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Katastrophisieren (Part 3)

Ein Berliner Buddy-BĂ€r (in Gelb-Orange-Blau-Rot), den ich beim Ibero-Amerikanischen Institut fotografiert habe
😳



A warm Hello to his year’s Catfish-Summer! /
Ein herzliches Hallo zum diesjÀhrigen Wels-Sommer!

Wer mich kennt, weiß, wenn ich in diesem Sommer nicht ĂŒber Welse nachdenke, dann gehe ich auf Lesungen. Erst vor zwei Wochen landete ich spontan wieder auf einer.

Der Anfang des Abends verlief bestens, bis zu dem Zeitpunkt, als auf einmal der Satz fiel: “Jetzt kommt der Part mit der Publikumsbeteiligung!”

Ein hörbares Raunen ging durch den Raum. Aber dann: Entwarnung seitens der Autorin. Mitmachwillige mĂŒssten sich nur zwischen zwei Überschriften entscheiden und die ausgewĂ€hlte wĂŒrde anschließend samt dazugehörigem Text vorgelesen. Nicht mehr, nicht weniger. Da atmeten viele, und natĂŒrlich auch ich, auf.

Es gibt zwei Arten von Menschen:

- Die, die bei einem spontanen Aufruf zur Publikumsbeteiligung vor lauter Freude auf ihrem Sessel auf und ab hĂŒpfen

- Und die, die sich panisch nach dem Ausgang umsehen


Vorausgesetzt, letztere sind nicht lÀngst verstorben. Die Rede ist vom sogenannten introvertierten Tod. Aufgrund der akuten Bedrohung, gleich im Mittelpunkt zu stehen, verabschiedet sich der Geist bei fortlaufender körperlicher Anwesenheit.

Von außen ist dieses Schicksal schwer erkennbar, da die HĂŒllen der dahingeschiedenen Introvertierten auf ihren PlĂ€tzen sitzen bleiben, als wĂ€re nichts gewesen. Manche verfĂŒgen sogar ĂŒber gewisse Autopilot-Funktionen, dank derer sie, noch eine ganze Weile dazu fĂ€hig sind, zum Beispiel, Fragen zu beantworten. Oder rudimentĂ€re Bewegungen durchzufĂŒhren.

Nur so kann ich mir erklĂ€ren, dass ich noch irgendetwas ĂŒber die Lippen brachte, als mich einmal ein Hawaihemdtragender KĂŒnstler auf einem Indiekonzert in Wien aus heiterem Himmel und ohne jeglichen Kontext fragte, was ich von Religion halten wĂŒrde. Schwitzend und nicht mehr wissend, welche Sprache ich eigentlich sprach, piepte ich ein, wie ich finde, durchaus eloquentes “Weiß nicht” in sein Mikrofon.

Auch scheint mir, dass ich ĂŒber den Autopilot-Modus verfĂŒge, der einzige plausible Grund zu sein, warum ich eine Socialising-Situation ĂŒberstand, die sich einmal auf einer gut besuchten Hochzeit ereignete, als ich Anfang Zwanzig war.

Ohne auch nur jemals eine Tanzschule von innen gesehen zu haben, wurde ich im grĂ¶ĂŸten Saal des niederösterreichischen Ortes vor der gesamten, zu einem Kreis versammelten Hochzeitsgesellschaft als Erste zum Tanzen aufgefordert. NatĂŒrlich von jemandem, den ich nicht kannte. NatĂŒrlich von jemandem, mit dem ich zuvor kein einziges Wort gewechselt hatte.

Eine Bildmontage aus vielen Berliner Buddy-BĂ€ren. Den Original-Buddy-BĂ€r (in Gelb-Orange-Blau-Rot) habe ich beim Ibero-Amerikanischen Institut fotografiert

Mir fehlte es an altersbedingter SouverĂ€nitĂ€t, um das Angebot abzulehnen. Lieber gab ich dem Mann mit der unausgesprochenen Feuerwehr-Hauptkommandant -Ausstrahlung meine Hand. Wie durch ein Wunder konnte ich irgendwie mit ihm Schritt halten. Oder er sehr gut fĂŒhren. Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit, in der alle Augen auf uns gerichtet waren, gesellten sich endlich weitere Paare zu uns auf die TanzflĂ€che. Erlöst war ich erst, als der Song endete.

Viel angenehmer wĂ€re es natĂŒrlich ein Skill-Set zu besitzen, das den Raum besser lesen kann, und dementsprechend rechtzeitig weiß, wann es an der Zeit ist, sich zu verdĂŒnnisieren. Leider schaffe ich das viel zu selten. Leider gehöre ich nicht zu den Profis unter den Introvertierten.

Sobald der Vibe zu kippen droht, gehen letztere nÀmlich sofort in Aktion. Sie bringen sich unauffÀllig aus der Gefahrenzone und verlassen, im Zweifelsfall, selbst die kleinsten SeminarrÀume. All das, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen.

Die Profis wissen: Jede Sekunde zÀhlt. Und: Alles ist ersetzbar. Nur der Teil im Gehirn, der gerade unmittelbar vor einer potenziellen Extrem-Cringe-Situation steht, der ist es nicht.

Denn landet die sozialhorrible Information erstmal im LangzeitgedĂ€chtnis, wird sie dort fĂŒr immer gespeichert, um genau in dem Moment, in der man sie am wenigsten erwartet, wieder aufzuploppen. „Was hĂ€ltst du von Religion? – Weiß nicht“, rezititert man dann plötzlich an der Theke beim BĂ€cker um die Ecke und ist selbst von sich erstaunt. Eigentlich wollte man doch nur ein Franzbrötchen bestellen.

Das introvertierte Leben, es ist nicht leicht.

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