
Gedanken sind nur Werkzeuge
Oder: Warum es nicht reicht, die Speisekarte nur zu lesen
Stell dir vor, du gehst hungrig in dein Lieblingsrestaurant, schaust dir kurz die Speisekarte an und gehst danach satt nach Hause, ohne auch nur einen einzigen Bissen gegessen zu haben. Klingt verrückt? Mag sein, aber genau das tun wir jeden Tag mit unseren Gedanken.
Wann hast du das letzte Mal versucht, deinen Durst mit dem Wort ‚Wasser‘ zu löschen?
Und eine weitere Frage ist: Warum fühlen wir uns oft so gestresst von Dingen, die eigentlich gar nicht passieren? Die Antwort liegt in einem Missverständnis darüber, was unsere Gedanken eigentlich sind. Ken Wilber schrieb einmal:
„Die Wörter selbst sind nicht die Dinge, auf die sie verweisen (sofern das Wort überhaupt auf etwas Reales verweist; viele Wörter verweisen lediglich auf andere Wörter). Daher ist das Wort „Himmel“ selbst nicht blau, und das Wort „Wasser“ löscht den Durst nicht. Unsere Wörter, und mit ihnen unsere Ideen, Begriffe und Theorien sind nur Karten der tatsächlichen Welt.“
Wenn wir das wirklich verstehen, kann dieses Konzept die Art und Weise, wie wir unsere Sorgen, Ängste und Ziele betrachten, komplett verändern und wir gewinnen eine unglaubliche Freiheit über unsere Ängste.
Tatsache ist doch: Wir alle besitzen ein hochmodernes Navigationssystem im Kopf: unseren Verstand. Doch die meisten von uns machen den fatalen Fehler, die Karte auf dem Bildschirm für die Straße unter ihren Füßen zu halten.
Wir sollten damit aufhören, uns in unseren eigenen Theorien zu verlaufen, denn „die Wörter sind nicht die Dinge, auf die sie verweisen“. Mit anderen Worten: Dieses Zitat erinnert uns daran, dass wir oft den Fehler begehen, unsere Beschreibung von der Realität mit der Realität selbst zu verwechseln.
Wilber verdeutlicht uns, dass ein Wort lediglich ein Symbol oder ein Wegweiser ist, denn das Wort „Wasser“ besteht eben nur aus sechs Buchstaben. Aber das “echte” Wasser - die chemische Verbindung H2O – hat die Eigenschaft, die das abstrakte Etikett „Wasser“ nicht hat: Es kann den Durst löschen.
Wenn wir diesen Unterschied vergessen, behandeln wir abstrakte Begriffe so, als wären sie greifbare Realität. Symbol und Objekt sind eben nicht das gleiche.
Der Vergleich mit einer Landkarte
Anders ausgedrückt: Die Landkarte von einem Gebiet ist nicht das Gebiet selbst. Natürlich ist eine Landkarte eine total nützliche Sache, um sich in einem realen Gebiet zurechtzufinden, aber sie ist eben nicht der Boden, auf dem man steht, wenn man durch das echte Gebiet wandert.
Unsere Theorien, Ideologien und Überzeugungen – auch unsere Ängste – sind wie unsere mentalen Landkarten, mit denen wir uns zurechtfinden. Im Grunde vereinfachen sie die sehr komplexe Wirklichkeit, damit unser Gehirn sie verarbeiten kann. Wenn wir aber nur auf die Karte starren, übersehen wir logischerweise die wunderbare Natur der Landschaft, in der wir uns gerade bewegen.
Wilber geht ja noch weiter: Er weist darauf hin, dass viele Wörter unseres Sprachgebrauchs gar keinen direkten Bezug zur physischen Welt haben, bspw. die Worte „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ oder auch – ganz beliebt – das „Ego“. Wir brauchen andere Wörter, um diese Worte zu definieren – und diese Definition kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein.
Wir bauen komplexe Gedankenkonstrukte auf, die zwar in sich logisch sein können, aber unter Umständen den Kontakt zur unmittelbaren, erfahrbaren Wirklichkeit verloren haben.
Für Ken Wilber, der sehr viel über Spiritualität geschrieben hat, ist dies ein Aufruf zum bewusster werden, zur unmittelbaren Erfahrung der Welt: Wir verbringen nämlich sehr viel Zeit damit, über das Leben nachzudenken – also immer wieder die Landkarte zu lesen –, statt es direkt zu fühlen und in unserem Gebiet wandern zu gehen. Wirkliches Verständnis entsteht aber oft erst dann, wenn wir die Worte und Konzepte von der Welt für einen Moment beiseiteschieben und uns der Realität jenseits der Sprache annähern.
Vielleicht warnt uns dieses Zitat sogar davor, uns in der Welt der Begriffe zu verlieren, denn in meinen Augen ermutigt es dazu, die Konzepte des Verstandes als hilfreiche Werkzeuge zu nutzen, ohne sie jedoch für die endgültige oder gar einzige Wahrheit zu halten.
Warum es nicht reicht, die Speisekarte nur zu lesen
Für diejenigen, denen das zu abstrakt war, hier noch einmal ein anderer Vergleich. Stellen Sie sich das Ganze als einen Besuch in ihrem Lieblingsrestaurant vor. Sie setzen sich im Restaurant an den Tisch und lesen die Speisekarte, in der Sie das Wort „Pizza“ finden.
Allein bei dem Gedanken an ihre Lieblingspizza läuft ihnen vielleicht schon das Wasser im Mund zusammen, schließlich haben Sie Hunger. Sie können die Speisekarte allerdings noch sehr lange anstarren und sich vorstellen, wie die Pizza wohl schmecken wird oder sogar das Papier der Karte anknabbern – Sie werden davon nicht satt werden.
Das Wort „Pizza“ auf dem Papier der Speisekarte hat keinen Belag und auch keinen Teig. Es ist nur ein Hinweis auf der Landkarte, sorry – Speisekarte.
Wilber meint, dass wir Menschen oft den Fehler machen, so sehr an der Speisekarte – unseren Gedanken und Worten – zu hängen, dass wir vergessen, die echte Pizza – das wahre Leben – zu essen.
Gedanken sind nur Werkzeuge
Schauen wir uns noch einmal unser tägliches Leben an. Wenn Sie zum Beispiel Angst vor der Zukunft haben, dann haben Sie Angst vor einer ganz bestimmten „Karte“ – einem Gedankenbild – und nicht vor der echten Realität, denn die ist genau jetzt gerade in diesem Moment wahrscheinlich völlig okay, denn Sie lesen ja nur einen Artikel darüber, wie Sie am besten ihren Verstand einsetzen könnten.
Wir bauen uns im Kopf ganze Welten aus Worten auf – was für uns Autoren ja eine unglaublich tolle und auch notwendige Sache ist. Aber genau wie das Wort „Himmel“ nicht automatisch blau ist – und wenn, dann welches blau? –, ist auch ein trauriger Gedanke nicht die Traurigkeit selbst. Es ist nur eine Beschreibung, die wir im Kopf mit uns herumtragen.
Also noch einmal: Wir sollten nicht das Preisschild mit dem Produkt verwechseln. Das Wort ist nur der Wegweiser, nicht das Ziel unseres Begehrens. Das folgende Comicbild soll dieses noch einmal bildhaft darstellen.

Und so funktioniert das Ganze mit den unseren Ängsten
Das funktioniert mit unseren Ängsten exakt so wie oben mit der Landkarte beschrieben. Das ist die eigentliche „Superkraft“, die in dem Zitat von Ken Wilber steckt. Wenn man das einmal verinnerlicht hat, verliert die Angst an Macht.
Vielleicht kann man es mit folgendem bildhaften Vergleich so ausdrücken: „Angst ist oftmals die Verwechslung des Warnschilds vor Absturzgefahr an einem Abgrund mit dem Abgrund selbst.“
Der Mechanismus dahinter ist relativ einfach erklärt: Stellen Sie sich vor, Sie haben Angst vor einem schwierigen Gespräch, einer Präsentation oder auch einem Vortrag. Ihr Gehirn produziert dann vielleicht den Gedanken: „Ich werde mich ganz sicher blamieren.“
Das Problem dabei ist, das wir bereits so reagieren, als ob die Blamage gerade jetzt schon passiert und wir reagieren darauf sogar mit körperlichen Symptomen wie Herzklopfen, Schweißausbrüchen oder ähnlichem.
Wenn wir aber Wilbers Logik aus dem Zitat anwenden, dann ist das Wort „Blamage“ ja nicht die Blamage selbst, denn die ist ja noch gar nicht passiert. Es ist nur ein mentales Etikett, ein Preisschild, auf dem „Gefahr“ steht, das aber an einer anderen, vielleicht sogar leeren Schachtel klebt. Wir verwechseln also das kleine Warnschild mit einer realen Gefahr.
Behalten wir also vor Augen: Die Karte ist nicht das Terrain. Unsere Ängste sind also fast immer Karten, die wir aus der möglichen Zukunft zu uns ins Jetzt holen.
Oder um es mit einem Märchenbild zu erklären: Wir zeichnen Monster in die weißen Flecken unserer Lebenskarte und hören auf den Gedanken „Was ist, wenn...?“ und nehmen schlimme Zukunftsprognosen unseres Gehirns bereits als reale Gegebenheiten an.
Was wir vergessen:
Die kleinen Monster auf der Karte können uns ja gar nicht beißen. Es ist nur Tinte – oder ein elektrischer Impuls im Gehirn. Nur solange wir auf die Karte starren, zittern wir. Wenn wir den Blick erheben und ins „wirklich vorhandene Gebiet“ schauen – den jetzigen Moment! –, merken wir: Hier ist gar kein Monster. Hier ist nur die Idee von einem Monster. Ansonsten ist im Hier und Jetzt nur ein Raum mit einem Stuhl, einem Schreibtisch, persönlichen Dingen, Musik im Radio und die nötige Atemluft.
Was Sie im Alltag ausprobieren können
Wenn Sie das nächste Mal Angst haben, probieren Sie doch einmal die „Wort-Wasser-Probe“ und sagen Sie zu sich selbst:
„Dieser Gedanke fühlt sich gerade sehr real an. Aber ich weiß jetzt: Das Wort ‚Wasser‘ löscht meinen Durst nicht – und der Gedanke ‚Ich schaffe das nicht‘ ist nicht mein vorbestimmtes Schicksal! Es ist nur die Landkarte in meinem Kopf. Ich gehe jetzt mutig den nächsten Schritt im realen Leben.“
Das nimmt der Angst die grundlegende Substanz, weil Sie nach und nach erkennen, dass Ihr Verstand gerade nur etwas übereifrig dabei ist, neue Warnschilder zu erschaffen, während die Realität ganz woanders stattfindet und wahrscheinlich friedlich ist.

© Text: Gudrun Anders, www.gudrun-anders.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
© Bilder: Gemini AI