
Es gibt einen feinen, aber fundamentalen Unterschied zwischen dem, was einem widerfährt – und dem, wofür man sich entscheidet.
Zwischen dem, was man trägt, weil es einem auferlegt wurde, und dem, was man auf sich nimmt, weil man es will.
Lange konnte ich mir dieser Art Kompliment nichts anfangen…. Warum?
Genau an dieser Schwelle beginnt für mich der Begriff des Stolzes, und erst dort entfaltet er seine Berechtigung.
Ich bin nicht stolz auf meinen Umgang mit der Ertaubung.
Nicht auf das Lächeln trotz des Hörverlustes.
Nicht auf die Milde, mit der ich mich gezwungen sah, Technik, Anpassung, Umwege und Geduld zu akzeptieren.
Das alles war kein Akt der Willensfreiheit, sondern eine Zumutung des Lebens. Eine biografische Zäsur, die nicht um Zustimmung bat. Ich ging diesen Weg nicht, weil ich mutig war – ich ging ihn, weil Stillstand keine Option war. Das macht mich nicht heldenhaft, nicht außergewöhnlich, nicht stark. Es macht mich schlicht lebendig.
Stolz hingegen beginnt dort, wo Wahlfreiheit existiert. Wo man innehalten könnte – und sich dennoch entscheidet, weiterzugehen.
Ich bin stolz darauf, dass ich mich dem Trauma gestellt habe. Nicht elegant, nicht geradlinig, nicht ohne Rückfälle. Sondern ehrlich. Mit offenem Visier. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht verdrängt habe, nicht bagatellisiert, nicht beschwichtigt. Dass ich mich dem Schmerz ausgesetzt habe, obwohl Wegsehen so viel bequemer gewesen wäre. Trauma zu überwinden ist kein Akt der Tapferkeit, sondern der radikalen Selbstverantwortung. Man muss hinsehen wollen. Aushalten wollen. Bleiben, wo man innerlich am liebsten fliehen würde.
Ich bin stolz darauf, dass ich die Trauerarbeit des Hörverlustes nicht umgangen habe. Trauer ist unbequem. Sie widerspricht unserer Leistungsgesellschaft, unserem Optimierungsdrang, unserer Fixierung auf Funktionalität. Trauer braucht Zeit, Wiederholung, Würde. Sie lässt sich nicht „abarbeiten“. Dass ich ihr Raum gegeben habe, dass ich nicht so getan habe, als sei alles schnell wieder gut, dass ich den Verlust betrauert habe, ohne mich darin zu verlieren – das war eine bewusste Entscheidung. Eine tägliche, immer wieder neu zu treffende Wahl.
Ich bin stolz darauf, dass ich das Trauma heute im Griff habe. Nicht im Sinne von Kontrolle oder Verdrängung, sondern im Sinne einer gereiften Beziehung zu mir selbst. Es ist da. Aber es bestimmt mich nicht mehr. Es sitzt nicht mehr am Steuer meines Lebens. Diese innere Neuordnung geschieht nicht von allein. Sie verlangt Arbeit, Reflexion, Geduld – und die Bereitschaft, sich selbst immer wieder ehrlich zu begegnen.
Ich bin stolz darauf, dass ich weitergehe. Nicht rastlos, nicht blind vorwärts, sondern bewusst. Dass ich mich nicht eingerichtet habe im Status quo. Dass ich Stillstand nicht romantisiere. Weitergehen ist kein Aktionismus, sondern eine Haltung. Es bedeutet, sich dem Leben zu öffnen, obwohl man weiß, dass es wieder weh tun kann. Gerade dann.
Ich bin stolz darauf, dass ich lerne. Dass mein Geist hungrig bleibt. Dass ich mich fortbilde, nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus innerem Drang. Wissen ist für mich kein Besitz, sondern ein Bewegungsraum. Lernen bedeutet, sich infrage stellen zu lassen, Perspektiven zu erweitern, alte Gewissheiten zu revidieren. Wer lernt, bleibt beweglich. Und Beweglichkeit ist eine Form von innerer Freiheit.
Ich bin stolz darauf, dass ich an mir arbeite. An meiner Persönlichkeit, meinen Mustern, meinen Reaktionen. Dass ich mich nicht auf Erklärungen ausruhe, nicht auf Diagnosen, nicht auf Lebensumstände. Selbstarbeit ist kein Selbstoptimierungsprojekt, sondern ein Akt der Verantwortung: gegenüber mir selbst und gegenüber den Menschen, mit denen ich in Beziehung stehe.
Und ja – ich bin stolz darauf, dass ich wähle. Dass ich mir nicht einrede, ich hätte keine Alternativen, wo in Wahrheit Bequemlichkeit, Angst oder Erschöpfung regieren. Ich wähle bewusst, aktiv, immer wieder neu. Und ich ziehe diese Entscheidungen durch, auch dann, wenn sie Kraft kosten, wenn sie unbequem sind, wenn sie nicht applaudiert werden.
Das ist der Kern meines Stolzes:
Nicht das Durchstehen.
Sondern das Gestalten.
Nicht das Ertragen.
Sondern das Entscheiden.
Vielleicht sollten wir den Begriff des Stolzes neu