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Mut-Letter

#15/ Brauchen wir 68 zurück?

Ihr Lieben,

sorry für die lange Pause, aber das Eingewöhnen war wie erwartet -herausfordernd. Sohn Paul ist in die Selbstständigkeit gestartet, Sohn Fritz hat seine Kochlehre begonnen, der Rost hat unseren schönen alten Mercedes erledigt, Bücher in Pipelines, workshops, die warten - also fix was los. Und dazu unser neues Herzensprojekt: Christas Reise. Dazu gleich mehr. Für alle unsere Steady-Unterstützer gibts die Folgen 2 bis 5 exklusiv vorab. Die anderen müssen bis Donnerstags warten. So. Und jetzt zu Christa.

Stell dir vor: Du bist jung und attraktiv, hast einen gut bezahlten Job, ziehst über Partys, flirtest und hast Spaß. Du bist eine Stilikone — man kennt dich in Düsseldorf. Du feierst die Liebe, die Freiheit, das Ungebundensein. Und trotzdem fehlt Dir was. Da ist diese Leere, zugleich Wut und Unruhe, Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit, so als ob du ein Spielball der Umstände bist und ziellos durch dein Leben treibst. Feiern, Jetset, Drogen — nichts hält lange vor. Immer wieder diese Leere.

So erging es Christa Ritter in den Siebzigern. 68 war für sie in dem Moment endgültig vorbei, als der Agenturchef sie bat, für eine Firmenparty Haschisch und Dänen-Pornos zu besorgen. FlowerPower war in der Doppelhaushälfte gestorben.

Da lernte Christa Rainer Langhans kennen, der bekannteste Hippie der Republik, Uschi Obermaier, Kommune 1, weiße Steppjacke. Baader&Co gingen in den Untergrund, Joschka Fischer marschierte durch die Institutionen, Sloterdijk zog es nach Poona, aber Langhans begab sich auf die Reise nach innen. Er hatte in München eine Selbsterfahrungs-Kommune gegründet, von der Presse „Harem" genannt. Und Christa wußte: “Genau das will ich.” Bis heute wohnt sie mit Rainer und zwei Frauen zusammen.

Auf Vermittlung unseres Freundes Rolf Wolkenstein haben wir Christa im Herbst 2025 kennengelernt. Sie ist über 80, lebt von Grundsicherung und blickt auf eine Biografie zurück, die man kaum glauben mag. In unserem Wohnzimmerstudio hat sie uns eine knappe Woche lang ihr wildes, mutiges Leben erzählt — deutsche Geschichte, Popkultur und allerlei Experimente in elf Etappen. Auf ihrer Reise begegnen uns Adolf Hitler, Fritz Teufel und Micky Beisenherz, Tempo, Wiener und alle sieben Todsünden, Dschungelcamp und Grimme-Preis, dazu Wut, Ekstase, Neid und manchmal sowas wie Erleuchtung. Das aktuelle Motto lautet: Sterben lernen. Rainer hat Krebs.

Wir sind sehr dankbar, dass Christa sich uns so offen und geduldig anvertraut hat. Viel Spaß beim Reinhören — es lohnt sich sehr.

Christas Reise - ab jetzt jeden Donnerstag beim MutMachPodcast (Abre numa nova janela).

(Abre numa nova janela)
Hier gehts zur ersten Folge

Herzlichst Eure,

Suse, Paul und Hajo

  1. Ge-tanzt

Mitte der Neunziger saß ein kleiner Mann in seinem Kindersitz auf der Rückbank und lauschte von Hamburg bis Köln geduldig der Musik seiner Eltern. Dreißig Jahre später ist aus dem Kleinen ein Großer geworden, der mit seinen Eltern auf dem Konzert von Kruder & Dorfmeister tanzt. So geschehen am Mittwoch dieser Woche im Huxleys in Berlin. Hatte sich der Vater zum Geburtstag gewünscht. Wer das österreichische Duo Anfang der 90er Jahre liebte, sollte unbedingt live reinhören: Die alten und neuen Arrangements klingen mit Instrumenten noch mal anders als vom Computer und es sind neue Songs dazu gekommen.

Kruder & Dorfmeister am 22. April im Huxley.
  1. Ge-denken

Sie war sieben Jahre alt, als sie fragte: Warum darf meine Mutter nicht rausgehen? Die Antwort, die sie bekam — „so ist es nun mal" — hat Fatema Mernissi (1940 - 2015) nicht akzeptiert. Die marokkanische Soziologin und Feministin wurde zu einer der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts: Sie untersuchte, warum Frauen im Namen von Religion und Moral in ihrer Selbstentfaltung eingeschränkt wurden und werden — und kam zu einem klaren Schluss: Es ging nie um Moral. Es ging immer darum, den Zugang zur Freiheit zu kontrollieren. Ihre Bücher wurden in 26 Sprachen übersetzt und in mehreren Ländern verboten. Wer Fatema Mernissi noch nicht kennt: unbedingt lesen.

  1. Ge-fühlt

Wie frei fühlen sich die Deutschen eigentlich? Seit 1953 befragt das Institut für Demoskopie Allensbach die Bevölkerung regelmäßig, ob man hierzulande seine politische Meinung frei äußern kann. Die Ergebnisse sind ernüchternd: 1990, kurz nach dem Mauerfall, sagten noch 78 Prozent der Befragten, sie könnten reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. 2021 war dieser Wert bereits auf 45 Prozent gesunken. Und 2023 erreichte er mit 40 Prozent den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen — während gleichzeitig 44 Prozent angaben, es sei besser, vorsichtig zu sein.

Was steckt dahinter? Die Psychologie kennt das Phänomen der Schweigespirale: Wer glaubt, mit seiner Meinung in der Minderheit zu sein, schweigt — auch wenn er es gar nicht ist. Dieses Schweigen verstärkt sich selbst und erzeugt ein Klima, in dem immer mehr Menschen das Gefühl haben, aufpassen zu müssen. Hinzu kommen die Erschütterungen der letzten Jahre: Pandemie, Krieg in der Ukraine, Gaza, die wirtschaftliche Unsicherheit. Menschen haben erlebt, dass bestimmte Positionen soziale Konsequenzen und Zuordnungen haben — und haben daraus ihre Schlüsse gezogen.

Die Zahlen sind eine Momentaufnahme des Gefühls, keine Messung der tatsächlichen Rechtslage. Meinungsfreiheit ist in Deutschland verfassungsrechtlich garantiert. Soweit so gut. Trotzdem bleibt eine unbequeme Frage: Was wärst du bereit, für die Freiheit anderer zu tun — nicht nur für deine eigene? Und wo schweigst du gerade, obwohl du weißt, dass Schweigen auch eine Entscheidung ist?

  1. Ge-fragt

Suse fragt in solchen Momenten oft: Was hätte Viktor Frankl dazu gesagt? Frankl war Psychiater, Neurologe und Überlebender des Holocaust — er verlor fast seine gesamte Familie in den Lagern, überlebte Auschwitz und Dachau und schrieb danach eines der meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts: „...trotzdem Ja zum Leben sagen". Seine zentrale Erkenntnis: Man kann einem Menschen alles nehmen — außer der Freiheit, seine Haltung gegenüber dem Schicksal selbst zu wählen. In Zeiten, in denen die Nachrichten täglich schwerer werden, in denen Freiheit beschnitten und Demokratie unter Druck gesetzt wird, klingt das fast provokativ. Aber genau das ist es, was Frankl meinte: Nicht wegsehen, nicht klein werden, nicht schweigen — sondern bewusst entscheiden, wer man in dieser Welt sein will. Die Frage ist nicht, was die Welt uns zumutet. Die Frage ist, was wir daraus machen.

  1. Ge-pflanzt

Paul sagt: Jetzt! Nicht nächste Woche, nicht wenn es wärmer wird — jetzt. Der April ist der Monat, in dem die meisten Gärtner noch zögern und die Pflanzen längst wissen, was zu tun ist. Sein Tipp für diese Jahreszeit: Stauden teilen. Wer im Garten eine üppig gewordene Pflanze hat — Taglilien, Storchschnabel, Gräser — der sollte sie jetzt mit dem Spaten in der Mitte teilen und die Hälften neu einpflanzen. Aus einer werden zwei, aus zwei werden vier. Es tut der Pflanze nicht weh, im Gegenteil: Sie wächst stärker zurück als zuvor. Paul findet, das ist eine der ehrlichsten Lektionen, die ein Garten erteilt — manchmal braucht es den Schnitt, damit etwas richtig aufblühen kann.

Tipps für das Teilen

  • Grabe die Pflanze vorsichtig aus.

  • Teile den Wurzelballen mit einem scharfen Spaten oder Messer in mehrere Stücke, jedes mit Wurzeln und Trieben.

  • Pflanze die Teilstücke sofort wieder ein und gib ihnen ausreichend Wasser.

  1. Fast zum Schluss…

…hat sich Hajo ein paar Gedanken zur Beisetzung gemacht (keine Angst, es gibt keinen aktuellen Anlass).

Butterkuchen!

Neulich kam in einem farbenfrohen Kuvert die Einladung zu einer Trauerfeier. Bitte bunt, befahl die Kleiderordnung. Und auch sonst keine Umstände. Außer dem Flug nach Bali. Dort habe sich der Verstorbene immer sehr wohlgefühlt. Die Urne sei schon da. Ist es Toten nicht ziemlich egal, wo sie bestattet werden? Wir haben von der Reise abgesehen.

Feierlichkeiten an exotischen Orten sind Trend in einem Land, das kurz vor der Verelendung steht. Heiraten auf Malle ist Standard, die Scheidung wird in einer schottischen Destillerie gefeiert. Okay. Aber muß jetzt die gute alte Beerdigung dran glauben? Vielleicht möchte ich gar nicht in Pluderhosen die heitere Playlist des Verstorbenen hören, erst recht nicht „Knockin‘ on Heaven‘s door“. Am Sarg sind Guns N‘ Roses chancenlos gegen Paul Gerhardt.

Hiermit ergeht meine Ein-Mann-Petition, die Traditionsbeerdigung zu erhalten, als immaterielles Weltkulturerbe. Schon wegen des Butterkuchens. Niemand geht ja wegen der vom Pastor runtergeleierten Vita hin. Eher wegen der Angehörigen, die einen Halunken zum treusorgenden Herzchen umflunkern. Wie arm wäre eine Welt, in der Organisten jeden Ton von „Großer Gott, wir loben dich“ fehlerfrei träfen.

Dann der Gang zum Grab im einsetzenden Nieselregen. Die Furchengesichter der Träger erzählen wilde Geschichten. Schaufel, Erde, Beileid. Stiller, fester Händedruck.

Und dann endlich Butterkuchen, angefertigt in einer Landbäckerei, die Gefahrenstoffe wie Zucker, Fett und Mehl gewissenlos einsetzt. Gern auch Schinkenbrote. Das Leben geht weiter. Sorry Bali, aber da können weder Pluderhosen noch Gute-Laune-Mucke mithalten.

 

  1. Termine April / Mai

    Pauls Band Udo Butter und das Team stellen ihr neues Album in Berlin…

(Abre numa nova janela)
Udo Butter und Team im Clash, Berlin-Kreuzberg

…und im Wonnemonat Mai auch in verschiedenen deutschen Städten vor.

Coming Soon:

Der Dia Abend unserer Chile Reise im Café Zart in Berlin-Kreuzberg.

Bleib gesund und wir hören uns!

Eure Paul, Suse & Hajo

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Sehenswert: Balkan Erotic Epic von Marina Abramovic im Gropius Bau Berlin vom 15.04. - 23.08.2026

👉 Hinter der Paywall gibt es diesmal vorab die zweite bis fünfte Folge von Christas Reise. Hajo findet ja, dass sich die 1960er und die 2020er ähneln und die Welt dringend ein neues 68 braucht, wo und wie auch immer.

Ach ja: In ihrem Newsletter Eulenpost teilt Suse Waldwissen, Coaching-Übungen sowie Termine für Waldtage und Workshops. Hier die Eulenpost kostenlos abonnieren. (Abre numa nova janela)

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