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Der Fußball als extrem rechte “Erlebniswelt”

Hi,

bevor unser Rückspiel des Fußball-Zweiteilers startet, ein kleiner Rant:

Hast du dieses Zeit-Porträt (Abre numa nova janela) über Beatrix von Storch gesehen?

Darin darf sie sich und die extreme Rechte fast durchgehend ohne Widerspruch und Einordnung verharmlosen, dass es beinahe an journalistische Arbeitsverweigerung grenzt.

Beispielsweise werden Erzählungen von einer in Deutschland herrschenden “Meinungsdiktatur” einfach wiedergegeben oder dass die “normale Familie” (natürlich: Vater, Mutter, Kind) nicht mehr stattfinde oder dass der rechtsextreme Influencer Charlie Kirk für die Werte “Freiheit, Vaterland, Jesus Christus” gestanden habe… Puh.

Und die Einordnungen, die dann kommen, sind mindestens fragwürdig. So wird die extrem rechte Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf, die ja auch von v. Storch angetrieben wurde, als “Coup” bezeichnet, der mit “maliziöser Perfektion” gelungen sei.

Außerdem noch ein Hinweis in eigener Sache: Am Dienstag um 11 Uhr veröffentlicht Übermedien (Abre numa nova janela) die ersten zwei von insgesamt sechs Folgen ihres neuen Podcasts „Nice & Nötig – der Podcast für gute Ideen von Übermedien“. Darin lädt Übermedien-Redakteurin Annika Schneider in jeder Folge einen Menschen ein, der oder die etwas richtig Gutes auf die Beine stellt – für bessere Medien, besseren Journalismus und letztlich für uns alle.

In der ersten Folge hat sie mit mir, also Maria in dem Fall, Ideen gesammelt, wie Redaktionen besser mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Strategien umgehen könnten. Wir teilen den LINK zum Podcast in unserer nächsten Ausgabe, aber schau gern selbst schonmal auf der Podcast-Plattform deines Vertrauens rein!

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Um was geht’s?

“Ich habe mehr Respekt vor der russischen Nationalmannschaft, die noch eine echte Nationalmannschaft ist. Mehr Respekt als vor dieser bunt zusammengewürfelten Söldnertruppe der Deutschland-AG.” [1]

Mit diesem Satz machte Hans-Thomas Tillschneider (AfD Sachsen-Anhalt) deutlich, was viele in der extremen Rechten denken: Die deutsche Fußballnationalmannschaft sei keine “echte” Mannschaft mehr.

Was er und andere meinen und wie sie den Fußball nutzen, um ihren völkischen Volksbegriff zu verbreiten, darum geht es diese Woche.

Die Politisierung des Fußballs von rechts

Im vergangenen Newsletter haben wir über das extrem rechte Ziel geschrieben, den Sport von angeblich linker Politisierung befreien zu wollen.

“Der Sport muss wieder unpolitisch werden”, sagen Vertreter:innen immer wieder.

→ Was extrem Rechte mit (linker) Politisierung meinen: Wenn sich Spieler:innen, Verbände, Vereine und Fans FÜR Vielfalt und Demokratie und GEGEN Diskriminierung aussprechen.

Deshalb fluten sie Social Media mit Hohn über Regenbogenarmbinden oder machen sich über den Kniefall von Spieler:innen in Solidarität mit der “Black Lives Matter”-Bewegung lustig.

Das ist Kulturkampf, der das Ziel hat, demokratische Grundwerte zu delegitimieren und jede Positionierung gegen Diskriminierung als “politisch” zu rahmen, die angeblich nichts im Stadion zu suchen hat. Und so sollen auch demokratische Abwehrreaktionen geschwächt werden.

Denn: Die extreme Rechte politisiert den Fußball selbst.

Ein kurzer Überblick:

  • Björn Höcke nimmt den Tod von Franz Beckenbauer zum Anlass und schreibt, dass dieser noch “die Zeit erleben durfte, in der auch der Profi-Fußball mehr als Kommerz und Regenbogenklamauk war” [2].

  • Höcke schreibt auch nach einem Länderspiel Deutschlands gegen Ungarn, dass er als “deutscher Patriot” auf der Seite Ungarns stand und er “beste Grüße an Viktor Orbán” [3] schickt - damit drückt er einem rechtsautoritären Musterstaat die Daumen und politisiert das Spiel.

  • Ganz ähnlich, wenn Tino Chrupalla nach der Bundestagswahl in einer Pressekonferenz sagt, dass zwei Fußballnationalspieler der Männer und ehemalige Bayern-Spieler der AfD zum Ergebnis gratuliert hätten [4];

  • oder wenn der AfD-Kreisverband Dortmund und das “freundliche Gesicht des NS” [5] Matthias Helferich auf Stickern die Farben von Borussia Dortmund für Wahlwerbung nutzen und schreiben: “Beim Fußball schwarz-gelb - am Sonntag blau” [6].

Wenn die extreme Rechte also die “Politisierung” des Fußballs beenden will, meint sie damit nicht die eigene.

Das zeigt ein X-Beitrag des Identitären Martin Sellner: Auf wenigen Zeilen macht er sich erst darüber lustig, dass sich die Zivilgesellschaft über ein “Defend Europe”-Banner im Fußballstadion von Dynamo Dresden empöre [7] - um dann zu schreiben, dass er das nächste Mal nicht nur ein kleines, sondern ein “gigantisches ‘DEFEND EUROPE’ Banner” sehen wolle und sich wünsche, dass die Parole zum “Schlachtruf” der Ultras aller Nationalteams werde.

Sellner wünscht sich also, dass ein migrationsfeindliches identitäres Motiv in den Stadien aller Nationalteams auftaucht und damit nichts anderes als eine extrem rechte politische Forderung. [8]

Der extrem rechte Volksbegriff soll bei Nationalspielen normalisiert werden

Und das ist nur die Oberfläche.

Die extrem rechte Einflussnahme auf den Fußball geht tiefer. So nutzen Politiker:innen und Akteur:innen aus dem Umgeld der extrem Rechten die Spiele der Nationalmannschaften (Frauen wie Männer) seit Jahren, um ihren verfassungswidrigen Volksbegriff zu etablieren.

Diesen dürfte Hans-Thomas Tillschneider mit seinem Eingangszitate meinen, wenn er sagt, das deutsche Team der Männer sei kein “echtes” Nationalteam mehr. Das legt die zweite Aussage von ihm nahe, dass in der Nationalmannschaft der Männer “Türken mit deutschem Pass” spielten.

Es geht also um die Unterscheidung von sogenannten “Biodeutschen” und “Passdeutschen”. Die wird immer wieder in den Fußball hineingetragen:

  • 2016 sagte der damalige AfD-Vizechef Alexander Gauland, dass die “deutsche Fußballnationalmannschaft schon lange nicht mehr deutsch im klassischen Sinne” [9] sei.

  • Fabian Küble, ehemaliger Bundesvorstand der JA (Junge Alternative) sagte einmal, dass die Nationalmannschaft eine “durchmultikulturalisierte […] Söldnertruppe” und keine “echte deutsche” Nationalmannschaft sei. Dazu postete er ein Bild von vier Schwarzen Nationalspielern.

  • Christina Baum, Bundestagsabgeordnete der AfD, nutzte die Bezeichnung “Passdeutsche Fußballnationalmannschaft”. [10]

  • Und vor wenigen Wochen schrieb der sachsen-anhaltinische AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Wald unter ein Foto der Frauennationalmannschaft, dass darin keine “N*” spielen würden und postete dazu ein Klatsch-Emoji. [11]

Dahinter steht ein ethnisch-kulturelles Volksverständnis. In den Augen der AfD macht nicht die Staatsangehörigkeit (der Pass) eine Person deutsch, sondern ihre Abstammung. Christina Baum nannte sich entsprechend “Lobbyist der ‘Biodeutschen’” und dass sie sich für das “hellhäutige, hier seit Jahrhunderten ansässige Volk” einsetze - die “ethnische deutsche (Noch-)Mehrheit”.

Menschen mit Migrationsgeschichte können in dieser extrem rechten Deutung nie “echte” Deutsche werden. Das ist Rassismus, der das Ziel eines ethnisch-homogenen Volkes verfolgt. Und deshalb ist dieser Volksbegriff verfassungswidrig, wie mittlerweile Gerichte, die sich mit der AfD auseinandergesetzt haben, herausgearbeitet haben. [12]

Dass die AfD das Volk zweiteilt, das findet sich in allen Ebenen der Partei.

Als Tino Chrupalla gefragt wurde, wer zum deutschen Volk gehöre, antwortete er: “Es gibt natürlich zwei Gruppen. Das sind die, die von Hause aus Abstammung haben als Deutscher und diejenigen, die vom Grundgesetz Passdeutsche sind.” [13] Und dann schob er hinterher, dass die AfD aber keinen Unterschied mache.

Und auch Alice Weidel schrieb 2019 auf Facebook unter der Überschrift “Das sind keine Deutschen!”, dass es sich bei Tatverdächtigen einer Gruppenvergewaltigung nicht um Deutsche, sondern “richtigerweise […] um Passdeutsche bzw. Deutsch-Türken” handle.[14]

Fußball als extrem rechte “Erlebniswelt”

Die bisherigen Beispiele zeigen, Fußball ist Agitationsfeld, um extrem rechte Ideologie zu normalisieren. David Berchem von der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW (Medif-NRW) beschäftigt sich damit.

Seit 2022 sammelt er mit seinem Team diskriminierende Vorfälle, sie geben Workshops zum Umgang mit extrem rechter Einflussnahme und halten Vorträge, wie diesen: “Der Fußball als Resonanzraum für neurechte Metapolitik”. 90 Minuten, die wir Interessierten ans Herz legen. [15]

Darin erklärt Berchem, dass der Fußball zentraler vorpolitischer Raum für die extreme Rechte sei, um metapolitisch voranzukommen und Macht zu gewinnen - um “menschenfeindliche Einstellungsmuster, völkisch-faschistoide Gesinnungen, subtil-antisemitische Sprachakte, Verschwörungsnarrative sowie ein auf Ungleichwertigkeitsideologien gründendes Weltbild” zu verbreiten.

Fußball bietet sich dafür an, weil ständig in In- und Out-Gruppen unterteilt wird und es viele Möglichkeiten gibt, um sich über andere zu erheben und so Diskriminierung und Ungleichwertigkeitsideologien zu verbreiten.

Mit dem Konzept Emotion wird dann Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass, Demokratiefeindlichkeit und Gewalt im Fußball erklärt, verharmlost und bagatellisiert”, fügt Berchem hinzu.

Deshalb hat die extreme Rechte schon lange den “Kampf um die Kurve” ausgerufen, also wer im Stadion und unter Fangruppierungen das Sagen hat. Berchem erklärt:

“Das sind Raumgreifungsstrategien der extremen Rechten. Sie wollen Andersdenkende und Widerspruch aus diesen Räumen verdrängen. Dann wollen sie ihre Menschenfeindlichkeit durch ständige Wiederholung und Präsenz der Personen aus dem rechten Milieu normalisieren.”

Das ist erfolgreich.

Berchem bezeichnet den Fußball deshalb als “rechtsextreme Erlebniswelt”, in der mancherorts entsprechende Symbole, Motive auf Kleidung und Tattoos, aber auch menschenfeindliche Gesänge normal sind. Er berichtet von Sieg-Heil-Rufen im Amateurbereich, Teambildern mit Hitlergruß, Trainingskleidung mit NS-Devotionalien, extrem rechten Trikot-Sponsoren.

Dazu passt auch ein Ergebnis der letzten Mitte-Studie. Demnach sind “Fußballvereinsmitglieder vergleichsweise häufiger rassistisch eingestellt als befragte Mitglieder anderer Sportvereine und Befragte ohne Sportvereinsmitgliedschaft” [16]. Sie stimmen viel häufiger Aussagen zu wie “Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt”.

Die Folgen der extrem rechten Einflussnahme

Das hat Folgen.

Einige sind in den Jahresberichten der Medif-NRW dokumentiert. Das hier ist ein Vorfall, der die menschenfeindliche Normalisierung rechter Agitation zeigt. Nach einem Sieg von Türkspor Dortmund gegen ASC 09 Dortmund schrieben Menschen unter einen Online-Beitrag zum Stadtderby: “Braucht kein Mensch”, “Türken Mannschaften verbieten” oder “Danke deutsche Politik nur noch AFD”.

Eine Person postete noch ein Bild ohne Text, auf dem ein Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen ist. Die Meldestelle schreibt zu den Beiträgen voll “offener Herabsetzung, Entwürdigung und Ausgrenzung”:

Hasstiraden, Gewaltrhetorik, Verschwörungserzählungen vom sogenannten ‘Volkstod’ bzw. ‘Bevölkerungsaustausch’, rechte Untergangsnarrative und Remigrationswünsche vermischen sich […] mit eindeutig eliminatorischen Phantasien von Rechtsextremist:innen, die fußballbegeisterte Menschen auf einem Sportgelände am Mendeplatz in Dortmund aus rassistischen Motiven heraus ins Bombenvisier nehmen.“ [17]

Aus diesem Symbol- und Resonanzraum ist längst auch ein Rekrutierungsfeld geworden. Der Hooliganismusforscher Robert Claus spricht von “Schwerpunkten” im Fußball, Dart, Kampf- und Schießsport, in denen Rechtsextreme als “Trainer, Sportler und Ehrenamtliche” auftreten, um Nachwuchs zu gewinnen. [18]

In einem Interview mit dem RBB ergänzt Claus: “Viele Rechtsextreme, gerade Männer, sind in ihrer eigenen Biografie Fußballfans und aktive Fußballer gewesen. Außerdem ist Fußball der bekannteste Sport. Er ist politisch interessant, weil man dort viele Menschen erreicht und rekrutieren kann.”[19]

Das bestätigt auch David Berchem: Der Rechtsextremismus sei für junge Menschen verlockend, weil er einen “Reiz des Verbotenen” habe und weil er ein “Gemeinschaftsgefühl, Loyalität, Anerkennung und ein Wir-Kollektiv” vermittle.

Wir verstehen Fußball als Ort der Identitätsbildung. Jugendliche gehen zum Fußball, üben ihre Identität ein, üben ein, mit was sie übereinstimmen und wovon sie sich abgrenzen.” Schwerwiegend sei laut Berchem, dass in diesem Alter eine “dauerhafte Grundhaltung”, also ein “soziokulturelles Navigationssystem” ausgebildet werde, das die Jugendlichen präge.

Inwiefern - das zeigt eine Untersuchung von Cemas. Darin steht, dass bei vielen neu entstandenen rechtsextremen Jugendgruppen wie “Jung&Stark”, “Deutsche Jugend Voran” und “Der Störtrupp” neben dem jungen Alter auffällig sei, dass sie alle eine Verbindung zum Fußball hätten. Sie adaptieren auf ihren Demos Fangesänge, tragen Fußball-Merch und stellen ihr Fantum öffentlich dar. [20]

Dialog

Rede:

“Unsere Nationalmannschaft ist gar nicht mehr deutsch - das ist doch nur noch eine Söldnertruppe.”

Gegenrede:

“Wenn du sowas sagtst, definierst du Deutschsein ethnisch - nach Abstammung, nicht nach Staatsbürger:innenschaft. Das widerspricht der Verfassung. Wer Rechte an Herkunft knüpft, lehnt Gleichheit und Demokratie ab.”

Aussage:

“Im Fußball geht’s halt hart zu, da muss man auch mal was sagen dürfen.”

Gegenrede:

“So wird Diskriminierung als Emotion getarnt. Rassismus oder Sexismus ist nie okay, es sind immer Grenzverletzungen. Wer das als ‘Teil des Spiels’ abtut, schützt Täter:innen und schwächt Betroffene. Natürlich gehören Emotionen zum Fußball - aber Menschenfeindlichkeit nicht.”

Quellen
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