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Der Jammeradel

Was soll das für ein „Ideenwettbewerb“ sein, wenn das Establishment rund um Poschardt, Fleischhauer und Hahne im Dienste der Reichen und Mächtigen agitiert?

Es ist derzeit das sachlichste Angebot im politischen Ideenwettbewerb der Bestsellerlisten (Si apre in una nuova finestra)“ - so der Lacher des Morgens in DIE ZEIT.

Formuliert hat diesen trüben Kalauer Götz Hamann unter der Überschrift „Das neue Spitzenpersonal“. Dieses Angebot oder auch letzte Aufgebot der Reaktionäre besteht aus einer bestens finanzierten und per Talkshow- und Social Media Algorithmen gepushten Herrenriege im Alter von 46 bis 73 Jahren plus einer jüngeren Autorin. Sie alle prägten als teils als Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie auch als Chefredakteure reichweitenstarker Zeitungen (BILD, WELT-Gruppe) im mächtigsten Verlag der Republik die mediale Öffentlichkeit der letzten 20 Jahre nachhaltig. Sie schreiben jedoch so, als hätten sie Jahre als Guerilla-Mitglieder in den Höhlen des Erzgebirges verbracht, um nun, endlich!, auch einmal zum Zuge zu kommen und Gehör zu finden. Und das angesichts einer Gesamtbevölkerung, die hypnotisiert durch Mind Control in Habermas- und Butler-Seminaren in die Knie ging, obgleich sie doch die Mehrheit stelle.

Ich erinnere mich an einen Dialog mit meinem Friseur, dem ich erzählte, dass ich einen Film über den wohl bekanntesten deutschen Philosophen machen würde. Er dachte, in der Doku ginge es um Precht, nicht Habermas. So viel zum linksliberalen Verblendungszusamenhang.

Aber in ihrer Scheinwelt pubertieren zumindest jene, die noch irgendetwas außerhalb ihrer selbstreferenziellen Medienblasen mitbekommen haben, immer noch gegen die Suhrkamp-Kultur oder ihre zum Teil linken Eltern und leben Komplexe angesichts von Geistesgrößen publikumswirksam vor jenen aus, die solche Ergüsse für „Ideen“ halten. Kurioserweise gibt es Berge von Publikationen, die ALLES mit einer angeblichen Dominanz von „woke“ erklären - die aber nicht auf die Idee kommen, die Erfolge der AfD mit solchen Publizisten zu erklären. Klar machen letzteres auch viele, aber die erreichen selten die Reichweite eines Poschardt, wenn der mal wieder Talkshowplätze besetzt.

Man stelle sich also Männer vor, die zu den lautesten, bestbezahlten und reichweitenstärksten Stimmen des Landes gehören und die genau deshalb ein Buch darüber schreiben, dass man sie zum Schweigen bringe wolle und - im Falle Poschardts - dass alle Konservativen von ihren selbst generierten Fantasmen „linker Hegemonie“ in die Knie gezwungen würden.

Dahinter steht in einem Fall ein Mäzen mit dreistelligem Millionenvermögen, der eine Plattform finanziert, deren einziges Geschäftsmodell die Behauptung ist, „die Mehrheit” komme nicht zu Wort. In einem anderen Fall wirkte als Förderer ein Verleger, der den halben deutschen Boulevard beinahe kontrolliert und nebenbei in den USA ein Standbein aufbaut - und der für den Wahlsieg Donald Trumps beten ließ.[1] So zumindest die Überlieferung.

Wie es nun einem Häufchen Menschen in Seminaren zu Postkolonialismus oder Gramsci gelungen sein könnte, Menschen in Ketten zu legen, die nicht nur Publizität kaufen und gewähren können, die bestens mit den Regierungsparteien vernetzt sind, zumindest mutmaßlich, und die vermutlich keine 3 Tage in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ohne Strand und Luxushotel aushalten würden, das erklären sie in ihren Finten, Fantasmen und all dem Fabulieren (dieser Dreischritt wurde NICHT von KI generiert) niemals. Ihr elitäres Gehabe könnte leicht entlarvt werden, wenn man sie in Berliner Lokalitäten zusammen mit den Reichen und Mächtigen erwischen würde.

Kein Wettbewerb, sondern eine feindliche Übernahme

Wettbewerb setzt voraus, dass es etwas zu gewinnen gibt, das man noch nicht hat - unter Bedingungen fairer Konkurrenz. Diese sind in Auseinandersetzungen mit solchen seit Jahrzehnten hegemonialen Figuren jedoch nicht gegeben. Im Gegensatz zu denen, die wirklich um Aufmerksamkeit kämpfen müssen - inhaftierte Asylbewerber, deklassiertes Pflegepersonal, verprügelte Queers - haben diese Herren schon alles: die Auflagen, die Sender, die Verlage, die Talkshow-Sessel, die Investoren und die Pose der Verfolgten obendrein. Dabei tun sie so, als sei ihnen nun permanent eine Diskurs-Gestapo auf den Fersen, während sie sich mal in ihren Tweets, mal vor Kameras und in Bestsellerliste verstecken, damit auch ja niemand sie findet. Was hier als frischer Wind der Opposition wehen will, ist eher der abgestandene Atem in die Jahre gekommener Klischeemänner in Machtpositionen, die sich unterdrückt behaupten, während sie bullshittend alles verkleben, was wahr oder normativ richtig wäre.

Man schaue auf die Geldgeber, die all die Stories bezahlen, nicht auf die Geschichten selbst. Hinter Julian Reichelt steht Frank Gotthardt, ein Software-Unternehmer, dessen Vermögen vor wenigen Jahren auf über eine Milliarde Euro taxiert wurde und der verschiedenen Quellen zufolge bereit ist, einen zweistelligen, womöglich hohen zweistelligen Millionenbetrag in einem dauerhaften Zuschussgeschäft namens NIUS zu versenken[3] - nicht weil es sich rechnet. Es wirkt halt im Sinne seiner Klasse.

Das folgt der Methode Thiel, also des Palantir-Antichrist-Thiels: nicht Journalismus als Markt, sondern Journalismus als politisches Werkzeug eines einzelnen Reichen. Und über allem thront im Springer-Hochhaus Mathias Döpfner, dessen Sohn als Büroleiter eben jenes Peter Thiel arbeitete, der „Freiheit und Demokratie” für nicht mehr vereinbar erklärt - und Döpfners eigener Risikofonds sei, so ist in Berichten zu lesen, zu zwei Dritteln von Thiel mitfinanziert.[1] Wer von hier oben „rebelliert”, tut das mit Rückenwind aus San Francisco und Mar-a-Lago. Er bekämpft keine Hegemonie, er ist im Bunde mit den mächtigsten Kräften dieser Erde.

Das ist kein „Wettbewerb“. Man nennt das, in der nüchternen Sprache der Besitzverhältnisse und meiner Ansicht nach, eine feindliche Übernahme des öffentlichen Raums.

Ein Gespenst geht um in deren Texten …

Der ganze Apparat projiziert auf die Leinwände der Öffentlichkeit ein Gespenst: „Die Linke”. Man nehme den Beamer weg, und das Ende Propagandafilms gibt den Blick frei auf jene Mechanismen, die ihn inszenierten.

Denn wo ist sie, diese allmächtige linke Hegemonie? Im Kanzleramt sitzt sie nicht. In den Ministerien, die seit dem Krieg zu fast drei Vierteln von der Union geführt wurden, auch nicht. In den Vorstandsetagen, in den DAX-Aufsichtsräten, bei den Stiftungen der Vermögenden - sie residiert nirgends, wo Macht tatsächlich verwaltet wird. Sie existiert als das, was die Soziologie ein Fantasma nennt: eine notwendige Erfindung, ein Gegner, der so beschaffen sein muss, dass man ihn niemals besiegen kann (weil es ihn so gut wie gar nicht gibt, allenfalls vereinzelt in den Kneipen der Metropolen) und somit weiter gegen ihn anschreiben darf. Carl Schmitt, den diese Kreise so gerne zitieren, wusste es: Wer keinen Feind hat, muss sich einen schnitzen.

Man lese nur, wie konturlos der Gegner bleiben muss, damit er als diskursive Allzweckwaffe genutzt werden kann. Bei Jan Fleischhauer, dreißig Jahre Spiegel, heute mit eigener ZDF-Sendung, kommt „die Linke” angeblich „mehr so betschwesterhaft rüber”[4] - mal ab davon, dass auch betende Schwestern das ohne Diffamierung tun können sollten: was heißt das denn politisch? Nichts. Man kann nun lange auslegen, was „Betschwester“ als Bild so alles implizierte und stieße dabei u.a. auf ziemlich misogyne Fantasien, aber wo ist da die „Idee“?

Pauline Voss und Julian Reichelt schreiben gleich ein ganzes Wörterbuch dagegen, das entlarven will, wie „das linke Establishment Sprache instrumentalisiert”[5] - als gäbe es dieses geschlossene, herrschende Establishment außerhalb der Bestsellerlisten. Das Wörterbuch hat auch einige Autor*nnen versammelt, die weder am Hungertuch nagen noch sich über ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zu beklagen hätten - darunter der SZ zufolge die seit Jahrzehnten unterdrückte und an den Rand gezwungene Gloria von Thurn und Taxis und der jüngst durch eine Laudatio der Bundestagspräsidentin beglückte, somit konsequent als „Anti-Establishment“-Revoluzzer agierende Harald Martenstein. Einer, der regelmäßig eine Kolumne im mächtigsten Blatt der Republik voll schreibt.

Dieses Underground-Konglomerat mit dem Titel „Links - Deutsch / Deutsch - Links“ versammelt stets unterjochte Publizisten wie Henryk M. Broder und professorale Dissidenten wie Norbert Bolz, den publizistisch fortwährend brutaler Zensur ausgesetzten neuen FDP-Vorsitzenden Wolfgang Kubicki und weitere Stars der Szene - letzterer fiel mir zumindest in meiner Sicht der Dinge auf dem „Marktplatz der Ideen“ bisher eher als eine Art Trödelhändler für geschmacklosen Tinnef auf.

Auf Kubicki-Niveau bewegen sich dann auch die rezitierten Bierzelt-Kalauer wie „was ist eine „gebärende Person”, und warum nennt man sie nicht „Mutter“?“. Es kann jeder googeln, was für eine bahnbrechende Dominanz solche Sprachregeln erlangten, NIEMAND sagt bekanntlich mehr Mutter. So, dass Autoren des Westend-Verlages stets in Gefahr sind, von einer Wokistan-Stasi als politisch Verfolgte gejagt zu werden. So tun sie zumindest oft.

Es ist die alte Nummer: Je vager das Gespenst, desto bedrohlicher lässt es sich beschwören. Je mächtiger Du selbst bist, desto alberner inszeniere Dich als Rebell. Nicht, dass Reichelt über keine Erfahrung in der Instrumentalisierung von Sprache verfügen würde, vermutlich. Aber wenn die sowieso ALLES Dominierenden so tun, als würden sie als selbst Establishment gegen ein solches den Aufstand wagen, dann überdeckt das Getöse die eigene Unglaubwürdigkeit.

Entfernt man das imaginative Feindbild, dann bleibt: nichts.

Kein Programm, keine Erzählung, kein Vorschlag. Zukunftsvision? Ideen? Argumente? Vielleicht finden sich ja welche in den Büchern. Auf Bestsellerlisten landen sie jedoch, weil sie in Deutschland seit 1871 tradierte Ressentiments bedienen.

Am amüsantesten Herr Fleischhauer, der seine Karriere u.a. einem Machwerk namens „Unter Linken“ verdankt. Es ist einfach eine Marktposition, ständig über eine erfundene Linke süffisant zu lamentieren - ohne die er gar keine so breite Publizität erlangt hätte. Es würde mutmaßlich in ein ökonomisches Desaster für ihn münden, wenn plötzlich die, auf die er seine Zerrbilder projiziert, aus der Gesellschaft verschwinden würden. Er wüsste vermutlich gar nicht mehr, worüber er schreiben sollte. Er hat ja gar kein anderes Thema, zumindest, soweit ich es verfolgt habe.

Wenn „Freiheit” nur die eigene meint

Am liebsten klagen sie über den Verlust der Meinungsfreiheit, die niemandem ausgiebiger gewährt wird als ihnen selbst, auf allen Kanälen und Theaterbühnen, von Großverlagen - und sie reden ausdauernd darüber, dass man den Eindruck gewinnt, das Grundgesetz beginne mit Artikel 5 und höre dort auch wieder auf. Die Verfassung, gegen deren angebliche linke Aushöhlung sie zu Felde ziehen, beginnt mit einem anderen Satz - mit der Würde des Menschen, die unantastbar sein solle -, und sie kennt die allgemeine Handlungsfreiheit, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Gleichheit vor dem Recht, den Diskriminierungsschutz. Was ungefähr das Spektrum ist, dass solche Publizisten „Betschwestern“ andichten.

Diese Grundrechte kommen in der Apokalyptiker-Prosa nicht vor. Genauer: Sie kommen vor, aber nur als ihr Privatbesitz. Joachim Steinhöfel bringt die Verkürzung auf die Formel, „unsere Grundrechte sind Abwehrrechte gegen den Staat”[6] - was zunächst einmal stimmt. Aber sie sind auch Verpflichtungen an das Staatswesen, wie es zu gestalten wäre und bilden den Rahmen und die Grundlage für Einzelgesetze in ihrem Sinne. Es heißt nicht, dass wer nicht Staat ist, automatisch befugt wäre, auf der Menschenwürde herum zu trampeln, die Freiheit anderer einhegen zu wollen oder fröhlich vor sich hin zu diskriminieren.

Das interessiert diesen Zweig der Publizistik allenfalls, wenn diese Establishment-Vertreter mal selbst betroffen sein sollten. Für sie ist die Verfassung nichts als ein Schutzschild für das eigene Mikrofon und nicht zugleich ein Versprechen der Würde aller. Die Menschenwürde, die freie Entfaltung, der Schutz vor Herabwürdigung - das alles gestehen sie sich selbst und ihren Lesern zu, und sie verweigern es in meinen Augen mit derselben Geste denen, über die sie herfallen.

„Meinungsfreiheit” heißt in diesen Diskursuniversen, ganz allgemein gesprochen: meine Freiheit, deine Würde anzutasten. Wer den ganzen Grundrechtekatalog auf einen einzigen Artikel eindampft, kann das im Rahmen seiner publizistischen Tätigkeit natürlich tun. Er sollte aber bei aller Macht der Reichen, für die er publiziert, nicht rumjammern, wenn er auf Widerworte trifft.

Die tatsächliche Hegemonie

Peter Hahne, ein Vor- und Herrenreiter des Genres, hat seine Popularität nicht im politischen Untergrund erworben, sondern im ZDF. Einem öffentlich-rechtlichen Sender eben, den seinesgleichen rituell als linkes Umerziehungslager beschimpft, als Trutzburg der Lüge oder Ähnlichem, wenn es darum geht, mal wieder einen Superreichen wie Elon Musk zu verteidigen. Ausgerechnet Hahne belehrt in seinen „Werken“ nun, „nur ein Volk, das dumm gehalten wird, fällt darauf rein”[7] - ein bemerkenswerter Satz aus dem Mund eines Mannes, der jahrzehntelang am Apparat saß, den seine Bubble nun der Volksverdummung bezichtigt.

Ulf Poschardt sitzt seit Jahrzehnten in den Talkshows herum, schreibt in WELT und WELT AM SONNTAG, hat den ganzen Springer-Apparat hinter sich und wird zum 1. Juli zum „freiesten Autor” des Konzerns geadelt[8] – freier kann Abhängigkeit kaum klingen. Jan Fleischhauer wiederum verkauft uns sein „Mehrheitsparadox”[9]: Die schweigende Mehrheit, heißt es, fühle sich an den Rand gedrängt. Nur sitzt diese angeblich marginalisierte angebliche Mehrheit auf Platz eins der Bestsellerlisten, in der Primetime und in jeder zweiten Talkrunde und wird seit bald einem Jahrzehnt mit Warmherzigkeit und Empathie überschüttet, obwohl sie gar keine Mehrheit ist. Unter anderem, weil man Nicht-Staatsbürger aus der Bevölkerung heraus rechnet. Reichelt verfügt über die Maschine eines Milliardärs, siehe oben. Das ist keine Gegenöffentlichkeit. Das ist die Öffentlichkeit, jedenfalls ein gut finanzierter, lautstarker, dauerpräsenter Teil von ihr.

Hegemonie heißt: die Mittel zu haben, das Sagbare zu prägen. Diese Mittel haben sie im Gegensatz zu denen, die von ihnen publizistisch malträtiert werden. Sie haben das Kapital im Rücken, das nötig ist, um wochenlang die Bestsellerlisten zu besetzen, und sie haben die Popularität, die sie teils ebenjenen Institutionen verdanken, die sie nun lautstark verachten.

Wie oft saß Fleischhauer alleine bei „Maischberger“ oder „Lanz“? Wenn jemand in diesem Land eine kulturelle Hausbesetzung betreibt, dann sind es nicht die Phantome, gegen die sie anschreiben. Sie sind es. Sie wohnen längst in allen Geschossen und haben anständige Mieter fast vollständig verdrängt. Klar, im wahren Leben ziehen sie Villen vor. Ich wollte nur im Bild von DIE ZEIT bleiben.

„Neofeudal” - ein geliehenes Wort, falsch gesampelt

Poschardt spricht, in geborgter Eleganz, von einer „Wand aus neofeudaler Bequemlichkeit”.[10] Das Wort neofeudal hat er nicht erfunden; es geistert seit Jahren durch die kritische Theorie, seit Habermas Diagnosen einer „Refeudalisierung” in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ formulierte. Er meinte damit z.B. den Springer-Verlag - also den Arbeitgeber Poschardts. Vermutlich hält der das für „Pop“, Begriffe so zu sampeln, dass sie keinen Sinn mehr ergeben, aber sich für ihn zumindest gut anhören. „Ideen“ sind das aber keine.

Feudalismus ist ein präziser Begriff. Er handelte von Besitz. Von wenigen, die das Land hielten, und vielen, die es bestellten. Wer also wissen will, wo der Neofeudalismus dieses Landes residiert, der vergleiche nicht Gesinnungen, sondern Vermögen. Er stelle das Konto eines Software-Milliardärs, der sich eine Meinungsmaschine kauft, neben das mittlere Vermögen eines deutschen Haushalts. Er stelle das Aktienpaket eines Verlegers, das den Wert einer mittleren Kleinstadt erreicht, neben das Sparbuch der Leser, die ihm seine Untergangsprosa abkaufen.

Dort, in dieser Schere, sitzt der Feudalismus - nicht in der „Bequemlichkeit” von Bürgern, die es wagten, den sozialen Frieden für eine Errungenschaft zu halten.

Die „Staatsquote” und erneut das Gespenst „Sozialismus”

Einen Satz zitiert Poschardt aus dem Munde Helmut Kohls: Alles über fünfzig Prozent Staatsquote sei Sozialismus.[11] Wer hat die Staatsquote dieses Landes über Jahrzehnte verwaltet? Nicht „die Linke”. Die Union. Die fünfzig-Prozent-Marke, vor der geraunt wird, ist in der Bundesrepublik im Wesentlichen meines Wissens (oder meines Googelns) ein einziges Mal kurz gerissen worden: in der Pandemie, unter einer CDU-geführten Regierung, als der Staat tat, was Staaten in der Katastrophe tun - Lohn zahlen, Firmen halten, Existenzen retten. Und zuvor, in der Finanzkrise, wurden Rettungsschirme gespannt und Quasi-Verstaatlichungen von Banken exekutiert, befristet, defensiv, von einer konservativen Kanzlerin verantwortet. Diese dienten dazu, genau jenen Kapitalismus zu retten, den die Apokalyptiker so innig lieben.

Das Ganze „links” zu taufen ist albern. Denn links meinte nicht eine vermeintlich hohe Steuerquote unter Angela Merkel. Es meinte seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst das Gemeinschaftseigentum an Produktionsmitteln. Das fordert so gut wie niemand mehr. Es meinte Rätedemokratie, Vergesellschaftung, die Frage, wem die Fabrik gehört. Davon ist im Deutschland der Gegenwart so wenig zu hören und zu sehen wie ein Einhorn im Kanzleramt.

Wer eine konservativ gepflegte Sozialstaatsquote zum Bolschewismus erklärt, betreibt keine Analyse und verfügt auch über keine „Ideen“. Er faselt, was ihm strategisch gerade in den Kram passt.

Die Zukunft, die sie nicht kennen

Bleibt der falscheste Vorwurf von allen: Der Linken, falls es die überhaupt gibt, fehle die Zukunftserzählung. So jammert das Feuilleton, das den Apokalyptikern bescheinigt, immerhin eine Leerstelle zu füllen.

Aber drehen wir die Frage um: Welche Zukunftserzählung bieten sie an? Poschardt etwa diagnostiziert eine „Gebücktheit des deutschen Bürgertums”, die „eine lange Vorgeschichte” habe[12]. Nur: Man liest ihre Traktate und findet hinter dem Zorn das große Nichts und die Leere der Gedanken. Mehr arbeiten, länger arbeiten, weniger Sicherheit, mehr Risiko, Rückbau des Staates: Das ist keine Zukunft, das sind die Achtzigerjahre mit besserem WLAN, ein aufgewärmter Thatcherismus. Es ist eine Retropie - die Sehnsucht nach einem Gestern, das es so nie gab.

Was am Horizont dieser Bewegung steht, nähme man sie ernst, ist nicht Aufbruch, sondern Massenverelendung als Programm, eine Klimakatastrophe, die man lieber „akzeptiert” als bekämpft - „Zivilisationsphasen der Wärme waren immer erfolgreicher”, soll der oberste Verleger geschrieben haben[1] –, und ein radikaler Ethnonationalismus, der die Frage „Wer gehört dazu?” wieder zur wichtigsten der Republik machen will und in Abstammung begründet. Das soll „Zukunft“ sein? Das spanische Wirtschaftswachstum derzeit verdankt sich meines Wissens der Zuwanderung.

Das ist die ganze Pointe. Hier brüllt ein vom Establishment durchgefütterter, von Milliardären finanzierter, teils im öffentlich-rechtlichen Rundfunk großgewordener Chor über die fehlende Ideen der anderen - und hat selbst keine anzubieten als ein „Zurück in die Zukunft“, eine nostalgische Zeitreise.

Das ist kein „Wettbewerb der Ideen“.

Es ist der Jammeradel beim Bankett, der Feudalherren, metaphorisch, die dem Kellner und der Reinigungskraft kurz vor deren Abschiebung erklären, dass sie doch selbst die eigentlich hungernden Dissidenten seien, während sie teure Weine schlürfen. Vom bürgerlichen Feuilleton wird das auch noch gefeiert. Eines, das den „Wettbewerb der Ideen“ durch seine Orientierung am Jammeradel schon lange nicht mehr antreibt.

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Anmerkungen

[1] Mathias Döpfner – „pray for Trump”-Mail, Nähe zu Peter Thiel (Sohn Moritz als Thiels Büroleiter), mutmaßliche Thiel-Finanzierung von Döpfners VC-Fonds, Trump-/Musk-Affinität sowie das Zitat „Zivilisationsphasen der Wärme waren immer erfolgreicher”: Washington Post und Manager Magazin (2023/2025), referiert u. a. bei Rolling Stone, „Politico Owner CEO Mathias Döpfner Told Execs to Pray for Trump”, Dez. 2023, und Stuttgarter Zeitung, April 2023 (gestützt auf interne, von der Zeit eingesehene Nachrichten; von Springer nicht bestätigt).

[2] Rahmen und „Ideenwettbewerb”-Begriff: Götz Hamann, „Das neue Spitzenpersonal”, Die Zeit, Feuilleton, Juni 2026.

[3] Frank Gotthardt – geschätztes Vermögen (mehrere hundert Millionen bis ca. 1,4 Mrd. Euro) und Finanzierung von NIUS als Zuschussgeschäft: Handelsblatt, „Millionär Frank Gotthardt will mit ‚Nius’ das deutsche Fox News aufbauen”, Dez. 2024; Media Ownership Monitor Germany (germany.mom-gmr.org); Correctiv-Recherche (2025), referiert u. a. bei belltower.news und volksverpetzer.de; Wikipedia, „Frank Gotthardt (Unternehmer)”.

[4] Jan Fleischhauer, „mehr so betschwesterhaft”: Interview „Die Linke war früher punkig, heute ist sie betschwesternhaft”, NZZ, Juni 2026 (nzz.ch).

[5] Pauline Voss / Julian Reichelt (Hrsg.), Links-Deutsch / Deutsch-Links, Westend 2026 – Klappentext („wie das linke Establishment Sprache instrumentalisiert”): u. a. shop.nius.de und live.tichyseinblick.shop.

[6] Joachim Steinhöfel, Der Staat gegen Steinhöfel, NXT LVL / Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag 2026 („Unsere Grundrechte sind Abwehrrechte gegen den Staat”): Verlags- und Handelsangaben, u. a. deutscherwirtschaftsbuchverlag.com/products/der-staat-gegen-steinhofel und thalia.de (Leseprobe).

[7] Peter Hahne, Warum macht ihr uns kaputt?, Langen Müller 2026 („Nur ein Volk, das dumm gehalten wird, fällt darauf rein”, dort S. 76); zu Hahnes langjähriger ZDF-Tätigkeit: Perlentaucher / Verlagsangaben. (Seitenangabe nach Buchhandelsangabe; vor Zitation am gedruckten Exemplar prüfen.)

[8] Ulf Poschardts Springer-Rolle und Wechsel zum „freiesten Autor” der Premium-Gruppe zum 1. Juli 2026: Wikipedia, „Ulf Poschardt”; Achgut.com, Juni 2026.

[9] Jan Fleischhauer, Du bist nicht allein. Das Mehrheitsparadox, DVA 2026 – Buchbeschreibung: penguin.de/buecher/jan-fleischhauer-du-bist-nicht-allein.

[10] Ulf Poschardt, Bückbürgertum, Westend 2026 („Wand aus neofeudaler Bequemlichkeit”): zitiert nach Götz Hamann, „Das neue Spitzenpersonal”, Die Zeit, Juni 2026.

[11] Helmut-Kohl-Zitat zur Staatsquote, von Poschardt in Bückbürgertum angeführt: referiert bei Götz Hamann, „Das neue Spitzenpersonal”, Die Zeit, Juni 2026.

[12] Ulf Poschardt, Bückbürgertum, Westend 2026 („Die Gebücktheit des deutschen Bürgertums hat eine lange Vorgeschichte”): Verlagsseite westendverlag.de/Bueckbuergertum/2443; zitiert in Ulrike Stockmann, „Ohne ‚Bückbürger’ keine ‚Shitbürger’?”, Achgut.com, Juni 2026.

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