eine Liebeserklärung an das literarische Maßlossein

Es begann – wie so vieles in meinem Leben – vollkommen harmlos.
Ein Buch hier, ein weiteres dort. Ein leises Blättern am Abend, ein vorsichtiges Hineingleiten in fremde Welten. Ein zarter Auftakt, beinahe unschuldig.
Und dann… nun ja.
Dann kam das Wiesel.
Mein inneres Wiesel, dieses leicht exzentrische, notorisch unterversorgte Wesen mit Hang zur Übertreibung, hat eine bemerkenswerte Haltung zum Thema Lesen entwickelt: Es gibt kein Genug.
Nicht im Ansatz. Nicht annähernd. Nicht einmal hypothetisch.
„Mehr“, zischt es.
„Mehr, mehr, mehr – meeeehr!“
Und ich?
Ich kapituliere mit einer Mischung aus Würde und literarischer Gier.
Ich lese – immer schon. Kontinuierlich, insistierend, mit einer beinahe zärtlichen Vehemenz.
Doch diese Liste, die ich gleich zeige, ist eine Momentaufnahme.
Ein kondensiertes Zeugnis meiner letzten Monate.
Ein leiser, aber äußerst beredter Beweis dafür, dass mein inneres Wiesel seit Wochen in einem Zustand euphorischer Überstimulation lebt.
Und weil Listen manchmal nüchterner wirken, als sie sind, erlaube ich mir, sie hier – mit gebotener Ehrfurcht und einem Hauch augenzwinkernder Eskalation – einzubetten:
« Das mangelnde Licht
Die Abschaffung des Todes
Der Traum des Jaguars
Marschlande
Bergland
Die Mitternachtsbibliothek
Auf der Kippe
Sirach, Regentage
Die größten Lügen der Geschichte
1984 – George Orwell
Winterschwestern
Alibi für einen König
Adama
50 größte Lügen und Legenden der Weltgeschichte
GAG
Die Wut, die bleibt
Der schlechteste Kapitän aller Zeiten
Du musst meine Hand fester halten 104
Die Verlorene
Ein Zimmer für sich allein
Hör auf zu glauben, was du denkst
Barbara stirbt nicht
Wer zuerst lügt
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Der Zopf meiner Großmutter
Leuchtende Tage
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
Treppe aus Papier
Unser Tag ist morgen
Willems letzte Reise
vor aller Augen
Das Haus der Schwestern….»
Man könnte meinen, es sei einfach nur eine Liste.
In Wahrheit ist es ein literarischer Pulsschlag.
Die Chronik einer eskalierenden Zuneigung
Einige Werke habe ich ehrfürchtig durchdrungen, andere mit der Eleganz eines hungrigen Wasserbüffels verschlungen, wieder andere wie feine Pralinen degustiert – langsam, genussvoll, mit intellektuellem Nachhall.
Und während ich lese, höre, inhaliere wächst sie weiter, diese Liste.
Unaufhaltsam.
Fast schon mit einer eigensinnigen Dynamik, die sich meiner Kontrolle entzieht.
Es ist keine Liste mehr.
Es ist ein Zustand.
Ein Zustand zwischen intellektueller Ekstase und leichtem Kontrollverlust.
Der Buchladen – mein persönlicher Endgegner
Es gibt Orte, die sollte man nicht allein betreten.
Dunkle Gassen. Steuerprüfungen. Und – in meinem Fall – Buchläden.
Der Moment, in dem ich eine Buchhandlung betrete, ist von einer kaum zu beschreibenden Gravitas.
Die Luft verändert sich.
Sie riecht nach Papier, nach Möglichkeiten, nach ungelebten Leben.
Und irgendwo, ganz leise, kichert das Wiesel.
Ich streife durch die Regale wie eine Entdeckerin auf Expedition.
Berühre Buchrücken. Ziehe Titel hervor. Lese erste Sätze – nur ganz kurz, nur zur Probe, ganz kontrolliert natürlich.
Ein fataler Irrtum.
Denn dieser erste Satz ist selten allein.
Er ist ein Versprechen. Eine Einladung. Ein leises „Bleib doch noch ein bisschen…“
Und ich bleibe.
Ich lese.
Ich verliere mich.
Zwischen zwei Regalen, irgendwo zwischen Philosophie und Roman, geschieht dann das Unvermeidliche:
Ich will sie alle.
Nicht metaphorisch.
Nicht übertrieben.
Alle.
Die Kunst der Selbsttäuschung
„Ich nehme nur zwei mit“, sage ich.
Eine Lüge, so durchsichtig wie ein frisch poliertes Brillenglas.
Das Wiesel lehnt sich zurück, verschränkt imaginäre Arme und wartet.
Geduldig. Souverän. Wissend.
Fünf Minuten später halte ich einen Stapel, der in seiner physikalischen Instabilität bereits eine gewisse Hybris erkennen lässt.
Ich argumentiere mit mir selbst:
– „Das ist wichtig.“
– „Das bildet dich weiter.“
– „Das brauchst du für… irgendwas.“
– „Das ist quasi Bildungsvorsorge.“
Die Wasserbüffelin hebt kurz den Kopf, kaut bedächtig und murmelt etwas von Maßhalten.
Dann zuckt sie mit den Schultern.
Auch sie weiß: Dieser Kampf ist obsolet.
Lesen als Lebensform
Lesen ist für mich längst keine Tätigkeit mehr.
Es ist ein Modus.
Ein Zustand des Eintauchens, des Sich-Verlierens und zugleich des Sich-Wiederfindens.
Ein permanentes Oszillieren zwischen Fremdtext und Selbstbegegnung.
Ich lese, um zu verstehen.
Ich lese, um zu fühlen.
Ich lese, um mich in Gedankenräumen zu bewegen, die größer sind als mein Alltag, weiter als mein Blick, tiefer als mein momentanes Empfinden.
Und manchmal lese ich auch einfach, weil mein inneres Wiesel ansonsten die Wände hochgeht und lautstark insistiert, dass intellektuelle Unterforderung ein nicht hinnehmbarer Zustand sei.
Schluss – oder eher: Fortsetzung folgt
Vielleicht ist es maßlos.
Vielleicht ist es exzessiv.
Vielleicht ist mein Verhältnis zu Büchern nicht ganz… ausgewogen.
Aber wenn ich ehrlich bin – dann ist es