Passer au contenu principal

Wie ein Pferd half, die AfD-Jugend zu gründen

Wasserwerfereinsatz in Gießen.

„Warst du schon beim Arzt?“, „Hast Du getrunken?“, „Erbärmliches Statement“, „Der dämlichste Beitrag, den ich hier je gelesen habe.“, „Unterbelichteter Blödsinn“, „Heute was genommen?“

Ein kleines Shitstörmchen. 600 Kommentare. Spannenderweise nur auf der Facebook Fanpage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), während das Posting auf anderen Plattformen kaum jemanden interessiert hat. Normalerweise ist X (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der einheizende Trainer beim Spinning-Kurs der Erregungsbereiten und Populisten.

Screenshot des Postings

Weil ich mich erkecket und erdreistet habe, gegenüber den Vorgängen in Gießen gleichgültig zu sein. Weil sich ein paar Rechtsradikale für eine Marketingveranstaltung getroffen haben und ein paar Linksradikale sich das Recht herausgenommen haben, dass für eine vermeintlich gute Sache Gesetze keine Gültigkeit mehr haben.

„Sich gegen Rechtsradikale einzusetzen macht einen nicht automatisch linksradikal.“

Ach.

Die Wahrheit

Will man konstruktiv diskutieren, muss man eine gemeinsame Realität als Basis haben. Denn die „Wahrheit“ macht sich jeder im Kopf selber. (Radikaler Konstruktivismus)
Ich möchte einen Eindruck meiner Wahrheit geben.

Die rechtsradikale Jugendorganisation der AfD trifft sich, um sich unter neuem Label neu zu gründen. Wie überraschend.
Wie zu erwarten berichten die großen Medien vor allem aus der Halle, in der die nun so genannte „Generation Deutschland“ sich neu erfinden wollte.

Jean Pascal Hohm ist der neue Vorsitzende der Generation Deutschland. Wenn man für Bros zu jung ist, muss man mit der Frise wohl rechtsradikal werden. Auch mit ausländischem Vornamen.

Friedliche Proteste? Waren da welche?
Die Tagesschau berichtet umfänglich von drinnen, die Proteste außerhalb werden lediglich in einem Teaser-Bild erwähnt, im Bericht gar nicht. ZDF heute berichtet zumindest kurz, vor allem aber von Zusammenstößen mit der Polizei. Vielleicht fünf Prozent des Beitrags.

Eine der größten Nachrichtenplattformen ist die WELT. Vor allem auch auf YouTube, wo durch den Algorithmus kurze Beiträge in die Timeline des Nutzers gespült werden. Auch in Wochen noch. Und die schickt ihre Journalisten auch in die Randgebiete der Proteste. Denn dort werden die Bilder produziert, die man verkaufen kann. Und die die AfD so gerne hat.

Screenshot bei einem Stock-Anbieter unter dem Suchbegriff "Gießen".

Medien machen Mediendinge. Erwartbar, denn es ist Geschäft, das nach Geschäftsregeln funktioniert.

Wasserwerfer, Knüppeleinsatz, vermummte Gestalten, ein „Free Palestine“, Sowjetflaggen, Regenbogenflaggen. Einem Fernsehteam werden die Reifen aufgestochen. Ein Bundestagsabgeordneter wird von Vermummten zu Boden geschlagen. Ein Kamerateam von Tichys Einblicke wird angegriffen; wie die SoKo Twitter inzwischen ermittelt hat vor allem von einem Autohausbesitzer in Gießen.

"Free Palestine" Banner in Gießen. In machen Weltbildern hängt halt alles mit allem zusammen.

Ein Polizeipferd stürzt über eine Böschung – ohne Fremdeinwirkung – und muss geborgen werden. Pferd und Reiterin geht es gut. Bis einer von beiden als rheinischer Sauerbraten weiterverarbeitet werden wird. Vermutlich das Pferd.

Das Bild des Pferdes wurde auf X vermutlich häufiger und mit mehr emotionaler Anteilnahme rezipiert, als die Bilder der friedlichen Proteste. Die noch dazu nicht irgendwo gebündelt waren, sondern in Kleingruppen über die ganze Stadt verteilt. Keine großen Bilder von Menschenmassen – und alles unter „Massen“ erregt es eh keine Aufmerksamkeit –, nur Häufchen von dick angezogenen mit Bannern, Rettungswesten und roten Flaggen.

Das Pferd.

Das ist die Wahrheit! Und jeder kann sie da sehen, wo die mit Abstand meisten Nachrichten heute rezipiert werden: Im Internet. Und was im Internet steht stimmt!

Frikadelle im Fernsehsessel

Und nun betrachten wir doch mal die Wahrheit der AfD Wähler.
Der AfD Wähler ist männlich und hat einen geringen formalen Bildungsabschluss. Zumindest wenn man versteht, was Durchschnitt bedeutet.
Nennen wir ihn Heinz-Günter aus Oer-Erkenschwick. Außer seine Vorfahren sind Spätaussiedler, dann heißt er Heinz-Pawel.

Heinz-Günther ist stolz, Deutscher zu sein. Weil er sonst wenig hat, worauf er stolz sein kann.
Er kommt aus einem eher bürgerlich geprägten Umfeld und hat einen bescheidenen Wohlstand erreicht, um den er zu Recht fürchtet. Täglich liest er von Ausländern, die seine Kultur, seine Werte und seinen kleinen Wohlstand im warmgefurzten Fernsehsessel vor der Bundesliga auf dem Smart TV in der Schrankwand des späten Bottroper Barocks bedrohen.

Männer, die Pantoffeltierchen der Evolution, haben aber nur zwei Reaktionsprogramme auf Angst: Angriff oder Flucht. Und da er nach dem sechsten Bier mit der Frikadelle in der Hand nicht aus dem Sessel kommt, muss Heinz-Günther angreifen. Er kann ja nicht weglaufen.

https://steady.page/de/u-m/posts/5fb59d70-df90-4e4b-9e1f-5a1f6e70b1a3 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Er ist der Unterdrückte. Die etablierten Parteien übersehen ihn. Und diese ganzen links-grünen Intellektuellen, die sich nur über Solaranlagen und Gender unterhalten und private Rentenvorsorge haben, diese Woken wollen seine Werte zerstören. Sie wollen ihm seine Metzger-Praline entreißen, denn Fleisch darf er ja auch nicht mehr.
Und außerdem darf man ja auch nichts mehr sagen heutzutage. Was er immer wieder auf Social Media sagt. Er hat keinen Computer, aber ein Handy. Das reicht.

Und deshalb wählt er die AfD. Die werden was ändern! Die werden für ihn einstehen. Sollen die anderen Mal sehen!
Er hat gar nicht das Handwerkszeug, um das methodologisch zu hinterfragen. Weder die Gefahr, noch das blaue, pseudogermanische Heilsversprechen.

Ein AfD-Funktionär, ein AfD-Wähler und ein Ausländer sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen zwölf Kekse. Der AfD-Funktionär nimmt sich elf Kekse und sagt zum AfD-Wähler: „Pass auf, der will deinen Keks klauen.“

Heinz-Günther ist kein Rechtsradikaler. Weil in seiner Hauptschule der 1970er nicht erklärt wurde, woran er Rechtsradikalität erkennt. Auch bei sich. Und den Unterschied zu Rechtsextremismus kennt er schon gar nicht. Irgendwas mit Juden halt.
Obwohl… eigentlich weiß er nicht einmal genau, was Links und Rechts bedeuten. Er weiß aber nicht, dass er es nicht weiß. Denn er glaubt, Links sei das, was die auf Twitter immer sagen. Die mit den Paltitüchern. Und außerdem sagt er immer noch „Twitter“.

Er empfindet „rechtsradikal“ als unzutreffend. Er will ja keinen vergasen, er will nur diese ganzen Ausländer rausschmeißen. Weil er denkt, für ihn wäre es dann sicherer. Sein Job, sein Haus, seine Rente und wenn seine Tochter aus unerfindlichen Gründen nachts alleine im Park spazieren geht. (Was schon in den 1980ern eher nicht so sicher gewesen wäre.) Er hat zwar keine Tochter und es gibt kaum Ausländer in Oer-Erkenschwick, aber um die Details sollen die da oben sich kümmern.

Demokratie lebt ja vom Mitmachen, nicht vom Machenlassen. Das hat Heinz-Günther aber keiner erklärt. Für ihn ist der Staat ein Dienstleister.

Er sieht das Etikett als Auszeichnung. Als Herausforderung. Als Motivator für ein „Jetzt erst recht!“ Denn wenn die, die ihm seinen Hackbomber DeLuxe wegnehmen wollen, sich darüber aufregen, muss es richtig sein. Fleischloser Freitag in der Kantine im Arsch.

Omas gegen Rechts. Vor einem Palästina Graffiti. Schöne Bilder allemal.

Und nun denken wir doch einmal darüber nach, was es mit Heinz-Günther macht, wenn er die Bilder aus Gießen sieht. Nicht die von den friedlichen Protesten. Denn die sieht man ja nur, wenn man bereits entsprechende Quellen rezipiert. Die anderen, Ihr wisst schon. Die in der Bild und der Welt und den AfD-Accounts auf Twitter. Und das mit dem Pferd.
Die Bilder, die die AfD genau aus dem Grund so mag.

Türkisches Öl-Ringen zwischen einem Rechten und einer Linken. Und Medien drumherum, die mit sowas Geld verdienen.

Ernsthaft. Versetzen wir uns einen Augenblich in Heinz-Günther und schauen uns aus dieser Perspektive die Berichte in den Medien und auf Twitter an.

Die realistische Gefahr

Kehren wir für einen Augenblick in die Realität zurück.

In Deutschland kann eine Partei nur dann verboten werden, wenn sie eine realistische Gefahr birgt, die demokratische Grundordnung umzustürzen.
Diese Gefahr geht derzeit nicht von der AfD aus. Denn die AfD hat dafür nicht die politische Macht.

Ja, sie ist als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Aber das reicht eben noch nicht. Zumindest nicht so sicher, dass eine Partei den Antrag im Bundestag oder -rat stellen will. Übrigens auch Die Linke nicht.

Banner auf der Demo.
"Klimagerechtigkeit wird auf der Straße erkämpft" ...und ich dachte im Bundestag.

Und deshalb hat auch niemand das Recht, die AfD gewaltsam zu unterbinden. Das sind die Spielregeln dieser Demokratie.
Jeder, der gegen diese Spielregeln verstößt, ist ein Feind dieser Demokratie. Denn dann ist er um kein Stück besser, als Heinz-Günther und sein Fleischbremsklotz. Er hat - genau wie Heinz-Günther - kein Recht, darüber zu entscheiden.

Ich formuliere es für die, die mich plötzlich bei der AfD sehen, gerne anders:
Diese Arschlöcher, die erwartbar die Aufmerksamkeit bekommen haben, haben absolut nichts erreicht. Außer von dem legitimen und demokratischen Protest abzulenken.

Meine Wahrheit

Meine Wahrheit ist, dass wir in ganz Europa seit Jahrzehnten einen Fehler begangen haben.

Wir waren so scheiß gut, dass wir vergessen haben, wie man sich durchsetzt. Wir haben vergessen, dass wir das Gutsein verteidigen müssen. Wir haben den Stuhlkreis zum Primat der Konfliktlösungsstrategien gemacht. Und wir haben keine Antwort darauf, was zu tun ist, wenn entweder jemand einfach keinen Bock auf Stuhlkreis hat, oder jemand den Stuhlkreis geschickt ausnutzt, um Stuhlkreise abzuschaffen.

Wir haben den Senf auf Heinz-Günthers Bulette geschmiert. Nicht nur, weil wir gut gegenüber anderen waren. Aich die, die unsere Werte nicht achten. Sondern weil wir Heinz-Günther die Hoffnung vermittelt haben, auch er könne mal ohne Anstrengug relevant werden.

Eine Polizeieinheit von Protestlern eingekesselt.

Und bitte, das hat absolut nichts mit Links und Rechts zu tun. Was heute damit identifiziert wird, sind mehrheitlich Begriffe, die seit etwa den 1970ern auf die politischen Seiten projiziert wurden. Ein rechter Korps-Angehöriger der Weimarer Republik war ebenso wenig gegen Gendersternchen, wie ein Rotfrontkämpfer pazifistisch war. Es gab sogar demokratische Kampfbünde, ach du grüne Neune.

Live Hack: Wenn beide Seiten sich als Nazis beschimpfen, stimmt da etwas nicht. Vielleicht sind aber beide Faschisten.

"Nazis jagen ist nicht schwer, mit Hammer, Sichel und Gewehr." Linksextremistisches Banner junger Männer in Gießen. Sowjet ist wieder sexy.

Nun schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung. Das war nicht nur vorhersehbar, es wurde prognostiziert. Jene, die sich heute als Linke sehen, haben die Latte des für die Mehrheit Akzeptablen schlicht gerissen.
Selbst Linke aus den USA, Israel, Japan oder Neuseeland schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man ihnen sagt, dass Flüchtlinge hier Straftaten begehen, und Deutschland sie nicht einfach rausschmeißt. In deren Augen selbstzerstörerisch.

Das ist keine Wertung. Es ist eine Bestandsaufnahme.
Der Alarmismus wird von denen, die beiderseits der Ränder des demokratischen Spektrums herumlungern, gefördert. Und Leute, die in der demokratischen Mitte zwischen diesen radikalen Polen stehen, werden von beiden Seiten als Feind ausgemacht.
Die Bilder aus Gießen haben nur einer Seite genutzt.

Anders kann ich mir die Reaktionen auf mein Posting nicht erklären. Es gehört ja schon einiges dazu, aus der Kritik an Linksradikalen in Gießen zu lesen, man sei für die Rechtsradikalen in der Halle. Oder man würde alle, die dagegen protestieren, über einen Kamm scheren.

Proteste? Gab es Proteste?
Ich habe nur Wasserwerfer gesehen. Und Vermummte. Und eine Mülltonne, die in eine Polizeieinheit geschoben wurde.

Und das arme Pferd.

Sujet Meta

2 commentaires

Souhaitez-vous voir les commentaires ?
Devenez membre de U.M. pour rejoindre la conversation.
Adhérer