Deutschland-Seminar ~ SMS ~ 1644 ~ Koffein ~ Zölle

Im Dezember fand in Beijing (Peking) in China das Seminar "2025 Year-End Seminar on the Situation in Germany" statt, welches von der Chinese Academy of Social Sciences (CASS) und der Chinese Association for European Studies organisiert wurde. Dazu kamen Wissenschaftler zusammen, die sich in irgendeiner Weise mit Deutschland als Forschungsgegenstand beschäftigen. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf alle Punkte der zahlreichen Veranstaltungen eingehen, sondern nur drei bemerkenswerte Äußerungen herausgreifen, die unter anderem zeigen, dass chinesische Wissenschaftler oft einen genaueren Blick auf die aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage in Deutschland haben, als es bei vielen Wissenschaftler in Deutschland selbst der Fall ist. Jiang Feng (Professor an der Shanghai International Studies University) führte aus, dass die deutsche Gesellschaft von Angst umgeben ist: Angst vor einem US-Rückzug, Angst vor russischen Bedrohungen und Angst vor Konkurrenz durch China. Ding Chun (Professor an der Fudan-Universität) wies darauf hin, dass trotz der Entkopplungsdiskussionen, die deutschen Unternehmen ihre lokalen F&E-Investitionen in China, insbesondere im Automobil- und Chemiesektor, erhöhen. Wu Jiang (Professor an der Beijing Foreign Studies University) charakterisiert die deutsche Regierung sehr treffend mit den Worten "hohe Ambitionen, ungeordnete Umsetzung und schwache Durchsetzung". Im Allgemeinen spürt man einerseits den großen Willen seitens China mit Deutschland tiefere Beziehungen einzugehen und die Kontakte zu intensivieren, aber meine Wahrnehmung aus den Ausführungen ist auch ein größeres Selbstbewusstsein, weshalb man auch den Willen von deutscher Seite dafür voraussetzt. Ist dieser Wille nicht vorhanden und macht vielmehr einer ideologischen Feindschaft Platz, dann verzichtet man lieber auf Zusammenarbeit und Kontakte. Auf einen arroganten Lehrmeister, der dazu noch schwächelt, kann China wirklich verzichten (siehe dazu auch LöwenPost 28 (Abre numa nova janela)).
Auf meine chinesische Telefonnummer bekomme ich circa alle drei Tage eine behördliche SMS. Meine Telefonnummer ist in Cangzhou in China registriert, dort, wo sich auch unsere Wohnung befindet. In den SMS erinnert mich die Stadtverwaltung von Cangzhou, dass ich ein Hund registrieren muss, dass ich die Straßen und Plätze sauber halten soll, warnt mich vor Online-Betrügereien, gibt mir Informationen zur Luftverschmutzung in der Stadt und dass ich meine Kinder bei der Hitze nicht unbeaufsichtigt an Badeseen schwimmen lassen soll. Doch vor ein paar Tagen erhielt ich eine ganz besondere SMS. Hier wurden alle Parteimitglieder und Kader auf die strikte Einhaltung der Acht-Punkte-Regeln hingewiesen, welche unter anderem Sparsamkeit bei offiziellen Veranstaltungen und ein striktes Korruptionsverbot enthält. Ich habe die acht Bestimmungen der KPCh in folgender LöwenPost erläutert: LöwenPost 11 (Abre numa nova janela). Aber mit dem Hinweis darauf gibt sich Cangzhou nicht zufrieden, denn in der SMS wird die Öffentlichkeit eingeladen, aktiv gegen Korruption vorzugehen. Dazu wird explizit eine Hotline-Nummer und ein WeChat-Konto angegeben, wo man Hinweise zu Korruption geben und melden kann. Es werden zwar fast wöchentlich große Korruptionsermittlungsfälle bekannt, erst kürzlich traf es einige Manager der Guangzhou Automobile Group (GAC), aber diese SMS zeigt, dass die Korruptionsbekämpfung weit in die chinesische Gesellschaft vorgedrungen ist und es der Regierung ernst damit meint. Auch wenn mich diese vielen SMS eher nerven, so hat mich diese eine SMS doch sehr erfreut.
Kommen wir zu einem unangenehmen Thema. Eigentlich wollte ich mich zu dieser Diskussion gar nicht erst äußern, weil sie schlicht zu primitiv ist. Da aber das Thema in China in den sozialen Netzwerken hochgekocht ist, gehört ein Kommentar in meiner Sino-Kolumne nun doch dazu. Es geht um die sogenannte "1644"-Polemik von nationalistischen Han-Chinesen. Dabei dürften diese Menschen nicht "nationalistisch", sondern eher "rassistisch", genannt werden. Rassistische Gefühle sind tief im Menschen verankerte, da es in der Evolution ein entscheidender Vorteil in der Menschheitsgeschichte zur Herausbildung und Festigung von Gemeinschaften war. In jeder zivilisatorischen Kultur auf diesem Planeten ist deshalb der Kampf gegen Rassismus eine immer wieder aufkommende Herausforderung. In China steht die Jahreszahl 1644 dabei für das Jahr, in welchem im April dieses Jahres der Bauernrebellenführer Li Zicheng mit seinem Kämpfern in Beijing einfiel und sich der letzte Ming-Kaiser Chongzhen daraufhin im Park hinter seinem Palast erhängt hat. Damit endete die von Kaiser Hongwu begründete, über 270 Jahre andauernde Herrschaft der Ming-Dynastie. Durch diese Wirren eroberten Mandschu-Adlige China und gründeten die Herrschaft der Qing-Dynastie, die dann über 260 Jahre lang die Macht in China inne hatte. Da diese Herrscher keine Han-Chinesen waren, und sogar gegen diese dominierende Ethnie gewaltsam vorgingen, wollen einige Han-Chinesen diese Herrschaft heute nicht anerkennen. Doch China ist ein Vielvölkerstaat und so können sich Regierende auch aus verschiedenen Ethnien bilden. Maßstab sollte nicht die Ethnie, sondern die Fähigkeit einer guten Regierung sein. Kaiser Chongzhen hatte zwar schon ein kriselndes Reich übernommen und konnte somit wahrscheinlich nicht mehr viel retten, aber sein Vorgänger Tianqi war nicht nur ungebildet, sondern hatte keinerlei Interesse für Politik oder das Elend der Menschen. Wirtschaftliche Probleme, Krankheiten und Hunger waren für China in der damaligen Zeit kennzeichnend, was auch die anhaltenden Aufstände erklärte. Es waren die letzten Ming-Herrscher, die diesen Zustand durch schlechte Regierungsarbeit herbeiführten. Unter den mandschurischen Qing-Herrschern sorgte vor allem Kaiser Kangxi (mit 61 Regierungsjahren die längste Zeit eines einzelnen Regenten der chinesischen Geschichte), Kaiser Yongzheng und Kaiser Qianlong für eine Epoche des Wohlstands und der Stabilität. Mit Tugenden und Sparsamkeit wurden die Staatsfinanzen saniert und die Wissenschaft gefördert. Es war eine Blütezeit in der chinesischen Geschichte. Kaiser Qianlong beauftragte die Zusammenstellung des Siku Quanshu (四库全书), die größte Büchersammlung der chinesischen Geschichte. Ich selbst durfte den Ort der früheren Aufbewahrung dieser Schriften in Hangzhou besuchen (siehe auch meinen Beitrag im Reiseblog: Eine ganz besondere Bibliothek (Abre numa nova janela)). Und an diesen Erfolgen einer Regierung soll man Regenten messen, nicht an ethnischen Zugehörigkeiten. Die Begründung der "1644"-Diskussionen als soziale Unmutsäußerung oder die Kritik an Zusatzpunkten für Minderheiten in China zur Zulassung an Universitäten durch einige Kommentatoren ist dagegen fehl am Platze. Die Regierung hat auch schnell mit einem Statement reagiert und die Vielvölkergemeinschaft in China völlig richtig als eine geeinte Nation betont. Die Minderheitenförderung ist keine Diskriminierung gegen Han-Chinesen, sondern eher ein Ausgleich zu den schwierigeren Startbedingungen von Minderheiten in China. Ich empfehle allen (Han-)Chinesen das Nationalgefühl in Singapore zu studieren und die dortige hervorragend funktionierende Vielvölkergemeinschaft aus Chinesen, Tamilen, Eurasiern und Malayen, die alle zur Nation dazugehören, zu betrachten. Denn in Singapore hat man nach der Unabhängigkeit und den Rassenunruhen in den 1960er Jahren eine konsequente Null-Toleranz-Politik gegen religiöse und ethnische Spaltungstendenzen durchgesetzt. Auch hat man Tamilen und Malayen durch zusätzliche Bildungsinstitutionen besonders gefördert (übrigens eine Herzensangelegenheit von Lee Kuan Yew, wie das Mendaki-Konzil von 1982 beweist), weil sie oft schlechter als ihre chinesischen Mitschüler abschnitten. Auch diese Förderung ist in der Bevölkerung allgemein akzeptiert. Bis heute geht man konsequent gegen rassistische Vorfälle vor, was ein Vorkommnis vor knapp fünf Jahren belegt, wo ein Dozent der Ngee Ann Polytechnic ein ethnisch gemischtes Paar auf der Orchard Road in Singapore rassistisch beschimpfte. Neben einer Verurteilung zu einer Geldstrafe in Höhe von 4.000 SIN-Dollar wurde er von der Hochschule gekündigt. Zusätzlich zu diesen harten Gesetzen, die wohl auch in China angebracht wären, ist ein intelligenter Diskurs zu den jeweiligen Leistungen der herrschenden Kaiser in China angebracht. Dort wird man erkennen, dass gute und schlechte Herrscher in allen Dynastien vorgekommenen sind, egal welchen ethnischen Hintergrund die Regenten hatten.
Ein anderer Hype in den sozialen Netzwerken in China zeigt ebenfalls, wie Einfältigkeit und schlichtes Unwissen nicht nur zu einer Hysterie führen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden verursachen kann. Der immer um Aufmerksamkeit buhlende Blogger Ma Dugong hat die Teekette Chagee (Ba Wang Cha Ji) ins Visier genommen und das Koffein in den Teegetränken als Droge gebrandmarkt. Rasant breitete sich diese undifferenzierte Aussage in den chinesischen Social Media Kanälen aus und der Aktienkurs der Teekette stürzte in New York ab. Plötzlich erinnerten sich Kunden der Läden an Schlaflosigkeit und Herzklopfen und schütteten weiterhin völlig irrational Öl in das virale Feuer. Da nutzte auch nicht, dass das Unternehmen den normalen Koffeingehalt seiner Getränke betonte, welcher sich nicht von normalen gebrühten Tee- und Kaffeegetränken unterscheidet. Auch die chinesischen Behörden in Gestalt der Shanghai Narcotics Control Commission mischten sich ein und hob die Dosierung als wichtigen Fakt bei Koffein hervor. Staatliche Medien bezeichnen die Diskussion als absurd und erklärte die Gefahren solcher Hysterien für die gesamte Teeindustrie in China. Vor zwei Jahren hat Ma Dugong den Charakter "苔" (deutsch: Moos) gewählt. Die obere Hälfte des chinesischen Zeichens 苔 steht für "Gras", während die untere Hälfte für "Stufe / Bühne" steht. Zusammen ist der Ausdruck "Gras-Bühne" die chinesische Metapher für "Clowns". Das sollte laut dem Blogger ein populäres Konzept im chinesischen Internet widerspiegeln, nämlich dass wir alle Clowns in unterschiedlicher Maske sind. Welche Clownmaske Ma Dugong jetzt beim Schreiben seines Koffein-Artikels getragen hat, konnte ich allerdings nicht in Erfahrung bringen.
Eine Meldung ist im ganzen weihnachtlichen Weltgeschehen irgendwie untergegangen. Die USA planen, ab Juni 2027 die Zölle auf chinesische Halbleiter zu erhöhen. Das Büro des US-Handelsbeauftragten gab kurz vor Weihnachten bekannt, dass die Abgaben am 23. Juni 2027 in Kraft treten. Die spezifischen Steuersätze sollen spätestens einen Monat vor Einführung veröffentlicht werden. Die derzeitige Ruhe im Handelskrieg zwischen den USA und China ist also nur oberflächlich. Dagegen bereiten die USA weiterhin kriegerische Wirtschaftsmaßnahmen vor, obwohl die Wunden der letzten Zollmaßnahmen noch nicht verheilt sind. Die amerikanische Elite möchte einfach ihre Niederlage und Aussichtslosigkeit in diesem Krieg nicht eingestehen, weshalb man weiter auf die erfolglosen alten Rezepte greift. Der gesellschaftliche Verfall der USA soll mit solchen irrationalen Maßnahmen plakativ übertüncht werden, anstatt Werte- und Strukturreformen durchzuführen und die gierige Börsenelite in ihre Schranken zu weisen. Dazu dient wohl auch der völkerrechtswidriger Überfall auf Venezuela, um vom eigenen Versagen in der Innenpolitik abzulenken. Mit solchen willkürlichen US-Kriegshandlungen in Lateinamerika steigt bei mir nur weiterhin die Verachtung des westlichen demokratischen Systems, was sich doch angeblich immer auf sogenannte Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit beruft. Die neuen Zölle ab 2027 jedenfalls wird den technologischen Aufstieg Chinas nur noch beschleunigen, da das Land auf diesem Gebiet nun noch mehr Anstrengungen unternehmen wird. Der protektionistische Westen dagegen wird weiter verkrampft um die alte technologische Hegemonie ringen und dabei die Lösung der vielfältigen innenpolitischen Probleme aus dem Auge verlieren.