
english below.
über den marginalian newsletter lese ich ein zitat von anne enright:
“the gleam on the surfaces of my typing hands. i love the gift of its arrival. the light you see is always eight and a half minutes old. always and again. and you think it is shared by everyone but it is not shared, exactly — our eyes are hit by our own, personal photons.”
ich denke: so viele menschen auf der welt, manche neben uns, manche unerreichbar, alle trifft dasselbe licht. alle sind eigentlich miteinander verbunden auf eine art, und trotzdem denken so viele von uns an nichts anderes als an abspaltung, abtrennung von anderen, unterwerfung.
ich höre beim spazierengehen einen roman über eine frau im viktorianischen england, die gern ärztin wäre, es aber nicht sein darf. es geht natürlich um sexismus, aber auch um die atemberaubende experimentierlust der chirurgen der damaligen zeit. und um die ersten anwendungen von äther als betäubungsmittel. ich muss daran denken, dass diese für die medizin bahnbrechende entdeckung sehr schnell von cis männern als mittel genutzt wurde, um anderen menschen, mehrheitlich frauen, gewalt anzutun. heute haben wir keinen äther mehr, wir haben ko-tropfen. wir haben chatgruppen, in denen sich typen gegenseitig zur vergewaltigung anleiten oder verabreden, je nach gruppe. wir haben “rape academy”. not all men, heißt es dann, und ich denke, ich rede ja nicht von allen männern, nur von cis männern.
die protagonistin von bianca jankovska unterscheidet zwischen männern, “die frauen lieben”, und männern, “die frauen mögen”. i.e., sie respektieren, sich für ihre belange interessieren, ihre werke lesen und unter umständen sogar im bücherregal stehen haben. sie kommt zu dem schluss, dass sehr, sehr viele [cis] männer frauen nicht mögen.
fakten lesen und nicht wissen, wohin mit sich. auf bluesky lese ich nicht zum ersten mal, politische entscheidungen seien “wahnsinnig” oder “irre”. dabei hat das alles mit verrückt nichts zu tun. politische entscheidungen werden aus voller absicht getroffen. die abwertung von menschen, die zerstörung der zukunft von generationen geschieht bei vollem verstand. in ableistischen begriffen wie “irre” oder “bekloppt” drückt sich hilflosigkeit angesichts solcher menschenverachtung aus, aber auch die menschenverachtung selbst. die verachtung für psychische erkrankungen und behinderung und damit die verachtung für die betroffenen.
in “die welt da drinnen” erzählt helga schubert von den ermordeten in einer klinik im zuge der aktion t4 im NS. sie erzählt von dem täter, der nach seiner perfiden verteidigung freigesprochen wurde. sie erzählt von den bis heute erhaltenen, seltsam galltäglichen räumlichkeiten, in denen die morde geschahen. sie erzählt von vätern, die ihre töchter, und ehemännern, die ihre frauen einliefern ließen.
sie schreibt:
"das für-verrückt-erklären eines anderen menschen geschieht aus angst vor dem eigenen verwirrenden, unbekannten, unkonventionellen, schöpferischen, fremden. aber es bleibt eine gefahr."
noch im prozess in den 1950er jahren wurde damit argumentiert, man habe ja nur die so genannten besonders schlimmen fälle getötet.
im vorwort zitiert die autorin eine befreundete ärztin, die ihr abrät, das buch zu verfassen:
“in zukunft wird es überhaupt kein tabu mehr sein, kranke alte zur lebensverkürzung aufzufordern. was willst du noch auf dieser welt, werden die jungen gesunden fragen. du wirst es noch erleben.”
so genannte euthanasie und ihre vorstufen sind verbreitet genug. sie begegnen uns überall. positive erzählungen von pflege dagegen so gut wie nie.
"als angehörige eines menschen mit schwerbehinderung erlebe ich jeden tag, wie wenig präsent der gedanke an ein leben mit behinderung und krankheit allgemein in der gesellschaft ist. auch in unseren künstlerischen diskussionen fehlt er weitgehend." (martina hefter)
pflege, so sie uns überhaupt in film und literatur begegnet, ist eine drohung. ein: pass auf, sonst ergeht es dir auch so. ein: niemand möchte so leben. eine belastung für die angehörigen. meine erfahrungen in einem pflegedienst waren kurz und sind sehr lange her, aber ich habe nie vergessen, welchem stress die pflegekräfte ausgesetzt waren und welcher einsamkeit die menschen, die ihrer pflege bedürfen. einfach, weil wir in einem system leben, indem alles gegen geld getauscht wird. wie viel ein wort, eine geste da bedeuten kann.
in “sterben” fällt der vater aus dem bett, wir beobachten das wie auf einer theaterbühne. nichts in dieser einstellung macht uns sein elend erträglicher. trotzdem ist der film keine erzählung über ihn, über sein leiden. sie ist eine über seinen sohn. über dessen gefühlswelt, dessen eigene angst vor hilflosigkeit und tod.
die mutter eines der protagonisten in “drei” - ein film, den ich für seine darstellung von liebesbeziehungen sehr schätze - versucht sich nach einer krebsdiagnose das leben zu nehmen. die “richtigkeit” ihres suizids wird noch unterstrichen, indem sie zwar lebend, jedoch mit schweren hirnschäden gefunden wird, ihr sohn stellt schließlich die lebenserhaltenden maßnahmen ab. nach ihrem tod ist sie ein verklärter engel, der dem sohn trost spendet.
mit welcher selbstverständlichkeit wir diese narrative aufnehmen. und es geht hier nicht um suizid als eine freie, selbstgewählte entscheidung, sondern um die gesellschaftlich hergestellte “notwendigkeit”.
in diesen monaten begehen menschen, teils sind sie sehr jung, assistierten suizid, weil sie an me/cfs leiden, weil sie und ihre angehörigen im stich gelassen werden, von der gesellschaft, von der forschung und einem gesundheitssystem, in dem menschlichkeit gegen geld getauscht wird. in dem patient*innen in der “reha” zu leistung angetrieben werden sollen, was bei diesem krankheitsbild meist zu heftiger verschlechterung führt. da ist keine lobby. keine breite öffentlichkeit. da ist nur unser: aber mir passiert das nicht. krankheit, auch covid, wird ausgeblendet, verdrängt.
“habt ihr euch in deinem kollektiv jemals ausgemacht, dass ihr euch um einander kümmert, sollte jemand chronisch erkranken? wahrscheinlich nicht, antworte ich, weil niemand davon ausgeht, dass es eine selbst einmal trifft” (kaśka bryla).
ich wünsche mir mehr solidarität, gerade jetzt. gerade jetzt, da die meisten menschen in unserer gesellschaft von politischen entscheidungen angegriffen und benachteiligt werden. sei es als kulturschaffende, als gesetzlich versicherte, als erkrankte oder behinderte, als schwarze oder personen of colour, als queere, als frauen, als armutsbetroffene, als eltern, als kinder, als alleinerziehende, als arbeitnehmende, als selbständige, als alte, als arbeitslose, als jugendliche. was könnten wir erreichen, wenn wir uns alle zusammentäten, statt uns von anderen zu separieren. wenn wir unsere wahrnehmungen und kräfte verbinden würden.
“we don’t walk down the same street as the person walking beside us. all we can do is tell the other person what we see. we can point at things and try to name them. if we do this well, our friend can look at the world in a new way. we can meet.” (anne enright)
das licht fällt durchs fenster auf meinen schreibtisch. ich halte das gesicht in die sonne und schließe die augen.
was kleines tun:
überlege, wie du mit einer person in deinem umfeld solidarisch sein kannst. wenn du ihr begegnest oder wenn andere über sie sprechen, wenn du an sie denkst. wenn du eine entscheidung triffst.
literatur:
anne enright: the wren, the wren
auszüge nachzulesen hier: https://www.themarginalian.org/2025/01/16/abyss/ (Si apre in una nuova finestra)
audrey blake: the girl in his shadow
bianca jankovska: fuckgirl
helga schubert: die welt da drinnen
martina hefter in: other writers need to concentrate
kaśka bryla: mein vater der gulag die krähe und ich
film:
sterben, regie: matthias glasner, 2024
drei, regie: tom tykwer, 2010
reading the marginalian newsletter, i find a quote by anne enright:
“the gleam on the surfaces of my typing hands. i love the gift of its arrival. the light you see is always eight and a half minutes old. always and again. and you think it is shared by everyone but it is not shared, exactly — our eyes are hit by our own, personal photons.”
there are so many people in the world, i think, some close to us, some unreachable far away, all touched by the same light. all connected, somehow, and still, so many of us can’t think of anything else but to separate, to detach from, to subdue others.
taking a walk, i listen to an audiobook about a woman in victorian england, she would like to become a doctor but is forbidden to. this is, of course, a novel about sexism, but it’s also about the breathtaking delight victorian surgeons took in experimenting on patients. i learn about the first time ether was used as anaesthesia. and i have to think of the fact that this breakthrough in medicine was very soon discovered by cis men as a way to cause harm to other people, mostly women. nowadays, we don’t have ether anymore but date rape drugs. we have chat groups where guys teach each other how or arrange to meet in order to rape, depending on the group. we have “rape academy”. not all men, we are told, and i think, i don’t talk about all men, only cis men.
bianca jankovska’s protagonist distinguishes men “who love women” (translation by me) from men “who like women” (translation by me), i.e. respect women, care about their interests, read their work and even might have women’s writing in their book shelf. she concludes that many, many [cis] men do not like women.
reading the facts and no idea how to handle them.
not for the first time, i see posts on bluesky claiming that political decisions are “mad” or “insane”. but this has nothing to do with insanity. political decisions are made intentionally. the devaluation of people, the destruction of the future of generations is decided on with a sound mind. using ableist slurs like “insane” or “loony” reveals helplessness regarding the contempt for humanity, but it also reveals the contempt itself. contempt for mental illnesses and disabilities and therefore contempt for the people affected.
in her book “die welt da drinnen” (literally “the world inside”) helga schubert tells us about the murder victims of action t4 in a clinic in nazi germany. she writes about the murderer who was found not guilty following his perfidious defence. she writes about the to this day preserved, strangely ordinary rooms where the murders took place. she writes about fathers admitting their daughters, about husbands admitting their wives.
she writes:
“declaring another person insane originates from the fear of one’s own confusing, unknown, unconventional, creative, alien traits. but it remains a dangerous act.” (translation by me)
even during trial in the 1950s it was argued that only the so called very severe cases had been killed.
in the preface, the author quotes a friend of hers, a doctor. she advises against writing the book:
“in the future, it will be no taboo at all to ask sick elderly to shorten their lives. what are you looking for in this world anymore, the young healthy folks will say. you will live to see this for yourself.” (translation by me)
so called euthanasia and its prestages are quite common. we encounter them everywhere while positive accounts on caregiving are hardly ever to be found.
“as a relative of a person with severe disability i am witnessing everyday how the idea of a life with disability and illness is hardly present in our society. it’s largely missing in our artistic discussion, too.” (martina hefter) (translation by me).
we encounter caregiving in film and literature, if at all, as a threat. as: beware or you will be next. as: nobody wants to live like that. as a burden to the relatives. my working experience in a nursing service has been short and was long ago, but i could never forget the strain the caregivers had to endure and the forlornness of the people who depended on their care. just because we are living in a system where everything is exchanged for money. i will never forget how a word, a small gesture can make all the difference.
in “dying” the father falls off the bed, we can study this like a play on a stage. there is nothing in this scene to help making it bearable for us. still, the film is not a story about him and his suffering. it’s a story about his son. his son’s feelings, his son’s own fear of being defenceless, his fear of dying.
in “three” - a film i really like for its depiction of romantic relationships - the mother of one of the protagonists tries to kill herself because of a cancer diagnosis. the “correctness” of her suicide is emphasised by the plot: she is found, so she survives the attempt, but with severe brain damage and her son finally switches off life support. after her death, the mother is a glorified angel comforting her son.
how we take these narratives for granted. i am not talking about suicide as a free, voluntary choice but about suicide as “necessity” imposed by society.
during these months, people are committing assisted suicide, some at a very young age, because they are suffering from me/cfs, because they and their loved ones are let down by society, by researchers, by a health care system which will trade humanity for money. a system where patients during “rehab” are pushed to perform, a method that will lead to massive aggravation. there is no lobby. no public attention. there is nothing but our: but it won’t happen to me. sickness, even covid, is repressed, ignored.
“did you ever make an agreement to care for each other in case someone got chronically ill? probably not, i reply, because no one would think that she could be affected” (kaśka bryla) (translation by me).
i am wishing for much more solidarity, especially now when most people in our society are effected in the negative, are attacked by political decisions. attacked as creatives, as people with mandatory health insurance, with illnesses or disabilities, as black people or people of colour, as women, queers, poor people, as (single) parents, children, employees, self-employed, as elderly people, unemployed, teenagers.
what would we be able to achieve if we united instead of separating from each other. if we joined points of view, joined forces.
“we don’t walk down the same street as the person walking beside us. all we can do is tell the other person what we see. we can point at things and try to name them. if we do this well, our friend can look at the world in a new way. we can meet.” (anne enright)
the light is streaming through the window, onto my desk. i raise my face towards the sun and close my eyes.
tiny call to action:
find a way to show solidarity for a person in your circle - when you meet or when others talk about them. when you think of them. when you are making a decision.
books:
anne enright: the wren, the wren
read excerpts here: https://www.themarginalian.org/2025/01/16/abyss/ (Si apre in una nuova finestra)
audrey blake: the girl in his shadow
bianca jankovska: fuckgirl
helga schubert: die welt da drinnen
martina hefter in: other writers need to concentrate
kaśka bryla: mein vater der gulag die krähe und ich
film:
dying, directed by matthias glasner, 2024
three, directed by tom tykwer, 2010