Wer wird was — und warum? Pferderennen bestimmen das Bild der Bundespolitik. Sympathieträger Boris will nicht, wird es nun Olaf, der Erfahrene, Friedrich der Unvollendete? Oder doch Robert, der grüne Küchentischkämpfer? Wer davon wohl als erster über die Ziellinie geht? Politischer Sportjournalismus am Limit. Und dennoch ist das nur der Auftakt.
Nichts wird die kommenden Wochen so sehr bestimmen wie Umfragewerte. A geht rauf, B geht runter. Minimale Bewegungen werden auch von Politikern als maximale Argumente genutzt, um zu Mobilisieren oder um zu Demontieren. Vergessen scheint, wie schnell Zustimmungswerte fallen können. Und wie Umfragewerte zu lesen sind. Daher soll es heute hier einmal um Meinungsumfragen gehen.
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Falk Steiner
Zwischen Volkes Meinung und Umfrageinstituts-Ahnungen
Von Falk Steiner
Sie gelten als Stimmungsbarometer – und werden in den kommenden Monaten oft zitiert: Umfragen. Welche Partei liegt in der Wählergunst vorne? Welche hinten? Welcher Politiker ist wie beliebt? Umfrageergebnisse zeigen immer nur einen Teil der Meinung.
Die meisten Umfrageinstitute in Deutschland setzen auf die Befragung als wichtigste Methode. Dabei wird so oder ähnlich abgefragt: „Wenn heute Bundestagswahl wäre, welche Partei würden Sie dann wählen?“ Damit das Ergebnis so etwa mit dem aller Wähler zusammenpasst, wird eine größere Anzahl Menschen befragt.
Je nach Umfrageinstitut sind das im Regelfall 1.000 bis 2.500 Menschen, die zufällig ausgewählt werden. Oft geschieht das per Telefon, teilweise per Onlineumfrage. Wenn das erreicht ist und damit die Meinung in der Bevölkerung annähernd genau abgebildet werden kann, nennt man das repräsentativ. Seriöse Medien geben immer die Zahl der Befragten mit an, und dazu eine weitere wichtige Angabe: den Zeitraum der Befragung.
Denn damit die Antworten vergleichbar sind, muss die Zeit möglichst kurz sein, in der die Menschen befragt werden. Als deutscher Standard gelten maximal 3 Tage. Doch die Woche des Ampel-Endes war ein gutes Beispiel für das Zeitraum-Problem: Dienstag waren US-Präsidentschaftswahlen, Mittwochmorgen der Trump-Sieg, Mittwochabend der Lindner-Rauswurf. Eine Befragung von Dienstag bis Donnerstag hat die Menschen zu ihrer Meinung daher in sehr unterschiedlicher politischer Realität befragt – die Vergleichbarkeit war infrage gestellt, eine Nacherhebung wurde nötig.
Umfragen zeigen immer interpretierte Werte
Genauso wichtig ist die Methode zur Herstellung von Repräsentativität. Um abzusichern, dass tatsächlich in etwa ein Querschnitt der Bevölkerung befragt wird, werden zusätzliche Angaben abgefragt. Zum Beispiel wie alt der Befragte ist, wo er wohnt, ob männlich, weiblich oder divers, das Haushaltseinkommen. Damit soll verhindert werden, dass eine Gruppe überrepräsentiert ist. Die Antworten werden danach entsprechend „gewichtet“. Also auf die Daten umgelegt, die Deutschlands Wahlberechtigte soziodemografisch repräsentieren.
Sind bei 1.000 Befragten etwa 500 Altersrentner dabei, sind das zu viele – denn in Deutschland ist nur etwa ein Viertel der Bevölkerung tatsächlich bereits im Rentenalter. Dann muss das Umfrageinstitut das Gewicht der Rentnermeinungen in seiner aktuellen Berechnung von Volkes Meinung mathematisch reduzieren.
Gleiches gilt für Stadt, Land oder zufällig viele Anhänger einer Partei: Die Meinungsforscher wissen vorher nicht, wen sie bei ihren Anrufversuchen erwischen werden. Deshalb fragen die Call-Center-Mitarbeiter für die Stimmfühlungserheber regelmäßig mit ab, ob Befragte allgemein zu einer Partei tendieren. Mitunter wird auch danach gefragt, was bei den letzten Wahlen gewählt wurde. Damit sollen sogenannte Wechselwähler, also Wähler, die bei unterschiedlichen Wahlterminen unterschiedliche Parteien wählen, gefunden werden. Also Wähler, die etwa zuletzt die Grünen gewählt haben oder die AfD und nun bei CDU oder BSW ihr Kreuz machen wollen.
Aus den Ergebnissen der Umfragen werden erst die Ergebnisse hochgerechnet, die dann veröffentlicht werden. Seriöse Umfrageinstitute geben dabei an, wie groß die Ungenauigkeit ihrer Zahlen ist. Die kann bei mehreren Prozent liegen – bei größeren Werten höher, bei kleineren niedriger.
Ungenauigkeiten gehören dazu
Das liegt unter anderem am Zufall, wer an der Befragung tatsächlich teilgenommen hat – und einem anderen Faktor. Früher wählten Menschen oft ihr Leben lang die selber Partei, etwa Arbeiter oft die SPD, Bauern oft CDU. Diese sogenannte Parteibindung ist bei älteren Menschen immer noch stark. Bei jüngeren Menschen aber ist sie viel lockerer.
Was diese bei Umfragen angeben und was sie tatsächlich wählen werden, kann daher sehr unterschiedlich sein. Aktuelle Ereignisse können etwa dazu führen, dass Menschen, die nach Wohnort, Einkommen und anderen Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit SPD wählen, aus einer aktuellen Unzufriedenheit mit Politik angeben, dass sie jetzt AfD wählen würden. Wie wahrscheinlich das ist, müssen die Meinungsforscher berechnen und greifen dafür auf Erfahrungswerte zurück. Dies ist aber eine der größten Unsicherheiten.
Deutsche Umfrageinstitute gelten als seriös arbeitend. Ihre genauen Zauberformeln der Dateninterpretation verraten sie jedoch nicht. Und die Zahlen der unterschiedlichen Institute unterscheiden sich häufig deutlich.
Die Forschungsgruppe Wahlen (Opens in a new window), die die Daten für das ZDF Politbarometer erhebt und aufbereitet, veröffentlicht immer zwei Umfragedatensätze: die „Politische Stimmung“ und die „Projektion“. Letztere ist die von den Forschern berechnete Wahlabsicht. Während CDU und CSU in ihrer ersten Novemberumfrage bei der politischen Stimmung etwa auf 37 Prozent kommen, rechnen die Meinungsforscher bei der tatsächlichen Wahlabsicht nur mit 33 Prozent. Eine Zunahme um 2 Prozentpunkte, doch die 37 Prozent sehen die Meinungsforscher nicht als realistisch an.
Grafiken zeigen nur einen Teil der Realität
Aufbereitet werden die Daten dann als Grafiken. Dabei werden in Deutschland meist Balkendiagramme verwendet: Die beginnen auf einer Nulllinie und geben dann den Wert für die Wahlabsicht an.
Nicht auf den Diagrammen enthalten ist in der Regel der Wert für jene, die gesagt haben, dass sie noch nicht wissen, wen sie wählen wollen. Und auch nicht der Wert für die, die gesagt haben, dass sie diesmal nicht wählen wollen. Beide Werte werden manchmal extra ausgewiesen.
Fast nie wird ausgewiesen, was der Prozentwert in konkreten Wählerstimmen bedeuten würde. Die eindrucksvoll klingenden „15 Prozent“ für das Bündnis Sahra Wagenknecht bei der Thüringen-Wahl im Sommer waren tatsächlich 190.664 Stimmen. Die SPD bekam nur 73.126. In Balken sehen diese Ergebnisse deutlich eindrucksvoller aus – denn die bilden in der Regel nur die größten Parteien ab.
So hatten bei der vorangegangenen Bundestagswahl 2021 von 61 Millionen Wahlberechtigten zwar fast 47 Millionen an der Wahl teilgenommen. Die SPD erhielt dabei fast 12 Millionen Zweitstimmen, die CDU 8,7 Millionen und die CSU 2,4 Millionen. Fast 4 Millionen Zweitstimmen für kleine Parteien führten hingegen nicht zum Einzug dieser in den Bundestag – fast so viele, wie die AfD 2021 insgesamt bekam (4,8 Millionen).
Umfragen geben Hinweise auf Trends
Über Umfragen wird aus diesen und vielen weiteren Gründen immer viel diskutiert. Sie geben gute Hinweise darauf, wie sich Stimmungen verändern. Abgesehen von den Kandidatenrankings, aber das hat Stefan Niggemeier bereits erschöpfend bei Übermedien aufgeschrieben. (Opens in a new window)Umfragen können Hinweise darauf geben, welche Partei es eher nicht in den Bundestag schafft und damit auch Hilfestellung für taktisches Wählen leisten. Umfragen können auch aufzeigen, wessen Wahlkampf verfängt.
Was sie aber ausdrücklich nicht sind: Wahlergebnisse selbst. Die machen die Bürgerinnen und Bürger immer noch am Wahltag oder per Briefwahl selbst.