Dreiwertige Ontologie in der vedischen Philosophie
Reden wir über eine sehr alte spirituelle Tradition, die zugleich eine Wissenstradition ist: die altindische vedische Tradition, die in den Sanskrit-Schriften niedergelegt ist. In der wichtigsten Schrift dieses Textkonvoluts, der Bhagavad-gita, wird die Wirklichkeit in grobstofflich, feinstofflich und spirituell unterschieden.
Ich hatte das hier bereits in Bezug auf die KI angesprochen:
https://steady.page/de/wissenschaft-und-spiritualitaet/posts/3074fa2d-fe0e-4f92-879e-b4ac47f76b79 (Abre numa nova janela)… und möchte das nun in Hinblick auf die vedischen Quellen weiter ausführen. Die grobstofflichen Elemente sind Erde (bhumi), Wasser (apah), Feuer (analah), Luft (vayuh) und Äther (kham). Die feinstofflichen Elemente sind Geist (manas), Intelligenz (buddhi) und falsches Ego (ahankara). Das spirituelle Element ist die Seele (atman oder jiva-bhuta).

Originalvers aus der Bhagavad-gita (7.4)
bhūmir āpo ’nalo vāyuḥ
khaṁ mano buddhir eva ca
ahaṅkāra itīyaṁ me
bhinnā prakṛtir aṣṭadhā
bhūmiḥ — Erde; āpaḥ — Wasser; analaḥ — Feuer; vāyuḥ — Luft; kham — Äther; manaḥ — Geist; buddhiḥ — Intelligenz; eva — gewiß; ca — und; ahaṅkāraḥ — falsches Ego; iti — auf diese Weise; iyam — all diese; me — Meine; bhinnā — abgesonderten; prakṛtiḥ — Energien; aṣṭadhā — achtfach.
Übersetzung
Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Intelligenz und falsches Ego – all diese acht Elemente bilden zusammen Meine abgesonderten, materiellen Energien.
Anmerkung: Der Sprecher dieser Worte ist Sri Krishna. Gemäß der Bhagavad-gita ist er “bhagavan”, die Höchste Persönlichkeit Gottes. Deshalb spricht er hier von “Meine … Energien”. Krishna erläutert seinem Vertrauten und Freund Arjuna das ewige Wissen.
Originalvers aus der Bhagavad-gita (7.5)
apareyam itas tv anyāṁ
prakṛtiṁ viddhi me parām
jīva-bhūtāṁ mahā-bāho
yayedaṁ dhāryate jagat
aparā — niedere; iyam — diese; itaḥ — neben dieser; tu — aber; anyām — eine andere; prakṛtim — Energie; viddhi — versuche zu verstehen; me — Meine; parām — höhere; jīva-bhūtām — die Lebewesen umfassend; mahā-bāho — o Starkarmiger; yayā — von denen; idam — diese; dhāryate — wird benutzt oder ausgebeutet; jagat — die materielle Welt.
Übersetzung
Neben diesen niederen Energien, o starkarmiger Arjuna, gibt es eine andere Energie, Meine höhere Energie, welche die Lebewesen umfasst, die die Reichtümer der materiellen, niederen Natur ausbeuten.
Anmerkung: Die Lebewesen beuten die Natur aus, oder milder formuliert: Sie nutzen die niederen Energien für ihr Überleben und für ihren persönlichen Genuss.

Die drei Ebenen
Die Bhagavad-gita unterscheidet also in “acht abgesonderte, materielle Energien” und “eine andere, höhere Energie”. Diese höhere Energie wird hier als “jiva-bhuta”, als Lebewesen, bezeichnet.
An anderer Stelle in der Bhagavad-gita wird auch explizit zwischen grobstofflicher und feinstofflicher Ebene unterschieden.
1. Ebene: Die fünf grobstofflichen Elemente
Es ist evident, dass die fünf Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft und Äther den grobstofflichen Bereich der Welt umschreiben. Wir sehen hier neben den klassischen vier Elementen der westlichen Überlieferung noch als fünftes Element (quintaessentia), den Äther, den man auch mit “Raum” umschreiben kann, also den allgemeinen Raum, in dem sich die kosmische Manifestation aufspannt. Die vedische Tradition geht 5000 Jahre zurück und ist somit älter als die westliche Überlieferung, die in Ägypten und Sumer beginnt. Sie ist auch vollständiger. Deshalb findet man hier unter Umständen mehr Wissen, wie z. B. das fünfte Element.
Die fünf Sinne sind den fünf Elementen zugeordnet:
Erde – riechen
Wasser – schmecken
Feuer – sehen
Luft – tasten
Äther – hören
2. Ebene: Die drei feinstofflichen Elemente
Die drei feinstofflichen Elemente umschreiben die “energetische” oder “informatorische” Ebene. Es ist der hochinteressante Gedanke in der vedischen Ontologie, dass es feinstoffliche Ebenen gibt, die zwar nicht mehr im grobstofflichen Sinne messbar oder mit einem Gewicht oder einer Ausdehnung versehen sind, aber dennoch nicht spirituell sind. Sie sind feinstofflich, aber immer noch stofflich. Wir kennen in den esoterischen Traditionen Konzepte wie die Astralebene, Geister, Akasha-Chronik und dergleichen. Dies sind Bezüge zu dieser feinstofflichen Welt, die wir mit unseren grobstofflichen, materiellen Sinnen nicht wahrnehmen können. Gleichwohl gehören diese Wirklichkeitsebenen noch zur materiellen Welt von Raum und Zeit und nicht zur spirituellen Welt.
Das Sankrit-Wort “manas” wird hier mit “Geist” übersetzt. Die etymologische Verwandtschaft zu lateinisch “mens” ist offensichtlich. Es handelt sich bei diesem “Geist” um unser “Mental”, also den mentalen Bereich, den rationalen Verstand, das Rechenzentrum im Gehirn, das sich auf die materielle Dimension bezieht, auf Ursache und Wirkung sowie Zweck und Mittel, also Kausalität und Finalität. Im Veda wird manas auch als Zentrale der Sinneswahrnehmungen beschrieben. Manas ist nicht der Geist im spirituellen Sinne als “Spirit”. Im Deutschen ist hier eine Unschärfe in der Sprache gegeben, da bei uns das Wort Geist beide Ebenen bedeuten kann: das Mentale und das Spirituelle. Im Lateinischen oder im Englischen ist das eindeutiger: mens et spiritus / mind and spirit.
Das Sankrit-Wort “buddhi” wird hier mit Intelligenz übersetzt. Das Wort ist mit dem Wort “Buddha” verwandt. Es bezeichnet eine höhere geistige Weisheit oder ein höheres Unterscheidungsvermögen. Manas umfasst eher dualistische und wertende Strukturen, Verstandestätigkeit und Berechnungen, während buddhi komplexe Unterscheidungen betrifft, die nicht wertend sind oder multidimensionale Überlegungen darstellen.
“Ahankara”, das “falsche Ego”, ist unsere falsche Identität, eine Pseudo-Identifikation, die wir uns zeitweilig zulegen, wenn wir uns mit der Materie identifizieren, insbesondere mit unserem materiellen Körper, einer Rasse, einem Geschlecht oder einer sozialen Stellung.

3. Ebene: Die Seele / das Lebewesen
“Jiva-bhuta”, das Lebewesen, ist beseelt durch den “atman”, die Seele. Unsere wahre Identität, unser wahres Ich, ist unsere spirituelle Seele, die unabhängig von zeitweiligen, relativen Bezeichnungen ist. Laut vedischer Philosophie sind wir ewige, individuelle Seelen, die in einer direkten Verbindung mit Göttin-Gott stehen. Wie oben in Vers 7.5 gesagt: Die Lebewesen sind die “höhere Energie, (…) die die Reichtümer der materiellen, niederen Natur ausbeuten.”
Es handelt sich hierbei um eine von den stofflichen Elementen verschiedene Qualität, die nicht materiell ist und von materiellen Kriterien nicht berührt wird. Diese dritte Ebene betrifft das Lebendige, das von toter Materie verschieden und von einer spirituellen Qualität beseelt ist. Die Seele ist in dieser philosophischen Einordnung unser ewiges, transzendentes Wesen, jenseits von Raum und Zeit.
Die Seele ist unsterblich, wie in der Bhagavad-gita in Vers 2.17 gesagt wird:
avināśi tu tad viddhi
yena sarvam idaṁ tatam
vināśam avyayasyāsya
na kaścit kartum arhati
avināśi — unvergänglich; tu — aber; tat — dies; viddhi — wisse es; yena — von dem; sarvam — der gesamte Körper; idam — dieser; tatam — durchdrungen; vināśam — Zerstörung; avyayasya — des Unvergänglichen; asya — von ihr; na kaścit — niemand; kartum — zu tun; arhati — ist imstande.
Übersetzung
Wisse, das, was den gesamten Körper durchdringt, ist unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Seele zu zerstören.
Weitere Verse beschreiben die Seele:
2.20: Für die Seele gibt es zu keiner Zeit Geburt oder Tod. Sie ist nicht entstanden, sie entsteht nicht, und sie wird nie entstehen. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.
2.23: Die Seele kann weder von Waffen zerschnitten noch von Feuer verbrannt, noch von Wasser benetzt, noch vom Wind verdorrt werden.
2.24: Die individuelle Seele ist unzerbrechlich und unauflöslich und kann weder verbrannt noch ausgetrocknet werden. Sie ist immerwährend, überall gegenwärtig, unwandelbar, unbeweglich und ewig dieselbe.
2.25: Es heißt, daß die Seele unsichtbar, unbegreiflich und unwandelbar ist. Da du dies weißt, solltest du nicht um den Körper trauern.

Resümee
Das sind zunächst ontologische Behauptungen, die weder widerlegt noch bewiesen werden können. Wendet man diesen Quellcode aber an, ergeben die Phänomene in unserer Welt sehr viel Sinn.
So wird auch verständlich, wie die “Künstliche Intelligenz” in der Lage ist, zu denken. Sie arbeitet im Bereich der feinstofflichen Elemente, vorwiegend in manas. Unsere Denktätigkeit ist also eine materielle Struktur, die mit unserer spirituellen Identität nichts zu tun hat. Diese Bereiche wurden von uns Menschen bisher unseren spezifisch menschlichen Fähigkeiten zugerechnet. Es zeigt sich aber, dass dies nicht stimmt, was für viele Zeitgenossen eine Kränkung ist: Wenn die Maschinen das können, sind wir dann auch nur Maschinen? Sind wir am Ende gar ersetzbar?
Wenn wir wissen wollen, wie sich der Mensch von der Maschine unterscheidet, so ist die Antwort: durch seine Seele, seine spirituelle Qualität. Das ist und wird immer das sein, was die KI nicht verwirklichen kann. Sie kann niemals ein vollständiges Subjekt, ein Ich-Bewusstsein in dem Sinne wie der Mensch entwickeln. Deshalb braucht die KI immer den Anstoß durch den Menschen, so komplex die daraus folgenden Handlungsschritte auch sein mögen. Wer denkt, die KI könne komplett selbstständig agieren, begeht einen Kategorienfehler. Durch solche Denkweisen wird nur der wahre Agent verschleiert: der Mensch, der die Maschine programmiert und anstößt.
Der Begriff “Intelligenz” ist irreführend. Der ursprüngliche englische Begriff “artifical intelligence” geht auf das englische Wort “intelligence” zurück, wie es in CIA vorkommt: “central intelligence agency”. Es geht hier nicht um Intelligenz im philosophischen Sinne, sondern um geheimdienstliche Aufklärung, Information oder Datenerhebung.
Für ein philosophisches und anthropologisches Verständnis von Intelligenz und Seele empfehle ich dringend, sich mit der Bhagavad-gita genauer zu beschäftigen. Die vedische Philosophie stellt viele westliche Konzepte in einen größeren Zusammenhang und zeigt, wo die Begrenzungen des westlichen Weltbildes liegen. Mithilfe dieses Wissens ist ein anderes Verständnis der Realität möglich.
Folgende Übersetzung der Bhagavad-gita eines indischen spirituellen Praktikers verbindet tiefes Verständnis mit einfacher Sprache. Hier liegt der Schwerpunkt auf der inhaltlichen Aussage und nicht, wie bei vielen anderen Ausgaben, auf poetischen Formulierungen, die gut klingen, aber von begrenztem philosophischem Aussagewert sind:

Prabhupada, Bhaktivedanta Swami (1987): Bhagavad-gita. Wie Sie Ist, Bhaktivedanta Book Trust, o. Ort