Hier kommt alles, was du wissen solltest, kompakt erklärt. Heute ist wieder tag eins!

Hallo!
Mit einer furchtbaren Formulierung informierte der Österreichische Journalisten Club (ÖJC) gestern über personelle Konsequenzen im eigenen Haus: „Der Vorstand wird bereinigt“, hieß es in einer Aussendung. Zwei Mitglieder seien abgewählt beziehungsweise ausgeschlossen worden. Ziel sei es, die „Reputation des Vereins“ wiederherzustellen.
Betroffen ist das ehemalige Vorstandsmitglied Dieter Reinisch, inzwischen nur mehr ÖJC-Mitglied. Er war für einen iranischen Staatssender tätig und veröffentlichte Beiträge in der linken deutschen Tageszeitung „junge Welt“. Reinisch unterhält zudem Kontakte zu einer palästinensischen Gruppe, die am Massaker vom 7. Oktober 2023 beteiligt war.
In der „jungen Welt“ stellte Reinisch meinen Kollegen Markus Sulzbacher absurderweise in die Nähe eines US-Geheimdienstes. Anlass war ein auf X veröffentlichtes Foto vom Set der Netflix-Produktion „Exterritorial“. Gedreht wurde unter anderem in Wien, auch in den ehemaligen tag-eins-Redaktionsräumen in der Alten WU, die für die Dreharbeiten zeitweise an die Produktionsfirma vermietet und für den Film in ein fiktives NSA-Büro umgestaltet worden waren.
Noch ein Wort in eigener Sache: Da ich seit Kurzem einen neuen Job an der Fachhochschule Wien im Bereich Journalismus habe, komme ich jetzt nur noch selten dazu, diesen Newsletter zu schreiben. So gut es geht und es meine Zeit erlaubt, unterstütze ich tag eins aber weiterhin.

Außerdem im Newsletter: Debatte um Wehrpflicht im Parlament, prominente Unterstützung für Viktor Orbán im Wahlkampf und die Gastro in der Krise.

Debatte um Wehrpflicht kommt in die Gänge
Die öffentliche Debatte über die militärische Aufrüstung Österreichs verläuft bisher – gelinde gesagt – in seltsamen Bahnen. Nachdem die von der Verteidigungsministerin eingesetzte Wehrdienstkommission ihre Empfehlungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vorgelegt hatte, geschah zunächst nichts. Dann fokussierte sich die Debatte auf die Frage der Dauer des Wehrdienstes und die Sinnhaftigkeit einer Volksbefragung, wie sie Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) angekündigt hatte. Über die Sache an sich wurde bisher kaum diskutiert.
Das soll sich ab heute ändern: Die Regierungsparteien treffen sich am Vormittag zu einer ersten Gesprächsrunde. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen auch die Oppositionsparteien involviert werden. Die Ausgangslage verspricht hitzige Debatten. SPÖ, NEOS und Mitglieder der Wehrdienstkommission hatten zuletzt öffentlich die Volksbefragungspläne der ÖVP kritisiert.
Neben der Kernfrage – der Verlängerung der Wehrpflicht – haben die Politiker*innen eine Reihe komplexer Fragen zu entscheiden, die bisher unter dem Radar der öffentlichen Aufregung flogen. So hat die militärisch geprägte Wehrdienstkommission auch massive Veränderungen für Zivildiener empfohlen: eine Verlängerung auf 12 Monate (respektive 15 Monate für den Gedenkdienst), eine massive Anhebung der Verwaltungsstrafen, eine Ausweitung des Waffenverbotes (und damit de facto weiterhin ein Ausschluss vom Polizeidienst), eine Fokussierung des Zivildienstes auf die „zivile Landesverteidigung“ und eine Beschränkung des Auslandszivildienstes. Zusammengefasst empfiehlt die Kommission, die Attraktivität des Zivildienstes zu reduzieren. Nicht unumstritten ist sicherlich auch die verpflichtende staatliche Gesundheitsuntersuchung für Frauen, die die Wehrdienstkommission empfiehlt. Was Rekruten und Zivildiener über die Debatte denken, hat übrigens der Standard (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) beleuchtet.

Marco Rubio unterstützt Orban
Zum Abschluss seiner Europareise ist US-Außenminister Marco Rubio nach Budapest gereist – mit einer klaren Botschaft aus Washington. Im Namen von US-Präsident Donald Trump wünschte er Ministerpräsident Viktor Orbán „Erfolg“ bei der anstehenden Parlamentswahl.
Die Unterstützung dürfte Orbán gelegen kommen. Seine rechtsextreme Partei Fidesz – Ungarischer Bürgerbund liegt aktuellen Umfragen zufolge acht bis zehn Prozentpunkte hinter der oppositionellen TISZA Párt von Péter Magyar. Washington sendet damit ein Signal – in einem Wahlkampf, der für Orbán unerwartet eng werden könnte.
In den USA hat eine Bundesrichterin die US-Regierung zum Wiederaufbau einer abgebauten Sklaverei-Ausstellung in Philadelphia verpflichtet. Die Regierung habe nicht die Befugnis, „historische Wahrheiten zu verschleiern oder zu verfälschen“, schrieb Richterin Cynthia M. Rufe in ihrer Entscheidung.
Die Stadt hatte gegen den Abbau der Freiluftschau durch die Nationalparkverwaltung geklagt. Rufe zog einen drastischen Vergleich: Das Vorgehen erinnere an das „Wahrheitsministerium“ aus 1984 von George Orwell. Der Staat könne nicht nach Belieben historische Darstellungen löschen oder umschreiben.
Hintergrund ist ein Dekret von Präsident Donald Trump, der eine „Korrektur“ der amerikanischen Geschichtserzählung forderte. Die Ausstellung „Freedom and Slavery in the Making of a New Nation“ war darin ausdrücklich kritisiert worden.

Junge Menschen kehren der Gastronomie zunehmend den Rücken
Junge Menschen kehren der Gastronomie zunehmend den Rücken. Laut Wirtschaftskammer Wien (WKW) sinkt die Frequenz deutlich – nicht zuletzt wegen gestiegener Preise, wie Gastronomie-Obmann Thomas Peschta festhält.
Gegessen wird zwar außer Haus, aber seltener im Restaurant: Selbst Gekochtes oder Mitgebrachtes landet im Büro, in der Uni oder im Park auf dem Tisch. Ernährung werde für viele unter 30 zur Identitätsfrage, sagt Marlies Gruber von „forum. ernährung heute“.
Parallel verschiebt sich der Geschmack. Weniger Fleisch, weniger Alkohol, dafür mehr vegetarische, vegane und gesundheitsorientierte Angebote. Besonders die Nachtgastronomie spürt den Trend zu alkoholfreien Alternativen. Statt Alkohol werden auch zunehmend andere Rauschmittel konsumiert: Wo früher Spritzer und Longdrinks dominierten, boomen heute Tabakersatzprodukte wie Snus.
Die Wiener Gastronomie reagiert. Gab es 2016 erst 20 rein vegane Lokale, sind es 2026 bereits 40. Mehr als 700 Restaurants bieten vegane Optionen, dazu kommen 67 vegetarische Betriebe. Während des „Veganuary“ stellten sogar zwei Würstelstände komplett auf fleischlos um – und blieben dabei.
Auch Umfragen bestätigen den Wandel: Fünf Prozent der Österreicher leben vegan, weitere fünf Prozent vegetarisch. 37 Prozent bezeichnen sich als Flexitarier*innen. In Wien können sich laut Marketagent.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) rund ein Viertel eine vegane Ernährung vorstellen. Der Fleischkonsum sinkt – langsam, aber spürbar.

Hier empfehlen wir dir jeden Tag ein Recherchestück eines unabhängigen, kleinen Mediums aus Österreich, den aktuellen Krautreporter-Text und unser Fundstück des Tages. Viel Spaß!

„Love Scamming“ boomt
Seit Jahren verzeichnen Ermittler*innen einen drastischen Anstieg jener perfiden Masche, bei der Betrüger*innen im Schutz digitaler Anonymität falsche Gefühle inszenieren – und echte Existenzen ruinieren. Milliardenbeträge werden inzwischen beim modernen Heiratsschwindel ergaunert. Was als romantische Online-Bekanntschaft beginnt, endet nicht selten im finanziellen und emotionalen Desaster.
Doch die Rollen sind komplexer, als es auf den ersten Blick scheint, schreibt Anschläge.
https://anschlaege.at/doppelter-betrug/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Nicht die Gestapo: Warum Trump eher an Franco erinnert
In den USA zeigen sich ähnliche Mechanismen wie in Spanien in den Dreißigerjahren.
https://krautreporter.de/politik-und-macht/6251-nicht-die-gestapo-warum-trump-eher-an-franco-erinnert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Hobby: Spione ausspionieren
In Wien nennen sie es halb spöttisch, halb ehrfürchtig „Russencity“. Wer im 22. Bezirk vor dem wuchtigen Gebäudekomplex der russischen Vertretung bei der UNO steht, dem sticht vor allem eines ins Auge: ein Wald aus Antennen auf dem Dach, manche mehrere Meter hoch, wie stählerne Fühler in den Himmel gereckt. In Sicherheitskreisen gilt es als offenes Geheimnis, dass von hier nicht nur diplomatische Depeschen versendet werden – sondern dass die Anlage als inoffizielle Satellitenabhörstation dient.
Während unten die Donau träge vorbeizieht, richtet sich der Blick einer kleinen Gruppe Wienerinnen und Wiener nach oben. Sie nennen sich „Nomen Nescio Club“ – der Name ist Programm. Diskret, anonym, organisiert wie ein Hobbyverein mit Hang zur Weltpolitik. Was sie betreiben, klingt nach Agentenfilm, versteht sich aber als zivilgesellschaftliche Wachsamkeit: citizen intelligence.
Ausgerüstet mit Funkdetektoren, Teleobjektiven und Drohnen beobachten sie aus sicherer Distanz das Dach von „Russencity“. Sie protokollieren, fotografieren, vergleichen. Schwarmintelligenz statt Schlapphut. Freizeit statt Dienstmarke. Bereits 2014 trugen sie dazu bei, mutmaßliche US-Überwachungsstationen öffentlich zu machen. Seit Beginn des Ukrainekriegs haben sie ihr Augenmerk verstärkt auf russische Aktivitäten gerichtet.
Es ist ein eigentümliches Hobby: Weltpolitik vom Wiener Asphalt aus verfolgen, technische Details dechiffrieren, Strukturen sichtbar machen, die offiziell niemand kommentiert. Und dabei, so sagen sie, auch eine Menge Spaß haben.
https://oe1.orf.at/programm/20260205/822422/Als-Hobby-Spione-ausspionieren (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Meldet sich von dieser Stelle erst wieder nächsten Monat:
Dominik