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Mein Jahr mit Jagoda Marinić, Richard Sennett, Elisabeth Bronfen und anderen…

Mein 2025: Auch in diesem Jahr hatte ich im Bruno Kreisky Forum wieder ganz famose Gäste. Es lohnt sich, einmal zurück zu blicken.

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Heute möchte ich Euch ein wenig über mein Jahr 2025 erzählen. Neben den publizistischen Arbeiten, die ich hier immer auch verschicke, und den aktivistischen Spielbeinen (etwa die Rede bei der großen Demonstration in München auf der Theresienwiese) habe ich ja, na, ein eher buntes Arbeitsleben. Soll heißen: Recht heterogen. 2025 war ich mit den beiden großen “Wiener Kongressen” wieder als Dramaturg bei den Wiener Festwochen eingespannt (gemeinsam mit Natalie Assmann). Nach dieser Produktion ging es gleich weiter mit Diskurs-Theater-Produktionen unter der Regie von Milo Rau, denn was 2026 auf den Bühnen stehen will, muss ja jetzt schon vorbereitet werden. Im Februar 2026 machen Milo Rau und unser kleines Team eine spektakuläre Produktion im Hamburger Thalia Theater. Mehr dazu demnächst. Was auch noch in das Jahr hineingepasst hat: Zwei Bücher, die beide 2026 erscheinen: “Die Kunst des Widerstands” erscheint schon im Februar bei Picus, ein Essayband, der Texte über “radikalen Linksliberalismus”, die “Verteidigung der Vernunft”, über Texte zu Marx bis hin zu Essays über Kafka, Orwell und Pasolini versammelt. Und im Sommer kommt dann das nächst große zeitdiagnostische Buch bei Suhrkamp heraus. Arbeitstitel: “Erziehung zur Grausamkeit”. Die letzten Kniffe und Redigaturen mache über über Weihnachten.

In meinem Leben gibt es also immer wieder den bunten Strauß an neuen Herausforderungen, zugleich aber ein paar langjährige Kontinuitäten. Ich sag ja manchmal scherzhaft, ich wechsele jetzt bald von “junges Talent” in die Bevölkerungsgruppe “Zeitzeuge”. Die Berliner “tageszeitung” (“taz”) postete vor ein paar Tagen eine historische Titelseite von vor dreißig Jahren, auf der ich den Seite-1-Leitartikel schrieb und kommentierte erstaunt, ob es denn sein kann, dass ich echt schon vor dreißig Jahren für das Blatt schrieb? Ja, und wie das sein kann. Exakt 33 Jahre sind das jetzt glaub ich. Eine gewisse Veteranenhaftigkeit kann ich also nicht mehr verleugnen.

Ebenfalls eine schöne Kontinuität im Wandel ist meine Kuratorentätigkeit im Kreisky-Forum, die jetzt auch schon mehr als zwanzig Jahre währt. In meiner Gesprächsreihe in der einstigen Villa von Bruno Kreisky hatte ich dieses Jahr wieder einen richtigen Reigen famoser Gäste. Allen, die dazu beitragen, sei hier einmal gedankt, beginnend mit dem coolen Team des Forums, das all diese Leute einlädt und dafür sorgt, dass sie rechtzeitig ankommen; und den Kooperationspartnern in Verlagen usw. sowie natürlich den Gästen selbst, von denen viele schon zu langjährigen Freund*innen des Hauses und auch des Kurators (also mir) geworden sind. Was ein ordentlicher Think-Tank sein will, hat natürlich auch einen Jahresbericht, und für diesen Jahresbericht habe ich kurze Zusammenfassungen der Gesprächsabende geschrieben.

Ich poste die hier jetzt auch, weil sie in Summe so etwa wie einen kleinen Überblick geben - nicht nur darüber, was wir so tun, sondern auch über zentrale Themen der Diskurse unserer Zeit von Klima über ökonomische Gerechtigkeit, die Strukturkrisen der westlichen, kapitalistischen Ökonomie bis hin natürlich zu den Verschärfungen von Populismus, Rechtsextremismus zu Neuem Faschismus. Das ist alles im besten Sinne politische Bildung, und nicht nur für das Publikum, sondern auch für mich selbst natürlich, denn bei den Gesprächen mit den hochkarätigen Denkerinnen und Denkern lerne ich am meisten dazu.

Hier also die kleine Liste:

Jagoda Marinić: Sanfte Radikalität

Jagoda Marinić ist eine der bemerkenswertesten intellektuellen Stimmen im deutschsprachigen Raum geworden, hat Romane geschrieben, ist Schriftstellerin, Essayistin, Moderatorin, Kolumnistin, TV-Macherin und eine der meistgehörten Podcast-Hosts des Landes. In ihrem Buch „Sanfte Radikalität“ entfaltet all das Wirkung, aber es kreist auch um eine weitere Identität von Marinic: viele Jahre lang hat sie das Interkulturelle Zentrum in ihrer Heimatstadt Heidelberg aufgebaut und als Managerin geführt. In ihrem Buch setzt sie sich aber auch mit den konfrontativen Stil in linken-Sub-Gruppen auseinander, ein Stil, in dem andere schnell einmal aggressiv angegangen oder moralischer Beschämung ausgesetzt werden. Eine Sackgasse, meint Marini. Nach und nach entfernte sie sich, schreibt sie, „von der diskursiven Radikalität, die heute oft den Ton bestimmt, gerade auch bei vielen meiner Generation.“ Marinic zerlegt Dogmen, Totschlagargumente und den Import von radikalen Begrifflichkeiten aus den USA, die auf veränderte Umstände gar nicht passen. Marinic spricht voller Pathos, gewinnend und packend, sie ist eine große Erzählerin, wenn sie da auf der Bühne sitzt und was sie antreibt, ist die Hoffnung. Sie sieht die Probleme, ärgert sich auch über Rassisten, sieht aber zugleich auch das Gelingende, die Möglichkeiten. Ihre Frage ist stets: „Wie gewinnt man Menschen für seine Vorstellungen, für egalitäre Werte?“ Für steile Thesen und Aktivistenjargon hat sie keine Nerven mehr, sagt sie, und fügt hinzu: „Ich wurde sanfter auf diesem Weg.“

Tareq Sydiq: Die neue Protestkultur

Mit seinem Buch „Die neue Protestkultur“ (Hanser-Verlag) ist Tareq Sydiq ein kleiner Bestseller gelungen. Er betrachtet nicht nur neue Protestbewegungen in der westlichen Welt – von Black Lifes Matter bis zu Friday for Future –, sondern auch Protestbewegungen in anderen Weltgegenden, etwa in Hongkong oder im Iran und zudem die Geschichte von Protestbewegungen, von Bauernprotesten in Indien bis zu Bürgerrechtsbewegungen in den USA und die 68er in unseren Breiten. Bürgerproteste und Demonstrationen sind „ein Stück ursprünglich-ungebändigter unmittelbarer Demokratie“, wie es in einem Urteil des deutschen Verfassungsgerichts heißt. Dabei haben es Proteste schwer, sie werden niedergeschlagen, sie werden ignoriert, sie verlieren mit der Zeit ihren Elan – warum haben sie „trotz allem regelmäßig Erfolg?“ fragt Sydiq. Protestbewegungen sind dann erfolgreich, „wenn sie es schaffen, heterogene Gruppen zu mobilisieren, weil sie damit unterschiedliche Milieus ansprechen“. Sie haben langfristig Erfolg, denn wer einmal an Protesten teilgenommen hat, wird auch künftig leichter mobilisierbar sein. So entstehen politisch aktive Milieus mit langfristiger Wirkung. Besonders wirksam sind sie, wenn Verbände und Organisationen entstehen, die die Aktivitäten verstetigen, und wenn also ein „Marsch durch die Institutionen“ gelingt. Sind sie friedlich, nützen sie dem Anliegen, werden sie gewalttätig, stoßen sie auch Verbündete ab. Sie können Parteien treiben und anstacheln, und nicht immer können Regierende den Protest aussitzen. Besonders dann fällt ihnen das schwer, wenn die Protestierenden Teile der Wählerschaft oder Funktionäre der Regierenden auf ihre Seite ziehen. Auch Revolutionen sind „selten erfolgreich ohne Bündnisse mit Teilen der Eliten“, meint Tariq Sydiq. Im Gespräch mit Robert Misik unternahmen Moderator und Gast auch einen Parforceritt durch 50 Jahre Protestgeschichte im deutschsprachigen Raum, von der Burggartenbewegung über die Hainburg-Besetzung, von Anti-Kriegs-Protesten bis zu den Anti-Haider-, Anti-FPÖ und Anti-AfD-Bewegungen und den Massenmobilisierungen im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl.

Kolja Möller & Carina Altreiter: Volk und Elite

Kolja Möller arbeitete als Wissenschaftler an der Universität Frankfurt, er ist gegenwärtig Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften an der TU Dresden und hat im Suhrkamp-Verlag beispielswiese „Populismus. Ein Reader“ herausgebracht, zudem vor einigen Jahren „Volksaufstand und Katzenjammer. Zur Geschichte des Populismus“. Und nun also sein großes Werk „Volk und Elite“, eine Gesellschaftstheorie des Populismus. Die Rhetoriken und Konzeptionen „des Populismus“ sind in der Demokratie angelegt, deren Entgleisung also immer auch eine Möglichkeit. Im Gespräch mit Robert Misik stellte er die Ambiguitäten von Volkssouveränität und demokratischer Anti-Eliten-Rhetorik dar, die Wiener Soziologin Carina Altreiter kommentierte aus eher empirischer Perspektive: Wer ist „das Volk“ real, stellt es sich doch bei näherem Hinsehen als „die Bevölkerung“ dar, die äußerst heterogen ist. Robert Misik hat Möllers Buch im Vorfeld für den „Falter“ rezensiert. Hier einige Ausschnitte:

„Der Populismus – heute vor allem dessen ultrarechte Ausformung – ist eine Gefahr, er zerstört die Demokratie von innen, zerreißt Gesellschaften, und spült Figuren wie Donald Trump, Giorgia Meloni, Herbert Kickl und Viktor Orban in Spitzenämter. Zudem vergiftet er ganze Nationen mit Bitterkeit und Ressentiment.

Kolja Möller möchte es aber bei der Verdammung des Populismus nicht belassen. Der Populismus ist auch ein „kleiner Volksaufstand“, schreibt Möller, ein „Schmerzensschrei“. Ganze Gesellschaftssysteme erleben einen „populistischen Moment“, wenn die inneren Spannungen in der Demokratie zu groß werden, etwa, wenn sich viele Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen und empfinden, dass die proklamierte „Volkssouveränität“ nur mehr auf dem Papier besteht.

In der nüchternen Systematik des Politikwissenschaftlers analysiert Möller bestechend, dass der Populismus in demokratischen Gesellschaften immer angelegt ist und sich auf bald tausendjährige Gedankenreihen stützen kann. Man denke dabei etwa an die Definition des „Volkes“, das in religiösen Schriften vom „Volke Israel“ der Juden bis zum „Kirchenvolk“ der Christen als Heer der einfachen Leute konstruiert wird, über die kniffligen Fragen der „Souveränität“ im Staat („souverän“ ist, wer die Endentscheidung hat, mag das ein Kaiser sein oder das Volk, das bei Wahlen seine Entscheidung fällt). Im demokratischen Verfassungsstaat kreuzt sich das in der „Volkssouveränität“, die aber immer spannungsvoll ist. Pathetisch wird proklamiert „alle Gewalt geht vom Volke aus“, aber am Ende wird diese Macht von Eliten ausgeübt, von Politikern etwa.

Diese Gewalt ist gebunden, durch das Gesetz und von der Verfassung, die wiederum Freiheitsrechte des Einzelnen festschreibt, die durch das Mehrheitsprinzip nicht außer Kraft gesetzt werden können. Alle Gewalt geht vom Volke aus, wird aber durch Verfassungsrichter begrenzt, die ihrerseits Teil von Funktionseliten sind. Kurzum: Die Vorstellungen von Demokratie sind voller Paradoxien.

(…) Auch der „Volkswille“ ist eine Fata Morgana, die man nie finden wird, mag man ihn noch so verbissen suchen. Der Populismus, so zitiert Möller den Philosophen Isaiah Berlin, entspringt „unzufriedenen Menschen, die das Gefühl haben, dass sie irgendwie die Mehrheit der Nation repräsentieren, die von der einen oder anderen Minderheit heruntergeputzt worden ist“. Es ist auch ein Impuls des Populismus, bisher Nichtinkludierte in das politische System zu integrieren. Er hat damit einen demokratischen Stachel. Noch der autoritäre Populismus bewege sich, so Möller, in den meisten Fällen „innerhalb des demokratischen Paradoxes“ und ist daher nur selten mit dem historischen Faschismus zu vergleichen, kann sich aber über identitäre Verhärtung und Radikalisierung in diese Richtung entwickeln.

Samira Akbarian: Recht brechen.

Ziviler Ungehorsam übt nicht Gewalt aus, ihn definiert, dass er den eigenen Körper passiv einsetzt und „die eigene Verletzlichkeit als Protestmittel“ einsetzt, formuliert Samira Akbarian, in ihrem Buch „Recht brechen“, einer Theorie des zivilen Ungehorsams. Akbarian, Staatsrechtlerin an der Universität Frankfurt, betrachtet den kalkulierten Gesetzesbruch durch den Fokus von Recht und Rechttheorie und kommt zu dem überraschenden Schluss, dass er durch Recht und Verfassung gedeckt ist. Kreisky-Forum-Kurator Robert Misik hat das Buch im Vorfeld der Veranstaltung für den „Falter“ besprochen, hier einige Ausschnitte daraus:

Gewaltfreier Widerstand, der Regeln und Gesetze bricht, ist eine große Erfolgsgeschichte. Das gilt in demokratischen Rechtsstaaten, in denen es spektakuläre symbolische Regelübertretungen schaffen, unterdrückte Themen auf die Tagesordnung zu bringen. Das gilt sogar in Diktaturen: Untersuchungen zeigen, dass von den „erfolgreichen“ und „teilweise erfolgreichen“ Kampagnen die strikt gewaltfreien viel öfter erfolgreich sind als die gewaltsamen. Weil durch den „David-gegen-Goliath“-Effekt die öffentliche Meinung sogar in Diktaturen häufig zugunsten der Protestierenden kippt. Repression gegen gewalttätige Rebellionen lässt sich leichter „rechtfertigen“, während umgekehrt, Repression gegen friedliche Protestler Regimes erst recht in Bedrängnis bringt.

„Ziviler Ungehorsam“ in demokratischen Rechtsstaaten kann Themen in den Fokus rücken, die sonst ignoriert werden würden, etwa bei Straßenblockaden oder menschlichen Schutzringen gegen Abschiebungen, für den Klima-Schutz (wie bei den Aktionen der „Letzten Generation“) oder wie bei den Kampagnen der Tierschützer. Freilich, die positive Resonanz ist nicht automatisch garantiert.

Die 34jährige Frankfurter Juristin und Staatsrechtlerin Samira Akbarian hat sich nun dem Thema „Recht brechen“ in Demokratien angenommen, nicht weniger als „eine Theorie des zivilen Ungehorsams“ entworfen und dafür prompt mehrere Preise abgeräumt. In ihrer brillanten Untersuchung durchschreitet sie nicht nur historische Exempel wie die US-Bürgerrechtsbewegung, die Occupy-Bewegungen nach der Finanzkrise oder die Klima-Proteste, sie beleuchtet das Thema aus den verschiedenen Perspektiven: den juristischen, den diskurs-theoretischen, den moralphilosophischen Blickwinkeln.

Ziviler Ungehorsam bricht zunächst einmal Regeln. Damit verstoßen sie gegen das Gesetz und könnten als problematisch angesehen werden, da sie ganz offensichtlich demokratische Verfahren nicht akzeptieren. Diese Gesetze sind schließlich demokratisch zustande gekommen. Dennoch, so Akbarian, agieren sie meist im Rahmen des Rechts: denn erstens kann man Gesetze ändern, zweitens verändert sich deren Interpretation. Und zu dieser permanenten Neuinterpretation leistet der zivile Ungehorsam seinen Beitrag. Insbesondere geht es zivil Ungehorsamen oft „gerade darum, die durch die Verfassung ausgestalteten Gerechtigkeitsprinzipien zu verwirklichen“, formuliert sie – also etwa Freiheit oder Gleichheit.

Simon Schaupp: Stoffwechselpolitik

Eine ganz große Geschichte der Arbeit

Irgendwie habe ihn immer gestört und geärgert, dass wir die ökologische Krise primär unter der Perspektive des Konsums betrachten, sagt Simon Schaupp. „Das war der allererste Antrieb für dieses Buch“, erzählt er. Dabei ist unser – heute bisweilen gestörter – Stoffwechsel mit der Natur einer, der sich in der Produktion vollzieht. Auch die Zerstörung des Planeten. Ein Manager der Ölindustrie, der lokal Urlaub macht und mit dem Fahrrad ins Büro fährt, könnte einen „sehr kleinen ökologischen Fußabdruck haben“, aber sein Beitrag zu unseren Problemen ist dennoch ein großer. Jede Produktion ist, so Schaupp, ein Stoffwechsel mit der Natur. Er geht aber von der berühmten Stelle bei Karl Marx aus, der von einem „Riss im Stoffwechsel“ führt. Die Natur ist eine Voraussetzung, hat aber auch eine Autonomie. Sie kann nicht „produziert“ werden. Sie rächt sich bisweilen. Bodenversiegelung, Urbarmachung, Rodung, das führt zur Klimakrise, Überschwemmungen, und damit auch zu ökonomischen Kosten. Überausbeutung von Arbeitern führt irgendwann zum Fehlen von Arbeitern. Radikale Nutzbarmachung – sie unterminiert auch die Nutzbarmachung. Im Zuge seiner Arbeit bemerkte Schaupp schnell, dass er nicht einfach ein „aktuelles“ Buch über unsere zeitgenössischen Ökologieprobleme und deren Ursache in Produktionsweise und Eigentumsordnung schreiben kann. Der Stoffwechsel von Mensch, Produktion, Nutzbarmachung und Vernutzung, das ist im Grunde unsere gesamte Wirtschaftsgeschichte. So ist Schaupps Buch auch eine große Geschichte der Biologie und Physik der Wirtschaftsentwicklung: Über Sklaverei, Kolonialismus, Eroberungsfeldzüge, von der Kohlegewinnung und der Rodung ganzer Landstriche, von der Verpflanzung ganzer Arbeiterarmeen bis zum Eisenbahnbau, die Schlachthöfe in Chicago – Schaupp versteht es in packenden Kapitel zu erzählen, wie die Biologie der Produktion Grenzen setzt, die Schäden, die wir anrichten, auf uns zurückfallen, wie aber auch die Gesetze der Biologie die Innovation fördern. Beispiel: Akkord und Fließband setzten sich als erstes in den Fleischfabriken durch, weil Fleisch schnell verfault, also Eile geboten ist. Schaupps Arbeit ist ein großartiger Beitrag zur ökologischen Debatte, zugleich aber auch ein neues Schlüsselwerk der Wirtschaftsgeschichte.

Richard Sennett: Der darstellende Mensch

Richard Sennett ist einer der führenden Diagnostiker unserer Zeit, was in seinem Fall schon heißt: unserer „Gegenwarten“ in den vergangenen 50 Jahren. Vieles an seiner Arbeit erscheint uns heute sogar bekannt, weil es zum Allgemeinwissen wurde. Sennett erspürte früh, was dann später Common Knowledge wurde. „The Hidden Injuries of Class“ etwa, vor über 50 Jahren geschrieben, beschreibt die Verwundungserfahrungen, das Gefühl „von oben herab“ behandelt zu werden, der Arbeiterklasse. Ende der 1990er Jahre, als der neoliberale Kapitalismus am Höhepunkt seines Triumphes stand, beschrieb Sennett früh in „Der flexible Mensch“, dass die Auflösung traditioneller Strukturen, die Verwandlung der Arbeitswelt, Freelancing und das Selbstunternehmertum nicht nur befreiend sind, sondern einen neuen Druck etablieren und die Persönlichkeit untergraben. Viele seiner Arbeiten haben eine ähnliche „Karriere“. In Kreisky Forum sprach er mit Kurator Robert Misik über sein neueste Buch – „Der darstellende Mensch“ – über den „Performer“, den Performer in der Kunst, in der Politik, das Aufkommen des Showman und Strongman – von Berlusconi bis Donald Trump -, und den Performer im Alltag, also über uns alle, die verschiedene Rollen spielen, was zur menschlichen Gesellschaft dazu gehört, aber uns mit der bohrenden Frage danach zurücklässt, ob wir nicht „entfremdet“ seien oder unser „authentisches Ich“ verfehlen. Auch der heutige Arbeitsmarkt, so Sennett, „ist eine Form von Theater“.

Michael Soder: Eine grüne Revolution.

Über eine „neue Wirtschaftspolitik in Zeiten der Klimakrise“ sprach AK-Ökonom Michael Soder. In seinem gleichnamigen Buch zitiert er den großen, legendären österreichischen Wirtschaftswissenschafter Kurt Rothschild mit dem Satz: „Man muss die Wirtschaft ändern, um die Welt zu verändern.“ Wir müssen Infrastrukturen und die Wirtschaftsstruktur ändern, wenn wir eine Klimakatastrophe abwenden wollen. Nicht die Individuen können es lösen. Aber Infrastruktur- und Industriepolitik sind gefordert. Unternehmen brauchen Investitionssicherheit und damit klare und verlässliche Regeln, die nicht alle Jahre geändert werden, die Beschäftigten brauche ein transparentes Wissen, welche Qualifikationen sich lohnen. Wenn man das klug macht, dann bieten sich vom Wohnbau – Stichwort: Energieeffizienz und Anpassung an die neuen klimatischen Bedingungen – über die Autoindustrie (Elektromobilität) bis zur Stromerzeugung und zur Geothermie völlig neue Wachstumsbranchen. Im Dialog mit ihm unterstrich Afra Porsche, entschlossene Aktivistin der „Letzten Generation“, dass es nicht nur im Interesse der Menschheit liegt, umzusteuern, sondern dass man auch weiß, an welchen Stellschrauben man zu drehen hätte. „Ändert sich nichts, ändert sich alles“ – darüber waren sich die Ökonom und die Aktivistin einig.

Hannes Werthner: Digitaler Humanismus.

„Die ungeregelte Macht der Tech-Giganten – eine Gefahr für die Demokratie?“ darüber sprach Hannes Werthner, der Informatiker und ehemalige Dekan für Informatik an der TU-Wien mit Kreisky Forum-Kurator Robert Misik. Hier einige Passagen aus einem Interview, das Misik mit Werthner führte:

„Die digitalen Technologien sind derartig mächtig, dass sie eine immens verändernde Wirkung haben – auf die Individuen, die Gesellschaft, die Politik und Geopolitik. Sie sind heute so mächtig, dass wir uns ohne diese Technologien das Leben nicht mehr vorstellen können. Die „Künstliche Intelligenz“ ist Teil der Computertechnologie, deren Weiterentwicklung. Und obwohl das Web ein dezentrales Medium ist, wo vor einigen Jahren noch an dessen demokratische Macht geglaubt wurde, ist der Markt mittlerweile besonders stark konzentriert. Nehmen wir den Softwarebereich, Social Media, die Verkaufsplattformen der Plattformökonomie, die Suchmaschinen. Überall Konzentration, überall Fast-Monopole.

Und die Firmen, um die es geht, sind die höchstbewerteten, mächtigsten Firmen der Gegenwart…

Werthner: Das ist alles innerhalb von bloß 15-20 Jahren geschehen. Das sind vor allem US-amerikanische Konzerne, abgesehen von wenigen chinesischen Firmen. Das sind wenige Menschen, die über alles bestimmen können. Nur: Diese Systeme sind zugleich „Public Goods“, ohne die können wir nicht mehr leben. Es sind die Infrastrukturen unserer Demokratie.

Kann man überhaupt etwas tun?

Werthner: Natürlich. Das ist eine klassische demokratiepolitische Aufgabe. Und hier kommt eine klassische linke Frage wieder hoch: Wie organisiert man Gerechtigkeit und Gleichheit? (…)

Werthner: Eigentlich könnte man auch sagen, es braucht „digitalen Sozialismus“, aber wir nennen es eben „digitalen Humanismus“.

A&W: Sie haben mit vielen Spitzenforschern ein Wiener Manifest des digitalen Humanismus verfasst und gerade ein Buch darüber geschrieben Was ist digitaler Humanismus? Warum sollte er sich durchsetzen angesichts von Globalisierung, Monopolisierung und Machtkonzentration?

Werthner: Jeder Mensch hat Rechte, Bedürfnisse, die im Zentrum stehen sollen. Darum muss es gehen. Das ist das Maß! Das muss man in der Wirtschaftsförderung beachten, aber am Schluss geht es um Machtpolitik. Es beginnt schon damit, welche Angebote für Cloud-Lösungen nehmen europäische Regierungen, wohl wissend, dass amerikanische Regierungen immer Zugriff auf Daten amerikanischer Firmen verlangen kann?

Peter Bofinger: Eine tiefe Krise unseres Wirtschaftsmodells

Österreich im Frühjahr 2025: Die Budgetdefizite explodieren, ein linker Finanzminister muss die Staatshaushalte konsolidieren, um nicht bei Defiziten von knapp sechs Prozent und einer Staatsschuldenquote von 90 Prozent zu landen. Zugleich stöhnen Konsumenten und Unternehmen noch unter der Inflation, die nur langsam sinkt – also unter höheren Preisen (Konsumenten) und höheren Kosten (Unternehmen). Das Wachstum ist schwach, de fakto sind unsere Volkswirtschaften seit Jahren in einer Stagnation. Deutschland, der größten Wirtschaftspartner, hängt weiter in Stagnation fest. Die Lage ist noch einmal schlimmer als die Stimmung, diagnostiziert Peter Bofinger schonungslos. Bofinger, emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, ist einer der profiliertesten progressiven Ökonomen des deutschsprachigen Raumes. Von 2004 bis 2019 war er Mitglied im ehrwürdigen „Sachverständigenrat“, oder, wie der Volksmund sagt, einer der deutschen „Wirtschaftsweisen“. Bofingers Diagnose ist hart: Anders als in gewohnten Konjunkturkrisen, bei denen es irgendwann wieder aufwärts geht, steckt das Wirtschaftsmodell, dem wir folgten, in einer schweren Krise, die nicht mehr so schnell weggeht: die deutsche Autoindustrie hat Modernisierung verschlafen, China ist heute nicht nur bei Konsumgütern, sondern auch bei hochkomplexen Fertigungen und im Maschinen- und Autobau Konkurrenz. Viele Zulieferbranchen, auch in Österreich, hängen davon ab. Die Industrie, Herzstück der hiesigen Wirtschaft, gerät unter Druck. Gestiegene Energie- und Lohnkosten tun das Ihrige. Der Zollstreit mit den USA und Donald Trumps erratische Wirtschaftspolitik sorgen zudem für Verunsicherung. Die Unternehmen investieren nicht, die Konsumenten halten ihr Geld zusammen. Peter Bofinger beschrieb im Gespräch mit Robert Misik, dass das gigantische Investitionspaket der deutschen Bundesregierung einen Kickstart zur Modernisierung von Industrie und Infrastruktur liefern und dass eine moderne Industriepolitik bei den Zukunftstechnologien aufholen muss. Durch einen bloßen konjunkturellen Aufschwung werden sich die Kalamitäten nicht überwinden lassen.

Branko Milanovic: Visions of Inequality

Branko Milanovic, Professor an der London School of Economics, früherer Volkswirt der Weltbank, ist einer der führenden Ökonomen der Welt und Autor zahlreicher einflussreicher Studien, etwa zur globalen Ungleichheit. In seinem neuen Buch „Visionen der Ungleichheit“ liefert der berühmte Ökonom eine Art Theoriegeschichte des ökonomischen Denkens, und immer unter der Maßgabe: Was haben sie eigentlich über Ungleichheit gedacht? Jede Zeit stellt ihre eigenen Fragen, jeder Ökonom ist auch beeinflusst vom Zeitgeist. Beginnend bei Francois Quesnays und den Physiokraten wurden erstmals klare Abgrenzungen zwischen den wichtigsten wirtschaftlichen Klassen eingeführt, es markiert den Ursprung der politischen Ökonomie. Als Ziel der wirtschaftlichen Aktivität wird die Erzeugung eines Überschusses erklärt. Adam Smith wiederum unterstrich, dass der Wohlstand der größten Gruppe für Reichtum einer Gesellschaft entscheidend ist, aber die Wohlfahrt der Schwächsten der Ökonomie zugute kommt. Der Habgier und dem Eigennutz der Reichsten begegnete er mit Spott. David Ricardo wiederum rückte den Verteilungskonflikt zwischen den Klassen in den Vordergrund, Marx schließlich versuchte nachzuweisen, dass es so etwas wie Gerechtigkeit im Kapitalismus nicht geben könne. Bemerkenswert ist, dass bei allen Denkern – auch bei Pareto oder John Maynard Keynes – die Ungleichheit nur am Randa behandelt wird, eher als Indiz oder Resultat des ökonomischen Prozesses. Heute wissen wir viel klarer, dass schroffe Ungleichheiten zu niedrigem Wachstum führen und eine Quelle ökonomischer Kalamitäten ist. „Was macht wachsende Ungleichheit mit unseren Gesellschaften?“ ist heute eine immer drängender gestellte Frage, die sich gerade im Rückgriff auf die Theoriegeschichte schärfer stellen lässt.

Philipp Lepenies: Demokratie unter Beschuss

Vom Werden und vom Vergehen der Demokratie

„Die Demokratie ist unter Beschuss, sowohl von außen als auch von Innen“, sagt Philipp Lepenies, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler an der FU Berlin. Doch die Debatte über „die Krise und die Unzulänglichkeit der Demokratie ist so alt wie Die Demokratie selbst“. In seinem neuen Buch äußert er die Überzeugung, dass man die Bedrohungen der Demokratie heute besser versteht, „wenn man die Schwierigkeiten und Bedrohungen der Demokratie zu ihrer Geburtsstunde kennt.“ So setzt er sich mit der Geburt der Demokratie auseinander, besonders in jenen Ländern, die man die Geburtsländer der Demokratie nennt, England, die USA und Frankreich. In England wurde auf die religiösen Wirren reagiert, dem religiösen Eifer. Aber die Demokratie selbst war von Eiferertum getrieben, dieses war ihr Motor und auch ihre Bedrohung. Die US-Verfassung wiederum war durchdrungen von Skepsis gegenüber der Demokratie, dem, was man die „demokratischen Exzesse“ nannte. Die Versuche im Zuge der französischen Revolution, Freiheit, Menschenrechte, Republik und Volksherrschaft zu erproben, führten zu Katastrophen, bevor sich demokratische Stabilität überhaupt etablieren konnten – zu „Terreur“ und dann zu Napoleon. Radikale Stimmen brachten die Demokratie voran, aber Radikalität brachte sie an den Rand des Scheiterns. Das Mehrheitsprinzip wiederum stand immer schnell in Spannung zu Grundrechten und individuellen Freiheitsrechten, die auch per Mehrheitsvotum nicht abgeschafft werden können. Ideale wie „Volkssouveränität“ oder „der Volkswille“ erwiesen sich stets als Fiktion. Es sind diese Widersprüche der Demokratie, die auch in etablierten Demokratien weiter leben. Lepenies spricht vom „Wunder der Demokratie“.

Elisabeth Bronfen und Christian Kern: „Die Zeit ist aus den Fugen“

Über Shakespeare, Trump, Macht & Intrige

Elisabeth Bronfen, Professorin in Zürich und New York, ist eine der global profiliertesten Literaturwissenschaftlerinnen und Amerikanistinnen. Mit Christian Kern, den ehemaligen Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzenden, sprach sie über ihr aktuelles Buch „Shakespeare und seine seriellen Motive“, in dem sie nicht nur die großen Dramen des Theatermachers lebendig macht, sondern seinen Einfluss auf die Populärkultur und die Aktualität seiner Themen: Den Irrsinn in der Politik, die Schurkenhaftigkeit, die Intrigen und Machtkämpfe.

Robert Misik hat das Buch im Vorfeld für den „Falter“ rezensiert. Hier einige Auszüge:

„Die Zeit ist aus den Fugen“, sagt Hamlet, der Dänenprinz. In diesen Tagen braucht man über die Aktualität der Diagnose keine großen Worte verlieren. Die Ordnung erodiert, an fähigen Anführern fehlt es. Christian Kern, der ehemalige Bundeskanzler, meinte seinerzeit gerne, was man in der Politik brauche, könne man alles in Shakespeares Königsdramen nachlesen. Zudem wisse man, wie es ausgeht: die Bühne voller Blut, alle Protagonisten tot.

Aufstände werden damit gerechtfertigt, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, dass „nur mit dem Sturz des Königs, der sein Amt missbraucht hat“, Legitimität wieder hergestellt werden kann. Konflikte brechen immer wieder auf’s Neue auf durch das „Nachwirken vergangener Vertrauensbrüche“. Amtsträger verwandeln sich nach der „Machtübernahme zum Bösen“, vergiftet vom Misstrauen. Geheimnisse werden gehegt und benützt, Intrigen gesponnen, Generationswechsel misslingen.

In allen Stücken Shakespeares steckt unendlich viel Aktualität, und muss nur unter der Patina freigelegt werden. Bronfen sortiert die Probleme auseinander, die Muster und dramaturgischen Kniffe, und zeigt, wie sie sich in Shakespeares Stücken wiederholen.

Was immer wieder auftaucht: Traumbilder, Prophezeiungen und Gespenstergeschichten, die toxischen Geheimnisse, das Unglück, das durch falsche Annahmen ausgelöst wird, Intrige und Leidenschaft. Die Serialität steckt nicht nur in der Wiederkehr der Thematiken, sondern auch in den Cliffhangern, die Shakespeare einbaut. Das Shakespearehafte ist für Netflix und Co. perfekt. Man sehe sich nur „Succession“ an.

Die Macht mag seit Shakespeares Zeiten ihre Verkörperungen verändert haben – nicht mehr Könige, Feldherren, Träger personaler Macht sind heute zentral –, sie wabert eher in den Kapillaren der Gesellschaft, hat sich aufgelöst in Strukturen (Foucaults berühmte „Maschen der Macht“), und dennoch sind die Fragen Shakespeares so aktuell als hätte er sie vorgestern umgrübelt. Die Macht, die mit Ohnmacht einher geht, die unbeabsichtigten Nebenfolgen von Handlungen, die gesetzt werden; die Frage, ob man denn überhaupt handeln kann, sobald man die Nebenfolgen bedenkt. Wer überstürzt handelt, richtet Unheil an, wer besonnen ist, erst recht. König Lear, der jähzornige Alte, regelt seine Nachfolge und setzt das Unheil in Gang, Hamlet, der Zauderer, der weiß, dass man gar nicht handeln kann, wird aktionsunfähig. Macbeth, der Ehrgeizling, ruiniert alles. Der Kompromiss führt zu keinen Lösungen, die Kompromisslosen waten durch ein Meer von Blut.

Unfähige Könige sitzen am Thron, korrupte Hofschranzen und boshafte Berater umschwänzeln sie. Wer würde da nicht sofort an Donald Trump und den Mafiafaschismus um ihn herum denken, an Elon Musk oder J. D. Vance.

Ein einmal errungener Frieden kann die Konflikte nur überdecken, alte Verletzungen kochen immer wieder aufs Neue hoch. Kennt man aus der SPÖ.

Die Leidenschaft zieht eine Blutspur, das Fehlen von Leidenschaft mitunter auch, Ehrgeiz, Rachsucht, Eitelkeit und Gefallsucht sowieso.

Daniel Cohn-Bendit, Claus Leggewie: Zurück zur Wirklichkeit!

Sie sind zwei Legenden, große Figuren ihres jeweiligen Faches: Umso mehr war es eine Freude, Daniel Cohn-Bendit erstmals und Claus Leggewie wieder im Bruno Kreisky Forum begrüßen zu dürfen. Vor knallvollem Haus präsentierten sie ihr Gesprächsbuch „Zurück zur Wirklichkeit. Eine politische Freundschaft“. Dany Cohn-Bendit ist gleichsam das Gesicht des progressiven Aufbruches der sechziger Jahre, seit er als „Dany Le Rouge“ – Der rote Dany – der Anführer der Pariser Mai-Revolution war. Als undogmatischer Antiautoritärer, als Begründer der Grünen, als erster Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt, als Zeitungsmacher und als grüner Europaparlamentarier hat er sich immer wieder neu erfunden, und war in mehreren Jahrzehnten eine prägende Gestalt. Claus Leggewie wiederum blickt auf Jahrzehnte der aktivistischen Forschung zurück: Als Politikwissenschaftler setzte er sich den Geisteswelten der Neuen Rechten auseinander („Der Geist steht rechts“), bevor das noch irgendjemand am Schirm hatte, genauso mit dem Islamismus und dessen Folgen (auch, aber nicht nur, in Algerien) und mit den Realitäten multikultureller und heterogener Einwanderungsgesellschaften. Heute hinterfrage er nicht mehr so sehr Autoritäten, „sondern autoritäre Verhaltensformen“, so Cohn-Bendit. In einem rasenden und packenden Gespräch ging es der Maxime linksliberaler Vernünftigkeit über den Aufstieg der extremen Rechten bis zu Palästinakonflikt und Spielarten des alten und neuen Antisemitismus. Der Moderator hatte Probleme, die Bewusstseins- und Assoziationsströme zu lenken – und hat es irgendwann ganz aufgegeben, was einem großartigen Abend aber keinen Abbruch tat.

Onur Erdur und Monika Mokre: Schule des Südens.

Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie.

Onur Erdur, Kulturwissenschaftler und Historiker an der Humboldt-Universität (Berlin) stellte seine vielgefeierte wissenssoziologische Untersuchung über die französische Nachkriegsphilosophie vor, in der er dessen koloniale und antikolonialistischen Prägungen unterstreicht. Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin an der Akademie der Wissenschaften in Wien diskutierte mit Erdur über seine packende Wissenschaftsgeschichte und warf die Frage auf, ob einem etwa die Theorien Michel Foucaults suspekt sein müssen in Lichte seines persönlichen Verhaltens, das man auch kritiseren könnte. Kurator Robert Misik besprach Erdurs „großartige Studie“ im Vorfeld im „Falter“. Anbei ein paar Ausschnitte aus der Rezension:

„Der Berliner Kulturwissenschaftler legt eine wenig beachtete Geschichte frei – nämlich die Bedeutung der kolonialen Erfahrung für die legendären Begründer des französischen Nachkriegsdenkens, von Bourdieu, Barthes, Lyotard, Foucault, Balibar und vielen anderen.

Kolonialismus war meist nicht allein durch Gewalt oder Ausrottung gekennzeichnet, sondern mit ideologischen Erzählungen getränkt. Etwa mit einem historischen Fortschrittsmodell – dass „der Westen“ eben fortschrittlicher sei als „die Anderen“ –, oder mit einer behaupteten „Zivilisierungsmission“, also, dass man die Wilden erziehen müsse. Imperialismus ging oft mit der Besiedelung der Länder einher, durch Kolonialisten aus den imperialen „Mutterländern“. Algerien war dafür ein Beispiel, mit seinen französischstämmigen Siedlerkolonialisten, den „Pieds Noirs“. „Die Anfänge der französischen Theorie“, so Erdur, fallen nun aber genau mit der Epoche der Dekolonisierung zusammen.

So ging etwa der junge Philosoph Pierre Bourdieu als Besatzungssoldat während seines Militärdienstes nach Algerien. (…) Bourdieu studiert die algerische Sozialstruktur, die feinen und die groben Unterschiede, bemerkt, wie sehr der französische Kapitalismus auf „Verhaltensdispositionen“ der Bürger aufbaut, die den Kolonisierten völlig fremd sind. Bourdieu entwickelt sein Habitus-Konzept erstmals durch diese Erfahrung (…) Er unterstützt die Befreiungsbewegungen und muss am Ende das Land überstürzt verlassen – bedroht von frankreichtreuen Terroristen.

Ähnlich Jean-Francois Lyotard, der spätere Autor des Schlüsselwerkes über „das postmoderne Wissen“. Als Dozent in Algerien macht er die Erfahrung, „die Verachtung ist europäisch, das Elend dagegen ‚arabisch‘“. Zurück in Frankreich, unterstützt er die Untergrundaktionen der FLN – der Algerien-Befreiungsfront – als illegaler Geldschmuggler. Nachts, während er tagsüber an Offiziersschulen unterrichtet.

Diese Grenzgänger, aber auch algerische Juden wie Jacques Derrida leben zwischen den Großerzählungen. Derrida lebt zwischen den Identitäten – Algerier, Franzose, Jude – und wird zum Theoretiker der „Dekonstruktion“, der alle kulturellen Gewissheiten auseinandernehmen wird. Sein Interesse an Identität speise sich, sagte Derrida später einmal, eigentlich aus dem „Fehlen einer Identität“. Selbst für den dandyhaften Michel Foucault wird seine tunesische Erfahrung wichtig.

Heinz Fischer, Hilde Hawlicek und Wolfgang Greif: Ins Rampenlicht

Wolfgang Greif, über lange Jahre Bildungssekretär der Gewerkschaft der Privatangestellten, hat mit Peter Autengruber und Alexander Neuherz den Sammelband über prägende Persönlichkeiten der Sozialdemokratie nach 1945 herausgegeben. Das Buch schließt eine große Lücke, denn es erinnert an politische (Spitzen-)Funktionäre, die nicht in von der Geschichtswissenschaft gefeierten Heldenjahren in der Monarchie (wie etwa Victor Adler) oder während des Roten Wien und später im Widerstand und Untergrund (Karl Seitz, Otto Bauer uva.) die Sozialdemokratie prägten, sondern im Wiederaufbau. Zugleich waren sie fast allesamt Charaktere, deren politische Initiation in den zwanziger Jahren lag und die damit die Epochen verbanden. Porträtiert werden der Maurerlehrling, Bauarbeitergewerkschaft und spätere ÖGB-Präsident Josef Böhm, die Anführerin der 1934er-Kämpfe und spätere Vizebürgermeisterin in Bischofshofen, Maria Emhart, der visionäre Angestelltengewerkschafter Friedrich Hillegeist, der ewige linke Widerständler Josef Hindels, der legendäre Arbeiter-Zeitung-Macher Oskar Pollack, der Ökonom Benedikt Kautsky, Gabriele Proft, die noch aus der Gründergeneration stammte und bis weit in die Nachkriegszeit SPÖ-Frauenvorsitzende war. An all diese Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Charakterzügen erinnerten im Gespräch Heinz Fischer, der spätere Bundespräsident und Hilde Hawlicek, die viele der Akteure noch aus ihren Jahren bei der Sozialistischen Jugend kannte und später etwa als Kulturministerin selbst eine sozialdemokratische Zentralfigur wurde.

Nils Kumkar: Polarisierung

Nach seinem Großessay über das zeitgenössische Aufregerthema „Alternative Fakten“ widmete sich der deutsche Soziologe einem weiteren Charakteristikum unserer Ära, das alle bewegt: „Polarisierung“ heißt sein neuestes Buch. „Die Ordnung der Politik.“ Polarisierung wird von allen beklagt, aber, so Kumkar: In der Politik ist „Polarisierung nahezu nicht zu vermeiden“. Dass die Polarisierung ein Problem sei, so Kumkar ironisch, ist freilich das einzige, worauf wir uns einigen können. Polarisierung schafft im modernen Rauschen der Medien-Systeme Übersicht. Die Alternative wäre eine Kakophonie der verschiedensten Ansichten. Polarisierung belebt auch das Geschäft. Polarisierung sells, so seine Diagnose. Bemerkenswert ist zudem, dass man vor wenigen Jahrzehnten noch beklagt hatte, dass sich zu viele politische Akteure in der Mitte drängen, dass sich eine Politik ohne Großkonflikt durchsetzt. Mal wird also zu viel Konsens beklagt, dann wieder zu viel Streit. Die Polarisierung wird bleiben, und wer den radikalen Populismus beklagt, und fordert, die liberale Demokratie zu verteidigen, der müssen gleichzeitig anerkennen, „dass dieser Gegner auch deswegen so stark abscheidet, weil er innerhalb des politischen Systems eine Position einnimmt, die vakant ist, weil sonst niemand sie besetzt.

Oliver Nachtwey: Zertörungslust

Der in Basel lehrende Soziologe Oliver Nachtwey ist in den vergangenen Jahren zu einem Star der akademischen Forschung geworden – und seit gut einem Jahrzehnt gern gesehener Gast im Kreisky-Forum. Erstmals erregte er Aufsehen mit seiner großen Studie „Die Abstiegsgesellschaft“, vor einigen Jahren wurde die gemeinsam mit der Literatursoziologin Carolin Amlinger verfasste Untersuchtung „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ zu einem regelrechten Bestseller. Darin untersuchten die beiden die eigentümlichen Allianzen ich-bezogener Querdenker und rechtsextremer Bewegungen, insbesondere in den Corona- und Post-Corona-Jahren. Sie diagnostizierten eine Bewegung des „libertären Autoritarismus“, die sicherlich nur eine kleine Minderheit der Gesellschaften in ihren Bann zieht, aber einen relativ großen Resonanzraum hat, der weit über die Ränder der Radikalen hinaus geht. Nachtweys und Amlingers Arbeiten widmen sich der politischen Emotionalität von Rechtspopulismus, Autoritatismus und neuem Faschismus.

In ihrer jüngsten Studie „Zerstörungswut. Elemente des demokratischen Faschismus“ (2025) spinnen Amlinger und Nachtwey die Dinge weiter. Vergiftet von Wut und fanatischer Raserei verbreitet sich eine Destruktivität, die reaktionäre, faschistische und sogar pseudo-liberale Bevölkerungsgruppen zusammenschweißt. In ihren Feldstudien trafen sie auf viele interviewte Personen, die sich „selbst nicht als faschistisch bezeichnen, aber die Interviews waren oft bevölkert von faschistischen Fantasien der Zwangsdeportation, der rachsüchtigen Strafsucht, der Gewalt gegen soziale Minderheiten oder eines Führers, der durchgreift und für Ordnung sorgt“. Sie beschreiben eine rechte „Politik der Gefühle“, „die lustvolle Grausamkeit, hinterherzutreten, Nach-unten-zu-Treten“ kultiviert, das „Zufügen von Schmerzen, das Verletzen der körperlichen Integrität“ als lustvolle Phantasie auslebt und deren zentraler Charakterzug „seelische Grausamkeit“ ist.

Amlinger und Nachtwey sprechen vom „demokratischen Faschismus“, einerseits, weil er selbst mit den Maximen des Demokratischen operiert, andererseits weil er, ohne etablierte faschistische Regimes bereits geschaffen zu haben, „als faschistische Fantasie in der Demokratie existiert“.

Philippa Sigl-Glöckner: Europa im Sparwahn

Österreich steht im Bann der Budgetprobleme und der notwendigen Konsolidierungspolitik – was harte Kürzungen im Staatshaushalt nötig machte, um eine Explosion des Defizits zu verhindern. Aber viele europäische Partnerländer haben ähnliche Probleme. Die Europäische Union hat ihren „Stabilitätspakt“, der einige Jahre ausgesetzt war, neu aufgesetzt. Viele EU-Staaten müssen nun sparen und notwenige Investitionen können nicht getätigt werden. Deutschland hat zwar ein großes Investitionsprogramm gestartet und die Schuldenbremse modifiziert – aber auch bei unserem Nachbarn gibt es bereits harte Diskussionen über Budgetdefizite und Staatsschulden. Die Ökonomin, Podcasterin und Think-Tank-Leiterin Philippa Sigl-Glöckner kennt wie kaum eine andere Expertin die Komplexitäten von Staatshaushalten und der EU-Budgetpolitik und skizzierte, wie der Balanceakt zu schaffen ist: Nämlich Investitionen mobilisieren, die Konjunktur anzukurbeln und die Defizite in einem nachhaltigen Rahmen zu halten. Sigl-Glöckner ist eine Zahlenfüchsin, die sich nicht mit Parolen und Überschriften zufrieden gibt: Den Konsolidierungskurs von Finanzminister Markus Marterbauer stellt sie ein gutes Zeugnis aus, die Budgetpolitik ihrer deutschen Sozialdemokratie sieht sie eine Spur kritischer. Dass sich die europäischen Wohlfahrtsstaaten gerade in einer Art „perfekten Sturm“ befinden, macht die Sache nicht einfacher – darf aber gerade kein Anlass für depressive Verzagtheit sein. „Wir müssen massiv in Bildung investieren, denn wir können es uns einfach nicht mehr leisten, Kinder oder ganze Kohorten in Richtung Bildungsscheitern zu verlieren.“ Sigl Glöckner kennt die Institutionen der Politik und der Ökonomie wie keine andere. Sie ist Gründungsdirektorin der Denkfabrik Dezernat Zukunft. Sie gehört dem Wirtschaftlichen Beirat der SPD an, sitzt in der Reformkommission für die Schuldenbremse der deutschen Bundesregierung, und arbeitete früher für die Weltbank, wirkte in Liberia und war einige Jahre im deutschen Finanzministerium tätig.

Paul Feigelfeld: Technofaschismus, KI-Autoritarismus und Gegenkulturelle Techniken

Der Forscher Paul Feigelfeld, Jahrgang 1979, nennt ihn Technofaschismus – den Hang von Silicon-Valley-Oligarchen zum Autoritarismus. Angespornt durch den neuen republikanischen US-Präsidenten Donald Trump greifen die kalifornischen Konzerne nach der Macht. Plattformen wie Google oder Facebook saugen, so Feigelfeld, die Daten von Usern nicht nur ab, um sie an den bestbietenden Unternehmer oder Geheimdienst zu verkaufen. Protagonisten der Cyber-Ökonomie wie Paypal-Gründer Peter Thiel würden ihren Einfluss auch dazu benutzen, um demokratische Institutionen anzugreifen: „Die Plattformen, die Sie nutzen, die Daten, die Sie bereitstellen, und die Gewinne, die Sie erzielen, tragen dazu bei, den internationalen Faschismus zu finanzieren, Hass zu verstärken, unseren Planeten auszulaugen und immense Umweltverschmutzung zu verursachen“, sagt Feigelfeld.

Der Kulturwissenschaftler fordert politischen Widerstand gegen das Informationsmonopol der großen Plattformen ein. Der Kulturwissenschaftler, der früher an der Humboldt-Universität in Berlin unter anderem mit dem legendären Forscher Friedrich Kittler arbeitete, bekleidet aktuell die Professur für Digitalität und kulturelle Vermittlung (Medienwissenschaft) an der Universität Mozarteum Salzburg. Er lebt und arbeitet in Wien und Salzburg.

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat er einige seiner Gedanken ausgeführt, hier kurze Auszüge:

„Ich liebe Peter Thiel, er ist der weiterhin viel zu wenig beachtete Schattenmann. Ich habe gerade seine Biografie noch mal gelesen, irre spannend. Eine Biografie aus Apartheid, der neuen Rechten um die Stanford Review, einer Art Gegenreformation gegen die Counterculture der 68er, die zum Establishment geworden waren. Die Regierungsform, die ihnen vorschwebt, ist momentan relativ gut sichtbar. Die meisten nennen es Technofeudalismus.

Was bedeutet das?

Das ist eine technokratisch formierte, superoptimierte Idee, die sogar den Kapitalismus auffrisst und Politik im Grunde abschafft beziehungsweise durch KI ersetzt mit dem Argument der Optimierung und technisch-rationalen Gerechtigkeit. Das hat man bei Blockchain ja auch gerne vorgeschoben. Die Mär von der Neutralität von Technologien ist die perfideste Lüge.

Haben diese digitalen Formen des Autoritarismus in den USA für uns in Europa schon Folgen?

Na ja, unsere gesamte Infrastruktur is darauf aufgebaut. Wir unterhalten uns hier gerade auf Teams von Microsoft. Wie ein Großteil des öffentlichen Sektors. Meine Universität ja auch. Alle schreiben dann in ihre Strategien, dass Open Source eine gute Sache wäre. Aber keiner tut es.“

Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten

Hanno Sauer, Professor für Philosophie an der Universität Utrecht, versteht es gekonnt, komplexe theoretische Fragen in gemeinverständliche Sachbücher zu verwandeln. Nach seinem Bestseller über „Moral“ legte er im Herbst 2025 mit seinem neuen Buch über „Klasse“ einen neuen Verkaufsschlager vor, der in allen großen Zeitschriften diskutiert wird. Klasse ist eine Thematik, die in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Zentrum rückt: Verwundungen der arbeitenden Klassen führen zu Zukunftspessimismus und Abstiegsängsten, die die Stabilität des politischen Systems bedrohen; die Ungleichheitsschere geht auf; eine globale Superklasse kapselt sich ab. Der Begriff des „Klassismus“ zieht Kreise, die Einsicht also, dass mit ökonomischer und materieller Unterprivilegiertheit subtile und offene Abwertungen verbunden sind. Lebensstil und Habitus der unteren Klassen werden abgewertet, und diese Abwertung zieht noch mehr Chancenungleichheit nach sich. Ganze literarische Genres – von Didier Eribon über Edouard Louis und Annie Ernaux – thematisieren die Verwundungen durch Klassenherkunft genauso wie die Scham, die mit der Überwindung von Klassengrenzen einher geht. Man schämt sich des Herkommens, genauso wie man sich des Klassenverrats schämt und sogar der Scham selbst. Statuskonkurrenz durchzieht unsere Gesellschaft, schon Richard Sennett hat das mit „The Hidden Injuries Of Class“ vor über 50 Jahren thematisiert, ähnlich wie Pierre Bourdieu mit seinen „feinen Unterschieden“ und den Untersuchungen über Distinktion. Hanno Sauer beschreibt nicht nur, wie alltäglich Hohn über „niedrige Klassenlagen“ heute noch ist, er durchschreitet auch das Panorama von Stil, Konsum, Geschmack, Mode, offenen Signalen und Statuskonkurrenz, das sogar moralische Werthaltungen umfasst. Zugleich schrammt er hart an die fatalistische Diagnose heran, dass es aus diesem Wettbewerb in hierarchischen Gesellschaften „kein Entrinnen“ gibt. In einem geistvollen, inhaltssatten Gespräch kamen viele Ambivalenzen von Klassenstrukturen zu Sprache – bis hin zur Diagnose, dass dieser Wettbewerb auch seine guten Seiten hat, denn er spornt uns an und führt zu technischen und künstlerischen Innovationen.

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