50 und S 51.

Und das Design des Großvaters stand laut Bruno Dietel für ein “offenes, solidarisches, demokratisches Gestaltungsverständnis - und für Technik, die Menschen befähigt”. Deshalb seien alle Bauteile der Simson “leicht zugänglich, reparier-, austausch- und veränderbar” gewesen. Dieses “offene Prinzip” stehe in Ansätzen auch für einen ökologischen Gestaltungsbegriff und “ein offenes Gesellschaftsverständnis”.

Deshalb stößt den Nachfahren Bruno Dietel die politische Instrumentalisierung der Simson durch die AfD ab. Er spricht gar von einer “Aneignung durch den westdeutschen Faschisten Höcke und andere Rechtsextreme” und erinnert daran, dass sein Großvater - aufgewachsen in der NS-Zeit - zuletzt “Sorge um den neu aufkeimenden Autoritarismus und Totalitarismus” gehabt habe.

Karl Clauss Dietel verstarb 2022 in Chemnitz, weshalb ihm laut seines Enkels erspart bleibe, “was gerade in Sachsen und auch Thüringen passiert, wie Gesellschaften kippen”.

Rede:

“Simme ist Freiheit, Heimat, Kult. Wir fahren schlicht Moped. Das ist doch keine Politik - die Ideologen sitzen in der Großstadt mit ihren Lastenrädern.”

Gegenrede:

Die Bilder, Slogans und Ausfahrten sind gezielte Affektpolitik: “wild”, “Heimat”, “Freiheit” - dazu Frames wie Stadt gegen Land und “wir” gegen “die”. Genau so funktioniert Identitätsmobilisierung: unpolitisches Setting, politisches Storytelling. Genau das zeigt der Spruch “Simson statt Lastenrad”, damit wird das ostdeutsche Moped für den Kulturkampf missbraucht.

Rede:

“Ein paar Ausfälle, Medien übertreiben. Nicht alle Simson-Fans sind rechts. Vieles ist Provokation - Jugendhumor.”

Gegenrede:

Mehrfach dokumentierte extremistische Codes und Parolen sind kein Gag, sondern Grenzverschiebung. Entscheidend ist die Toleranzschwelle: Wegsehen normalisiert. Wenn in Berichten steht, den Fans sei “gleichgültig, was passiert”, wird das Umfeld anschlussfähig für rechtsextreme Politik. Genau dagegen steht das Simson-Erbe: Der Designer Karl Clauss Dietel konzipierte die Simson als offenes, reparierbares, befähigendes Produkt - als Ausdruck von Solidarität, Langlebigkeit, Demokratisierung von Mobilität. Deshalb widerspricht auch sein Enkel Bruno Dietel der AfD-Vereinnahmung klar.

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Wie Rechte reden e comece a conversa.
Torne-se membro