Warum die Wissenschaft den Boden verloren hat und wie wir ihn wiederfinden
Liebe Leserinnen und Leser,
heute geht es um einen Begriff, den ich für einen der wichtigsten der gesamten Philosophiegeschichte halte, und der gleichzeitig unmittelbar verständlich ist, sobald man ihn einmal gehört hat: die Lebenswelt.

Was ist die Lebenswelt?
Die Lebenswelt ist das, was wir immer schon leben, bevor wir anfangen, darüber nachzudenken. Die Tasse Kaffee am Morgen, von der wir den Geschmack kennen, bevor wir ihn beschreiben können. Das Gefühl, dass ein Tag »schwer« ist, bevor wir wissen warum. Die Begegnung mit einem Menschen, die etwas in uns auslöst, das kein Begriff erfasst.
Das ist die Lebenswelt: die vorwissenschaftliche, vorbegriffliche Erfahrungsdimension, in der unser Leben faktisch vollzogen wird. Sie ist der Boden, auf dem alle Wissenschaft aufbaut, und den die Wissenschaft gleichzeitig vergessen hat.
»Auch das scheinbar Selbstverständliche ist Ergebnis von Sinnkonstitution.« (Ronald Engert, im Anschluss an Husserl)
Das Ideenkleid der Wissenschaft
Husserl beschreibt mit einem starken Bild, was mit der Lebenswelt geschehen ist: Die moderne Wissenschaft – beginnend mit Galileo – hat der Natur ein »Ideenkleid« übergestülpt. Sie hat ihre mathematischen Modelle, ihre Gleichungen, ihre Abstraktionen so sehr mit der Wirklichkeit selbst verwechselt, dass sie vergessen hat, dass es ein Kleid ist.
Als wäre die Landkarte die Landschaft. Als wären die Noten die Musik.
Das ist keine Kritik an der Wissenschaft als solcher. Ihre Erfolge in der Naturbeherrschung sind unbestreitbar. Es ist eine Kritik an einem philosophischen Fehler: dem Vergessen der eigenen Voraussetzungen.
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Lebenswelt und spirituelle Erkenntnis
Für Menschen, die in der spirituellen Kultur zu Hause sind, ist dieser Begriff unmittelbar anschlussfähig: Die Lebenswelt ist der Ort, an dem die eigentliche Erfahrung stattfindet, jenseits der begrifflichen Abstraktion. Es ist die Dimension, in der die Dinge noch ihre Lebendigkeit haben, bevor die Wissenschaft sie in Variablen verwandelt.
Husserl sagt: Wir können diese Lebenswelt zurückgewinnen. Nicht indem wir die Wissenschaft aufgeben, sondern indem wir ihre Herkunft aus der Lebenswelt wieder sichtbar machen. Das ist die Aufgabe der Phänomenologie und im weiteren Sinne jeder Erkenntnis, die sich ihrer eigenen Voraussetzungen bewusst ist.
Echte Wissenschaft, die philosophisch ihre eigene Struktur und Bedingungen reflektiert, erkennt, dass sie auf der Lebenswelt aufsetzt. Zum Beispiel werden die Teilstriche auf dem Lineal als gegeben vorausgesetzt. Sie liegen den Messungen zugrunde. Aber es sind apodiktische Setzungen1 aus der Lebenswelt, die in die Wissenschaft übernommen werden.
Diese Erkenntnis hat unmittelbare Konsequenzen für unser Verhältnis zur Wirklichkeit, zu anderen Menschen, zur Natur und zu uns selbst.
»Die Welt, die für uns ist, ist die in unserem menschlichen Leben Sinn habende und immer neuen Sinn für uns gewinnende.«
Edmund Husserl (zitiert im Buch)
Wir selbst sind die Urheber unserer Wirklichkeit und es kann philosophisch herausgearbeitet werden, wie das vor sich geht. Das zeige ich in meinem Buch.
Im nächsten Beitrag wende ich mich dem vielleicht persönlichsten Thema zu: Was Husserl mit »sich selbst wahr machen« meint, und was das für jeden von uns bedeutet.
► »Subjektivität und Welt« — zum Buch
https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826097812-subjektivitaet-und-welt/ (Abre numa nova janela)Herzliche Grüße,
Ronald Engert
PS: Hier noch ein Kurzvideo zum Thema:
https://youtube.com/shorts/0qSFXxG-p3A?feature=share (Abre numa nova janela)
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird ›apodiktisch‹ oft verstanden als unbegründete Behauptung. In Husserls Phänomenologie bezeichnet Apodiktizität die höchste Form von Evidenz: eine Einsicht, die nicht weiter begründet werden kann, weil sie sich unmittelbar als notwendig zeigt. Apodiktische Aussagen sind evidente Setzungen ohne logische oder kausale Begründung. Sie sind vielmehr der Ursprung von logischen oder kausalen Gedankenketten und der Urgrund unseres Wissens. Apodikta sind keine Dogmen und keine gottgegebenen Wahrheiten, sondern das Offensichtliche. ↩