Es gibt einen extremen Online-Pranger, der Frauen noch einmal brutaler trifft. Das wurde dieser Tage deutlich: Kristin Cabot, die Frau, die im Coldplay-Kiss-Cam-Video zu sehen ist, gab der New York Times ein Interview (Si apre in una nuova finestra). Es gab nicht nur viele Menschen, die (online) über den Vorfall diskutierten - sondern auch digitale Gewalt: Ihre privaten Daten wurden veröffentlicht, sie erhielt Drohnachrichten – darunter sehr konkret klingende Drohungen, die etwa darauf Bezug nahmen, wo sie einkaufen geht. Das Interview ist bemerkenswert und liefert relevanten Kontext. Sie war bereits getrennt, als sie mit ihrem Chef das Konzert besuchte. Es klingt sehr menschlich, wie sie über diese Phase ihres Lebens spricht. Vor allem zeigt das Interview: Wie brutal diese Aggression ist, die sie danach als Frau traf. Mit Bewertungen ihres Äußeren, sexualisierten Herabwürdigungen und Äußerungen, die der Frau die Schuld geben.
Es passt zu etwas, das mir auch in der Recherche für mein nächstes Buch stark auffiel: Sichtbarkeit ist für Frauen eine Gefahr.
Allein Erfolg wird Frauen oft schon nicht vergönnt – stattdessen kommen dann Vorwürfe, sie hätte sich hochgeschlafen oder andere Abwertungen anhand einer sexuellen Verwertungslogik. Und wenn eine Frau sogar mit etwas Umstrittenem auffällt oder gar einen Fehltritt begeht, dann kann dies ein Dammbruch sein, dem eine Flut an Beleidigungen und geschlechtsspezifischen Herabwürdigungen folgt.
Nehmen wir den Coldplay-Kiss-Cam-Vorfall: Die beiden Gefilmten wurden nicht nur international zum Thema, oft zum Gespött. Wenn so etwas passiert, wenn so ein Vorfall „globaler Beschämung (Si apre in una nuova finestra)“ passiert, dann passiert es auch, dass in der Menge der User:innen manche auch Hasskommentare posten.
Und der moderne Online-Pranger hat noch dazu eine besonders frauenfeindliche Komponente. Für Frauen ist es noch einmal brutaler, noch einmal mehr unter der Gürtellinie, wie dann reagiert wird.
Die Gefahr ist, dass wir hier gesellschaftliche Rückschritte machen. Dass Frauen umso härter verdrängt werden, wenn sie einmal mit etwas (noch dazu: negativ) auffallen. In meinem kommenden Buch “Feindbild Frau (Si apre in una nuova finestra)” geht es stark um solche Verdrängungseffekte – auch was man dagegen tun kann. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel höher, dass sie nach Erlebnissen mit Hasskommentaren zurückhaltender werden, sich öffentlich zu äußern. Umso mehr habe ich nun mit großem Interesse das Interview mit Kristin Cabot gelesen.
Sie erzählt, sie fühlt sich in ihren eigenen vier Wänden sicher, aber draußen in der Welt könne alles passieren. Und sie erklärt auch, warum sie nun ein Interview gibt. „Ich musste immer wieder an einen Spruch denken, den ich im Laufe der Jahre wiederholt gehört habe: ‚Schweigen bedeutet Zustimmung.‘“ Und sie wollte quasi mitdefinieren, was den Rest ihres Lebens über sie bekannt ist.
Das ist tatsächlich eine Verteidigungsstrategie: Das Darüber sprechen – auch die Ungerechtigkeit eines solchen Vorfalls anzusprechen, verständlich zu machen. Insofern halte ich dieses Interview für eine wichtige Reaktion nach all dem Erlebten. Und eben auch wir Außenstehende können solchen Frauen den Rücken stärken. Sagen, dass dieser Frau Unrecht angetan wurde. Dass es nicht in Ordnung ist, wie auch speziell Frauen inmitten solcher Empörungswellen geschlechtsspezifisch abgewertet werden.
Ich glaube: Wir müssen hier aufpassen, dass wir in heutigen Zeiten nicht über technologisch moderne Tools Geschlechter-Dynamiken antreiben (oder durch Passivität zulassen), die alles andere als fortschrittlich sind. Nicht jede geschlechtsspezifische Abwertung kommt in so brutaler Form wie einer Drohung daher, manches ereignet sich subtiler, etwa durch Spötteleien über das Aussehen, die speziell sie und nicht ihn treffen.
Es ist also gut, zum Ende dieses Jahres dieses Interview noch lesen zu können. Es ist gut, wenn wir zumindest versuchen, solche Vorfälle aufzuarbeiten – wenn wir den Worten der Betroffenen unsere Aufmerksamkeit geben.
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Mit diesem Gedanken möchte ich den Newsletter für dieses Jahr beenden. Ich fand, 2025 war ein heftiges Jahr. Es reichte von Donald Trumps Amtsantritt, dem autoritären Umbau der USA, den er und sein Team betreiben (inklusive grausamen Postings auf Social Media) bis hin zu einer größer werdenden Debatte über künstliche Intelligenz (Si apre in una nuova finestra) (KI), weil 2025 auch viele Schattenseiten der KI sichtbar wurden.
Ich hoffe, 2026 bringt und schöne und hoffnungsvolle Momente. Diesen Newsletter wird es wieder im neuen Jahr erscheinen. Derweil gönne ich mir eine Weihnachtspause und danke allen hier Mitlesenden sowie allen, die mich sogar offline auf den Newsletter ansprechen – ich freue mich immer darüber!
—> Und ein Hinweis: Wer sich für das neue Buch “Feindbild frau” interessiert, kann es hier signiert vorbestellen (Si apre in una nuova finestra)
Derweil schöne Feiertage!
Ingrid Brodnig
Bild in der Webversion: Screenshot des Artikels auf der New York Times