Mir ist das Grinsen gerade gründlich vergangen. Mein persönlicher Komet ist am Firmament aufgetaucht, so plötzlich und erschreckend, wie das mit sogenannten Schicksalsschlägen eben ist, und noch ist unklar, was er anrichten wird: Ein Feuer, das fruchtbare Erde hinterlässt, auf der Neues wachsen kann oder ein schwarzes Nichts.

„Du hast Angst“, stellt die kleine Mü fest. Spott liegt in ihrer Stimme.
Ich sehe keinen Sinn darin, es zu leugnen. „Natürlich habe ich Angst.“, antworte ich. „Jeder hätte Angst an meiner Stelle.“
„Ich nicht“, behauptet die kleine Mü und ich glaube ihr leider. „Angst ist dumm!“, fährt sie vergnügt fort.
„Kein Grund beleidigend zu werden.“, sage ich und überlege nicht zum ersten Mal, die recht freche Tasse in den hintersten, verstaubtesten Regalwinkel zu verbannen.
„Ich habe nicht gesagt, dass du dumm bist.“ Die kleine Mü gähnt und streckt sich. „Angst ist dumm. Angst macht auch kluge Leute dumm. Nicht, dass du besonders klug wärst.“
Natürlich hat sie Recht. Die Angst und ich, wir sind alte Bekannte. Oft genug saß sie neben mir, hielt meine kalte Hand und flüsterte mir ihre Wahrheiten ein, die sich erst dann als Lügen enttarnten, nachdem ich ihnen bereits viel zu weit gefolgt war. In dunkle Sackgassen oder endlose Irrgärten: früher oder später sind die Wege der Angst immer welche, auf denen man umkehren muss, wenn man das Licht in sich nicht verlieren will.

Mein Licht glüht bereits seit einiger Zeit in düsterem Rot vor sich hin, bereits lange vor der Diagnose. Aber durch sie verstehe ich diese langen Monate, getränkt von Schmerz und Müdigkeit. Zwei teuflische Zwillinge, die oft zusammen zu Besuch kommen, aber auch welche, die ungeahnte Geschenke bringen. Keine Geschenke mit netter Schleife. Solche, die man nicht gern auspackt. Aber die dafür säuberlich getippte Lektionen beinhalten, in derartig großen Buchstaben, dass man nicht anders kann, als sie zu lesen.
Zum Beispiel die Erkenntnis, dass eine anhaltende Erschöpfung dazu führt, dass ich keine Energie mehr übrig habe für Dinge, die Energie kosten und noch mehr Schmerz verursachen. Und das gleich darauffolgende Erstaunen, wieviel es davon in meinem Leben gab und in welch harmlosen Verkleidungen. Das alleine wäre eine eigene Geschichte wert. Eine, in der ein bisschen Trauer und Wut und letztendlich befreiendes Gelächter vorkommen.
Die zweite Lektion war weitaus freundlicher: Wenn nur ganz wenig Kraft vorhanden ist, dann spüre ich anscheinend umso deutlicher, woher ich meine Kraft beziehe. Daraus würde eine ziemlich schöne Geschichte werden. Eine, in der nackte Füße über feuchte Erde laufen und die Haut nach Sonne riecht und eine Kinderhand aufgeregt zum nächsten Abenteuer im Winterwald einlädt und purpurne Melodien mit dem Schlaf tanzen und ein warmer, kleiner Kuss im Zwielicht den Morgen ankündigt und Worte auf Papier flüstern, um Poesie miteinander zu machen.
Ich habe in den letzten Jahren Bücher gemacht und meine eigene Poesie verloren, ich habe ein goldenes Schloss betreten, dass sich als billige Filmkulisse entpuppt hat und bin immer weiter gelaufen, einen steinernen Berg hinauf anstatt durch meinen eigenen wilden Garten.
Und da sitze ich jetzt also. Oben auf dem Gipfel. Weil meine Füße mich nicht mehr weitertragen. Und ich warte mit der kleinen Mü zusammen auf den Kometen, der bald einschlagen wird.
Sie grinst. Ich nicht.
„Spielverderber!“, sagt sie.
„Würdest du nicht sagen, wenn sie dir ein ganzes Organ herausschneiden anstatt mir!“, blaffe ich sie an.
„Ich habe keine Organe. Ich bin ein fiktiver Charakter!“, entgegnet sie selbstzufrieden.
„Wie schön für dich!“ Mir fällt keine andere Erwiderung ein. Aber ich wünsche mir, nicht zum ersten Mal, ich wäre auch ein fiktiver Charakter. Ohne Organe, ohne Schmerzen, ohne die Aussicht auf eine tödliche Krankheit.
„Jetzt hör aber auf!“ Die kleine Mü spuckt abfällig ins Gras. „Deine Prognose ist gut. Ein paar Wochen rumliegen und heilen und Schokolade essen, und danach hast du die nächsten paar Jahrzehnte Zeit, um Poesie und Bilder und Filme und Liebe und so einen Scheiß zu machen. Wenn du willst.“
„Und falls nicht? Falls ein paar Wochen alles sind, was mir noch bleibt? Und danach ein schwarzes Nichts… “ Ich bin mir nicht sicher, ob ich es laut ausgesprochen habe, aber die kleine Mü legt den Kopf schief und sieht mich direkt an. Ihre Augen sind klar und hell wie die eines Raubvogels und voller scharfer Weisheit.
„Dann hast du immerhin ein paar Wochen Zeit zu trauern und dich zu verabschieden. Das ist mehr als die meisten haben.“, sagt sie. In ihrer gnadenlosen Niedlichkeit. Dann wirft sie mir eine gemalte Blume an den Kopf. Was eigentlich physikalisch unmöglich sein sollte, aber die kleine Mü hält sich nicht an realitätsbegrenzende Gesetze. „Und was soll der Mist mit dem schwarzen Nichts? Du weißt genau, dass der Tod eine Tür ist, kein Ende.“
Ich seufze und pflücke mir realitätsübergreifende Blütenblätter aus dem Haar. „Man gewöhnt sich so schnell an seine irdische Existenz.“, sage ich beinahe entschuldigend. Und noch während ich das sage, spüre ich den sanften Wind, der das Gras auf der Tasse bewegt auch auf meinem Gesicht und ich weiß plötzlich wieder, dass die größten Abenteuer von allen in anderen Welten warten.
Und dieses Wissen reicht aus, um den letzten schweißkalten Griff der Angst abzuschütteln und tief in meiner Brust eine flammende Freude auf alles zu spüren, was diese Welt hier noch für mich zu bieten hat, ganz egal, wieviel Zeit ich darin verbringen werde.
Die kleine Mü sieht sogar mein winziges Lächeln, wahrscheinlich, weil sie selbst so winzig ist.
„Wirkt es schon?“, fragt sie scheinheilig.
„Wirkt was?“, frage ich alarmiert zurück.
„Na, das Mutpipi!“, ruft sie entzückt.
„Du hast in meinen Kaffee gepinkelt?“
„Jeder weiß, dass mein Mutpipi das stärkste von allen ist!“ Die kleine Mü lacht dreckig.
Ich setze zu einem Fluch an, aber wozu. Was hatte ich denn erwartet? Außerdem, ich gebe es nicht gern zu, wirkt es.
Die kleine Mü und ich warten auf unseren Kometen. Sie mit einem grimmigen Grinsen, ich mit einem winzigen Lächeln. In mir brennt ein Licht, so hell wie ein Feuerschweif.