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Wer bin ich

Foto von blühendem Kirschbaum bei Nacht.
Zu sehen sind mehrere Zweige mit voller Blüte. Im Hintergrund ist es komplett schwarz. (Opens in a new window)

»Hast du bunte Flügel?«

»Das ist doch die ganz falsche Frage! Wenn, musst du fragen: Hast du Flügel? Wie viele Tiere mit bunten Flügeln gibt es denn?«

Ihr Blick wanderte zwischen den Töchtern hin und her, die Kleine, deren Blick haltlos und rund im Raum zu schweben schien, das Haar eine Wolke, die Große mit ihren Zöpfen, die der Jüngeren streng den Zeigefinger entgegenhielt, während sie diese zurechtwies.

»Lebst du im Wasser?«

Er lachte und schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Immer lachte er. Als sei alles ein Witz. Die Streitereien der Töchter waren Gladiatorenkämpfe, zu denen er sich gemütlich zurücklehnte, während in ihr der Impuls aufblitzte, die Große am Handgelenk zu packen, fest und schmerzhaft, und der Kleinen mit einer Ohrfeige ihre Kulleräugigkeit aus dem Gesicht zu wischen.

»Lass deine Schwester bitte. Sie ist viel kleiner als du«, sagte sie.

Die Große verdrehte die Augen, aber verkniff sich die Antwort. Stattdessen bohrte sich ihr harter, blauer Blick in den Vater.

»Also lebst du an Land?«

Er nickte.

»Japp, so sieht’s aus.«

»Hast du Fell«, schoss sie hinterher. »Du musst Fell haben.«

Mit offenem Mund schaute die Kleine zwischen der großen Schwester und dem Vater hin und her.

Wieder dieses Lachen. »Najaaaa«, er zog das Wort triumphierend in die Länge. »Wie man’s nimmt.«

»Das ist keine Antwort! Du darfst nur mit Ja oder Nein antworten!« Die Stimme der Großen zitterte vor Empörung. Ihr Körper spannte sich, selbst die Zöpfe schienen zu verhärten.

»Also, ich bin teilweise behaart ...« er zögerte. Grinsend.

»dann also Ja?«

Sie beobachtete, wie ihre Tochter die Stirn krauszog, im Licht der Esstischlampe sah sie besonders blass aus. Ihre Wimpern und Augenbrauen verschwanden fast in dem kalten Leuchten. Sie sollte endlich zum Baumarkt fahren und eine passende Glühbirne mit warmem Licht besorgen.

»Hä? Teilweise behaart?« Die große Tochter war ganz offensichtlich gestört in ihrer Ordnung. Die ihr so viel bedeutete. Schwarz. Weiß. Wichtig. Unwichtig. Ordnung. Chaos. Richtig. Falsch.

Die kleine Schwester ruckelte an ihrem Arm.

»Frag Papa, ob er bunte Flügel hat«, sagte das Mädchen klagend.

»Frag doch selbst«, hörte sie ihren Mund sagen, schnappend und forsch, kein bisschen mütterlich. Die Kugelaugen wandten sich ihr zu.

»Hast du bunte Flügel«, fragte die Kleine, ohne den Blick von ihr zu lassen.

»Das ist ein klares Nein«, antwortete er und verschränkte zufrieden die Hände hinter dem Kopf.

»Wo lebst du denn«, die Große hatte sich offenbar erholt. »Ich meine, lebst du in ... Australien.«

Ein heftiges Kopfschütteln. »Nein«, schob er hinterher. Die Regeln verlangten, dass er die Antwort laut und deutlich aussprach.

»Aber wenn du kein Fell hast...« die Stimme der großen Tochter wurde verzweifelt.

»Drachen haben auch kein Fell«, bot die Jüngere an.

»Aber Drachen gibt es nicht!« Die blasse Haut der Großen nahm einen ungesunden rötlichen Schimmer an. »Du weißt doch, es müssen Tiere sein, die es in echt gibt!«

»Drachen gibt es ja wohl«, sagte die Kleine trocken und widmete sich den Krümeln, die noch vom Abendbrot auf dem Tisch zurückgeblieben waren.

»Du bist so ...« Sie konnte den Zorn ihres Kindes förmlich fühlen, das Dunkle, Nagende, Grausame darin, wie es kochte und schwelte, kurz davor, das Zimmer zu fluten. Sie sah, wie sie alle miteinander davonschwammen, in einem roten Lavastrom.

»Lass deine Schwester in Ruhe«, sagte sie scharf. »Du weißt, wie sie ist.«

»Wollt ihr mich denn sonst noch was fragen?« Er genoss die Situation offenbar, oder er merkte nichts davon. Welche Option sie schlimmer fand, hätte sie nicht sagen können.

»Ein Schwein«, sagte sie stattdessen. »Ein Schwein ist teilweise behaart.«

»Das ist aber keine Frage, meine liebe Frau«, säuselte er.

»Okay, bist du ein Schwein?« fragte sie. Die Mädchen kicherten.

»Also, jetzt gerade nicht... Obwohl...« Er zwinkerte ihr zu.

»Hä? Papa! Ja oder Nein!«

»Nein«, sagte er mit übertriebenem Ernst. »Ich bin kein Schwein, Frau Kommandantin.«

Sie betrachtete die große Tochter, die nun zunehmend verzweifelt wurde. »Was soll ich dich denn noch fragen...«

»Lebst du in Deutschland?«, fiel ihr ein.

»Jaaaa« rief er und riss die Arme empor. Und noch einmal. »Jaaaaa, ich lebe in Deutschland!«

Schon war die Stimmung der Älteren wieder gekippt. Jetzt. Fiebrige Freude. Die Kleine sortierte weiter die Brotkrümel und steckte sich einen dickeren, der von der Kruste war, in den Mund.

»Lebst du auf einem Baum?«

»Nein.«

»Lebst du im Garten.«

»Nein.«

»Ich hab’s! Du lebst in einem Haus! Ich meine: Lebst du in einem Haus?«

»Jaa! Die Kandidatin hat 100 Punkte!«

»Wieso hat Emily 100 Punkte? Ich will auch 100 Punkte«, jammerte die Kleine in Richtung Tischplatte.

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