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Öha (17/50)

Öha, liebe Koapiercommunity! Dieser Ausruf des Erstaunens stammt von Gerhard Friedle.

Friedle, den fast niemand so nennt, hat am Freitag ein Album mit dem Titel Öha (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) veröffentlicht, das diesen Newsletter sehr durcheinander geworfen hat.

Ich hätte nämlich niemals erwartet, dass ich wegen Friedle, den alle DJ Ötzi nennen, mal meinen Newsletter umplanen würde.

Dazu sehe ich mich aber verpflichtet, weil ich als Koapier-Kolumnist ja auch über aktuelle Cover-Versionen berichten will (ich habe das hier schon mal getan (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)): Und Öha versammelt vierzehn Adaptionen von bekannten Songs - und eine davon ist so gut, dass ich sie diese Woche hier vorstellen will. (Eine zweite stelle ich ganz am Ende vor. Sie ist nämlich - wie mein Freund Peter Wittkamp urteilt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - ein Verbrechen an der Menschheit.)

Jetzt aber erstmal zu dem Ohrwurm aus den späten 1980er Jahren aus dem Münchner Umland, der mich so überzeugt hat, dass ich den Plan umgeworfen habe.

Viel Spaß beim Lesen & Hören

Dirk

PS: Für den optimalen Lesegenuss empfehle ich, hier auf YouTube den Song zu starten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und dann die Lektüre zu beginnen.

Here I Am

“Here I Am” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in der Adaption von DJ Ötzi. Im Original von der Band Dominoe. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Musik kann wie ein gutes Parfüm sein. Sie kann unterbewusste Erinnerungen wecken, die uns auf eine Weise erreichen wie ein angenehmer Duft, den wir wahrnehmen aber nicht erklären können. Deshalb wünsche ich mir ein Shazam für Gerüche, also eine technische Hilfe, die mir Auswege zeigt aus dem merkwürdigen Gefühl der unerklärlichen Erinnerung.

In dieser Woche stecke ich in genau dieser ausweglosen Erinnerungsklemme - und zwar musikalisch. Ich höre einen Song, den ich zweifelsfrei kenne; aber nicht erklären kann. Es ist ein Song, den ich in einer weit entfernten Vergangenheit häufig gehört hatte. Ich kenne seinen Titel und sogar seinen Text, aber ich weiss nicht, woher und von wem ich ihn kenne.

Es geht um den Song “Here I Am (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” von DJ Ötzi. Er beginnt mit den Worten

Ich fahr nächtelang - auf der Autobahn - in jeden Ort und in jede Stadt - um bei dir zu sein - Wir haben uns Kraft gegeben - können uns noch blind verstehen - Ich hätte nie gedacht - dass ich jemals sowas wie mit dir erleb’

Das ist eine Adaption, also eine Übersetzung eines Originalsongs, der in seiner Vorlage auf englisch gesungen wird (zum Thema Übersetzen und Kopieren bitte die Folge 13 nachlesen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).

Aber all das hilft mir nicht, weil es einfach zu viele Songs mit dem Titel gibt - und das gesuchte “Here I Am”-Lied zu alt und zu unbekannt für die Spotify-Suche ist, um es mir weit oben anzuzeigen.

Und so verbringe ich dank DJ Ötzi sehr lange Zeit damit, mich durch 80er Jahre Erinnerungen zu wühlen und durch Here-I-Am-Songs zu klicken bis ich endlich die Vorlage für die erste Strophe finde. Sie geht so:

No fantasy - I'm reality - Oh, a dream comes true - for me and you, when I'm with you - You're watching me - I will make you free - I take you around the world - so I'm with you - and comfort you

Getexte haben diese Worte Jörg Sieber und Robert Papst. Das steht auch in den Autorenangaben der DJ-Ötzi-Version. Hilft mir aber natürlich nicht wirklich.

Die beiden hatten in den 1980er Jahre eine Rockband, die sie in Grafing bei München gegründet hatten. Diese Rockband hatte einen großen Hit: “Here I Am”. Der Song wurde im Werbespot für den Renault 5 genutzt, der im Jahr 1988 im deutschen Fernsehen beworben wurde und die Band von Sieber und Papst in die Charts brachte.

Sie hieß: Dominoe

Ich glaube man tut weder Dominoe noch Bayern1 unrecht, wenn man sagt: “Here I Am” ist der perfekte Bayern1-Song. Musik für Menschen, die die späten 80er und frühen 90er Jahre für den Höhepunkt der Musikgeschichte halten (häufig weil sie damals selbst jung waren) - und genau an dieser Musik festhalten.

DJ Ötzi ist zu loben, weil ihm mit seiner Here-I-Am-Adaption eine wunderbare Facette der Kopie gelungen ist: Er macht die Original-Version wieder bekannt - was eine besondere Version des Rückwärts-geboren-Seins (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) eröffnet.

Neuer Kontext

(B7) Kopien haben ein schlechtes Image. Sie gelten als minderwertig und Künstler:innen, die Cover-Alben rausbringen gelten als faul. Sie haben zu wenig Energie für eigene neue Werke und wollen auf den Schulter von Riesen neue Aufmerksamkeit gewinnen - so der Vorwurf.

Ich teile diese Ansicht nicht - und “Here I Am” zeigt sehr anschaulich, was eingelöst sein muss, damit ich eine Kopie für lobenswert halte: Sie muss einen neuen Kontext schaffen! Damit meine ich den räumlich, zeitlichen oder sozialen Rahmen, in dem der kopierte Inhalte wahrgenommen wird.

“Here I Am” gelingt diese durch die Adaption des Textes in den Strophen. Er wird ins Deutsche übertragen, erhält die “Wir halten zusammen”-Stimmung des Originals und schafft dennoch etwas Neues.

Genau darin unterscheiden sich billige Imitationen von originellen Kopien: ihre Originalität (skaliert abzulesen! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) ist hoch weil im neuen Kontext neue Aspekte aufscheinen, die im Original vielleicht noch gar nicht (oder schlechter) erkennbar waren.

… ich habe Feedback bekommen. Eine Leser:innen-Mail, die mich so sehr gefreut hat, dass sie vielleicht in Zukunft hier auch als Cover-Vorschlag auftauchen wird. Das schreibe ich, weil ich auch dich einladen will: Schreib mir gerne, wenn du Here-I-Am-Assoziationen hast oder dir was zum Thema Koapieren einfällt.

In jedem Fall hier das versprochene Lowlight vom Ötzi-Cover-Album: Was er mit “Sex on Fire” von Kings of Leon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gemacht hat, ist wirklich ein Verbrechen an der Menschheit. Er hat aus einem sehr schöne Lied, das leider häufig in Trink-Kontexten mitgesungen wird, eine reine und rabiate Sauf-Version gemacht.