Über eine Mediennutzung, die einen bereichert – und nicht zusätzlich Nerven raubt.
Was tun in Zeiten, in denen negative News permanent sichtbar sind? In denen es auch wenig Grund gibt, zu glauben, dass sich einige Krisen (zB Russlands Angriffskrieg, Trumps Umgang mit der Demokratie) bald enden werden. Ich habe drei konkrete Tipps, um selbst den Durchblick und Nerven zu bewahren – und sich nicht aus Frust in die reine Passivität oder ein neues Biedermeier zurückzuziehen.
Erstens: Langsamkeit hilft
Ich empfehle, weniger Medien, aber dafür gründlichere Medien zu konsumieren – speziell Formate, die von einer gewissen Länge bzw. Tiefgang geprägt sind. Ich denke hier zum Beispiel an die Ö1-Journale (Si apre in una nuova finestra), oder ich selbst mag zum Beispiel auch gern den Podcast “Thema des Tages (Si apre in una nuova finestra)” des Standard, wo eben ein Thema ausführlicher besprochen wird. Oder einzelne sehr hochwertige Printmedien wie den “Spiegel” zu lesen. Der springende Punkt in meinen Augen ist: Entschleunigung. Langsames Lesen, langsames Zuhören. Das Gefühl der Überforderung kann auch durch die Art des Medienkonsums angetrieben werden: Also es ereignen sich nicht nur aufwühlende Vorfälle oder Krisen, sondern wir kriegen diese oftmals über hastige Formen des Medienkonsums mit. Zum Beispiel Social-Media-Feeds, in denen negative News und Wütendmachendes überdurchschnittlich sichtbar sind und sich im Feed rasch ablösen. Diese Taktzahl des Medienkonsums (bei dem man wahrscheinlich von vielem auch nur Überschriften oder Kurzfassungen mitbekommt) trägt meines Erachtens zum Gefühl der Überforderung bei. Und die Gefahr ist, dass Leute sich zurückziehen, somit auch weniger gut Bescheid wissen über wichtige Vorgänge. In meinen Augen kann eine Gegenstrategie sein, gezielt Hastigkeit im Medienkonsum zu vermeiden.
Wenn man durch ein Printmagazin, dessen Berichterstattung man schätzt, blättert, oder eine tiefergehende Sendung/Podcast anhört, erfährt man noch immer viel Aufwühlendes, aber in einer langsameren Geschwindigkeit. Allein das, ist mein Eindruck, kann schon entlastend sein. Und man erhält bei solchen Formaten auch mehr Einordnung, mehr Fachwissen, was sich auch positiver anfühlen kann. So im Sinne von: Hier wurde ich gedanklich bereichert, auch wenn das Thema sehr ernst ist.
Zweitens: Konstruktive Formate suchen
Das kann von Büchern reichen, die zum Beispiel aufzeigen, dass es sehr wohl konstruktive Ansätze für die Klimakrise (Si apre in una nuova finestra) gibt. Das können Newsletter sein, die auch Lösungswege aufzeigen oder positive Nachrichten bringen. Zum Beispiel schreibt die Journalistin Theresa Bäuerlein den wöchentlichen Newsletter “Wie du nicht den Verstand verlierst” (Si apre in una nuova finestra), der sich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigt. Zum Beispiel damit, dass die Menschheit besser ist, als es online aussieht (Si apre in una nuova finestra). Ich denke, es geht nicht darum, ein unrealistisches Bild der Welt zu zeichnen – also so zu tun, als könnte man als einzelne oder einzelner im Alleingang alle Probleme lösen. Sehr wohl haben wir aber Handlungsmöglichkeiten, als einzelne und als Gesellschaft. Wenn diese Handlungsmöglichkeiten aber wenig betont werden, wir die Welt vielfach über kurze Snippets negativer Schlagzeilen mitbekommen, kann dies Zynismus und Passivität befördern. Ich glaube übrigens, dass Sachbücher oft ein besonders konstruktives Format darstellen (sicher nicht alle, aber es gibt sehr hochwertige, lösungsorientierte Werke). Weil sie oft auch so in die Tiefe gehen, dass sie dann auch Lösungsmöglichkeiten oder gesellschaftliche Gegenentwürfe eröffnen. Ich denke hier zum Beispiel an Teresa Bückers Buch “Alle_Zeit (Si apre in una nuova finestra)”, in dem es darum geht, dass uns allen Zeit fehlt, dass wir das aber auch anders einrichten können. Ein gutes Sachbuch sagt oft nicht einfach nur: So ist es. Sondern sagt überdies: Es könnte auch anders sein.
Drittens: Klare, begrenzte Zeiten
Ein Problem ist auch, dass gerade über Social Media ein Doomscrolling passiert – also man im Feed hängen bleibt, weil es so brisant und aufwühlend ist, man viele negative Nachrichten dabei konsumiert (und viel Zeit vergeht). Ich würde bei Social Media empfehlen, sowohl die Dauer pro Tag zu beschränken, wie lang man auf welchem Kanal ist. Als auch zu überlegen: Mit welchem Zweck bin ich dort? Zum Beispiel kann ich sagen: Ich bin in der Früh 30 Minuten auf Bluesky, um Überblick über politische, wissenschaftliche und andere News zu bekommen. Vielleicht hat man auf Bluesky auch Listen angelegt, bei denen man bei Accounts zu spezifischen Fachthemen mitlesen kann. Hier ist das Ziel ein professioneller Nachrichtenkonsum. Oder man kann sagen: Man geht abends 30 Minuten auf Instagram, dort ruft man vorrangig Storys von Freunden und Freundinnen oder Bekannten aus dem sozialen Umfeld ab. Hier ist das Ziel sozialer Kontakt, also einen Einblick zu bekommen, was Menschen im tatsächlichen Umfeld passiert. In beiden Fällen kann man auch einen Wecker stellen, um nach 30 Minuten tatsächlich aufzuhören. Und sich vielleicht danach auch kritisch fragen: Habe ich tatsächlich mein Ziel verfolgt – oder bin ich beim Scrollen bei irgendwelchen anderen Themen/Accounts hängengeblieben? Dann würde es sich lohnen, diese Strategie nochmal zu verfeinern. Es gibt übrigens auch technische Hilfe: Die deutsche App OneSec (Si apre in una nuova finestra) bietet eine Art Warnhinweis, ehe man Social-Media-Apps öffnen kann. Man muss zehn Sekunden warten, bis man das Programm nutzen kann. Das soll gezielt Leute daran erinnern, sich die Frage zu stellen: Will ich jetzt wirklich App XYZ öffnen – oder ist das Zeitverschwendung? Ich habe OneSec in meinem Buch “Wider die Verrohung (Si apre in una nuova finestra)” beschrieben, weil auch manche Formen von Technik konstruktiv ausgerichtet sein können (mehr Tipps zum Thema gibt es auch im Buch).
Ich denke, das Wichtigste ist: Für sich selbst zu identifizieren, welche Form von Mediennutzung einen bereichert, welche Inhalte man tatsächlich wertvoll empfindet – und sich einen Medienkonsum anzugewöhnen, der besser zu diesen Ansichten passt (denn viele Social-Media-Feeds sind nach anderen Kriterien sortiert).
Danke an alle, die bis hierhin gelesen haben - bis in zwei Wochen!
Schönen Gruß
Ingrid Brodnig
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