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Schreibmythen und Zahlen

Autorinnen und Journalisten führen glamouröse Leben, zwischen Hemingway, Koksparties und Einfluss. Oder? Ein subjektiver Blick hinter die (monetären) Kulissen.

Meike Stoverock

“Aber du bist doch berühmt!”, sagt mein Nachbar, dem ich auf Nachfrage ein Exemplar von Female Choice gegeben habe, mit Blick auf den Aufkleber, der das Buch als Spiegel-Bestseller ausweist. “Kannst du da nicht verlangen, was du willst?” Wir wechselten einige Worte über den Job der Autorin und wieder einmal wird mir klar, dass die öffentliche Vorstellung davon weit, sehr weit von der Wirklichkeit abweicht.

Vor kurzem wurde die geschätzte Mareice Kaiser in den sozialen Medien herumgereicht, nachdem sie auf der “Internet-Messe” re:publica mit dem Autor Hanno Sauer auf offener Bühne ihren Buchvorschuss öffentlich gemacht hatte. Hanno Sauer bezeichnete das Buchschreiben als “nicht sehr lukrativ”, worauf Kaiser ihn fragte, wie hoch sein letzter Buchvorschuss war. Kürzen wir den Eklat an dieser Stelle einfach mal ab: Sauer erhielt für sein letztes Buch einen Vorschuss von 160.000 Euro, Kaiser einen von 16.000.

Es gibt an diesen Zahlen einiges, worüber man schreiben könnte: den feministischen Aspekt, dass eine Frau ein Zehntel dessen bekommt, was ein Mann erhält, oder die Abgehobenheit, einen Vorschuss von 160.000 Euro als “nicht lukrativ” zu bezeichnen. Um den kollektiven Griff an die Perlenkette nach diesen Zahlen sinnvoll einzuordnen, braucht es zum Einen Einsicht darin, wie Verlage Vorschüsse anlegen, zum Anderen aber auch die Demontage einiger Vorstellungen davon, was “ein Buch schreiben” bedeutet.

★ ZUR PERSON ★

Mythos I: Vorschüsse sind Verhandlungssache

Jein. Natürlich kann man durch Verhandlung zwischen einigen hundert und einigen tausend Euro mehr rausschlagen, aber die Größenordnung eines Vorschusses ist nach meiner Erfahrung unantastbar. Wenn also ein Verlag aufgrund eines Manuskripts oder Exposés sagen wir 15.000 Euro Vorschuss bietet, kann man ihn mit Glück und Geschick vielleicht auf 17.000 oder sogar 20.000 hochhandeln, aber nicht auf 100.000.

Wenn, wie bei Kaiser und Sauer, 16.000 auf 160.000 treffen, dann ist diese Diskrepanz nicht in einer Millionen Jahren durch Verhandlung auszugleichen, weil die Verlage die Größenordnung des Verkaufspotentials vollkommen unterschiedlich bewerten.

Faktoren, die die Größenordnung beeinflussen:

  • Thema des Textes (Zeitgeist oder zeitlos? Einmalig oder schon mehrmals dagewesen?)

  • Roman oder Sachbuch (Belletristik verkauft besser)

  • Autor oder Autorin (Bekannt? Vernetzt? Bereits veröffentlicht? Mann/Frau?)

  • Auflage des Buches

  • Branchentrends

Ein Verlag geht, wenn er ein Buch einkauft, gewissermaßen eine Wette ein. Die Höhe des Vorschusses (und natürlich die Kosten der Buchproduktion und -vermarktung) sind der Wetteinsatz. Je nachdem, wie die Wette nach Veröffentlichung des Buches ausgeht, macht der Verlag Gewinn oder eben auch nicht.

Es ist also etwas komplexer als Gender Pay Gap oder mangelnde Verhandlungshärte, die beide sicher auch eine Rolle spielen. Ich habe immer verhandelt, mal mit Agentur, mal ohne, mal konnte ich etwas mehr für mich rausschlagen, mal zerschellte mein Ansinnen an einem klaren Nein.

Doch in jedem Fall ist die reine Zahl wenig aussagekräftig, denn das Bücherschreiben kostet mitunter viel Zeit. Jemand mit einem 20.000€-Vorschuss, der von der ersten Idee über Recherche bis zur Abgabe der lektorierten Endfassung nur ein Jahr braucht, steht mit einem besseren Stundenlohn da als jemand mit einem 50.000€-Vorschuss, der vier Jahre braucht.

Vorschüsse werden außerdem ab einer gewissen Höhe nicht in einer Summe ausbezahlt, sondern in zwei bis drei Tranchen. Typisch ist etwa ein Teil bei Vertragsunterzeichnung, einer bei Manuskriptabgabe und der letzte bei Erscheinen des Buches. Allein schon durch diese Aufsplittung entzerrt sich die Wucht eines hohen Vorschusses ein wenig.

Mythos II: Ein Bestseller öffnet Türen

Ich habe es andernorts schon einmal geschrieben: Bestseller sind Scheinriesen (Abre numa nova janela). Der Aufkleber sieht aus der Ferne nach Ruhm und Reichtum aus, nach einer “Karriere”, danach, dass die schreibende Person nach dem Buch eine gemachte Person ist, weil ihr Folgebücher mit hohen Vorschüssen aus den Händen gerissen werden, weil sie zigfach zu Lesungen und/oder Vorträgen eingeladen wird.

Auch wenn das so laufen kann, schrumpft es doch häufiger beim Näherkommen deutlich zusammen. Andere Bestseller-AutorInnen mögen das anders erleben, aber ich muss immer wieder Klinken putzen, werde von Verlagen und Redaktionen ignoriert und bekomme mehr Ab- als Zusagen.

Im April 2024 ging ein halbfertiges Buchmanuskript von mir durch eine Agentur an mindestens 20 Verlage. Es dauerte Monate, bis ich von der Hälfte eine Absage bekam, die andere Hälfte hat innerhalb eines Jahres gar nicht reagiert. Ich musste das Projekt vorerst aufgeben. Meine Steadytexte biete ich mitunter zunächst Redaktionen an, die nur im Ausnahmefall zusagen, häufiger jedoch gar nicht reagieren.

Die Gründe dafür liegen neben höherer Gewalt und persönlichem Pech sicher auch an meinen Themen und meinem mangelnden Pitch-Talent, aber Fakt ist: Mir reißt trotz Bestsellerstatus niemand Texte aus den Händen, ich bin keine gemachte Frau.

★ BLOG ★

Mythos III: Das Rockstarleben

Wahr ist: Schreiben ist ein Traumberuf in Armut (Abre numa nova janela), wie Mareice Kaiser schreibt. Kein angestellter Beruf, und ich hatte schon viele von Geldjobs bis Vollzeit, hat mich je so erfüllt wie das Schreiben als Freiberuflerin. Die Selbstständigkeit ist für mich alternativlos, auch weil ich wegen meiner Depressionen nicht konstant leistungsfähig und damit ungeeignet für ein Angestelltenverhältnis bin. Ich kann nicht “nebenbei” jobben, um über die Runden zu kommen, weil ich mit 100%iger Sicherheit weiß, dass ich dann nicht mehr genug Kraft und Energie für das Schreiben hätte. Ich kann nur eins von beiden tun.

Eine lange und sehr grimmige Depression zwischen Ende 2022 und Anfang 2024 hat alle meine Rücklagen gefressen und ich konnte mir bislang keine neuen aufbauen - im Gegenteil: aktuell stottere ich mühsam Schulden ab. Ich musste seit dem Erscheinen von Female Choice meine Altersvorsorge kündigen, zahle keine Steuern, weil ich zu wenig verdiene, und beziehe Wohngeld. Fancy Medienparties gibt es nicht, weil ich mir Besuche von Leipziger oder Frankfurter Büchermesse nicht leisten kann, und Kokain kenne ich nur vom Hörensagen.

Mein Beruf ist meine Berufung und gibt mir - wenn es mal läuft - unglaublich viel. Und ich bin bereit, dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Ich möchte hier nur deutlich machen, dass es für viele Schreibende kein glamouröses Rockstarleben, sondern ein täglicher Kampf ums Überleben ist.

Wenn ich also in meine Texte hier immer wieder Werbung für mich selbst, meine Bücher und meine Steady-Abos einbaue, geht es nie darum, noch mehr Geld zu verdienen, sondern immer nur darum, genug zu verdienen.

★ BUCH ★

Zahlen bitte!

Für meine Bücher bekam ich folgende Vorschüsse: Female Choice 50.000€, Skarabäus Lampe 1 und 2: 22.500 und 14.500€, mein neues Sachbuch 20.000 Euro.

Bis auf den ersten Skarabäus Lampe, den ich tatsächlich in 3 Monaten geschrieben habe, haben alle anderen Bücher deutlich länger gedauert, am längsten mein Erstlingswerk Female Choice, dessen Ausarbeitung sich tatsächlich über Jahre erstreckte.

Für redaktionelle Texte von 8000-12.000 Zeichen Länge bekomme ich zwischen 250 und 600.-.

Steady: Vom Bruttobetrag, der auf der Startseite (Abre numa nova janela) steht, gehen zwischen 120 und 160€ Umsatzsteuer, Provision und Gebühren (vor allem Paypal nimmt es von den Lebenden) ab, letzten Monat blieben mir von ziemlich beeindruckenden fast 700 Euro nur gut 500 Euro netto.

Sonstige Einkünfte: VG Wort vergütet Blogartikel zwar mit je 40 €, allerdings nur, wenn sie ausreichend Zugriffe haben. Meine Steady-Texte haben in der Regel nicht genug Zugriffe. Auf meinem alten Wordpress-Blog habe ich die Zugriffsgrenze manchmal geknackt, aber das lag sicher zum Teil auch daran, dass ich noch “die Frau von” war und mein Ex-Mann meine Artikel manchmal bei Twitter verlinkt hat. Der Zerfall der Sozialen Medien hat die Klickraten meiner Texte - und damit meinen Verdienst - quasi völlig geschreddert.

Tantiemen: Vom Verlag bekommt man erst Tantiemen, wenn der Vorschuss abverkauft ist. Mit Female Choice war das in diesem Jahr, also fünf Jahre nach Erscheinen des Buches, der Fall. Ab sofort erhalte ich einmal jährlich eine “frische” Auszahlung, in diesem Jahr lag sie im unteren dreistelligen Bereich. In der Größenordnung bewegen sich auch die Bibliothekstantiemen, die die VG Wort ebenfalls jährlich auszahlt.

Podcastauftritte werden nicht vergütet, zum Teil bringen sie - bei Präsenzaufnahmen mit Anreise etwa - sogar Kosten mit sich. Die Exposure übersetzt sich allerdings nur selten in monetäre Werte, etwa dramtisch angestiegene Buchverkäufe oder Buchungen für Lesungen oder Vorträge.

★ BUSINESS ★

Meine Erfahrungen können sowohl Zeichen für einen Gender Pay Gap oder ein System sein, das die Denk-, Recherche- und Schreibarbeit von AutorInnen nicht ausreichend würdigt, als auch einfach einen subjektiven Einzelfall beschreiben. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, dass sehr viele Menschen Ideen vom Schreiben haben, die nicht annähernd mit meiner Realität übereinstimmen.

Um herauszufinden, ob es sich bei dieser Realität um etwas Systematisches handelt, müssten viel mehr Schreibende ihre Zahlen offenlegen, über ihren finanziellen Kampf und ihre Bezahlung schreiben und natürlich ist dieser Artikel deshalb auch als Aufruf an meine selbständigen, freiberuflichen Kolleginnen und Kollegen zu verstehen, es Mareice, Hanno und mir gleichzutun, die Hemmung abzulegen und Vergütungen offenzulegen.

Aber - ach! - über Geld spricht man nicht. Oder doch?

★ Kontakte ★

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Tópico Kessel Buntes

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