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schreiben gegen ohnmacht, februar / write against, february

dicht mit weißem moos bewachsener boden mit einzelnen verdorrten grashalmen dazwischen

(english version below)

die wochenenden gehören jetzt den demonstrationen. und zum ersten mal in meinem leben verteile ich flyer, dabei kann ich flyer nicht leiden, die mir entgegengestreckt werden. dabei habe ich eine scheu davor menschen anzusprechen, die ich nicht kenne.

ich komme mit zwei touristen ins gespräch, die kein deutsch sprechen und fragen, ob der protest für oder gegen die afd sei? ich erkläre oder versuche es, mein englisches vokabular ist lächerlich, wenn ich kein wörterbuch zur hand habe. sie fragen, wie viel prozent es braucht, um an die regierung zu kommen. zusammen haben cdu und afd dann also die merheit, fragt der eine, und ich bestätige, majority ist plötzlich das grausamste wort.

so, they ar far right?

they are far from far, sage ich, und wir lachen, als wäre das etwas, worüber sich lachen lässt. ich erkläre den slogan “alice für deutschland” und sehe das verstehen im gesicht des mannes, noch ehe er nickt, und irgendwie beruhigt mich das.

das sonnenlicht an diesem wintertag lässt den ganzen platz gleißen.

ich lese im tagebuch von anna haag: “es sind ja viel zu wenige, die sich und ihren idealen treu geblieben sind.

(06.01.1941)

die bildzeitung verbreitet lügenmärchen über finanzierung der proteste gegen rechts, meine gedanken titeln: “bild schoss mit.”

einige wochen dieses neuen jahres kann ich nicht schreiben, kann kaum mehr lesen, die buchstaben verschwimmen mir vor augen. keine konzentration mehr, nur angst und wut und adrenalin, der kopf eine knetmaschine. albträume, die sich nur in ihrer drastik von der gegenwart unterscheiden, nicht vom inhalt.

und dann kehrt das konzentrationsvermögen zurück, ohne dass ich sagen kann, warum und wie lange. ist das die gewöhnung?

ich lese allendes “violeta”. in den kapiteln über die pinochet-diktatur schreibt sie: “‘wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen’, lautete die losung.”

sie schreibt: “die generäle der junta hatten verkündet, es handele sich um vorübergehende, aber vorerst unbefristete maßnahmen, bis im vaterland die christlich abendländischen werte wiederhergestellt wären. ich klammerte mich an die vorstellung, dass die demokratische tradition in unserem land die gefestigste auf dem gesamten kontinent war, wir in der welt ein vorbild waren für bürgersinn, dass es bald wahlen geben würde und wir zur demokratie zurückkehrten.”

ich denke darüber nach, dass ich allende jahrzehntelang nicht gelesen habe, weil sie als frau über frauen schreibt, weil ich damit aufgewachsen bin zu glauben, das sei keine literatur . ich frage mich, wie es sich anfühlen mag, wenn dein deutscher wikipediaartikel nichts als verrisse zitiert und der englische als “kritik” nennt: wer so viele bücher schreibt, kann nicht literarisch schreiben.

(allende hat seit den 1980er jahren 22 romane geschrieben. bei gabriel josé garcía márquez höre ich bei 70 auf zu zählen, weil jede kurzgeschichte einzeln unter “werk” aufgeführt wird, im englischsprachigen wikipedia hat seine bibliografie einen eigenen eintrag. i could go on.)

ich schreibe einen text, um ihn an eine zeitschrift zu schicken, ich lösche meinen instagramaccount, ich lese “weltalltage” zuende für den diasbility-lesekreis, ich denke über körper nach in der leistungsgesellschaft. ich würde gern darüber schreiben, irgendwann.

ich lese über disability.

rereading kafer, ich denke, dass viel mehr menschen kafer lesen müssten, und dass dieses buch zugleich hochschwellig ist (nur auf englisch erhältlich, relativ akademisch geschrieben) und ich das mitbedenken sollte/muss/will.

ich durchbreche meine selbst auferlegte nachrichtensperre für alles, was die usa betrifft, lese von digitalem putsch, von forderungen wie in handmaids tale.

ich lese im netz kommentare unter posts, man müsse nicht alles kommentieren.

ich lese über die fehlende einordnung der geschehnisse im in- und ausland durch öffentlich-rechtliche medien. ich lese darüber, wie rechten parteien eine unkommentierte bühne geboten wird.

ich lese auch, dass bei der spendenaktion für ein gutachten zum afd-verbot bereits neunzig prozent der erforderlichen summe erreicht wurden.

ich denke an die massen von menschen, die ich anfang februar durch den tiergarten ziehen sah, die sangen: wehrt euch; die sangen: siamo tutti antifascisti (wir sind alle antifaschist_innen).

ich sammle kleine krümel hoffnung und verstaue sie in meinem kopf.

was kleines tun:

unterstütze eine ngo gegen rechts - spenden, flyer verteilen, an ihren demos teilnehmen oder ihren newsletter abbonieren. oder einfach ihre inhalte auf social media teilen.

wenn du dich über die usa auf dem laufenden halten möchtest, ohne in einen abgrund der verzweiflung gezogen zu werden, rate ich zu “last week tonight” auf youtube (das ist eine unbezahlte empfehlung und john oliver weiß nichts davon. aber seine videos haben mir schon so oft geholfen, das alles zu verarbeiten).

literatur:

anna haag: „denken ist heute überhaupt nicht mehr mode“. tagebuch 1940–1945. hrsg. und nachwort von jennifer holleis

isabel allende: violeta, übersetzt von svenja becker

paula fürstenberg: weltalltage

alison kafer: feminist, queer, crip

weekends are for protests now. i am handing out leaflets for the first time in my whole life, despite my strong dislike for flyers held out to me, despite me being shy with strangers since forever.

i find myself talking to two tourists who don’t speak german, who ask me if this protest is meant to be pro afd or against them? i explain or i try to, my vocabulary is ridiculous without a dictionary. they ask how many votes a party would need in order to get into parlament (btw it’s 5% in germany).

so, together afd and cdu would hold the majority, they say. i confirm this. and suddenly, majority is the cruelest word on earth.

so, they are far right?

they are far from far, i answer, and we laugh, as if this was something to laugh about. i explain the slogan “alice für deutschland” to him and i can see the comprehension in the man’s face before he nods, and somehow, this comforts me.

the whole square is blazing in today’s winter sun.

i am reading anna haag’s diary: “there are not enough people who stayed true to themselves and to their ideals”.

(06.01.1941)

the bildzeitung is spreading lies regarding the protests against the right, lies that they are state sponsored, and the old headline pops up in my mind: “bild schoss mit” (bild shot, too).

a few weeks into this new year i am not able to write, i can hardly read, letters blurring in front of my eyes. no focus, just fear and rage and adrenaline, the mind a kneading machine. my nightmares differ from reality only regarding their imagery, not in terms of meaning.

and then, all of a sudden, i’m able to focus again, and i have no idea why and how long it will last. is this habituation already?

i am reading “violeta” by allende. in those chapters adressing the pinochet dictatorship she writes: “’he who does not work, neither shall he eat’, the slogan went”.

she writes: “the military junta claimed that these were only temporary measures, but that they would continue indefinitely, until christian and western values were restored to the nation. i held on to the illusion that our country had the most solid tradition of democracy on the continent, that we’d been a model of civic duty in the world, that we’d soon have elections and democracy would be reinstated.”

the fact that i wouldn’t read allende, for decades, because she is a woman writing about women, because i grew up believing this can’t be literature. and how does it feel to have a german wikipedia page citing nothing but spiteful reviews, and an english one which says the “negative criticism” of your work is, like, if you write so many books, they can’t be serious fiction.

(since the 1980s, allende wrote 22 novels. i look up gabriel josé garcía márquez but i stop counting at 70, because every little short story is listed in the “work” entry. in english, his bibliography has got its own wiki page. i could go on.)

i write a submission for a magazine, i delete my instagram, i finish reading “weltalltage” for my disability book club. i am having thoughts about the human body in modern performance society. i would like to write about this someday.

reading about disability. rereading kafer. i think that everybody should read kafer, and that this book, at the same time, is far from what i’d call accessible (no german translation so far, quite academic writing style) and that i should/must/want to consider this.

i break my self imposed news ban regarding anything us american and i read about digital coups and demands sounding like right out of handmaid’s tale.

i read online comments that say you shouldn’t comment on everything.

i read how public broadcasting fails to classify german events as well as global ones, and how far right politicians are given a forum and a carte blanche to utter whatever they like.

i also read that a donation campaign to fund an expertise on the afd party has raised ninety percent of their goal already.

i think of that huge crowd i saw marching through berlin tiergarten in early february, so many people. singing: wehrt euch (fight back), singing: siamo tutti antifascisti (we are all antifascists).

i pick up tiny crumbs of hope and tuck them away in my mind.

tiny call to action:

suport an ngo in their fight against the right - donate, hand out flyers, participate in their protests or subscribe to their newsletter. or follow them on social media and share their posts.

if you’d like to keep up with what’s going on in the usa without falling into an abyss of despair i’d recommend “last week tonight” on youtube (this is unpaid and unasked for, john oliver doesn’t even know i exist, but his videos do help me to process this shit, so yeah).

books:

anna haag: „denken ist heute überhaupt nicht mehr mode“. tagebuch 1940–1945. edited and postface by jennifer holleis

isabel allende: violeta, translated by frances riddle

paula fürstenberg: weltalltage

alison kafer: feminist, queer, crip

Kategorie schreiben gegen ohnmacht