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Ausbeutung in Werkstätten

Vor einiger Zeit wurde ich eingeladen, einen Vortrag über Ableismus (die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen und von chronisch kranken und psychisch erkrankten Menschen) zu halten. Eine Folie meiner Präsentation hatte ich überschrieben mit: Ausbeutung in Werkstätten. Vom Veranstalter wurde mir einen Tag vorher sehr, sehr eindringlich nahegelegt, das nicht auf meine Folie zu schreiben. Ich habe es dann aber gesagt.

Genau bei dieser Veranstaltung habe ich Sean Merk kennengelernt. Er arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und findet die Arbeitsbedingungen dort unmenschlich. Für meine Gesprächsreihe Neue Maloche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe ich mit ihm über seine Arbeit, seinen Lohn (weit unter Mindestlohn) und seine Forderungen gesprochen:

Menschen müssen uns fragen, wie wir die Dinge sehen. Und uns nicht abstempeln, als hätten wir keine Ahnung von nichts. Uns einfach mal zuhören, das wäre gut.

Hier geht es zum Gespräch mit Sean Merk. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
(Geschenklink)

Menschen mit Behinderungen in Werkstätten bekommen für ihre Arbeit im Schnitt 250 Euro im Monat. Dazu gibt es Grundsicherung – obwohl die meisten viele Stunden arbeiten. Sean Merk arbeitet zum Beispiel 36 Stunden pro Woche. Und ist trotzdem auf die Grundsicherung angewiesen. Zu unserem Interview kam er zu Fuß. Ein Busticket war nicht drin.

Eigentlich sollen die Werkstätten die Mitarbeitenden auf das Arbeitsleben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten. Aber nur 1 Prozent der Menschen aus den Werkstätten wechseln auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sean Merk sagt zum allgemeinen Arbeitsmarkt: Mich will niemand haben. Man gibt uns keine Chance. Man kauft sich lieber frei.

Die sogenannte Schwerbehindertenquote liegt für alle Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitenden bei 5 Prozent. Wer aber nicht 5 Prozent Arbeitnehmer*innen mit Behinderungen beschäftigt, muss eine Ausgleichsabgabe von 140 bis 360 Euro monatlich pro nicht-besetztem Arbeitsplatz zahlen. Gleichzeitig können Unternehmen Aufträge, die sie an Werkstätten vergeben, zu 50% auf die Ausgleichsabgabe anrechnen. Sie kaufen sich also von der Beschäftigung behinderter Arbeitnehmer*innen frei. In Deutschland werden pro Jahr fast 700 Millionen Euro pro Jahr von Firmen bezahlt, damit sie keine Menschen mit Behinderungen einstellen müssen.

In Behinderten-Werkstätten gelten andere Rechte als in den meisten anderen Jobs. Es gibt kein Streik-Recht. Es gibt keine Tarif-Verträge. Es gibt weniger Lohn. Aber ansonsten ist sehr viel sehr ähnlich wie in anderen Jobs. Es gibt feste Arbeits-Zeiten. Sean Merk arbeitet jeden Tag von 8 bis 16 Uhr. Und es gibt feste Urlaubs-Tage. Oft sind die sogar vorgegeben, weil viele Werkstätten feste Schließzeiten haben.

Für Kinder mit Behinderungen ist die Schule und die Arbeit oft vorgezeichnet: Erst Sonderschule, später Werkstatt. Es gibt nur sehr wenige Menschen mit Behinderung, die andere Chancen bekommen. Deutschlandweit arbeiten etwa 300.000 Menschen in Behindertenwerkstätten. Tendenz steigend, obwohl das gegen die UN-Behindertenrechtskonvention verstößt.

Die Arbeit in den Werkstätten ist Ausbeutung. Das bedeutet, viele Menschen in den Werkstätten werden ausgenutzt. Sie arbeiten viel und bekommen wenig Geld. Das ist ungerecht. Menschen, die in den Werkstätten arbeiten, haben keine Lobby. Lobby bedeutet: Sie haben keine Menschen mit Macht, die sich für sie einsetzen. Deshalb müssen sie für 1,50 Euro pro Stunde arbeiten.

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Zu Werkstätten weiterlesen könnt ihr bei den Kolleg*innen von andererseits (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Die Neue Norm (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

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