
Der Weinbau ist mitten in einer Krise. Die hiesigen Betriebe arbeiten hart daran, sie zu bewältigen. Das betrifft auch die Weinberge in Stuttgart-Gaisburg, -Wangen, -Hedelfingen oder -Untertürkheim.
Von Jürgen Brand
Der Weinbau in der Region Stuttgart, gerade auch im Neckartal wie in Untertürkheim, ist mehr als nur Landwirtschaft. Er ist das Fundament einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft, die die Region prägt. Doch diese Tradition steht unter massivem Druck. Die Situation zwingt die Betriebe zu einer radikalen Neubewertung ihrer Geschäftsmodelle, in der jede Investition und jede Tradition auf dem Prüfstand steht. Stefanie Schwarz vom Weingut Schwarz, Klaus Dieter Warth vom Weingut Warth, der auch in Gaisburg Flächen bewirtschaftet, und Saskia Woerthwein von der Weinmanufaktur Untertürkheim geben Einblicke in die aktuelle Situation.
Aktion auf der Stuttgart-Crowd der Stadtwerke, damit sich auch künftig möglichst viele möglichst kostenlos über ihre Nachbarschaft im Stuttgarter Osten und darüber hinaus informieren können:
https://www.stadtwerke-stuttgart-crowd.de/gaisburgermarsch (Opens in a new window)
(Opens in a new window)Alle drei Betriebe sehen sich mit deutlich höheren Kosten konfrontiert, egal ob bei Betriebsmitteln, Energie oder Löhnen. Stefanie Schwarz fasst es so zusammen: „Die Produktionskosten sind in den vergangenen Jahren explosionsartig gestiegen und steigen weiter. Gleichzeitig lässt sich diese Steigerung aber nicht in gleichermaßen höheren Endverbraucherpreisen abbilden.”

Klaus Dieter Warth nennt als Beispiel einen ganz normalen Weinbergtraktor: Kostete ein solcher Traktor 1972 noch umgerechnet 11.000 Euro, liegt der Preis heute bei bis zu 180.000 Euro. Der Preis für eine Literflasche Wein hingegen stieg im selben Zeitraum nur von umgerechnet 2,30 Euro auf rund 6,50 Euro. „Dies war und ist keine gesunde Entwicklung“, lautet Warths Urteil. Verschärft wird die Situation durch den zunehmenden Preisdruck importierter Weine. Stefanie Schwarz fordert daher einen fairen Wettbewerb und mahnt, dass die gleichen Standards, die an die heimische Landwirtschaft gestellt werden, auch für alle Importprodukte gelten müssten.

Zusätzlich zu diesen allgemeinen Problemen kämpfen die Untertürkheimer Winzer auch mit standortspezifischen Herausforderungen. Die aufwändige Bewirtschaftung der für die Region so charakteristischen Steillagen sei ein erheblicher wirtschaftlicher Nachteil, so Klaus Dieter Warth. Der hohe Anteil an manueller Arbeit in diesen Lagen macht die Betriebe besonders anfällig für die explodierenden Lohnkosten. Ein weiteres Problem hier in der Gegend beschreibt Stefanie Schwarz so: „Wir haben potentiell viele Verbraucher direkt vor der Tür, die aber häufig keinen Bezug zur Region haben und gar nicht wissen, was es hier gibt.”
Ein sich änderndes Konsumverhalten, der zunehmende Arbeitskräftemangel, den vor allem die Weinmanufaktur beklagt, und die spürbaren Folgen des Klimawandels sind weitere Schwierigkeiten. Der daraus resultierende Strukturwandel führt, so Stefanie Schwarz, zu immer mehr unbewirtschafteten Flächen. Diese wiederum entwickeln sich zu Krankheitsherden und gefährden die umliegenden, intakten Weinberge. Auf unternehmerischer Ebene sieht sie das größte Risiko darin, bei Investitionen auf das „falsche Pferd” zu setzen.
https://www.warthwein.de/ (Opens in a new window)Für Klaus Dieter Warth ist die erste Überlebensstrategie, „die Kosten im Blick zu behalten und Investitionen zu verschieben, so lange es geht.“ Aus seiner Sicht ist der Punkt der Wirtschaftlichkeit bereits „deutlich überschritten”. Dies lasse sich nur durch persönliche Mehrarbeit und ein geringeres Einkommen kompensieren, deswegen beschreibt er die Finanzierung seines eigenen Betriebs als „leidenschaftliches Hobby”.
Für Saskia Woerthwein von der Weinmanufaktur besteht die größte Gefahr darin, dass Mitglieder die Bewirtschaftung kleinerer Parzellen aufgeben. Dies könnte langfristig den gesamten Rebbestand der Genossenschaft gefährden. Gleichzeitig führen schwankende Erträge, verursacht durch fehlende Arbeitskräfte und extreme Wetterlagen, zu einer unsicheren Produktionsplanung und setzen das gesamte Geschäftsmodell unter Druck.

In der Krise suchen die Untertürkheimer Wengerter nach Lösungsansätzen, wie sie ihre Betriebe zukunftsfähig machen können. Für Klaus Dieter Warth ist „Gesundschrumpfen” eine Möglichkeit, also die gezielte Aufgabe unwirtschaftlicher Lagen, um die Kosten zu senken. Stefanie Schwarz sieht großes Potenzial woanders: „Veranstaltungen, Events, Weinfeste, jegliche direktvermarktende Geschichten sind gefragt.” Auch der Ausbau von Angeboten wie Ferienwohnungen ist eine weitere Möglichkeit, neue Einnahmequellen zu erschließen. Die Weinmanufaktur will durch das Bündeln von Ressourcen, etwa bei Maschinen, und die Prüfung eines zentralen Bewirtschaftungsmodells die Mitglieder entlasten und die Effizienz steigern.
https://www.weingut-schwarz.eu/ (Opens in a new window)Bei den Produkten selbst sehen alle drei Betriebe im wachsenden Markt für alkoholfreie Weine und Frizzante eine Chance, neue Kundengruppen zu erschließen. Auch der Anbau von pilzwiderstandsfähigen (PIWI-) Rebsorten kann helfen, den Arbeitsaufwand zu reduzieren. Stefanie Schwarz hält auch eine Neuausrichtung der Kundenansprache für nötig, beispielsweise durch neue Etikettendesigns. Schwarz: „Es reicht nicht mehr aus, sich nur auf die jahrzehntealte Stammkundschaft zu verlassen.“ Alle wollen auch das Weinerlebnis verbessern. Die Weinmanufaktur beispielsweise hat ihre Öffnungszeiten erweitert, um mehr Einkaufserlebnisse nach Feierabend zu ermöglichen.
https://weinmanufaktur.de/ (Opens in a new window)Die Untertürkheimer Wengerter bekämpfen die Krise also mit Innovationskraft – und wollen den Wert ihrer Arbeit neu vermitteln. Stefanie Schwarz: „Weinbau ist nicht nur Erzeugung von Wein. Weinbau pflegt auch Landschaft, was sehr viele Mehrwerte für Natur, Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft hat.” Der bewusste Kauf regionaler Weine ist ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft. Und wenn es die Politik dann noch schafft, durch entsprechende Rahmenbedingungen einen fairen Wettbewerb zu sichern, kann in Stuttgart noch lange nachhaltig erzeugter Wein aus der eigenen Region genossen werden.
»»» Nur 3 Euro ermöglichen einen ganzen Monat lang uneingeschränkten Zugriff auf alle hier auf „Gaisburger Marsch” bereits erschienenen Artikel in voller Länge inklusive den Podcast-Versionen. Einfach auf den Button unten klicken (immer monatlich kündbar). Wer über Termine und Kultur in Stuttgart-Ost informiert werden will, kann den kostenlosen Newsletter abonnieren (Button oben). Gerne weitersagen und weiterleiten! «««

Auf die blauen Buttons klicken, dann werden die Links zu den Geschichten angezeigt:
https://www.google.com/maps/d/u/0/edit?mid=1IYkhkrpnt2a-Q33gRq5S33ql-2iXcs0&usp=sharing (Opens in a new window)