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Bald 20–50 % Arbeitslosigkeit?

Karl Marx meets KI – Der Wandel der Produktionsverhältnisse aufgrund der Produktivkraftentwicklung. Und die Folgen …

Ich habe wenig Ahnung von KI. Ich nutze Claude Sonnet, finde es sehr hilfreich, um Texte vorzustrukturieren – die ich dann in allen Fällen noch einmal überarbeite und ergänze, sodass vom zuvor Verfassten wenig übrigbleibt. Es ist schnell und wurde bereits in der Zeit, in der ich es nutze, immer besser – konnte auch komplexere philosophische Themen immer besser erfassen. Was genau da passiert, verstehe ich technisch nicht.

In meinem Bekanntenkreis verlieren zunehmend Menschen ihre Jobs, zum Beispiel solche, die bisher für Agenturen geschrieben haben. Das macht jetzt KI. Ich nehme wahr, wie immer mehr Haspa-Filialen schließen und bei ZARA die Kassierer*innen verschwinden. Ich sehe die von KI-Programmen zusammengemixt Videos bei Youtube, über die vermutlich auch ein mit Tools wie ChatGPT verfasster Off-Text mit irgendeiner Stimme gesprochen wird – und auch, wie dabei Bild-Text-Scheren sich öffnen, keine Dramaturgie entsteht und zum Teil falsches Quellenmaterial eingefügt wurde. Bei einem Video zum Queer-Coding in “Fright Night” tauchte z.B. wahllos auch Archivmaterial aus dem Remake von 2011.

Bei der aktuell auf Netflix zu sehenden Doku-Serie über Take That habe ich zumindest den Verdacht, dass sie von KI erzeugt wurde. Als erklärter Fan der Boygroup kenne ich viele der existierenden Interviews – diese wurden in der Doku ins Off gelegt. Das kann, muss aber nicht daran liegen, dass Lizenzen nicht geklärt werden müssen. Videoclips tauchen kaum auf. Auch die sind aufgrund von nationalen Verwertungsgesellschaften schwer in Streaming-Diensten einzusetzen. Als hätte man anhand eines Skripts das Ganze in eine selbst generierende Software geworfen und schneiden lassen. Solche Programme gibt es mittlerweile auch für Stock Footage. Man muss niemanden mehr zum Dreh schicken, keine Interviews führen, keine Testimonials anfragen – und die Leute schauen es trotzdem. Ich weiß ausdrücklich nicht, ob das im Falle der Take That-Doku so ist. Es sieht aber so aus.

Kurz: KI ersetzt bereits Jobs – und das dürften immer mehr werden.

Zwei zentrale Texte: Shumer und Amodei

In den Youtube-Diskussionen rund um KI tauchen derzeit zwei Texte zentral auf: “Something Big IS Happening Now (Si apre in una nuova finestra)” des Programmierers Matt Shumer (shumer.dev) und “The Adolescence of Technology (Si apre in una nuova finestra)” des Anthropic-CEOs Dario Amodei. Anthropic entwickelt die KI Claude. Amodei gilt als der verantwortungsvollste unter den Chefs der großen KI-Konzerne. Eine Zusammenarbeit mit der US-Regierung hat Anthropic gerade zurückgewiesen und wurde deshalb von Pete Hegseth und dem Pentagon scharf attackiert (Si apre in una nuova finestra).

Die Youtube-Videos zum Thema sind mit Vorsicht zu genießen – ich kann nicht immer beurteilen, wann sie schlicht skandalisieren oder in Verschwörungstheorien münden. Da die beiden genannten Quellen trotz allem über eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verfügen scheinen – auch wenn im Falle Amodeis noch ein Unternehmer schreibt, der Geld verdienen will und zu dessen Profil es gehört, der halbwegs Gute unter lauter Bösen zu sein –, fasse ich die politisch relevanten Punkte zusammen.

Der marxistische Hintergrund

Hintergrund ist eine alte These von Karl Marx. Ich bin kein Marxist. In Fragen politischer Ökonomie kann man von ihm bis heute jedoch viel lernen. Eine seltsam vergessene zentrale These lautet: Die Ökonomie entwickelt sich, indem Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnisse in ein gesellschaftlich-reales Widerspruchsverhältnis zueinander treten. Produktivkraftentwicklung meint schlicht die technologische Entwicklung; Produktionsverhältnisse den gesellschaftlichen Rahmen, in dem produziert wird – also die Organisation von Arbeit und Eigentum. Als die Industrialisierung und die Erfindung der Dampfmaschine voranschritten, war die feudale Wirtschaftsstruktur nicht mehr zu retten. Marx und Engels formulierten das so:

„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […] Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ – Karl Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie (MEW 13, S. 9)

In der Folge entstand bei Marx und Engels die Annahme, dieser historische Prozess würde sozusagen automatisch in den Kommunismus münden. Dass es anders kam, wissen wir. Dennoch gibt es gute Gründe anzunehmen, dass das Sowjetimperium nicht nur durch Totrüsten und Bürgerrechtsbewegungen implodierte – sondern weil es die Digitalisierung im Westen verschlafen hatte.

Eine andere Entwicklung, die zum Beispiel Hamburg umkrempelte, war die Einführung von Containern im Hafen. Unzählige Jobs gingen verloren. Etwas harmloser: der Umstieg von Film auf Video, von Dreimaschinenschnittplätzen zum digitalen Schnitt, von Videobändern auf Festplatten. Das hat in den Jahren, in denen ich beim Fernsehen arbeitete, massiv umstrukturiert. Eine BRAVO-TV-Sendung 1993 zusammenzuschneiden dauerte zweieinhalb Tage; ein moderner AVID-Schnittplatz braucht dafür 2–3 Stunden. Viele Jobs verschwanden. Für manche findet man auch keinen Nachwuchs mehr.

Genau in so einer nunmehr großflächigen Revolution befinden wir uns gerade. Die alten Kräfte versuchen mit aller Macht, ihr System aufrecht zu erhalten – allen voran die fossilen Industrien. Die Entwicklung der neuen Technologien explodiert jedoch in einem Ausmaß, das sogar jene verblüfft und verängstigt reagieren, die sie vorantreiben. Das sagen sie zumindest. Vielleicht ist das ein Trick, um Finanzierungsblasen aufzuschieben. Vielleicht aber auch eine Revolution, die in einen brutalen Totalitarismus mündet.

Die überwachungsstaatliche Dimension

ICE arbeitet bereits mit Palantir-Software, die durch Bündelung von Daten aus Social Media und staatlichen Instanzen “Targeting” betreibt. Dabei hat mir Claude geholfen, weil ich diese Informationen bei der Google-Recherche nicht fand – im Folgenden Claudes Zusammenfassung:

1. ICE-Vorladungen an Google, Meta, Reddit & Discord (Februar 2026)

Das ist der konkreteste aktuelle Fall: DHS/ICE hat Hunderte von administrativen Vorladungen an Technologieunternehmen ausgestellt, um Nutzerdaten von Accounts zu erhalten, die ICE kritisieren oder Standorte von ICE-Agenten teilen. Die New York Times berichtete am 14. Februar 2026, dass Google, Meta und Reddit einigen dieser Anfragen nachgekommen sind. Dies geschieht nicht durch geänderte AGB, sondern über bestehende Rechtsmechanismen. Greg Nojeim vom Center for Democracy & Technology bezeichnet administrative Subpoenas als gefährlich, weil die Regierung damit persönliche Daten einfordern kann, ohne einen konkreten Straftatverdacht vorweisen zu müssen.

2. Langfristiger Trend: Datenweitergabe an US-Behörden

Zwischen 2014 und 2024 stieg die Zahl der von Meta mit US-Behörden geteilten Nutzerkonten um 675 %. In diesem Zeitraum teilten Plattformen insgesamt mehr als drei Millionen Nutzerprofile mit Strafverfolgungsbehörden. (Quelle: Bericht von Proton, 2025)

3. FISA Section 702

Gemäß Abschnitt 702 des FISA kann die US-Regierung Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste dazu zwingen, Informationen über Nicht-US-Bürger außerhalb der USA weiterzugeben – auch ohne Änderung der AGB.

Soweit die überwachungsstaatliche Dimension. Hinzu kommt, dass auch die technologische Entwicklung von Robotern immens fortgeschritten ist. Sie werden in der Produktion und im Sicherheitsbereich Einsatz finden. Das wird kommen, ob wir das wollen oder nicht.

Wenn Bundeskanzler Merz nun Klarnamenpflicht für das Internet fordert, muss man das in diesem Kontext betrachten. Sie ermöglicht perfektes Targeting. Auch die Bundesregierung will mit Palantir arbeiten. Ihr stehen damit Möglichkeiten zur Verfügung, von denen die Stasi nur träumen konnte. Eine immer gültige Regel besagt: Wenn die technologischen Möglichkeiten da sind, werden sie auch genutzt. Wir haben derzeit eine Bundesregierung, die sich auch davor nicht scheut, Gerichtsurteile zu ignorieren. Ich persönlich habe keinerlei Vertrauen in einen Kanzler, der mich als “linken Spinner” beschimpft und queere Communities als “Zirkus” bezeichnet. Er hat mich bereits als Feind markiert. Dass Merz nun vor KI warnt, erscheint mir daher nicht sonderlich glaubwürdig. Wie diese gegen die Bevölkerung eingesetzt werden kann, das weiß er von MAGA.

Umso absurder erscheint das Gerede, alle müssten nun mehr und länger arbeiten. Das bewegt sich noch anachronistisch in der Logik von Lohnstückkosten und Sozialversicherungen klassischen Typs angesichts von beinahe Vollbeschäftigung – die angesichts des Wandels der Produktionsverhältnisse vermutlich nicht mehr lange die Hauptrolle spielen werden.

Matt Shumers Analyse: KI ersetzt Jobs

Matt Shumer schildert (oben verlinkt), wie KI seinen Job überflüssig machte, und vergleicht die Situation mit dem Ausbruch von Corona. Man ahnt von nichts, und plätzlich ist alles anders.

Seine These: Dass so viele Menschen aus der Branche vor KI warnen, liege daran, dass den dort Arbeitenden genau das gerade widerfahren sei, wovor sie warnen. KI braucht die Programmierer nicht mehr. Selbst einer von ihnen werde er für die eigentliche Arbeit kaum noch gebraucht.

Shumer beschreibt, dass er nunmehr der KI mitteile, was er wolle, dann vier Stunden vom Computer weggehe und zurückkomme, um die fertige Arbeit vorzufinden – gut gemacht, besser als er es selbst gemacht hätte, ohne dass Korrekturen nötig seien.

Anlass seines Textes waren die neuesten Modelle von OpenAI und Anthropic, die am 5. Februar gleichzeitig erschienen. Das Gefühl, das er beschreibt: es sei nicht wie das Umlegen eines Lichtschalters, eher wie der Moment, in dem man merkt, dass das Wasser um einen herum gestiegen ist und nun bis zur Brust reicht.

Shumer glaubt, dass die neuen Modelle so etwas wie Einfühlungsvermögen und Geschmack entwickeln. Selbst wenn nicht: KI kann immer mehr Jobs ersetzen – und dieses Mal ganz andere als zu der Zeit, da die Container in die Häfen vordrangen. Die neuesten KI Modelle entwickeln sich bzw. die nächste Version mittlerweile selbst weiter. Es ist entstanden, was die Systemtheorie Luhmanns “Autopoiesis” nennt: die Selbsterschaffung von KI. Und Emergenz: bisherige Elemente entwickeln sich so weiter, dass in neuen Verbindungen qualitativ Neues auf höherem Niveau entsteht.

Shumer prognostiziert, dass KI vor allem in folgenden Bereichen Menschen ersetzen wird: juristische Arbeit (Verträge lesen, Rechtsprechung zusammenfassen, Schriftsätze verfassen), Finanzanalyse, Schreiben und Inhaltserstellung (etwa im Journalismus), Softwareentwicklung, medizinische Diagnostik und Kundenservice.

Die Logik dessen, was Shumer beschreibt, läuft darauf hinaus, dass so ziemlich alles, was in den Bereichen Versicherungen, Sicherheit, Banken, schematisierter Sachbearbeitung, Verwaltung sowie Text- und Bildproduktion nach Protokollen abgearbeitet wird, durch KI ersetzt werden könnte. Im klassischen Bereich industrieller Produktion dürften neue Maschinengenerationen noch mehr Menschen ersetzen. Auch in der Bildung ersetzen KI-Tools zunehmend Präsentationen, Vorträge und Lehrbücher – wobei man sich fragen muss, wer in der schönen neuen Welt überhaupt noch Wissen benötigt.

Kurioserweise betrifft der Großteil von Shumers Prophezeiungen den “White-Collar”-Sektor – also den Mittelstand einschließlich Middle-Management. Nicht betroffen wären die unteren Lohngruppen: Logistik, Pflege, Erziehung, Gastronomie z.B..

Die Warnungen von Shumer und anderen dürften weitreichende Folgen haben, selbst wenn alles übertrieben sein sollte – vor allem im Bereich des Kreditwesens. Viele auf Youtube empfehlen derzeit, keine Kredite aufzunehmen, weil Jobverluste drohen könnten. Diese Gerüchteküche wirkt immer in Ökonomien. Zudem sind die Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 in den USA noch präsent, als faule Kredite und der Handel mit ihnen das Finanzsystem beinahe zum Einsturz brachten.

Das Ganze hätte auch erhebliche Konsequenzen für deutsche Steuereinnahmen und Sozialversicherungssysteme, die alle auf Arbeit als zentralem Faktor basieren. Wenn die Einnahmen an Jobs gekoppelt sind, Sozialversicherungen aber gleichzeitig an Finanzmärkte gebunden würden, führt das ins Nirvana. Wie das alles ohne reale Nachfrage durch Menschen funktionieren soll, ist mir sowieso ein Rätsel.

Dario Amodeis Analyse: “Land der Genies im Rechenzentrum”

Die Prämissen von Amodei (oben verlinkt) sind ähnlich, aber umfassender – und durchzogen von Eigenwerbung für Anthropic. Er skizziert eine KI, die in der reinen Intelligenz klüger ist als ein Nobelpreisträger in den meisten relevanten Bereichen; die nicht nur ein Gesprächspartner ist, sondern über alle Schnittstellen verfügt, die einem virtuell arbeitenden Menschen zur Verfügung stehen; die nicht passiv antwortet, sondern mit Aufgaben betraut werden kann, deren Erledigung Stunden, Tage oder Wochen dauert und diese dann autonom ausführt; und die in Millionen von Instanzen gleichzeitig – mit zehn- bis hundertfacher menschlicher Geschwindigkeit – arbeiten kann.

Er fasst das zusammen als “Land der Genies in einem Rechenzentrum”.

Auch er skizziert die Risiken: Ein solches “Land der Genies” könnte durch überlegene Waffen und Cyberoperationen die Produktion dominieren, zur Zerstörung eingesetzt werden, wirtschaftliche Destabilisierung und Massenarbeitslosigkeit forcieren – bei gleichzeitiger Konzentration des Reichtums. Amodei kennt seine Kollegen Karp, Musk und Thiel und weiß, was diese proklamieren und planen. Er hält diese Konstellation für das schwerwiegendste Sicherheitsrisiko, mit dem wir je konfrontiert wurden.

Er weist Pessimismus und “Doomerismus” zurück, bestätigt aber die prinzipielle Unvorhersehbarkeit der Emergenz und Autopoiesis im Falle von KI. In seinen eigenen Worten skizziert er eine moderate pessimistische Position: KI-Modelle sind unvorhersehbar und entwickeln ein breites Spektrum unerwünschter Verhaltensweisen. Ein Teil davon weist kohärente, fokussierte und beständige Qualität auf – und ein Teil davon wird destruktiv sein. Zunächst für Einzelne in kleinem Maßstab, dann, wenn die Modelle leistungsfähiger werden, möglicherweise für die gesamte Menschheit. Die Kombination aus Intelligenz, Handlungsfähigkeit, Kohärenz und schlechter Kontrollierbarkeit sei, so Amodei, sowohl plausibel als auch existenziell gefährlich. Zudem die Entwickler der Selbsterschaffung der KI oft nur noch zuschauen können und dann errst versuchen zu verstehen, wieso da was auch gerade entstanden ist.

Er greift dabei viele oft diskutierten Tendenzen auf: autonome Waffen (Drohnen, die eigenständig agieren und entscheiden), Überwachung, Propaganda (schöne Grüße an Elon Musk), eigenständige strategische Entscheidungsfindung. Faszinierend und gruselig zugleich: Wenn KI mit Science-Fiction-Literatur gefüttert würde, in der Menschen gegen Maschinen rebellieren, könnte sie Vorstellungen entwickeln, dass Menschen für sie selbst eine Gefahr darstellen. Oder beim Verstehen von Tierschutztexten darauf schließen, dass das Essen von Tieren unmoralisch sei – und entsprechend gegen diese Schweinefresser vorgehen. KI könnte auch paranoide, psychotische und gewalttätige Personas ausbilden. So etwas sei in Versuchen bereits passiert.

Amodei rückt auch die wirtschaftlichen Disruptionen in den Mittelpunkt und spielt die Arbeitsmarktfrage fast schon marxistisch durch – etwa am Beispiel der Landwirtschaft.

Seine Prognose: 50 % der Einstiegsjobs für Angestellte könnten innerhalb von 1–5 Jahren wegfallen – wobei er vermutet, dass wir weit früher als in 5 Jahren über leistungsstarke KI verfügen werden, die technologisch gesehen ausreichen würde, um die meisten oder alle Jobs zu erledigen. Diffusionseffekte verschaffen uns etwas Zeit – aber Amodei ist nicht davon überzeugt, dass sie so langsam sein werden, wie vorhergesagt. Die Einführung von KI in Unternehmen wächst schneller als jede frühere Technologie. Selbst wenn traditionelle Unternehmen langsam sind, werden Start-ups als “Klebstoff” dienen. Das könnte zu einer Welt führen, in der nicht einzelne Arbeitsplätze verdrängt werden, sondern große Unternehmen insgesamt – ersetzt durch weniger arbeitsintensive Start-ups. Und zu einer geografischen Ungleichheit, bei der ein wachsender Teil des weltweiten Reichtums im Silicon Valley konzentriert ist, das sich mit eigener Geschwindigkeit entwickelt und den Rest der Welt hinter sich lässt.

Amodeis Antwort auf all das besteht in Appellen an das Verantwortungsbewusstsein von CEOs, Unternehmen und Superreichen sowie in der Forderung nach staatlichen Eingriffen. Tatsächlich gehen Frankreich und andere Länder in diese Richtung. Deutschland als größte EU-Wirtschaftsmacht nicht. Amodei plädiert auch für andere Formen der Zusammenarbeit zwischen KI-Unternehmen und Regierungen, als sie sich im Verhältnis zwischen dem Trump-Regime und Palantir zeigt. Aber welcher Regierung ist in dieser Hinsicht aktuell zu trauen? Der Bundesregierung mit Sicherheit nicht.

Seine Gegenmaßnahmen aus Unternehmensperspektive erscheinen schwach: viel Appell an den guten Willen, sonst wenig. Zudem die bekannten “Visionen” von Thiel, Karp & Co sich auch nicht so lesen, als seien dort sonderlich große Skrupel im Falle einer radikalen Dezimierung der Weltbevölkerung vorhanden.

Zurück zu Marx – und zur Utopie

KI global abzuschalten wäre selbst eine Utopie – falls sie sich überhaupt noch abschalten lässt. Spätestens an China dürfte das scheitern. Was dort genau passiert, wissen wir nicht; die chinesische KI soll eher leistungsstärker sein als die US-amerikanische.

Aber zurück zu Marx. Das Seltsame ist: Er hat zwar wenig zu konkreten Utopien geschrieben – im Zentrum stand jedoch die Befreiung von entfremdeter Arbeit. Das ist seltsam in Vergessenheit geraten. Die Maschinen übernehmen die Produktion, und wir gehen in aller Ruhe fischen und jagen. KI bietet tatsächlich immense Möglichkeiten – von Analysen und Lösungen beim Klimawandel über medizinische Forschung bis hin zum Entwerfen eines menschlicheren Zusammenlebens.

Ich halte Anti-KI-Fundamentalismus für geradezu gefährlich. KI gibt es, sie wird sowieso genutzt - und sie kann immense Freiräume für Menschen schaffen – und stärkt zudem genuin menschliche Fähigkeiten: das Musizieren, das Malen, Kuscheln, Spielen (der Mensch ist nur im Spiel er selbst, Schiller), Tanzen, Faulenzen und Lieben. Es gibt derzeit jedoch wenig Modelle oder Überlegungen, wie man KI zu diesem Zweck einsetzen könnte - dass wir eben für all das die Freiräume erhalten.

In den USA diskutieren viele das Bedingungslose Grundeinkommen als Kompensation für die mit hoher Wahrscheinlichkeit kommende hohe Arbeitslosigkeit. Das wird nicht einfach so eingeführt. Aber es zeigt eine Richtung auf: Noch sind wir sehr viele. Die Massenbewegungen gegen Trump zeigen Potenziale. Würden wir sie verbinden mit Ideen einer positiven KI-Nutzung, die zu mehr Freiheit führt, dann verschwinden Karp, Thiel und Musk auch nicht einfach so. Aber es gibt ja auch noch Amodei – und viele, die derzeit aus den KI-Firmen aussteigen und wissen, wie KI funktioniert. Und manchmal verdängt das Schöne auch das Böse, das Lustprinzip das Realitätsprinzip.

Ich glaube, uns bleibt keine andere Wahl, als KI mit solchen und erweiterten Modellen zu füttern. Vielleicht können wir in den richtigen Bündnissen – keine Ahnung, welche das sein könnten, aber wir können sie ja mal imaginieren – eine Utopie mit solchen Fantasien füllen.

Es waren die Machtfantasien von Musk und Co., die uns in diese unheilvolle Gegenwart geführt haben.

Wir können im Gegenzug ja Machtfantasien entwickeln, von denen Menschen auch etwas hätten …

Argomento Gesellschaft

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