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    <title>gemište Gefühle</title>
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    <description>gemište Gefühle ist ein postmigrantischer, feministischer Newsletter über Politik, Gesellschaft, und Kultur</description>
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      <title><![CDATA[Wogegen und wofür man schreibt]]></title>
      <description><![CDATA[Vor mehr als zwei Monaten ist der letzte Newsletter erschienenen - es war der erste von zwei geplanten Teilen über die AfD. Teil zwei war damals schon fast…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Vor mehr als zwei Monaten ist der letzte Newsletter erschienenen - es war der erste von zwei geplanten Teilen über die AfD. Teil zwei war damals schon fast fertig. Ich hätte noch ein paar Zahlen ergänzen und einordnen müssen. Dann noch erklären, weshalb es wichtig ist, sich gegen eine Partei wie die AfD einzusetzen: Dabei hätte ich etwas von Menschlichkeit und Gerechtigkeit geschrieben, um anschließend zu erklären, wo und wie man ansetzen kann, um Schlimmeres als das zu verhindern, was Mitte Juli schon Realität war. Zum Schluss wäre ich vielleicht noch ein bisschen persönlich geworden, ziemlich sicher sogar.</p><p>Gefühle auspacken, von Ängsten erzählen, andeuten, wo dieses Land bei weiteren AfD-Wahlerfolgen enden könnte, erklären, was das für Menschen wie mich bedeuten würde - wie präzise ich es hier skizziere, sollte mich genauso schaudern lassen wie die Routine, die darin zum Ausdruck kommt. Dass es mich nicht erschreckt, liegt ausschließlich daran, wieviel Erfahrung und Übung ich darin habe, über all diese Themen und Fragen zu schreiben und zu sprechen. Seit Jahren tue ich nicht viel anderes, als Deutschen, die es hören und lesen wollen, zu erklären, was in diesem Land passiert und wohin es sich entwickelt.</p><p>Bevor ich anfing, darüber zu schreiben, habe ich lange versucht, darüber zu sprechen, was selten gut ankam. Wer in Deutschland als Betroffene*r darüber spricht, wie Rassismus von Anfang an das eigene Leben prägt, erschwert und kaputtmacht, wie er einen innerlich zerstört, hört schnell Sätze wie jenen, den ich vor nicht allzu langer Zeit von einer Deutschen kassiert habe: „Wir hatten alle eine schwere Kindheit.“ Überflüssig zu erwähnen, dass Menschen, die sowas sagen, sich nicht nur für empathisch halten sondern auch für aufgeklärt in Rassismusfragen, sie bilden sich ja - und darauf bilden sich Menschen in bestimmten Kreisen auch gerne was ein. Liberal oder linksliberal (was auch immer das sein soll), bürgerlich, die Grünen oder die SPD wählend usw., man kennt das alles. Und, ja, man kann solche Leute nicht gleichsetzen mit Rechten, Rechtsextremist*innen und Faschist*innen. Aber man sollte sie auch nicht schonen. Erstens tun sie das selbst leider zu Genüge. Zweitens pflastern sie in diesem Land damit Pfade, aus denen Straßen werden, die zu Autobahnen führen, über die früher Hitler und bekennende Nationalsozialist*innen rollten, während andere Deutsche von der Seite winkten, obwohl letztere das mit Hitler und den Nazis  - natürlich! - gar nicht gut fanden. Nur: Was hätten sie tun sollen? All die guten Deutschen waren ja selbst Opfer. Aber davon verstehen Rassismus-Betroffene, Jüdinnen*Juden, Menschen mit Behinderungen, queere, nicht-binäre und trans Menschen nichts. Gedemütigt werden, bedroht werden, geschlagen werden, angezündet werden, ermordet werden oder mit der berechtigten Angst leben, das alles könnte einem in Deutschland widerfahren - klar, das ist nicht schön. Aber was ist es schon verglichen mit innerer Emigration? Kann sich also bitte mal jemand fragen, wie schlimm es für gute Deutsche war und ist, den Mund zu halten, während Millionen Angehörige von Minderheiten auf unendlich viele Arten fertiggemacht werden? Darüber müsste man wirklich mal reden, aber man darf ja nichts mehr sagen in diesem Land.</p><p>Merkt ihr, wie ich das kann? Wie ich euch damit kriege, wenn ich darüber schreibe, was ich fühle und denke, wenn ich Deutschen dabei zusehe und zuhöre, wie sie die Folgen der deutschen Geschichte relativieren? Wie sie sich selbst zu Opfern machen? Wie sie Rassismus-Betroffene und Angehörige anderer Minderheiten gaslighten? Und merkt ihr, wie euch solche Menschen irgendwie anwidern, während ihr gleichzeitig denkt „Zum Glück bin ich nicht so“? Falls ihr es nicht merken solltet: Ich merke es, und es macht mich ratlos und wütend. Ich weiß nicht mehr, was und wie ich schreiben soll, um Deutschen klarzumachen, dass Deutsche wirklich keinen Grund haben, sich moralisch zu finden oder gut zu fühlen, wenn es um das geht, was in Deutschland passiert. Denn es passiert seit langem, was ich weiß, weil ich es schon so lange miterlebe. Das alles existierte lange vor den 21 Prozent für die AfD. Hanau, NSU, Lübeck, Halle, NPD, Mölln, Solingen, Die Republikaner, Rostock-Lichtenhagen - ich könnte ewig weitermachen. Andere könnten ewig weitermachen. Angehörige von Minderheiten schreiben sich in diesem Land seit bald 80 Jahren in den Burnout, bei dem Versuch, Deutsche an ihre Verantwortung zu erinnern, sie zu warnen, ihnen zu zeigen, dass es wieder schlimmer wird und noch schlimmer. Aber gut, mit Burnout ist es am Ende wie mit schwerer Kindheit: Haben alle. Und so sitzen arme deutsche Nazi-Kinder und Nazi-Enkel mit Burnout sonntags unter den Bildern ihrer Nazi-Vorfahren, trinken Kaffee und essen Kuchen von hübschem Porzellan, während sie - natürlich! - im inneren Widerstand sind wogegen auch immer. Ganz sicher aber nicht gegen die AfD.</p><p>Jetzt hab ich euch schon wieder damit gekriegt. Wir könnten ewig so weitermachen: Ich schreibe über all diese Dinge, ihr lest und lest - auch weil zwischen der Härte dieser Zeilen und meines Urteil etwas anderes zu erahnen ist, nämlich Wut, Traurigkeit, Angst, Verletzung, Verzweiflung. Man kann sich daran berauschen. Ich, indem ich immer wieder Wunden bei mir aufreiße und mir einrede, alles, was ich dabei empfinde, zeige, dass ich noch bei Sinnen bin und nicht abgestumpft. Ihr, indem ihr immer wieder betroffen auf meine Wunden schaut, mich vielleicht nur bemitleidet, vielleicht sogar wirklich Anteil nehmt, und genau wie ich redet ihr euch dabei ein, es sei ein Beweis - nämlich für eure Aufmerksamkeit und eure präzises Gespür für das, was in diesem Land geschieht.</p><p>Was genau da geschieht, habe nicht mal ich mit meinem Wissen, meinen Befürchtungen, Sorgen und Ahnungen in dieser Geschwindigkeit erwartet. In den etwas mehr als zwei Monaten, seit die letzte Newsletter-Folge erschienen ist, sind in diesem Land so viele Brandmauern gegenüber der AfD und ihrer Politik gefallen, dass man sich - wenn man es nicht sowieso längst wüsste -, spätestens jetzt fragen müsste, woraus die angeblichen Brandmauern gegen Rechts genau bestehen und ob sie wirklich jemals existiert haben. Deutsche aus dem, was man die Mehrheitsgesellaft nennt, müssten sich das alles fragen, müssten darüber nachdenken, sich dagegen einsetzen, auf die Straße gehen, aber sie tun es nicht. Jene, die es doch tun, sind so hoffnungslos in der Unterzahl, dass ich sie dafür bewundern würde, würde ich nicht denken: „Ist ja schließlich euer Land  - wer, wenn nicht Deutsche sollten sich also der AfD in den Weg stellen?“ Wie armselig ist es, dass so wenige es tun? Wie lange kann und soll das noch so gehen, und wie müde können Angehörige von Minderheiten dabei werden, weiter und weiter zu warnen, zu bitten, zu erklären?</p><p>Ich jedenfalls bin sehr müde und ziehe für mich daraus die nötigen Konsequenzen. Der Entschluss ist über Wochen gewachsen, eigentlich jedes Mal, wenn ich an Teil zwei des Newsletters dachte und wann immer in den zurückliegenden zwei Monaten neue AfD-Erfolge vermeldet wurden. Immer spürte ich ein Drängen, etwas zu sagen und zu schreiben, und gleichzeitig einen Unwillen, dessen Ursache ist anfangs weder erkannt noch verstanden habe, auch weil der Unwille, über diese Themen zu schreiben, in einem so radikalen Widerspruch steht zu der Notwendigkeit, es zu tun. Das Wort radikal meine ich dabei ganz im Sinne seines Ursprungs vom lateinischen Wort radix, was Wurzel bedeutet. Denn AfD, Rassismus, rechtsextremes Denken und Faschismus - das berührt die Wurzeln meiner Existenz. Im Schreiben gegen sie alle schrieb ich um meine Sicherheit und mein Leben, so wie andere Angehörige von Minderheiten es tun. Ich habe über diese Themen immer in der Hoffnung geschrieben, es könnte helfen, etwas abzuwenden, was aber nicht mehr anwendbar ist. Das ist mir in den vergangenen Wochen klar geworden.</p><p>„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“ - dieses Zitat von Václav Havel hat mir meine Freundin Dagmara einmal geschickt, als wir übers Kämpfen und Nicht-Aufgeben und Weitermachen schrieben. Ich habe nicht nur keine Hoffnung mehr, wenn es um Deutschland und die AfD geht. Dieses Land, seine Menschen, mein Anders-Sein in diesem Land umgeben einer Mehrheit, für die anders nur gut ist, wenn sie selbst daraus einen Nutzen ziehen kann, das alles und die Ereignisse der vergangenen Wochen haben mir auch die Hoffnung genommen, gegen AfD, rechtes, völkisches Denken, gegen Rechtsextremismus und Faschismus anzuschreiben, ergebe durch und für jemanden wie mich Sinn. Auf Instagram habe ich über die Konsequenzen dieser Erkenntnis schon in den vergangenen Tagen geschrieben, erst in Stories und dann nochmal geteilt als Post, in dem man es genauer nachlesen kann. Für alle, die nicht auf Insta sind, kopiere ich den Text hier hinein:</p><p></p><p>Man glaubt als schreibender Mensch ja gerne - auch weil man es glauben will -, das eigene Schreiben könnte anderen Menschen etwas bedeuten. Man hofft, Leute würden einen wirklich hören. Wie könnten sie nicht? Vom Schreiben zum Schreien ist es nicht weit in diesem Land, wenn man zu denen gehört, die ständig seine hässliche Fratze zu sehen zu bekommen. Ich habe im Alter von drei Jahren zum ersten Mal in diese Fratze geschaut und tue es weiter, genau wie Millionen andere, deren einziges Vergehen darin besteht, anders zu sein.</p><p>Als schreibender Mensch hat man dem Wahnsinn hinter dieser Fratze nichts außer Worten entgegenzusetzen. Man schreibt Texte gegen Kapitalismus, Privilegien, Gier, Kälte, gegen Diskriminierung, Gewalt, Faschismus. Man schreibt sich müde im Schreiben für Menschlichkeit. Ich habe mich dabei müdegeschrieben. Aber die Worte anderer wiegen doch immer schwerer, vor allem die Worte von Rechten, Rechtsextremen und Faschist*innen, die ihren Worten zuverlässig Taten folgen lassen. Nirgendwo sollte man das besser wissen als in diesem Land, wo man seit bald acht Jahrzehnten so tut, als sei „Nie wieder&quot; eine Überzeugung der deutschen Gesellschaft. Dabei war es die Uberzeugung überlebender Jüdinnen* Juden, dass sich die deutschen Menschheitsverbrechen nie wiederholen dürften. Dieses Land nahm Jüdinnen*Juden und anderen Minderheiten damals alles - Besitz, Würde, Leben -, und dann stahl es Jüdinnen*Juden auch jenen Satz, mit dem es sich der Welt bis heute als geläutert präsentiert.</p><p>Aber der deutsche Faschismus ist wieder da. Er war nie weg. Bald werden Faschist*innen in den ersten Landesregierungen sitzen. Und - ich habe es neulich in meinen Stories geschrieben, weil ich weiß, dass es so kommen wird: In ein paar Jahren sitzen Faschist*innen in der Bundesregierung, dann dauert es nicht mehr lange, bis sie dieses Land kontrollieren. Ich will mich währenddessen nicht noch müder schreiben, und ich wünschte, andere würden erst recht schweigen. Alles, was rechts ist, sowieso - aber auch alle, die glauben, Widerstand könne man leisten mit intellektuellen Pirouetten, diskursiven Zauberwürfel oder als ”unaufgeregte Stimme“ der Vernunft. Woher nimmt man die Ruhe für sowas in diesen Zeiten und mit dem Wissen, was auf uns zukommt, denke ich, während ich diesen Leuten zusehe und zuhöre. Ich habe darauf nur zwei Antworten: Entweder wissen diese Menschen nichts über das, was kommt - oder sie können dem, was kommt, ruhig entgegensehen in dem Wissen, dass der Faschismus ihnen nichts anhaben wird, jedenfalls nicht mehr als ihren Großeltern und Eltern. Intellektuelle Pirouetten drehen, diskursive Zauberwürfel bespielen, Stimme der Vernunft sein kann man auch im Stillen. Andere müssen fliehen, um zu überleben, Deutsche gehen in die innere Emigration. Die Gedanken sind ja frei, niemand kann sie erraten.</p><p>Hört meinetwegen solchen Leuten und auch allen anderen weiter zu. Ich habe nichts mehr zu diesen Dingen zu schreiben. Es ist ja nicht mal mein Land, nicht meine Leute, für die ich hier schreibe oder vielmehr geschrieben habe. Es war lange genug mein Problem, dass Deutsche die hässliche Fratze dieses Lande nicht sehen wollen. Es wird mein Problem bleiben und das Problem viel zu vieler anderer Menschen. Aber ich werde es nicht mehr selbst zu meinem Problem machen.</p><p>Ich will nicht die wenigen noch halbwegs okayen Jahre, die in diesem Land bleiben, damit vergeuden, schreibend zu erklären, dass wir Anderen auch Menschen sind und dass wir ohne Angst um unsere Sicherheit und unsere Leben sein wollen können. Einfach sein. Aber man bekommt das in diesem Land nicht in die Köpfe hinein. Und wozu es dann auch nur einen einzigen Tag weiter versuchen?</p><p>So, wie das Schöne am Schreiben das Gefühl ist, etwas in Menschen bewegen zu können, so ist das Trügerische der Glaube daran, die eigene Stimme könnte wichtig sein. Aber das ist sie nicht. Meine jedenfalls ist nicht so wichtig, dass ich mich weiter müdeschreiben will. Ich weiß, dass viele hier gerne lesen, und ich würde gerne sagen können, lest jetzt bei diesen oder jenen Menschen. Aber ich glaube, das einzig Sinnvolle, was wir alle jetzt noch tun können und sollten, ist es, Rechten, Rechtsextremen und Faschist*innen die nächsten Jahre so schwer wie möglich zu machen. Demonstrieren, sie ärgern, das Anders-Sein nicht nur zulassen, sondern es zeigen und feiern, solange es geht, so schwer es auch ist.</p><p>Wir, die wir zu den Minderheiten in diesem Land gehören, sollten versuchen, auf uns zu achten und es so gut wie möglich zu haben mit dem Leben und den Lieben, dir wir haben. Es wird nicht mehr ewig so gehen. Dieses Land hat uns, die wir anders sind, nie beschützt. Die Mehrheit hat uns verraten, damals wie heute und sie wird es auf noch schlimmere Arten tun. Der größte Widerstand, den wir als Menschen, die anders sind, dagegen leisten können, besteht darin, unser Anders-Sein zu beschützen und es bewahren, damit etwas davon übrig ist, wenn irgendwann vielleicht wieder bessere Zeiten kommen.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 24 Sep 2023 13:05:35 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Was man über Deutschland, die AfD und Deutsche wahrscheinlich nicht…]]></title>
      <description><![CDATA[Wie der Titel dieser Newsletter-Ausgabe verrät, handelt es sich diesmal um eine Premiere: …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Was man über Deutschland, die AfD und Deutsche wahrscheinlich nicht sagen darf, aber kann, wenn man will – Teil 1</h1><p><em>Wie der Titel dieser Newsletter-Ausgabe verrät, handelt es sich diesmal um eine Premiere: Weil das Thema zu groß ist für einen Text bzw. für eine Newsletter-Ausgabe, erscheint der Text in zwei Teilen. Es gibt also sehr viel zu lesen und noch mehr zu verstehen, auch über sich selbst. Denn so weit die AfD politisch gefühlt von einem selbst entfernt sein mag: Das Thema, für das sie eigentlich steht, betrifft uns alle und steckt in uns allen. Zu sehen und anzuerkennen, wo diese Kräfte in einem selbst wirken – das ist leider genauso schwierig wie die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Partei.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Eines der gefährlichsten Bücher, das ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, ist wahrscheinlich „Demokratie. Eine deutsche Affäre“ von Hedwig Richter, erschienen im August 2020. Hedwig Richter ist Historikerin mit einer Professur für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Als Wissenschaftlerin ist die 50-Jährige in ihrer eigenen Disziplin nicht unumstritten. Manche stören sich daran, dass sie oft und gerne in deutschen Medien präsent ist. Andere kritisieren, sie würde historische Genauigkeit zugunsten von Publikumswirksamkeit opfern. Populärwissenschaftlich sei das, wurde ihr vorgeworfen. Anders ausgedrückt könnte man sagen: Hedwig Richter spricht und schreibt regelmäßig außerhalb von Universitäts-Zirkeln und betreibt Wissenschaft nicht rein um der Wissenschaft willen – womöglich weil sie weiß, dass Wissenschaft eine gesellschaftliche Funktion hat. Und dann ist die Historikerin auch noch eine attraktive Frau in der Lebensmitte, die <em>french bangs</em> und Make-up trägt und für Fotos gerne mit Lederjacke und Zigarette posiert. Sowas kann nicht jedem gefallen, erst recht nicht Leuten, die finden, Wissenschaft müsse möglichst trocken und langweilig rüberkommen, um seriös zu sein.</p><p>Weil es genug Menschen gibt, die das mit der Langeweile anders sehen, brachte es „Demokratie. Eine deutsche Affäre“ bei seinem Erscheinen direkt zum Bestseller. Für den Erfolg gab es neben der Verständlichkeit einen weiteren Grund, und eben der macht das Buch aus meiner Sicht so gefährlich. Denn bei dem Versuch, die Demokratie-Entwicklung in Deutschland über Jahrhunderte nachzuzeichnen, stellt Hedwig Richter Kapitalismus, Obrigkeit und liberalen Mainstream-Feminismus nicht nur als Fortschritt dar – sie formuliert auch noch ein absurdes Fazit: </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/6bcf243b-ed0e-42d0-b1a1-95df262fc15f">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 05 Jul 2023 06:19:28 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Ein Abschied und eine Ankündigung]]></title>
      <description><![CDATA[D. war die erste, der es auffiel. Ob mein Konto gesperrt worden sei, es werde …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>D. war die erste, der es auffiel. Ob mein Konto gesperrt worden sei, es werde auf Instagram nicht mehr angezeigt, schrieb sie mir am Montag. Ich antwortete, es sei nicht gesperrt worden. ich hätte es deaktiviert. D. war überrascht, auch geschockt, schrieb sie. Mir selbst ging es ähnlich, obwohl ich es ja gewesen war, die ein paar Stunden vorher entschieden hatte, Instagram zu verlassen. Instagram verlassen – als hätte ich mich entliebt und mit der Plattform Schluss gemacht. Ganz falsch ist das nicht. Es war alles andere als einfach, auch wenn ich schon länger darüber nachgedacht hatte, meinen Account zu deaktivieren.</p><p>Mehr als drei Jahre habe ich auf Instagram fast täglich über Gerechtigkeitsfragen geschrieben. In dieser Zeit habe ich </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/8a63630d-298e-4ce7-84e4-d1ff37652e49">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 25 Jun 2023 22:57:53 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Germany's Next Topfeministin, ein How-to]]></title>
      <description><![CDATA[Weißen Frauen aus der Mittelschicht Tipps zu geben, wie sie es möglichst weit nach oben schaffen, liegt auf meiner persönlichen Prioritäten-Liste ungefähr gleichauf mit…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Weißen Frauen aus der Mittelschicht Tipps zu geben, wie sie es möglichst weit nach oben schaffen, liegt auf meiner persönlichen Prioritäten-Liste ungefähr gleichauf mit dem Ziel, weißen Männern aus der Mittelschicht beim Hochschrauben in dieser Welt zu helfen. Auf Instagram, wo ich hauptsächlich schreibe (meistens in den Stories) ging es schon oft darum, warum ich nicht viel von weißen Feministinnen halte. Diesmal handelt auch der Newsletter davon. Ausschlaggebend war eine Erfahrung auf Instagram. Dort schrieb ich vergangene Woche mehrere Stories über Männer und ihre Beiträge zu feministischen Diskussionen. Kurz darauf erschien „Noch wach“ von Benjamin von Stuckrad-Barre – ein Roman, der ziemlich nahtlos an die Männlichkeits-Stories anschloss, sowohl in seiner Machart als auch in der Art, wie er von Autor und Verlag beworben wurde. Ziemlich viele Menschen lasen diese Stories. Und nicht wenige wunderten sich, als sie wiederum ein paar Tage später Teile meiner Story über den Roman von Stuckrad-Barre im Text einer anderen Frau wiedererkannten. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert, aber es ist jedes Mal bitter. Ein Muster ist dabei erkennbar. Mit der Zeit wird es immer deutlicher. Deshalb habe ich beschlossen, die Erfahrungen und Beobachtungen hier aufzuschreiben. Man kann daraus wahrscheinlich zweierlei lernen: Entweder, wie man es als feministische Stimme in diesem Land weit nach oben bringt – oder was man als Feministin umgekehrt besser nicht tun sollte, auch wenn es bedeutet, dass der eigene Wunsch nach Bedeutsamkeit darunter leidet. Am Ende entscheidet das jede*r für sich.</em></p><p></p><p>2R03 ist gut. Ein hübscher heller Hautton. 5R04 ist auch nett oder 2R04. Ideal wäre wahrscheinlich eine <a href="https://www.pantone.com/eu/de/color-tools/physical-color-tools/fashion-home-interiors/skintone-guide">3R04</a>: hübsch rosig, Ahnungslose werden es für „weiß“ halten. Eine 3R04 bringt dich nach vorne. Es sei denn, du heißt Zlata oder Yasemine oder Alisz oder hast sonst einen irgendwie fremd klingenden Namen. Versuch am besten Anna zu heißen, das klingt schön vertraut – wobei man natürlich nie weiß, woher so eine Anna <em>wirklich </em>kommt. Dann eben sowas wie Annika oder Franziska. Ein bisschen modern wäre schon wichtig, du willst Deutschland ja den Weg weisen. Da brauchst du nicht mit sowas Ollem wie Stefanie oder Melanie oder Susanne ankommen. Zur Not hast du ja noch einen Nachnamen. Gut, wenn er sich der schönen Zweilaut-Vielfalt der deutschen Sprache bedient: Baier, Mielke, Lauer. Breyer oder Mayen gehen auch. Unschlagbar: Ein ß wie in Kloß, Strauß oder Voß. ß – das gibt es nur im Deutschen. Andererseits: Wenn du später mal ein Buch schreibst, und das wirst du, dann wird aus deinem schönen ß womöglich ein SS, weil sich Großbuchstaben auf Büchern so hübsch machen. Deutsch und SS, nee, das lässt du besser. Am besten ist ein Umlaut. Umlaute gibt es in nur wenigen anderen Sprachen. Und ist dir schon mal aufgefallen, dass ein U mit dem Trema darüber aussieht wie ein lächelndes Gesicht? Das passt doch zu dir. Denn du wirst nicht rüberkommen wie eine verbitterte </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/f5e9d7b0-7b3e-4fab-8f30-4f2ec96ab85e">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 27 Apr 2023 15:15:29 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[VerKeinbarkeit]]></title>
      <description><![CDATA[Tage, seit die letzte Ausgabe des Newsletters erschienen ist: 126 (8.7.2022) – Newsletter-Ideen, die ich seither hatte: 23 – Newsletter, die ich angefangen habe: 14 …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Tage, seit die letzte Ausgabe des Newsletters erschienen ist: 126 (8.7.2022)</p><p><em>Seither:</em></p><p>Newsletter-Ideen, die ich hatte: 23</p><p>Newsletter, die ich angefangen habe zu schreiben: 14</p><p>Newsletter, die ich zu Ende geschrieben habe: 0</p><p>Tage, an denen ich nicht zum Schreiben gekommen bin, weil eines der Kinder krank war: 12</p><p>Wochen, in denen ich zum Denken und Schreiben und Recherchieren zu müde war: 17</p><p>Eigene Krankheitstage </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/107c4f52-4bc8-466e-b2f0-6df4087d1243">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 12 Nov 2022 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wenig Geld, nicht arm]]></title>
      <description><![CDATA[In meinem Leben gab es nie arme Menschen, obwohl ich zu verschiedenen Zeiten meines Lebens selbst von Armut betroffen war …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Fast vier Monate ohne </em><em><strong>gemište Gefühle</strong></em><em> ist für mich unvorstellbar, weil gemište Gefühle mein default mode sind und deshalb immer in mir. Aber im Alltag fehlte in den letzten Monaten oft die Zeit, um in Ruhe über diese Gefühle nachzudenken und um darüber zu schreiben. Und manchmal  fühlte sich der Weg vom Herz über den Kopf in ein Word-Dokument auch einfach zu weit und zu schwer an. Aber jetzt ist der Newsletter erstmal zurück und ich bin froh, dass ihr alle noch dabei seid und dass neue Menschen dazugekommen sind. Danke dafür, fürs Lesen und für euch! Mia</em> </p>
<p></p>
<hr aria-hidden="true"/>
<p></p>
<p>In meinem Leben gab es nie arme Menschen, obwohl ich zu verschiedenen Zeiten meines Lebens selbst von Armut betroffen war. In meiner Kindheit und Jugend zum Beispiel, später während des Studiums und als Praktikantin bei einer Tageszeitung in Berlin, die eigentlich zugesichert hatte, ein Praktikant*innengehalt zu zahlen, um am ersten Tag des Praktikums zu erklären, dass Geld leider knapp sei und das Gehalt für Praktikant*innen deshalb gestrichen. Ich hatte fest mit den 400 Euro gerechnet. Das WG-Zimmer zahlten meine Eltern, die noch ein bisschen mehr drauflegten. Aber für Lebensmittel, das Ticket für den Nahverkehr, das ich brauchte, um zur Arbeit zu kommen und um zu Rechercheterminen zu fahren, die Mobilfunkrechnung, die Rezeptgebühr für mein Migränemedikament oder wenigstens genug Geld für Paracetamol – das alles und was sonst anfiel, würde ich ohne das Gehalt nicht bezahlen können.</p>
<p>Eine Weile kam ich trotzdem irgendwie zurecht dank Essensgutscheinen für den Italiener unten im Verlagshaus. Wie andere Praktikant*innen hatte ich davon ein paar bekommen, weil die Redaktion wegen des gestrichenen Gehalts ein schlechtes Gewissen hatte. Einen Teller Nudeln gab es dafür, eine warme Mahlzeit am Tag. Als die Gutscheine aufgebraucht waren, holte ich mir mittags ein belegtes Brot in der Kantine, die der Redaktion auch als Konferenzraum diente, abends kochte ich Nudeln, erst mit Butter, später ohne. Weil das Geld bald auch dafür nicht mehr reichte, kaufte ich nach der Arbeit in einem Netto um die Ecke einen Becher Hüttenkäse, den ich für Abendessen und Frühstück einteilte. Wenn der Hunger bei der Arbeit so groß wurde, dass ich vor Kälte und Müdigkeit und Ziehen im Magen nicht klar denken konnte, ging ich in die Konferenz-Kantine, wo mir Nancy einen Tee kochte. Nancy leitete diese seltsame Kantine, was bedeutete, dass sie meistens in einem Raum ohne Tageslicht Brote schmierte für Menschen, die Uwe, Waltraud, Robin oder Susanne hießen und die all die Brote selten kauften. Die Leute im Verlag waren anders als Nancy und ich, was wir beide wussten, aber darüber gesprochen haben wir in den drei Monaten meines Praktikums kein einziges Mal, obwohl ich oft bei Nancy in der Kantine saß. Meistens stellte sie mir den Tee auf den Tisch. Wenn sonst niemand im Raum war, setzte sie sich zu mir. Manchmal schenkte Nancy mir ein Brot und legte mit den Worten „Ein bisschen Vitamine“ noch eine Essiggurke auf den Teller.</p>
<blockquote><p>Wer <em>wenig Geld</em> statt <em>arm</em> sagt, will auch sagen: Es liegt nicht an mir, ich bin nicht faul und asozial</p></blockquote>
<p>Rückblickend würde ich nicht sagen, dass ich damals arm war. Ich hatte einfach nicht so viel Geld wie andere. So würde ich es sagen, denn so habe ich es zuhause gelernt und immer wieder auch von Bekannten und Verwandten gehört, wenn die von ihren Leben voller Entbehrungen erzählten. Wenig Geld, nicht arm – dieser Unterschied war immer wichtig, für mich ist er es bis heute,  weil wenig Geld zu haben nach einem Zustand klingt, dem man entkommen kann, während arm wie eine Eigenschaft wirkt, wie ein bleibender Makel, als der Armut einem von Außenstehenden ja oft auch ausgelegt wird. Gerade das macht diesen Unterschied so wichtig. Wer <em>wenig Geld</em> statt <em>arm</em> sagt, will auch sagen: Es liegt nicht an mir, ich habe nichts falsch gemacht, bin nicht faul und asozial – auch Makel oder vielmehr Eigenschaften, die man Menschen in Armut oft zuschreibt. </p>
<p>An den Vorurteilen gegenüber Armutsbetroffenen  hat sich trotz gesellschaftlicher Diskussionen über Armut, Klassismus und Gerechtigkeit bis heute wenig geändert. Eher haben sie zugenommen. Das haben die Leiter*innen der Mitte-Studie festgestellt, die alle zwei Jahre von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wird. Im Untersuchungszeitraum 2018/2019 gab fast die Hälfte der Befragten an, Langzeitarbeitslose – eine der Gruppen, die in Deutschland am stärksten von Armut betroffen sind – seien nicht an Arbeit interessiert und würden sich auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen. <a href="https://www.o-ton-arbeitsmarkt.de/o-ton-news/mitte-studie-belegt-zunehmend-abwertende-einstellung-gegenueber-langzeitarbeitslosen">„Verglichen mit anderen Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit erreicht die Abwertung von Langzeitarbeitslosen den zweithöchsten Wert und liegt nur hinter der Abwertung von Asylsuchenden“, hielten die Studienverantwortlichen später fest.</a> In früheren Jahren war das Urteil über Langzeitarbeitslose weniger hart ausgefallen. Wieso mehr Menschen so negativ auf diese Armutsbetroffenen blicken, ist nicht ganz klar. Aber man kann es sich ungefähr denken in einer Welt, in der immer noch oft von „der Leistungsgesellschaft“ die Rede ist, in der jede*r für das eigene Glück und Unglück verantwortlich sein soll.</p>
<p>Dass es niemand, auch nicht in Deutschland, nur oder vor allem durch Leistung nach oben bringt, haben Wissenschaftler*innen oft genug nachgewiesen. Und selbst wo große individuelle Spielräume existieren, wirken immer strukturelle Bedingungen hinein. Diese Strukturen führen in Deutschland dazu, dass vor allem drei Gruppen unter den 13,8 Millionen Menschen vertreten sind, die hier als arm gelten: Familien mit mehr als drei Kindern, Alleinerziehende und Erwerbslose. Man kann versuchen, sich, diesen Gruppen und allen 13,8 Millionen Armutsbetroffenen einzureden, die Leute seien selbst schuld, hätten alle den falschen Beruf gewählt, seien zu anspruchsvoll, nicht ehrgeizig genug, asozial, hätten zu viele Kinder bekommen oder vielleicht auch nur eines mit der falschen Person. Doch das Gerede vom angeblich individuellen Versagen und persönlichen Fehlentscheidungen hat am Ende nur einen Zweck: nämlich menschenverachtendes Verhalten gegenüber Armutsbetroffenen zu rechtfertigen.</p>
<p>Erst Mitte Juni konnte man das wieder beobachten. Da gab Baden-Württemberg bekannt, Rückforderungen gegenüber Hartz IV-Empfänger*innen prüfen zu lassen, sollten die für ihre Kinder 9-Euro-Tickets kaufen. Schüler*innentickets für den öffentlichen Nahverkehr werden in den meisten Ländern aus dem Bildungspaket des Bundes bezahlt. Weil der Zuschuss über neun Euro liegt, sah das baden-württembergische Wirtschaftsministerium eine „ungerechtfertigte Bereicherung“. Allein über das Wort Bereicherung könnte man lange diskutieren bei diesem Zuschuss, der  je nach Kommune ungefähr 50 Euro pro Monat beträgt. Noch bezeichnender war aber das Wort ungerechtfertigt, denn es legte nahe: Hartz IV-Familien wollen sich da etwas holen, das ihnen nicht zusteht, sie wollen den Staat betrügen und das lassen wir ihnen nicht durchgehen.</p>
<p>Der Bund stellte schnell klar, dass er Rückforderungen ablehnt, aber die öffentliche Diskussion war da nicht mehr aufzuhalten. Manche fanden Baden-Württembergs Ansatz richtig, anderen war es wichtig zu betonen, dass Hartz IV-Empfänger*innen sowieso viel zu nett behandelt würden. Und dann waren da noch jene, die sagten, arme Menschen hätten es doch schon schwer genug, man solle ihnen wenigstens das bisschen Geld lassen, das sei doch wirklich das Mindeste. Es war gut gemeint und fühlte sich für mich trotzdem falsch an, weil selbst in der Solidarität offensichtlich wurde, wie sehr wir uns daran gewöhnt und damit abgefunden haben, dass für Millionen Menschen in diesem Land <em>das Mindeste</em> reichen muss. Wäre es nicht so, wollten wir Armut abschaffen oder zumindest ihre Folgen abmildern, würden wir anders reden und argumentieren, wir würden mehr Unterstützung für Alleinerziehende fordern, für Familien mit mehr als drei Kindern, für Langzeitarbeitlose und für alle anderen.</p>
<p>Aber um etwas zu fordern, muss man wissen, woran es fehlt. Und schon da hört es oft auf. Also verlangen wir als Gesellschaft nicht, dass Schulmaterialien für Kinder von Hartz IV-Empfänger*innen vollständig bezahlt werden – denn wir wissen nicht, dass pro Kind und Schuljahr bloß 100 Euro vorgesehen sind, obwohl laut Untersuchungen das Doppelte nötig wäre. Wir bestehen nicht darauf, dass für diese Kinder die Verpflegung in Schulkantinen komplett finanziert wird, weil wir den Hartz IV-Regelsatz für Schulmahlzeiten nicht kennen: Er liegt bei weniger als einem Euro pro Monat. Wir erwarten nicht, dass jede Familie, die Arbeitslosengeld II bezieht, einen Internetanschluss gestellt bekommt, damit Schulkinder Hausaufgaben erledigen und Referate vorbereiten können, wofür sie oft das Internet brauchen. Oder vielleicht erwarten wir es doch, nicht wissend, dass der Staat für Familien, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, einen Internetanschluss nicht einmal bezuschusst.</p>
<p>Vielleicht wissen wir das alles nicht, weil es uns nicht interessiert oder weil wir selbst genug Probleme haben oder weil wir davon ausgehen, dass ein Staat wie der deutsche so viel Respekt vor Armutsbetroffenen haben sollte, dass er sie beim Leben unterstützt statt nur beim Überleben. Doch dafür bräuchte dieser Staat überhaupt erstmal eine konkrete Vorstellung davon, wo die Grenze zwischen Leben und Überleben liegt, was  <em>noch genug</em> ist und was <em>schon</em> <em>zu wenig</em>. Eine Vorstellung davon gibt es aber nicht. Stattdessen hält sich Deutschland wie die meisten Staaten der Welt an den 60 Prozent-Ansatz. Danach gilt man als arm, wenn das eigene Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Menschen im Land beträgt. Hier in diesem Land, in dem man oft das Gefühl hat, das es eigentlich viel lieber richtet und rechnet als zu dichten und zu denken, wird bei Armut zur Sicherheit  noch nach Haushaltsgrößen unterschieden, so dass man am Ende jedem Menschen in jedem Haushalt die persönliche Armutsgrenze zuweisen kann. Fast wirkt es, als hätte man Armut dadurch gut im Blick. Das Gegenteil ist der Fall.</p>
<blockquote><p>„Ich schlage vor, dass wir die Definition <em>arm</em> auf jede Familie anwenden, deren Einkommen weniger als die Hälfte des mittleren Familieneinkommens beträgt, eine Grundlage für diesen Richtwert existiert nicht.“ –– <em>Victor R. Fuchs</em></p></blockquote>
<p>Denn die 60 Prozent-Grenze, die angeblich weiß, wo Wohlstand endet und wo Armut beginnt, ist eine Erfindung oder vielmehr willkürlich gewählt. Eingeführt hat sie der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Victor R. Fuchs 1967 in einem Aufsatz mit dem Titel <a href="https://www.nationalaffairs.com/storage/app/uploads/public/58e/1a4/a48/58e1a4a48f37d449037283.pdf">„Redefining poverty and redistributing income“</a>. Darin schrieb er „Ich schlage vor, dass wir die Definition <em>arm</em> auf jede Familie anwenden, deren Einkommen weniger als die Hälfte des mittleren Familieneinkommens beträgt,“,  und ergänzte, „eine Grundlage für diesen Richtwert existiert nicht.“ Gestört hat es niemanden. Andere Wissenschaftler*innen übernahmen Victor Fuchs Definition, aus 50 wurden irgendwann 60 Prozent – eine kleines Zugeständnis an Menschen in prekären Lebensverhältnissen, weil sich der Anteil der Armutsbetroffenen so etwas vergrößert. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass wir noch heute über Armut sprechen auf Basis einer Zahl, die auf den ersten Blick vielleicht sogar logisch und vertretbar erscheint, ohne es zu sein.</p>
<p>Abgesehen davon, dass man sich mit 61 oder 62 Prozent eines mittleren Einkommens im Alltag ähnlich wenig leisten kann wie mit 60 oder 59 Prozent, ist das absurdeste an dieser Definition, dass sie Armut als rein materielles Problem betrachtet. Gelöst wird es angeblich, wenn ein Staat die materiellen Bedürfnisse armer Menschen abdeckt: Dach überm Kopf, Nahrung auf dem Tisch, fertig. Ob in armen Familien jede*r ein bisschen Intimsphäre hat, ob Kinder zuhause Platz zum Spielen finden, ob die Nahrung nicht nur sättigt sondern Nährstoffe enthält – diese und sehr viele andere Fragen werden bei der gängigen Armutsdefinition nicht mitgedacht. Sie reduziert Menschen auf ihre Hülle, als wäre das Innen egal, als wären Ausgrenzung und Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und der Verlust von Selbstachtung nicht auch eine Form von Armut.</p>
<p>Dass es um mehr geht als um fehlende materielle Absicherung, nämlich um fehlende Verwirklichungschancen, hat der indische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen in seinem <em>capabilities</em>-Ansatz herausgearbeitet. Danach sollte jeder Mensch ein Leben führen, für das si*er sich selbstbestimmt entscheiden konnte und das ihr*ihm die Selbstachtung lässt. Dafür wiederum bräuchte es uneingeschränkten Zugang zu Bildung, sozialen Sicherungssystemen und zu Arbeit. Aber wegen undurchlässiger Gesellschaftsstrukturen lässt sich nichts davon durchsetzen, so Amartya Sen.</p>
<p>Anhänger*innen des Leistungsprinzips – darunter der deutsche Staat – können mit solchen Analysen selten etwas anfangen. Lieber setzt man auf „Fordern und fördern“, fordert dabei aber vor allem selbst von Armutsbetroffenen wie im Fall von Hartz IV-Empfänger*innen, die im Gegenzug für staatliche Hilfe jeden Lebensbereich finanziell durchleuchten lassen und jedes Job-Angebot annehmen müssen. Das Fördern beschränkt man dagegen selbst in Zeiten extrem gestiegener Lebenshaltungskosten darauf, Familien mit Hartz IV für jedes Kind 20 Euro mehr im Monat zu überweisen und dabei zu betonen, dass der Staat auf diesem Weg seiner Verantwortung für arme Menschen gerecht würde. <a href="https://www.fr.de/politik/christian-lindner-hartz-4-kuerzung-finanzminister-langzeitarbeitslose-news-91653266.html">Gleichzeitig plant dieser Staat, einen Millionenbeitrag bei Hartz IV-Maßnahmen einzusparen.</a> </p>
<p>Es ist der derselbe Staat, der nicht fragt, wie Alleinerziehende einen dritten Pandemie-Herbst und -Winter zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit überstehen sollen. Ein Staat, der sich nicht dafür interessiert, dass Armutsbetroffene wegen immer weiter steigender Preise kaum noch frisches Obst und Gemüse kaufen können und dass es deshalb zu noch mehr Mangelernährung und gesundheitlichen Schäden kommt als sowieso infolge von Armut. Auch dass inzwischen 16,6 Prozent der Deutschen, also fast ein Sechstel der Bevölkerung und darunter immer mehr Berufstätige, mit solchen Sorgen kämpfen, wird hingenommen. Wie das möglich sei in einem der reichsten Länder der Welt, fragen Menschen deshalb manchmal zurecht. Aber die Frage impliziert, dass es keine Armut geben kann, wo Reichtum herrscht. Richtig ist: Nicht <em>obwohl</em> Deutschland zu den führenden Industrienationen der Welt gehört, gibt es hier so viel Armut – vielmehr ist die Armut so groß, <em>weil </em>Deutschland als Industrination so wohlhabend ist.</p>
<p>Karl Marx hat diesen Zusammenhang vor über 150 Jahren beschrieben,  Bertolt Brecht im Jahr 1934. „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“, dichtete er in „Alfabet“. Viel eingängiger kann man nicht erklären, dass Armut keine Folge von Kapitalismus ist sondern seine Ausgangsbedingung. Nur weil die einen ihre Ressourcen im Kapitalismus einsetzen, ohne Zugriff zu bekommen auf das Ergebnis ihrer Arbeit, können andere sich daran bereichern. „Der globale Kapitalismus beruht immer noch auf enteigneter Arbeit. Auch wenn es sich dabei nicht mehr um direkte Versklavung handelt, gibt es immer noch Formen der abhängigen und halb-freien Arbeit“, <a href="https://www.zeit.de/kultur/2022-05/nancy-fraser-kapitalismus-feminismus-rassismus/komplettansicht">fasst es die US-Philosophin Nancy Fraser zusammen</a>, die auch Care-Arbeit zu den Arbeitsformen zählt, ohne die Kapitalismus nicht existieren kann.</p>
<p>Man müsste also beim Kapitalismus ansetzen, ihn abschaffen oder zumindest so stark reformieren, dass er keine Armut mehr hervorbringt. Aber warum sollte ein Staat das tun, dessen Volkswirtschaft durch Kapitalismus aufrechterhalten und gestärkt wird und in dem der Zugang zu politischer Macht von Parteispenden abhängt, die Konzerne und andere Kapitalismusprofiteure finanzieren? Ein solcher Staat würde nicht lange fortbestehen, auch weil er durch das Ende von Armut ein Druckmittel verlieren würde, das er nicht nur gegen arme Menschen richtet sondern gegen alle – was uns alle von Armut betroffen und deshalb zu Armutsbetroffenen macht, selbst wenn wir finanziell eigentlich gut dastehen. Wie der Staat mit Armut als Druckmittel vorgeht, ist gleichermaßen einfach wie perfide, es braucht nur den Satz „Wenn wir jetzt nicht alle Opfer bringen, werden in Zukunft mehr Menschen in Armut leben“. Arm will niemand sein, und so wird Armut zum Schreckensszenario, das Leute antreibt, noch mehr zu leisten, sich und anderen noch mehr zuzumuten und abverlangen zu lassen – 42-Stunden-Woche statt 40, Rente mit 67 statt mit 65. Nahezu alles lässt sich durchsetzen mit der Androhung von Armut. Die Methode ist zynisch und zeigt gleichzeitig: Armutsbetroffene brauchen den Staat, aber der Staat braucht auch Armutsbetroffene, und sei es nur, um den Rest der Bevölkerung vor sich hertreiben zu können, indem er auf Menschen in Armut zeigt und sagt: „So wollt ihr doch nicht enden, oder?“</p>
<p>Hat man diesen Zusammenhang begriffen, wird klar, warum politisch so wenig gegen Armut getan wird und warum wir inzwischen eine „Vertafelung der Gesellschaft“ erleben, in der die Sorge um arme Menschen zunehmend Wohlfahrtsorganisationen überlassen wird. Der Staat oder vielmehr die SPD-geführte Regierung von Olaf Scholz kümmert sich währenddessen um Ober- und Mittelschicht, aktuell vor allem um letztere, für die man Maßnahmen wie Tankrabatt und 9-Euro-Ticket erlassen hat. Das war strategisch klug, musste aber vor allem sein, weil Menschen aus der Mittelschicht neuerdings spüren, was sie lange nicht erkannt haben, weil Politik davon abgelenkt hat durch das ewige Mantra der wichtigen Mittelschicht, die man um jeden Preis schützen und stützen müsse. Jetzt zeigt sich umso deutlicher: Auch um die Mittelschicht kümmert sich der Staat kaum. Deshalb müssen Menschen, die sich immer dazu gezählt haben und die womöglich stolz darauf waren, nicht mit wenig Geld dazustehen, nicht arm zu sein, plötzlich bei Lebensmitteln und bei anderen Ausgaben sparen, teilweise drastisch.</p>
<p>Es hat die eine weltweite Pandemie und den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gebraucht, damit mehr Leute als die 13,8 Millionen Armutsbetroffenen in Deutschland merken, dass die eigene Lage prekär ist, dass man sich durch den Satz „Leistung muss sich lohnen“ etwas hat vormachen lassen, dass man sich individuell noch so sehr bemühen kann – wenn bestimmte Strukturen wegfallen oder nicht mehr tragen, wird das alles nicht reichen. Gewarnt wurde davor schon länger, etwa im Buch „Working Class“ von Julia Friedrichs. Die Journalistin schreibt darin über Arbeiter*innen, meint damit aber nicht nur Arbeiter*innen im klassischen Sinn sondern generell Menschen, die Geld verdienen und trotzdem kein finanzielles Polster haben. Unideologisch und auf Basis von Fakten erfährt man in „Working Class“, dass es nur einen Weg gäbe, mehr neue Armut zu verhindern und die bereits bestehende zu verringern. Die Lösung wäre Umschuldung, aber „das Hauptproblem ist, dass die Interessen derer, die von solchen Maßnahmen profitieren würden, am schlechtesten organisiert sind: junge Menschen, Familien und viele Gruppen, von denen die Parteien wissen, dass sie seltener zur Wahl gehen“, sagt Julia Friedrichs.</p>
<p>Es gibt ein weiteres Problem. Denn nicht nur der Staat tut zu wenig. Auch die neue Working Class selbst schaue lieber weg oder vielmehr in die falsche Richtung, schreibt Julia Friedrichs. Lieber blicke man, typisch Mittelschicht, zu jenen hoch, die es besser hätten, hoffe, selbst einen Aufstieg hinzulegen, wenn man sich nur genug anstrenge, mehr leiste und wenn Politik nicht dazwischenfunke. Und so wehren sich Menschen aus der Mittelschicht dann gegen die Erbschaftsteuer, obwohl ihr überschaubares Erbe, sofern sie denn je eines bekommen, nicht mal unter diese Steuer fallen würde. Eigentlich müsste zumindest die untere Hälfte der der Mittelschicht ihren Blick auf Armutsbetroffene richten und sich mit ihnen solidarisieren. Aber diese Solidarität existiert kaum. Woran genau es liegt – ob Menschen aus Mittelschicht sich für wohlhabender halten als sie sind und deshalb glauben, weit von Armut entfernt zu sein, ob sie gegen verinnerlichtes Leistungsdenken nicht ankommen oder ob sie einfach keine Kraft haben, was weniger an zwei Jahren Pandemie liegt als am Leben im Kapitalismus – am Ende spielt das fast keine Rolle, weil das Ergebnis immer gleich bleibt. Die Situation spitzt sich weiter zu und ein immer größerer Teil der Bevölkerung lebt nicht gut sondern überlebt irgendwie.</p>
<p>Was es bräuchte, wäre Widerstand, aber woher soll der kommen in einer Zeit, in der das Engagement bei Gewerkschaften und Parteien so niedrig ist wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg? In einem Land, in dem viele Menschen so erschöpft sind, dass die Kraft nur noch reicht für die Revolution vom Sofa, auf dem man sich abends darüber ärgert, wie der Staat mit Langzeitarbeitslosen umgeht, und gleichzeitig verzweifeln möchte bei dem Gedanken daran, wie das eigene Einkommen reichen soll, wenn die Preise noch weiter steigen.</p>
<p>„Woraus bestehen wir jenseits von Hunger und Wut“, las ich neulich in einem Essayband der kanadischen Dichterin Anne Carson. Beim Nachdenken über diesen Satz fiel mir ein, dass mir damals während des Praktikums vor Hunger sogar die Kraft fehlte, um wütend zu sein über so viel Ungerechtigkeit. Heute muss ich nicht hungern und bin wütend, aber mir fehlt die Kraft fürs Aufbegehren. „Was tun wir hier und warum sind unsere Herzen nicht zu sehen“, auch das stand bei Anne Carson, und ich dachte darüber nach, dass es für wütendes Aufbegehren hungrige Herzen braucht. Seither frage ich mich, ob die meisten von uns noch zu satt sind, ob es schlimmer kommen muss, damit sich etwas ändert, damit wir beginnen, etwas zu verändern. Und ich fürchte, die Antwort ist: Ja.</p>
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      <pubDate>Fri, 08 Jul 2022 20:39:54 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Vom Verteidigen der FReIhEIt]]></title>
      <description><![CDATA[Leichtigkeit lässt sich nicht verordnen, haben sie ihm gesagt. Aber als er an diesem 20. März aufsteht, weiß er, dass sie Unrecht haben. Draußen 14 Grad, Regen, endloses…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Vom Verteidigen der Freiheit</h1><p></p><p>Leichtigkeit lässt sich nicht verordnen, haben sie ihm gesagt. Aber als er an diesem 20. März aufsteht, weiß er, dass sie Unrecht haben. Draußen 14 Grad, Regen, endloses Berliner Grau, in Christians Herz scheint trotzdem die Sonne. Freedom day.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>Ein neuer Tag, neue Todeszahlen aus der Ukraine, ein neues Video von Selenskyi, in dem er den Westen auffordert, Waffen und Flugzeuge an die Ukraine zu liefern. Auf dem Weg ins Ministerium hat Christine im Fond ihrer Dienstlimousine das Presse-Bulletin aufgeschlagen, dann eine WhatsApp von Annalena: Der ukrainische Botschafter bittet um einen Termin, um nochmal die Möglichkeit von Waffenlieferungen zu erörtern. „Was können wir ihm sagen“, will Annalena wissen. „Bitte auf Verfahrensfragen verweisen“, tippt Christine. Müsste man alles nicht mehr diskutieren, wenn die Polen neulich nicht so vorgeprescht wären mit ihrer Flugzeugnummer, ärgert Christine sich. Danke, Polen. „Verfahrensfragen“, notiert Annalena währenddessen auf dem Vermerk mit der Gesprächsbitte des ukrainischen Botschafters. Dahinter malt sie drei Ausrufezeichen. „Verfahrensfragen!!!” – wenn Melnyk das nicht versteht, weiß sie wirklich auch nicht mehr.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>Die Eins hat Johannes schon gestern Abend in Händen gehalten und kurz überlegt, ob er auf die richtige Zeile gesetzt hat. Vielleicht wäre „Wie aus dem FF(P2) – So entledigt sich Deutschland der Masken“ doch besser gewesen. Als er im Foyer des Axel-Springer-Hauses die anerkennenden Blicke der Wachleute sieht, weiß er: „Deutschland atmet auf: Schluss mit dem Corona-Terror!“ war die richtige Entscheidung. Während der Fahrt in den 16. Stock geht er im Kopf die Fragen durch, die er Scholz nachher bei BILD TV stellen wird. Maskenpflicht, Impfpflicht, Wehrpflicht. „Freiheitskanzler“ denkt er plötzlich. Auch eine gute Zeile. Mal sehen, was Scholz nachher so sagt.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>Immer noch Regen. Die Infektionszahlen sind wieder gestiegen, die Zahl der Corona-Toten auch. Das hatte er sich anders vorgestellt: Menschen, die in Cafés sitzen, reden und lachen, glückliche Kindergesichter, am besten eisverschmiert, so ein bisschen la deutsche vita … Wäre schon gut gewesen, wenn solche Bilder am Abend im heute journal laufen, bevor er in der Live-Schalte erklärt, warum er immer auf dem 20. März bestanden hat. Hoffentlich ist gerade keine Slomka-Woche, denkt Christian. Regen <em>und</em> Slomka kann er heute wirklich nicht gebrauchen.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>In diesem Krieg ist Europa enger zusammengerückt. Damit hatte er nicht gerechnet. Nein, das kann er so nicht sagen. Konzentrier dich, Olaf. Nochmal. </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/a48d195d-8e46-40cb-a60a-b1554454428d">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 26 May 2022 19:13:49 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[„Wie weitermachen?“]]></title>
      <description><![CDATA[Man muss etwas zurücklassen, um weitermachen zu können. Das war einer meiner ersten Gedanken am Donnerstag. Nach dem Aufwachen hatte ich vom russischen Angriff auf die …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Im folgenden Text geht es um Krieg, außerdem wird sexualisierte Gewalt thematisiert. Falls ihr selbst Krieg und / oder sexualisierte Gewalt erlebt hat, lest den Text bitte nur, wenn ihr die Auseinandersetzung mit diesen Themen aushalten könnt. Kein Text dieser Welt ist eine Retraumatisierung Wert, auch dieser nicht, nicht mal ansatzweise. An alle, die persönlich weder Krieg noch sexualisierte Gewalt erleben mussten: Ich fände es schade und auf eine Art auch falsch, wenn ihr wegen dieser Themen nicht weiterlest – warum, wird im Lauf des Textes klar. Danke, wenn ihr dabeibleibt.</em></p><p>Man muss etwas zurücklassen, um weitermachen zu können. Das war einer meiner ersten Gedanken am Donnerstag. Nach dem Aufwachen hatte ich auf dem Smartphone vom russischen Angriff auf die Ukraine gelesen, der sich über Wochen angekündigt hatte und nicht überraschend kam. Und als ich direkt danach Instagram öffnete, war da plötzlich diese Kachel mit der Frage „Wie soll man jetzt weitermachen?“.</p><p>Die Frage war berechtigt, denn Krieg ist auf eine Art immer eine Zäsur: Menschen kämpfen, werden verletzt, vertrieben, sterben. Gleichzeitig empfand ich die Frage als verstörend und unehrlich, denn in dem Moment, in dem die Person diese Frage getippt hatte, hatte sie sich ja bereits fürs Weitermachen entschieden. Sie hatte eine App geöffnet, einen Post erstellt, sie hatte etwas getan, das man im Alltag ständig tut. Ausnahmezustand und Alltag – wenn das eine auf das andere trifft, </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/ecf75200-3047-4e84-b764-addcd6398f55">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 26 May 2022 18:45:40 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Stille]]></title>
      <description><![CDATA[Beim ersten Mal bist du drei Jahre alt. Du kannst dich nicht daran erinnern, deine Eltern werden es dir später erzählen. Mittags hast du dir beim Spielen den Fuß am Bett…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Beim ersten Mal bist du drei Jahre alt. Du kannst dich nicht daran erinnern, deine Eltern werden es dir später erzählen. Mittags hast du dir beim Spielen den Fuß am Bett gestoßen. Du weinst und kannst nicht auftreten. Deine Eltern kühlen den Fuß, am Nachmittag weinst du immer noch. Also bitten deine Eltern die Nachbarin, auf deine Schwestern aufzupassen, und fahren mit dir in die Kinderklinik. Als ihr drankommt, ist es draußen längst dunkel. Der Arzt schaut sich deinen Fuß vom Schreibtisch aus an, liest den Namen auf der Patient*innenkarteikarte. Ob sie noch mehr Kinder haben, will er von deinen Eltern wissen. Noch zwei, beide älter, antworten sie. Sie sollen dich wieder einpacken und dich nicht so verziehen, sagt der Arzt deinen Eltern. Die jüngsten Kinder sind bei Südländern immer verzogen und machen aus allem ein Drama, gibt er ihnen noch mit. Sie fahren mit dir nach Hause, bringen dich ins Bett. Am nächsten Morgen ist der ganze Fuß blau. Es wird fast zwei Wochen dauern, bis du wieder richtig auftreten kannst.</p><p>Du bist fünf und mit deiner Kindergartengruppe im Toberaum. Dein Vater holt dich ab, Musik läuft, es ist laut. Du willst noch einen Purzelbaum machen. Ein Junge sagt etwas zu deinem Vater, der neben der dicken blauen Turnmatte auf dich wartet. Dein Vater versteht den Jungen nicht. Dumme Ausländer, sagt der Junge und läuft zu den anderen Jungen. Als du mit deinem Vater aus dem Toberaum gehst, hörst du sie alle rufen:</p><p>Dum-me-ee Ausländer, dum-me-ee Ausländer.</p><p>Du bist acht und in der 2. Klasse, Deutsch, es gibt zum ersten Mal eine Note. Deine Eltern sagen immer, dass Noten wichtig sind. Schule fällt dir leicht, aber du gibst dir auch Mühe, denn deine Eltern geben sich auch so viel Mühe, damit du und deine Schwestern es mal besser haben. Deine Klassenlehrerin legt dein Arbeitsblatt auf den Tisch, oben steht eine Eins, du freust dich. Sie sagt, du sollst ja nicht glauben, dass</p><p>du besser bist als die deutschen Schüler. Du glaubst das gar nicht, eigentlich findest du die anderen besser als dich, weil sie keine Ausländer sind. Du schämst dich, weil du kurz gedacht hast, dass du gut bist. So wird es ab jetzt immer sein. Du wirst gute Noten bekommen, wirst dich freuen, um dich sofort zu schämen, dass du dich freust. Niemand soll denken, dass du dich für etwas Besseres hältst.</p><p>Du bist zehn. Deine Mutter ist beim Klassen-Elternabend deiner älteren Schwester. Als sie nach Hause kommt, bist du noch wach. Sie ist wütend und aufgewühlt. Ein Vater hat gefragt, ob es wirklich sein muss, dass die deutschen Mädchen mit Ausländermädchen in eine Klasse gehen – das ist nicht gut für die Leistung der deutschen Mädchen, weiß man ja, hat er sagt. Er sieht es bei seiner Tochter, sie könnte viel besser sein, wenn die Ausländermädchen das Niveau der Klasse nicht so runterziehen würden. Seine Tochter ist eine Freundin deiner Schwester. Deine Schwester ist manchmal bei ihr zuhause und hat ihr auch schon mit Schulsachen geholfen, weil sie besser ist in Deutsch, Mathe und in den anderen Fächern. Deine Schwester will wissen, was die anderen Eltern beim Elternabend gesagt haben. Nichts, sagt deine Mutter. Nur die Eltern der Ausländermädchen haben sich beschwert.</p><p>13. Zuhause läuft der Fernseher noch öfter als sonst, weil in der Heimat deiner Eltern, die irgendwie auch deine ist, Krieg herrscht. In den Nachrichten sagen sie, dass Rechtsextremisten in Mölln Häuser angezündet haben, in denen türkische Familien wohnten. Das Wort Rechtsextremisten kennst du, weil sie auch schon Asylbewerber in Rostock anzünden wollten und Ausländer in Ostdeutschland töten. Deine Eltern sagen nicht Rechtsextremisten, sie sagen Nazis. Diesmal haben die Nazis eine Frau und zwei Mädchen umgebracht. Das eine Mädchen war nur ein Jahr älter als du, das andere war erst 10. Du fragst deine Eltern, ob die Nazis euch auch anzünden werden. Dein Vater sagt, bevor es so weit kommt, gehen wir zurück. Wir können nicht zurück, sagt deine Mutter, unten herrscht Krieg. Dein Vater sagt, dass er lieber zuhause im Krieg stirbt, als sich in der Fremde von Nazis anzünden zu lassen. Du willst nicht angezündet werden und im Krieg willst du auch nicht sterben. Abends kannst du nicht einschlafen. An den nächsten Abenden auch nicht. Wenn du nachts Stimmen auf der Straße hörst, wachst du auf und wartest, ob es beginnt, nach Rauch zu riechen. Deine Baby-Schwester wirst du dann in ein nasses Handtuch wickeln, so hat das eine Kind in Mölln überlebt, haben sie im Fernsehen gesagt. Es riecht nicht nach Rauch, in keiner der Nächte. Irgendwann kannst du nachts wieder richtig schlafen.</p><p>Du bist 15. Im Fernsehen berichten sie nicht mehr so oft vom Bürgerkrieg unten. Wenn deine Eltern Verwandte in der Heimat anrufen, kommen sie nicht immer durch. Das Internet, von dem Freundinnen erzählen, habt ihr nicht. Deine Eltern lesen jetzt oft die Zeitung aus der Heimat. Sonst bekommt man sie bei dem Toto Lotto-Laden ein paar Straßen weiter, aber heute war sie schon weg. Also fährst du mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, es sind nur vier Stationen und der Zeitungskiosk im Zwischengeschoss hat eigentlich immer ein Exemplar, auch diesmal. Du läufst zurück zum U-Bahn-Gleis und siehst die Skins neben dir, an denen du schon auf dem Weg zum Kiosk vorbeigekommen bist. Eigentlich nimmst du einen anderen Weg, wenn du weißt, dass irgendwo Skins stehen. Aber diesmal hast du nicht daran gedacht und der eine will jetzt wissen, was das für eine Zeitung ist. Dein Cousin hat mal gesagt, am wichtigsten ist es, ihnen nicht zu zeigen, dass du Angst hast. Er ist älter als du und hat immer ein Butterfly-Messer dabei, weil er schon ein paar Mal an Skins geraten ist. Du weißt, wie man so tut, als hätte man keine Angst, aber gerade ist es schwer. Sie stellen sich dir in den Weg, der eine nimmt dir die Zeitung weg, faltet sie auf, liest laut vor und falsch, die beiden anderen lachen. An euch gehen Menschen vorbei, sie sehen dich und schauen weg. Der eine fragt, ob du kein Deutsch verstehst. Ausländerfotze nennt er dich, Du sagst, dass du deutsch verstehst und dass du gehen musst, aber er hält dich am Arm fest. Du sollst Bitte sagen, dann lässt er dich gehen. Bitte, sagst du und versuchst, dir einen Weg zu bahnen, aber sie lassen dich nicht durch. Ein paar junge Türken laufen an euch vorbei, vielleicht sind sie auch Araber, vielleicht auch was ganz anderes, sie schauen nicht weg, rufen den Skins zu, dass sie dich in Ruhe lassen sollen. Die drei wenden sich von dir ab, aber die anderen sind mehr und die Ausländerfotze ist den Ärger nicht Wert, sagen sie. Du hebst deine Zeitung auf. Einer aus der Gruppe sagt, dass du echt besser aufpassen musst, Mädchen. Die Zeitung trägst du ab da nie wieder offen im Arm.</p><p>Du bist 19 und hast das Abitur geschafft. Dein Schnitt ist richtig gut. Nach der Zeugnisverleihung stehen alle vor der Aula, unterhalten sich in Gruppen. Deine Englisch-Leistungskurslehrerin kommt vorbei, gratuliert dir und deinen Eltern. Sie haben es in Deutschland bestimmt nicht immer leicht gehabt, und jetzt macht schon ihre zweite Tochter so ein gutes Abitur, das ist auch Ihr Verdienst, sagt sie zu deinen Eltern. Als die Lehrerin weg ist, sagt die Mutter einer Mitschülerin, die danebensteht, du hätten einfach Glück gehabt. Ihre Tochter steht daneben und grinst.</p><p>22. Du hast einen neuen Freund, ihr besucht zum ersten Mal seine Familie. Beim Mittagessen fängt die Mutter an, über Ausländer zu sprechen. Es gibt zu viele in Deutschland, weiß sie, und die wollen sich alle nicht integrieren, sondern leben auf Kosten des Staates und werden kriminell. Das stimmt doch nicht, erwiderst du. Fünf Erwachsene am Tisch, niemand sonst sagt etwas. Später erklärt dir dein Freund, dass seine Mutter zu viel FAZ liest und keine Ahnung hat. Es geht nicht lange gut mit euch beiden.</p><p>Mit 27 bewirbst du dich beim Hörfunkdienst einer Nachrichtenagentur. Du schickst deine Unterlagen ein, wirst eingeladen, sollst im Tonstudio eine Nachricht einsprechen, damit sie hören, wie deine Stimmt klingt. Der Redakteur ist nett, sein Chef kommt dazu. Du sprichst die Nachricht ein, aber du rollst das R zu stark, sagt der Redakteur danach. Mit so einem Türken-R können Sie Radio vergessen, sagt sein Chef, bevor dich der Redakteur verabschiedet. Zuhause beginnst du zu üben – du willst das R loswerden. Es dauert drei Monate dann kannst du es endlich richtig hinten rollen. Beim Radio versuchst du es nie wieder.</p><p>Du bist 30 und auf dem Standesamt, um die Ehe eintragen zu lassen. Wie du es geschafft hast, dir einen Deutschen zu angeln, fragt dich der Beamte am Schalter. Seine Kollegin am Schreibtisch lacht.</p><p>32. Du liegst in den Wehen. Erst tut sich ewig nichts, dann geht alles so schnell, dass es nicht mehr für die PDA oder ein Schmerzmittel reicht. Während der Geburt wird dir so schwarz vor Augen, dass du sagst, ich kann nicht mehr. Einmal, zweimal, dreimal. Die Hebamme sagt, noch ein einziges Mal und ich gehe, und dann können Sie sehen, wie Sie Ihr Kind auf die Welt bringen. Als das Baby da ist, muss sie zur nächsten Geburt, die Hebammenschülerin versorgt dich. Mütter wie dich hat sie hier öfter, sagt die Hebamme, als sie dir die Hand schüttelt: Statt so viel zu jammern, sollt ihr euch auf die Geburt konzentrieren, deutsche Mütter sind da disziplinierter.</p><p>Als du später zum zweiten Mal Mutter wirst, fällt dir nach drei Jahren auf, wie unterschiedlich sie aussehen und wohl immer aussehen werden. Das eine Kind mit dunklen Haaren, dunklen Augen und dunklerem Teint, wie du. Das andere blond, hellere Augen, hellere Haut, wie der Vater der beiden. Du weißt, um welches deiner Kinder du immer ein bisschen mehr Angst haben wirst, weil es nicht so deutsch aussieht, wie sich viele Menschen in diesem Land deutsch auszusehen vorstellen.</p><p>Du bist 41. Auf dem Weg zur Krippe telefonierst du mit deiner Mutter. An der Ampel steht eine Frau neben dir und brüllt dich an, dass in Deutschland deutsch gesprochen wird. Die anderen Menschen an der Ampel sagen nichts. Zur Krippe müsstest du nach der Ampel geradeaus weiter. Statt darauf zu warten, dass es grün wird, gehst du nach links. Deine Mutter will wissen, was das gerade war. Nichts, sagst du. Eine Frau hat irgendwen angeschrien.</p><p>42. In Berlin wird ein Mädchen von sechs Erwachsenen angegriffen. Erst heißt es, sie hat keine Maske getragen, die Erwachsenen haben sie darauf hingewiesen, es ist zum Streit gekommen. Das Mädchen – Dilan – stellt ein Video ins Netz, in dem sie erzählt, wie es wirklich war. Sechs Rassist*innen sind auf sie losgegangen, haben sie geschlagen. Menschen, die vorbeigekommen sind, haben zugesehen und nicht geholfen. Dilans Video verbreitet sich schnell, weil Menschen es teilen. Zwei, drei Tage spricht man in Deutschland darüber, dann ist es wieder still.</p><p>Kurz darauf steht die Wahl zum Bundespräsidenten an. Alle sagen eine zweite Amtszeit von Frank-Walter Steinmeier voraus. Am Abend, bevor die Bundesversammlung zusammentritt, erzählen ein paar Prominente im Fernsehen, wie großartig sie Steinmeier finden. Sie gehören zu denen, die den Bundespräsidenten wählen dürfen. Du musst an Murat Kurnaz denken, der von 2002 bis 2006 in Guantanamo gefangen gehalten, gedemütigt und gefoltert wird, weil er angeblich ein Terrorist ist. Seit 2002 wissen deutsche Behörden, dass er unschuldig ist, aber im Innenministerium beschließt das zuständige Referat, das Murat Kurnaz nicht nach Deutschland einreisen darf, weil seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis angeblich abgelaufen ist – als Türke braucht er sie für seine Rückkehr, auch wenn er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Das Referat im Innenministerium leitet Hans-Georg Maaßen. Auch Frank-Walter Steinmeier, damals Kanzleramtschef, will Murat Kurnaz nicht in Deutschland haben. Mit 19 kommt er nach Guantanamo, fast fünf Jahre wird er dort bleiben. Bis heute hat sich kein deutscher Politiker bei ihm für das erlittene Leid und die verlorene Lebenszeit entschuldigt.</p><p>Am 19. Februar wird sich der rechtsterroristische Anschlag von Hanau zum zweiten Mal jähren. Seit Tagen sieht du die Gesichter von Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu und Kaloyan Velkov in sozialen Netzwerken. Seit zwei Jahren sieht du sie dort jeden Monat auf den Seiten von Menschen, die wissen, dass auch sie selbst in diesem Land niemals sicher sind vor Rassismus und all den Formen, in denen er sich äußert. Am 19. Februar wirst du an die Toten von Hanau denken und auch wieder daran, dass in der Sprache deiner Eltern, die auch deine ist, das Wort für Deutschland von „nijem“ abstammt, was stumm bedeutet. Deutschland – das ist das Land, in dem die Menschen nichts sagen, in dem man immer schweigt.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 26 May 2022 18:01:53 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Wen wir beim Erinnern an den Holocaust vergessen]]></title>
      <description><![CDATA[Zu den Dingen, die ich am Journalismus am wenigsten mag, zählt das Phänomen, über bestimmte Themen vor allem oder ausschließlich dann zu berichten, wenn es einen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Wen wir beim Erinnern an den Holcaust vergessen</h1><p>Zu den Dingen, die ich am Journalismus am wenigsten mag, zählt das Phänomen, über bestimmte Themen vor allem oder ausschließlich dann zu berichten, wenn es einen konkreten Anlass gibt – zum Beispiel ein Ereignis, das Dringlichkeit verleiht, oder ein konkretes Datum, das mit einer wiederkehrenden, ritualisierten Berichterstattung einhergeht. Terminjournalismus wird dieses Phänomen genannt, das im Ergebnis wirkt, als müsste mal eben etwas abgehakt werden, bevor es wohin auch immer weitergeht, meistens zum nächsten Termin. Je ernster ein Thema ist, je schwieriger und schmerzhafter für bestimmte Gruppen, desto zynischer kann diese mediale Praxis auf Menschen wirken, um die es in der Berichterstattung geht. Wahrscheinlich trägt das zu dem schlechten Ruf bei, den Journalist*innen in weiten Teilen der Gesellschaft haben. Dabei sind Ursache und Wirkung im Fall von Terminjournalismus schwer zu trennen: Einerseits steuern Medien öffentliche Wahrnehmung, andererseits folgt Berichterstattung oft dem, wovon Journalist*innen glauben, dass es die Öffentlichkeit interessiert. Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? In den Medien- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt sich ein ganzer Forschungsbereich mit solchen Fragen. Es geht um Ereignismerkmale, um Selektionskriterien, sogenannte Nachrichtenwerte und eben auch um die Frage, warum bestimmte Themen kontinuierlich Aufmerksamkeit erfahren, während andere kaum Beachtung finden.</p><p>Die Erinnerung an den Holocaust gehört in Deutschland zu den Themen, die viele wissenschaftliche Arbeiten hervorgebracht haben. Eine Studie, inwiefern dieser Teil der deutschen Erinnerungskultur bestimmten Ereignismerkmalen und Nachrichtenwerten folgt, ist mir aber nicht bekannt (falls jemand eine entsprechende Untersuchung kennt, freue ich mich über einen Hinweis). In meiner Wahrnehmung ist das Gedenken an die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Jüd*innen leider ein geeignetes Beispiel für Terminjournalismus. Im Umfeld des 27. Januars – dem Datum, an dem russische Einheiten 1945 die Gefangenen das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreiten – setzt zuverlässig ein Interesse an </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/657c36bd-3887-458e-82a7-93827c215990">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 26 May 2022 10:40:51 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[„Don’t Look Up“ - Wenn Feelgood-Kapitalismuskritik auf Empathie trifft]]></title>
      <description><![CDATA[In der vergangenen Woche feierte Der Spiegel seinen 75. Geburtstag. Ich weiß nicht, ob ich das mitbekommen hätte, wenn in sozialen Netzwerken nicht …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>„Don’t Look Up!“ – Wenn Wohlfühlen-Kapitalismuskritik auf Empathie trifft</h1><p><em>Achtung: Der folgende Text enthält im späteren Verlauf Spoiler zur Handlung des Netflix-Films „Don’t Look Up!“.</em><br/></p><p>In der vergangenen Woche feierte Der Spiegel seinen 75. Geburtstag. Ich weiß nicht, ob ich das mitbekommen hätte, wenn in sozialen Netzwerken nicht lauter Spiegel-Cover aus der Vergangenheit geteilt worden wären. Wie sich herausstellte, steckte dahinter eine schlaue Reichweitenstrategie des Nachrichtenmagazins: Auf Spiegel Online konnten Besucher*innen ihr Geburtsdatum eingeben, um sich <a href="https://www.spiegel.de/geschichte/75-jahre-spiegel-welche-ausgabe-lag-bei-ihrer-geburt-am-kiosk-a-ffa0d302-19a9-487a-85b5-1ab42be4a45e">das Cover aus ihrer Geburtswoche</a> anzeigen zu lassen. Solche Versuche, Nähe zu Konsument*innen herzustellen, funktionieren bei mir zuverlässig, also probierte ich es gleich und musste beim Ergebnis lachen:</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F726ca2fc-f49e-4dd4-8584-cbba8522045e%2Fuploads%2Fimages%2Fywca34hfjj%2FBFF64CF3-342A-4E66-BA5B-7060A5125692.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=de8285fe248ec96b2634af6466cb3fad" alt=""/><p>Die Vorstellung, die Welt oder auch nur Deutschland könnte im Juli 1979 um Mainz gebangt haben wegen des bevorstehenden Absturzes der US-Weltraumstation Skylab, bewegte sich für mich zwischen skurril und größenwahnsinnig. Beim Lesen des entsprechenden Artikels stellte sich heraus, dass Mainz bloß in jenem extrem breiten Erdgürtel gelegen hatte, den die NASA damals als möglichen Absturzbereich errechnet hatte (am Ende wurde es ein unbewohnter Teil Australiens).</p><p>Differenzierungen à la „theoretisch Mainz, praktisch woanders“ taugen nicht, um Emotionen und Sensationen zu erzeugen. Spannender ist da schon ein Objekt aus dem Weltraum, das Teile der Zivilisation auslöscht oder – noch besser – gleich die ganze Menschheit. Deshalb setzen nicht nur Nachrichtenmedien gerne auf solche Plots sondern auch Spielfilme wie „Don’t Look Up“: In dem jüngsten Netflix-Hit mit Stars wie Leonardo di Caprio, Jennifer Lawrence und Meryl Streep rast ein Asteroid von der Größe des Mount Everest auf die Erde zu, und der Menschheit bleiben nur sechs Monate Zeit, um die Auslöschung allen Lebens auf der Erde abzuwenden.</p><p>Filmkritiker*innen fanden die Katastrophen-Komödie, die am 9. Dezember online ging, eher so mittel. Bejubelt wurde „Don’t Look Up!“ dagegen von Naturwissenschaftler*innen, Umwelt-Aktivist*innen und Menschen, die sich beiden Gruppen nahe fühlen, denn im Film sind es Wissenschaftler*innen, die den Asteroiden entdecken und die daraufhin die Menschheit mehr als einmal warnen. Eine trumpeske US-Präsidentin, deren Entourage und ein großer US-Fernsehsender im Stil von Fox News glauben den Expert*innen erst kein Wort, dann doch, dann funkt jemand dazwischen, und dann war’s das mit der Menschheit.</p><p>Hier die Guten, dort die Bösen – in diesem Schema können es sich 138 Minuten lang Menschen gemütlich machen, die Populismus ablehnen, auf Wissenschaftler*innen hören und sich selbst eher als links und progressiv verstehen. Sie können vor allem Jennifer Lawrence dabei zusehen, wie sie in ihrer Rolle als Astronomie-Doktorandin Kate Dibiasky  in einem Fort die Augen rollt, so wie man es selbst im Alltag tut bei Wissenschaftsleugner*innen und Verschwörungsideolog*innen. Auch das Schwanken zwischen Bestürzung, Zynismus und Verachtung kennt man. Dass Vertrauen in Wissenschaft einen Zugang zu Bildung voraussetzt, blendet man dabei aus. Dass nicht alle Menschen </p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/726ca2fc-f49e-4dd4-8584-cbba8522045e">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 25 May 2022 10:09:51 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Über Geburten und das Erzählen Schwarzer Frauenkörper]]></title>
      <description><![CDATA[Die Geburt meines ersten Kindes erlebte ich unter der nachlassenden Wirkung eines niedrig dosierten Opiats, das ich Stunden zuvor gegen heftigste Wehen bekommen hatte.…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Die Geburt meines ersten Kindes erlebte ich unter der nachlassenden Wirkung eines niedrig dosierten Opiats, das ich Stunden zuvor gegen heftigste Wehen bekommen hatte. Bei der Geburt meines zweiten Kindes reichte die Zeit nicht mal mehr dafür. Zwei Paracetamol mussten über das schlimmste hinweghelfen. Rückblickend war es okay, so zu gebären, auch wenn ich es mir anders gewünscht und geplant hatte. Beide Male hatte ich Wochen vor der Geburt beim Aufklärungstermin im Krankenhaus in eine Periduralanästhesie eingewilligt: Die Betäubung – besser bekannt als PDA – bekommt man gelegt, um Wehen unter der Geburt zu lindern. Als chronische Schmerzpatientin sah ich keinen Sinn darin, freiwillig noch mehr körperliche Schmerzen auszuhalten als sowieso schon, um das zu erleben, was man „eine möglichst natürliche Geburt“ nennt. Das lag auch daran, dass ich die Idee der natürlichen Geburt in Teilen für Projektionskitsch hielt und halte, der mit dem digitalisierten Leben zu tun hat.</p><p>Je stärker Technologien den Alltag durchdringen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem sogenannten echten Leben, beobachten Wissenschaftler*innen schon lange. Manche Menschen reagieren auf diese Sehnsucht mit Brotbacken, andere buddeln sich am Wochenende durch den Schrebergarten oder erklimmen Berge. Und wieder andere entwickeln eine Skepsis gegenüber medizinischen Interventionen, was nichts Schlechtes sein muss. Das Recht über den eigenen Körper zu entscheiden, steht jedem Menschen zu. Aber nicht alle können es gleichermaßen wahrnehmen. Denn körperliche Selbstbestimmung setzt das Vorhandensein bestimmter Ressourcen voraus.</p><p>Was will ich für meinen Körper? Muss ich akzeptieren, was in medizinischen Kontexten mit diesem Körper geschieht? Habe ich die Möglichkeit, mich dagegen zu wehren? Welche Alternativen gibt es? Kann ich ausdrücken, was mich stört? Werden meine Einwände ernstgenommen? Um solche Entscheidungen selbstbestimmt zu fällen, braucht es neben kognitiven auch sprachliche Fähigkeiten und Zugang zu Informationen. Bringt man außerdem genug Mut auf, den eigenen Willen auszudrücken, sprechen Expert*innen von Gesundheitskompetenz. Studien zeigen, dass <a href="https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/G/Gesundheitskompetenz/Gesundheitskompetenz_node.html">Gesundheitskompetenz in Deutschland </a></p><p><a href="https://steady.page/41f433a8-891a-47c1-b2ab-6d9c4fd44835/posts/dd91eb4a-d7d9-4a2c-8aeb-8b94c69d2d30">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 24 May 2022 16:54:44 +0000</pubDate>
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