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Zur Verteidigung der Feigheit

Anlässlich des 52. Stadtschreiberfestes Bergen-Enkheim (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

José Oliver und Sharon Dodua Otoo stehen lächelnd vor dem Stadtschreiberhaus in Bergen.
José F.A. Oliver und Sharon Dodua Otoo © Stephan Engelhorn

Guten Abend verehrtes Publikum, lieber José, lieber Dinçer,

Es ist mir eine große Ehre, heute Abend die diesjährige Zeltrede halten zu dürfen. Ich danke sehr für die Einladung.

Es hieß ja, es gäbe keine Vorgaben, ich könne über alles reden.

„Eine einmalige Chance!“ dachte ich. „Ich rede ja für mein Leben gerne!“ dachte ich. „Und im Gegensatz zu meinen Kindern wird mein Publikum aus Höflichkeit gezwungen sein, zuzuhören!“

Mir sind selbstverständlich zahlreiche Themen sofort in den Sinn gekommen. Ich bin zum Beispiel in der jüngsten Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland aktiv. Ich hätte über den Sinn von Straßenumbenennungen sprechen können. Oder über meinen Einsatz für einen inklusiveren Literaturbetrieb. Oder ich könnte von den Schwierigkeiten berichten, als Schriftstellerin mit einer Netflix-Sucht umzugehen. Wichtige Themen für ein anderes Mal.

Für heute Abend habe ich eine Rede mitgebracht, die sich mit einer Angelegenheit beschäftigt, die viel wichtiger ist als all‘ diese anderen gemeinsam. Und zwar wird es um Feigheit gehen. Genau genommen, um die Verteidigung derer. Entweder brennt sie Ihnen genauso unter den Fingernägeln wie mir, oder sie sollte es tun.

In meiner ersten Novelle „die dinge, die ich denke während ich höflich lächle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ habe ich als Hauptfigur eine Veganerin beschrieben, die kein Vertrauen zu Tieren hat. Ich würde niemals sagen, dass es sich um eine autobiografische Geschichte handelte, doch ich erinnere mich, folgende Zeilen mit Inbrunst geschrieben zu haben:

Insgeheim misstraue ich sogar all unseren vierbeinigen / pelzigen / geflügelten / gefiederten / gepanzerten oder schuppigen Brüdern und Schwestern. Wäre ich eine von ihnen, würde ich schon längst einen ultimativen Rachezug in einem noch nie zuvor gesehenen Ausmaß planen. Ich sehe Hass in den Augen aller Pudel, welchen diese lächerlichen Frisuren aufgezwungen werden, und Zorn durch die Kiemen aller Fische zucken, die Nemo ähneln. Ich halte mich nur aus Gründen der Selbsterhaltung an eine vegane Ernährungsweise. Nennen wir es eine Art Versicherung. Wenn die Zeit der großen Tierrevolte kommt, habe ich vielleicht eine kleine Chance, der Verstümmelung zu entkommen, indem ich meine Getreidemühle in der einen, und eine Sammlung meiner Lieblingsnusskäserezepte in der anderen Hand schwenke.

Mein Geheimnis ist gelüftet. Ich habe Angst vor Tieren und jetzt wissen Sie warum. Ich würde gerne an dieser Stelle stolz verkünden, dass ich deswegen selbst Veganerin bin. Aber dem ist nicht so. Ich esse nicht einmal vegetarisch, denn um den von John Travolta gespielten Vincent aus „Pulp Fiction“ zu zitieren: „Bacon tastes good. Pork chops taste good. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ Also habe ich nicht nur Angst, ich bin tatsächlich feige.

Feigheit ist für mich das Gefühl Angst zu haben, aber nichts dagegen zu unternehmen. Das Problem einfach zu verdrängen. In eine Art Schockstarre zu verfallen. Das ist gar nicht sexy. Es gibt nicht viele Filme oder Serien, in dem der Held keinen Mut beweist.

Mut würde ich definieren, als das Gefühl, Angst zu haben und trotzdem aktiv zu werden. Ich würde sogar sagen, ohne Angst kann man gar nicht mutig sein. Ich habe nichts als Bewunderung für mutige Menschen.

Andererseits sind die Leute, die keine Angst haben und dennoch in die Bresche springen, meiner Meinung nach verdächtig und nicht nachahmenswert. So ein Verhalten ist die Definition von Übermut.

Übrigens bei dem Wort Übermut muss ich an einen Witz denken, den mein verstorbener Schwiegervater mir vor Jahren erzählt hat. Ich bin unsicher, ob Sie jetzt schon alkoholisiert genug sind, um darüber zu lachen. Doch? Sehr schön. Vater Rudolf - möge er in Frieden ruhen - wäre jetzt stolz auf Sie. Also, der Witz geht so:

Was ist der Unterschied zwischen Mut, Übermut und Schlagfertigkeit?

Mut ist, wenn ein Mann nur mit einer Badehose bekleidet in die Oper geht.

Übermut ist, wenn er die Badehose an der Garderobe abgibt.

Schlagfertigkeit ist, wenn die Frau an der Garderobe fragt:

„Wollen Sie nicht den Knirps auch noch abgeben?”

 Aber zurück zur Feigheit, laut Wikipedia ein „ehrloser Charakterzug“. Ich finde, den schlechten Ruf hat sie nicht verdient. Um wieder aus einer meiner eigenen Publikationen, diesmal „Mahlerstrasse 8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, zu zitieren:

Ich bin mir meiner eigenen Feigheit völlig bewusst. Darum will ich dem Faschismus jetzt entgegentreten, so lange es mich noch nicht mein Leben kostet.

Ein feines Gespür für Feigheit in der heutigen Zeit hilft uns, später keinen echten Mut aufbringen zu müssen. Also wenn die Luft dünn wird, oder wenn es plötzlich ganz still wird, das haben Sie bestimmt auch erlebt. Wie reagieren Sie da? Bei mir ist das oft so: Da wird peinlich gehustet, oder weggeschaut, weil ich die eigene Unsicherheit, um nicht zu sagen die eigene Unzulänglichkeit nicht aushalte. Das ist Feigheit.

Ich bin aber dafür, dass wir dieses Gefühl in den Arm nehmen und willkommen heißen. Denn ich bin überzeugt: Wir sollten uns nicht dafür schämen. Feigheit zu spüren, ist ein ganz wichtiger, erster Schritt auf dem Weg zum Mut. Und Mut ist ein essenziell wichtiges Teil von Zivilcourage.

In der Theorie funktioniert Zivilcourage ganz einfach. Ich sehe, dass eine Person Hilfe braucht - sagen wir mal, sie wird angegriffen - und ich gehe sofort hin. Oder ich rufe den Notruf an. Oder ich mache Videoaufnahmen. Oder? 

Tatsächlich haben Studien festgestellt, dass es den meisten von uns schwerfällt, bei solchen Vorfällen Zivilcourage zu zeigen. Besonders wenn viele andere Menschen zuschauen. Und wenn Situationen unklar sind, sucht unser Kopf erst nach Beweisen, statt nach Worten. Also tritt eine Überforderung ein statt einer Handlung. Der sogenannte Bystander-Effekt oder das Genovese-Syndrom wurde vielfach beforscht nach dem Mord 1964 an der New-Yorkerin Kitty Genovese. Das Phänomen zeigt, dass einzelne Personen weniger wahrscheinlich in eine Notsituation eingreifen und helfen, je mehr andere Personen vor Ort sind.

Ich habe gelernt und leider an mir selbst feststellen müssen, dass Zivilcourage in der Realität gar nicht so leicht umsetzbar ist. Sie muss geübt werden.

Letzte Woche wurde ein Artikel auf der Webseite „Focus Online“ veröffentlicht. Er heißt: „In einem kleinen Ort voller Hass lebt das wohl mutigste Ehepaar Deutschlands (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ – ich kann ihn sehr empfehlen.

Es wird darin von Birgit und Horst Lohmeyer berichtet. Sie leben in Jamel, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl dieser Ort wohl seit Jahren mit einer wachsenden rechtsextremistischen Szene zu tun hat, veranstalten die Lohmeyers jeden Sommer: „Jamel rockt den Förster“ ein Musikfestival, dass immer wieder einen geschützten Raum für Respekt, Kunst und Solidarität bietet.

Eigentlich ganz ähnlich wie Dinçer das macht. Und wie José das macht. Und wie alle Organisator*innen dieses wunderbaren Festes.

Also, verehrtes Publikum, das nächste Mal wenn Sie merken, dass Sie Feigheit verspüren, begrüßen Sie das Gefühl! Denn sie bietet eine Chance, genauer hinzuschauen. Wir können alle folgende drei Schritte üben, damit wir gut vorbereitet sind, wenn wir einen Vorfall beobachten:

1.    Hinschauen. Nicht wegdrehen, kurz atmen, stabil stehen.

2.    Ansprechen. „Brauchen Sie Hilfe?“ oder „Stopp. So nicht.“

3.    Personalisieren. „Sie mit der blauen Jacke: Bitte die 110 wählen.“

Wenn Sie das schaffen, können Sie wirklich sehr stolz auf sich sein. Und ich verspreche, dass ich für Sie einstehen werde, wenn der Tag der großen Tierrevolte kommt.

Vielen Dank.

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