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Timmy Days

Wal und Wandel/Kopetzky Harzreise/Perowanowitsch Cycling Cities/Paris Murder Mystery/Rezepte

Der amerikanische Historiker Robert Darnton wurde mit seinem Buch Das große Katzenmassakker bekannt. Darin geht es um einen Fall von Tierquälerei im vorrevolutionären Paris und um die Funktion von Katzen als kulturellem Code. Menschen, schreibt Darnton dort, würden nicht immer in Begriffen denken, sondern ebenso in Bildern, Geschichten und Symbolen, die auch Tiere sein können. Katzen als ein eigenes Medium, eine eigene Sprache: „Cats are good to think“ 

Seit dem 3. März denkt das ganze Land in Buckelwalen. Es ist kein neues Phänomen: Schon in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts waren gestrandete Wale beliebte Sehenswürdigkeiten, die ihren Zeitgenossen zugleich mit  letzten Fragen konfrontierten: Bringen die Tiere eine himmlische Botschaft? Und wenn ja, welche? Einstweilen wurde das Fleisch verzehrt, wurden Fett und Knochen verarbeitet, auch dabei kann man ja nachdenken und wäre doch schade drum.  Im Goldenen Zeitalter der Holländer wurden die Antworten im Bereich der Religion und der Lebensführung gesucht, heutzutage eher im Baumarkt: Planen, Pontons, Seile und Luftkissen sollen den Lauf der Natur korrigieren. Eine Tierärztin aus Hawaii wird eingeflogen, auch der Bundespräsident interessiert sich für den Walfall. Mit der Vernunft haben solche Ausdeutungsversuche von Naturphänomenen  kaum zu tun. Schätzungen zufolge sterben weltweit jedes Jahr mindestens 300.000 Wale, Delfine und Schweinswale als Beifang oder durch Verheddern in Fischereigerät. Das juckt keinen, außer die Vicher selbst, versteht sich. Es wäre sinnvoller, hieran etwas zu ändern, durch eine strengere Regulierung der Fischerei, als einem einzelnen Tier zu helfen. Aber so funktioniert das menschliche Gehirn nun mal nicht. Der Psychologe Daniel Kahneman hat in seinem Bestseller “Schnelles Denken, langsames Denken” beschrieben, wie wir routinemäßig und ohne es zu merken, schwere Fragen durch leichte ersetzen. Die Kosten und den Nutzen eines neuen Autos zu berechnen fällt schwer, also beantworten wir statt der Frage, ob es finanziell sinnvoll ist, lieber die jene, welcher Wagen uns am besten gefällt. Sagen lieber, welchen Politiker wir wie finden, statt zu überlegen, was jetzt nötig wäre. Drücken uns um die Beantwortung der Frage, wie wir von den Freuden des Mauerfalls zur heutigen politischen Gesamtgrütze kommen konnten und fragen uns lieber, was der Timmy grad so macht.

Ganz am Rande darf man vielleicht auch an die viel zu vielen Toten im Mittelmeer erinnern, zu deren Rettung sich kein Milliardär aufschwingt. Sie sind das Opfer einer verfehlten Politik in ihrer Heimat und einer unmenschlichen europäischen Migrationspolitik - beides schwere Themen, also lieber zurück zu Timmy.  Aber das eine sollte das andere gar nicht ausschließen, denn es ist nicht zu belächeln, sondern ein Ausweis von Mitgefühl und Herzensbildung, wenn man einem Wal nicht tatenlos beim Sterben zuschauen möchte. 

Es lenkt auch ab. Wenn man viel im Land unterwegs ist, fällt man von bestreikten, verwaisten Nahverkehrshaltestellen in Bahnhöfe, die eigentlich Baustellen sind und überfüllt mit besorgten Menschen, die ratlos auf Anzeigetafeln blicken. Später, wenn auf der Schiene nichts mehr geht, kann man vom Uber-E-Auto aus die diversen Formen und Farben der Massenstaus bestaunen. Es ist nur folgerichtig, dass bald auch die Flugzeuge am Boden bleiben. 

Die ganze Republik kann sich mit dem Schicksal des Buckelwals  identifizieren: In dem gestrandeten Tier muss man das ganze Land erkennen, das mit seiner mut-, ja reglosen Außenpolitik, seinem auf den Verbrenner ausgerichteten Wirtschaftsmodell und einer rundum zaudernden Politik gerade nicht den dynamischsten Eindruck macht und nicht dem beschwingten Bundesadler, sondern einem Buckelwal auf einer Sandbank in der Ostsee gleicht. Es geht nicht vor und nicht zurück, aber das Luftkissen lässt auf sich warten.

Das festzustellen ist aber auch schon der Beginn, es anders zu machen. Unabhängig davon, ob der Buckelwal bald wieder in den offenen Ozean abtaucht oder präpariert im Ozeaneum Stralsund hängt, wir erleben ein Frühjahr mit Anzeichen eines Wandels zum Positiven: In Ungarn ist die Orbàn-Herrschaft tatsächlich zu Ende gegangen. Trump kann die Tage seiner Macht bis zu den Wahlen im November abzählen und der russische Präsident fürchtet mehr denn je einen Umsturz.

Ideen zur Europäisierung der europäischen Politik bei gleichzeitigem Ausstieg aus fossiler Energie klingen von Tag zu Tag plausibler. Wenn man einmal ins Nachdenken kommt – und warum nicht anhand der rührenden Bilder eines hilflosen Meeressäugers – passiert allerhand. Insofern hilft Timmy der Wal uns vielleicht gerade mehr als vice versa. 

Vor zweihundert Jahren erschien Heinrich Heines Die Harzreise. Nun hat sich der Schriftsteller Steffen Kopetzky erneut auf den Weg gemacht. Ein berühmtes Zitat Heines steht dem Buch als Motto voran: “Das ist schön bei uns Deutschen; keiner ist so verückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.” (Dazu gibt es übrigens auch eine Folge im “Was bisher geschah”- Adventskalender. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Und Heine spielt in unserem Tourprogramm eine wichtige Rolle. Heute Abend Bochum, morgen Paderborn!)

Kopetzky geht den Weg, den sich Heine damals vorgenommen hatte und findet ein eigentlich ganz glückliches und vor allem bildschönes Land. Stellenweise muss er anhalten, weil ihm manches Tal einfach überwältigend schön erscheint. Kopetzky beschreibt seine Reise mit viel Humor, Sinn für Details und spart auch die Politik nicht aus. Die meisten Menschen sind freundliche, sogar sympathische Zeitgenossen, aber einige rechtsradikale Dumpfbacken sind eben auch dabei. In Wernigerode trifft er einen AfD-Kandidaten, der gar nicht sagen kann, wogegen er eigentlich ist. “Ginge es um Protest gegen offenkundige Missstände, so dürfte es im wohlhabenden und florierenden Wernigerode keine AfD geben.” Es kommen auch Fragen anderer Art auf: An vielen Stellen fallen Äpfel und anderes Obst ungeerntet zu Boden, während im Supermarkt die Preise steigen. Geht das nicht anders?

Ein perfektes Ferien- und Verschenkbuch, aber auch in Talkrunden oder bei ApoFiKa würde man Steffen Kopetzky gerne hören.

Unsere Tournee führte auch nach Hamburg, ein toller Abend in der Markthalle. Ich hatte noch etwas Zeit, um durch die Stadt zu spazieren. Leider ist auch diese sehr schöne Stadt immer noch eine völlige Autostadt: Überall Staus, breite Straßen mitten durch Wohnviertel und vor jedem Bürgersteig eine Parkzone. Das ist keine hanseatische Besonderheit – eigentlich sind alle deutschen Städte noch rund um das Auto, um den täglichen  Massentransport   durch gering besetzte Individualverbrenner  gebaut. In einigen Jahren wird man mit dem Kopf schütteln, wie Mobilität noch 2026 realisiert wurde: Man wird darauf zurückblicken, wie wir heute alte Farbfotos betrachten, auf denen Erwachsene Schnaps trinken, rauchen und dabei kleine Kinder auf dem Schoß schaukeln. Würden die deutschen Städte umgestaltet wie etwa Paris,mit Grünanlagen, Fußgängerzonen und einer Mobilität, die zugleich der Gesundheit förderlich ist,  möchte kein Mensch mehr zurück. 

In einem frei verfügbaren Film zeigt der Journalist und Filmemacher Ingwar Perowanowitsch, wie es andere Städte bereits jetzt ganz anders machen. Nicht am anderen Ende der Welt, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft zur Bundesrepublik. 

https://www.youtube.com/watch?v=R5jQc1jXLAU (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)


Jodie Foster als überforderte Psychoanalytikerin in Paris, das konnte ich mir nicht entgehen lassen und habe den Film schon in der französischen Fassung in Straßburg gesehen. Nun startet er also in Deutschland und auch das Publikum dieses Newsletters kann ihn sich ansehen. Ich habe mich sehr gut unterhalten - gerade, weil man nicht genau weiß, ob die Story so ganz ernst gemeint ist. Es ist einer der seltenen Filme mit ihr, in denen sie eine heterosexuelle Kussszene spielt und die von ihr gespielte Figur nicht völlig pleite ist.

Richtig fertig ist der Film allerdings nicht: Eher so, als ob jemand sehr viele Karteikarten beschrieben und dann nacheinander weg inszeniert hätte, ohne auf Logik und Erzählkunst zu achten.  Meiner Frau, die so etwas beruflich macht, fiel auf, dass ein kleines Kind einmal vorkommt und dann nie wieder. Außerdem wird der zentrale Traum und Trauma-Moment, eine heimsuchende Erinnerung aus dunkler Vergangenheit, nicht aufgelöst, sondern schlicht vergessen.Naja. Jodie-Fans wie ich schauen ihn sich eh an, die anderen dürften es nicht bereuen.  Ein Muss ist es allerdings auch nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=pFye7m7MkC0 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Wer sich ergänzend oder stattdessen ein wirkliches Jodie-Foster- Meisterwerk gönnen möchte, etwa jene jungen Menschen, die damals noch nicht geboren waren, dem sei Little Man Tate empfohlen, ihr Regiedebüt. Sensationell!

https://www.amazon.de/gp/video/detail/amzn1.dv.gti.c3017e95-03df-43e5-b1db-e7c381bf35d8?tag=wwwwerstreamt-21&ascsubtag=Web (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Nigel Slater bewirtschaftet wieder seine Kolumne  im Observer und beginnt gleich mal mit Spargel, eine gute Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt, denn das kann ja immer so und so ausgehen mit dem deutschen Lieblingsgemüse

https://observer.co.uk/style/nigel-slater/article/nigel-slater-midweek-treat-pasta-asparagus-and-peas (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Bald startet die Grillsaison und weil ich schon viel zu lange nicht mehr im Saarland war – hier eine kleine Hommage an die schönen Abende auf saarländischen Terrassen und Gärten (aber nicht nur dort).

https://www.ardmediathek.de/video/mit-herz-am-herd/entrecote-vom-grill-mit-nudelsalat/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9NSEFIXzEzOTgxMg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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