Warum Melanie Gernert nicht nur Medaillen-Queen, sondern auch Sympathieträgerin der German Beach Tour ist. Vom Karate Tiger bis zum Oma-Tattoo.

Wenn man Melanie Gernert beim Beachvolleyball spielen zusieht, ist es schwer, sie nicht zu mögen. Zum ersten Mal ist mir das aufgefallen, als ich ihr 2010 bei einem A+Turnier in Zechlinerhütte im Norden Brandenburgs begegnet bin. Meine Partnerin stupste mich an: „Ey, das ist Melli Gernert“, sagte sie, und zählte irgendwelche Turniere und Ergebnisse auf, aber ich habe nicht richtig zugehört. Ich war damit beschäftigt zu beobachten, wie die junge Frau mit dem Cap im backwards look und den knielangen Boardshorts es schaffte, während des Spiels zu allen Personen auf dem Feld eine Verbindung aufzubauen: Ihrer Partnerin wandte sie sich immer wieder mit freundlichen Worten, Gesten und aufmunternden Blicken zu, den Gegnerinnen warf sie hier und da eine spielerische Neckerei übers Netz und auch zu den Schiedsrichterinnen unterhielt sie eine wertschätzende Kommunikation.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mütze auf, Maschine an
In den vergangenen 15 Jahren hat sich nach meinem Dafürhalten nicht viel an dieser Wahrnehmung verändert, außer dass die Boardshorts der Inaska-Leggings (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gewichen und noch so einige Turniere, Preise und gute Ergebnisse hinzugekommen sind. Noch immer ist es schwer wegzuschauen, wenn Melanie Gernert spielt, und zwar nicht, weil drei Viertel ihrer Pobacke aus einem knappen Bikinihöschen heraushopsen würden, sondern weil jede ihrer Bewegungen so eine Mischung aus Leichtigkeit und Entschlossenheit vermittelt. Andere flechten sich Zöpfe, sie setzt ihr Cap verkehrt herum auf. Damit startet sie den Motor „wie Lincoln Hawk im Film „Over the Top“, verrät sie grinsend.
https://youtu.be/_ehpxU2850Y (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Melanie Gernert ist ein Fan Favorite, und zwar nicht erst seit sie in diesem Jahr den Award als beliebteste Spielerin der German Beach Tour (GBT) gewonnen hat.
Der Melanie-Gernert-Effekt
Ich kann den Melanie-Gernert-Effekt am besten an meinem Freund David beschreiben, der von vielen Leuten im Beachvolleyball den Eindruck hat, dass sie sich ein bisschen zu sehr fühlen. Seine Sympathie hat Melli gewonnen, als sie nach einem Comeback-Sieg auf die Frage, wie sie das Spiel noch gedreht haben, antwortete: „Wie Jason, kein Rückzug, kein Aufgeben.“ Während ich nur Bahnhof verstand, blieb David grinsend vor dem Fernseher stehen, an dem er eigentlich nur vorbeilaufen wollte, ballte die Fäuste und sagte in Mellis Richtung: “No retreat, no surrender!” Danach fragte er immer mal wieder, wann diese Melanie Gernert spielt.
https://www.youtube.com/shorts/9u_Q9hR-vWY (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)In Timmendorf wollte ein Mädchen eine Melanie-Gernert-Umarmung haben, weil sie so begeistert davon war, wie Melli den Kopf ihrer Partnerin Nele Barber dabei festhält. Und kürzlich sprach jemand sie darauf an, dass er es toll finde, wie viel sie durch ihr Auftreten für die LGBTQ+ Community tue. Melli freut sich darüber, sagt aber auch: „Ich mache das gar nicht aktiv. Ich bin einfach, wie ich bin.“
Melanie Gernert ist ein Kind der 90er aus Weißwasser in Sachsen, das zu Till I Collapse von Eminem (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ins Stadion einläuft, Underdog-Geschichten mag und sich abgewöhnt hat, ihre Berlin-Brandenburgische Schnauze zu verstecken. Mit ihrer Authentizität holt sie die unterschiedlichsten Menschen ab.
Dabei hatte sie zu Beginn ihrer Karriere eher Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden. „Ich bin halt nicht das Mädel, das man vorne auf eine Motorhaube legen kann“, sagt Melli mit einem Zwinkern. Alle Sponsoren, die sie heute hat, konnte sie über ihre Persönlichkeit gewinnen – genau wie ihre Fans.
Heimspiele in Timmendorf
Bei der letzten Deutschen Meisterschaft am Timmendorfer Strand hatten Melli Gernert und Nele Barber den Großteil der Fans hinter sich, sei es im Achtelfinale auf dem legendären Court zwei gegen Melanie Paul und Lea Kunst, aber auch im Halbfinale auf dem Center Court gegen Cinja Tillmann und Svenja Müller. „Das fühlte sich sehr nach Heimspielen an“, sagt Melli, räumt aber direkt ein: „Uns sehen die Fans der deutschen Tour ja auch häufiger als die Nationalteams. Da haben die Jungs von der GBT einen großen Anteil dran, weil sie uns sichtbar machen.“
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Deutsche Meisterschaft in Timmendorf beendeten Barber/Gernert nach drei Siegen und zwei Niederlagen mit einer Bronzemedaille. Auf dem Papier waren es sogar vier Siege, aber das Spiel um Platz drei fand nicht statt, weil Gegnerin Melanie Paul sich im Halbfinale verletzt hatte.
Das erinnerte Melli an ihre erste Goldmedaille auf der Tour, 2007 in München. Im Finale gegen das deutsche Nationalteam Katrin Holtwick und Ilka Niklaus (damals Semmler), musste Ilka wegen eines Mittelfußbruchs beim Stand von 11:10 im ersten Satz aufgeben. „Es ist schon etwas anderes, wenn du den letzten Punkt am Ende selber machst, als wenn das Gefühl zurückbleibt, du hast es dir nicht richtig erarbeitet“, sagt Melli.
Es ist ein bisschen lustig, der Medaillen-Queen der deutschen Tour zuzuhören, wie sie ausgerechnet zwei Beispiele findet, in denen sie sich ihren Erfolg nicht selbst erarbeitet hat. Dabei hat sie im Laufe der Jahre genug Medaillen gesammelt, um sich und anderen zu zeigen, dass ihr Titel als erfolgreichste deutsche Spielerin weder Zufall noch das Ergebnis fremden Unglücks ist.
Mit Excelliste durchs Medaillen-Chaos
Wer wissen möchte, wie viele Medaillen Melanie Gernert in den vergangenen Jahren auf der höchsten deutschen Beachvolleyball-Tour eingesammelt hat, kann sich auf eine vertikal scrollende Odyssee durch ihr DVV-Profil freuen.
265 Einträge sind unter ihrem Namen zu finden. „Ich bin so durcheinander gekommen, dass ich mir die Daten schließlich in eine Excelliste kopiert habe“, sagt Melli, die insgesamt 15 Gold-, 20 Silber- und 25 Bronzemedaillen gezählt hat, die letzte aus Timmendorf mitgezählt.
Der dritte Platz ist nach dem Finaleinzug mit Tatjana Zautys im Jahr 2017 und der Silbermedaille ihr bestes Ergebnis bei einer Deutschen Meisterschaft. Auf die Frage, an welcher Position die Saison 2025 in ihrer langen Beach-Vita steht, sagt Melli: „Die beste Saison war schon die 2017, auch weil Tati und ich da in Timmendorf mit Jule Großner und Nadja Glenzke die amtierenden Europameisterinnen und mit Laura Ludwig und Kira Walkenhorst die amtierenden Weltmeisterinnen besiegt haben. Die aktuelle Saison mit Nele würde ich aber schon auf Platz zwei setzen.“
Saisonstart in Trauer
Dabei begann das Jahr alles andere als schön. Ende März verstarb mit Romy Crüger eine Freundin von Melli, mit der sie im Alter von 16 bis 19 Jahren in Cottbus und später auch nochmal beim RPB in Berlin Hallenvolleyball spielte. „Das hat mich ganz schön gekriegt“, sagt sie. Sechs Wochen später, Anfang Mai, besuchte sie ihre Großmutter in Weißwasser – wohlwissend, dass sie sich das letzte Mal in die Augen blicken würden.
Einen Tag, nachdem sie zum ersten Stopp der German Beach Tour in Richtung Düsseldorf abreisen musste, verstarb ihre Oma. Melli war nicht dabei. „Das Turnier lief dementsprechend schlecht“, sagt sie. Barber/Gernert erspielten einen fünften Platz, eigentlich kein schlechtes Ergebnis – allerdings war es rückblickend gesehen zusammen mit München 1 tatsächlich das einzige Mal in der Saison, dass Barber/Gernert es nicht ins Halbfinale der Deutschen Tour schafften. Bei acht Tourstopps stehen zwei Siege, ein zweiter Platz und vier Bronzemedaillen.

Das muss doch Training sein
In Timmendorf hat auch nicht viel gefehlt, um wie in 2017 noch ein Treppchen höher zu steigen. Sowohl Anna-Lena Grüne und Sandra Ittlinger als auch die Deutschen Meisterinnen Cinja Tillmann und Svenja Müller konnten Barber/Gernert erst im Tie-Break stoppen. „Ich weiß nicht, wie vielen Leuten bewusst ist, wie krass diese Performance ist“, sagte Anna-Lena Grüne in ihrem Podcast Smash or Pass. „Die haben perfekt bewiesen, dass der Award „Team of the Year“ genau der richtige Titel für sie ist“, sagte Sandra Ittlinger. Danach entspann sich zwischen Anna und Sandra eine unterhaltsame Diskussion darüber, wie viel Barber/Gernert wohl trainieren. „Wenig Fehler und die richtigen Zonen treffen, das ist entweder Glück oder – wenn du das so konstant machst – dann ist das eigentlich Training“, befand Sandra Ittlinger. Melli lacht, als sie das hört. „Mensch, Talent ist das“, sagt sie.
Smash or Pass vom 16. September 2025, ab Min 43
Melli klärt auf: Tatsächlich haben sie und Nele während der Saison nicht mehr als zwei Mal pro Woche am Ball trainiert, schließlich haben sie noch andere Dinge zu tun. Nele steckte vor Saisonbeginn noch in einer Ausbildung zur Feuerwehrfrau, Melli hat eine 30-Stunden-Stelle als Ad Operations Manager. Manchmal streamt sie auch unter dem Namen melli_beachvolley auf twitch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dort sind ein paar unterhaltsame Videos zu finden, zum Beispiel: “Wir basteln uns den perfekten Ball (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Vom Eishockey zum Beachvolleyball
Wenn man Melli fragt, wieviel Beachvolleyball in ihrem Wesen steckt, sagt sie: “Etwa 80 Prozent.” Und wenn man eine Weile verfolgt hat, wie sie spielt und wie sie mit unterschiedlichen Partnerinnen in den vergangenen Jahren immer wieder Nationalteams besiegt hat, stellt man sich Frage, warum ist sie eigentlich keine Profi-Spielerin geworden ist.
Tatsächlich war sie auf dem Weg dorthin. Nachdem sie vom Eishockey erst zum Volleyball wechselte und dann durch die TSG Kraftwerk Boxberg Weißwasser im Freibad am Jahnteich das Beachvolleyball spielen für sich entdeckt hat, schaffte sie als 18-Jährige bei ihrer ersten Teilnahme am Nokia Beach Cup direkt den Einzug ins Hauptfeld. Zwei Jahre später, 2007, spielte sie ihre erste Deutsche Meisterschaft am Timmendorfer Strand und wurde für die U21 Weltmeisterschaft in Italien sowie im Jahr darauf für die U23-WM in Portugal nominiert.

Kaderathletin oder Berufssoldatin?
2009 war Melli Teil der Spitzensport-Förderung der Bundeswehr. Mit dieser Fördermaßnahme ist eine Testphase verbunden, in der Athletinnen die Entscheidung treffen können, ob sie sich an die Bedingungen der Bundeswehr binden wollen. Melli absolvierte das Verfahren und entschied sich dafür. Alles schien klar, bis eine andere Kaderathletin anrief und fragte, ob sie gemeinsam zur Leistungsdiagnostik-Test beim DVV fahren wollen. „Welcher Test?“, fragte Melli. „Oh, stimmt, du stehst gar nicht im Verteiler“, sagte die Freundin. Ein Anruf beim damaligen Kaderverantwortlichen brachte Klarheit. „Ja, du bist raus“, sagte er.
Ob es daran lag, dass sie lieber am Stützpunkt in Berlin statt am Stuttgarter Stützpunkt trainieren wollte oder ob es einen anderen Grund gab, warum sie nicht mehr für den Kader in Betracht gezogen wurde, aber trotzdem das Verfahren bei der Bundeswehr durchlaufen hatte, weiß sie bis heute nicht. „Ich war 22 Jahre jung und damals wurde über eine solche Entscheidung auch nicht diskutiert“, sagt sie. Außerdem hatte Melli andere Probleme. Sie musste sich erst einmal eine Kaserne suchen. Bei der Bundeswehr zu unterschreiben und keinen Kaderstatus im Spitzensport zu haben, bedeutet nämlich in der Regel 40 Stunden pro Woche als Berufssoldatin zu arbeiten.
Fan Favorit, Best Defender und Heimscheißerin
2011 und 2012 versuchte Melli auf eigene Faust, internationale Turniere zu spielen. „Das war spannend, eine ganz andere Welt, aber auch ein ganz anderer Druck, wenn du extra irgendwo hinfliegst und in der Country Quota gegen ein deutsches Team spielst, bevor es in der Quali im Do-or-Die-Modus weitergeht. So eine internationale Saison ist auch teuer, ich kam auf etwa 20.000 Euro und ich bin da voll mit meinem Privatkapital reingegangen, weil ich damals noch kaum Sponsoren hatte. Es hat sich finanziell nicht rentiert, und dann habe ich den Sinn darin nicht gesehen, so viel herumzufliegen, wenn ich zu Hause auch Turniere spielen kann, die mir Spaß machen. Ich bin eben auch eine Heimscheißerin“, sagt sie.
Da passt es natürlich gut, dass Melli Gernert in Nele Barber nach langer Zeit mal wieder eine Partnerin gefunden hat, die auch in Berlin lebt. Nach der erfolgreichen Saison steht bereits fest, dass es im kommenden Jahr weitergeht mit der GBT, der Gernert-Barber-Tour. Dabei war Nele sich gar nicht so sicher. „Vor Timmendorf hat sie mich vorsichtig gefragt, wie das eigentlich aussieht und dass ich ja meinte, dass ich irgendwann aufhören will“, sagt Melli.
Mit den Awards als “Best Defender, “Fan Favorit” und “Team of the Year” war aber auch Melli klar: „Ich bin doch noch nicht zu alt für den Scheiß.”
Der Spaß bleibt
Für die kommende Saison hat sie sich bereits ein paar lustige Gimmicks überlegt, um noch mehr Barber-Gernert-Vibes zu den Fans zu transportieren. Ab und zu trainieren die zwei mit Mikrofon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Melli plant, auch das eine oder andere Turnier so zu spielen.
Ihre Offenheit für Neues hält Melli bei Laune, auch, wenn sie mal wieder lieb gewonnene Menschen und lange Wegbegleiterinnen verabschieden muss, sich vieles verändert und sie jetzt die älteste Spielerin auf der Tour ist. “Das liegt vor allem daran, dass ich den Spaß nie verloren habe”, sagt sie. „Ich habe den Spaß noch, vielleicht auch deshalb, weil ich es nie so richtig professionell gemacht habe. Ich konnte immer frei entscheiden, was ich spiele und mit wem und musste keine Angst haben, von meiner Partnerin getrennt oder aussortiert zu werden.”
Und dann sagte Melli noch ein paar besonders weise Worte, die ich schnell für euch mitgeschrieben habe:
“Wir haben alle mal aus Spaß angefangen, weil wir Bock auf den Sport hatten, und dann wurden wir irgendwann gut und haben angefangen, etwas beweisen zu wollen. Dabei ist das Quatsch. Das Wichtigste ist, dass du den Spaß nicht verlierst.”
MELANIE GERNERT