Guten Tag und willkommen zu meinem Energie-Newsletter & Blog!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Wenn es etwas gibt, was ich an der großartigen Substack- & Steady-Blog-Kultur (die sich ein bisschen wie die Rettung des Internets anfühlt) nicht mag, dann ist es, wenn Autoren sich regelmäßig selbst zitieren. Also ihre eigenen Beiträge, die sie vor einem oder fünf Jahren geschrieben haben, (auszugsweise) wiederholen, weil der Gedanke halt so klug war und den geneigten Leserinnen und Lesern nochmals vergegenwärtigt werden soll. Es erinnert mich ein bisschen an mein Studium, wo es Profs gab, die sich in ihren Vorlesungen oder Veröffentlichungen ständig selbst zitiert haben. Dieses Selbst-Referenzielle fand ich immer leicht unsympathisch, es hat so einen eitlen Touch. Und jetzt…ertappe ich mich bei der Versuchung, schon in meinem zweiten Newsletter stolz aus dem ersten zu zitieren (weil ich da schon Anfang Februar eine mögliche Gaspreiskrise skizziert habe)…und verkneife es mir… aber Sie dürfen ihn natürlich trotzdem gerne lesen (Si apre in una nuova finestra)…;-)
Aber zurück zum heutigen newsletter: Es soll um ein ähnliches Thema gehen, weil es entscheidend für die Energie- und Wirtschaftspolitik des Jahres 2026 sein wird: Wie geht es weiter bei den Energiepreisen, d.h. insbesondere den Öl- und Gaspreisen (und in der Folge auch den Strompreisen)? Das Erstaunliche ist ja aus meiner Sicht:
Es gibt eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen dem, wie Öl- und Gasexperten die Lage beurteilen — und was die aktuellen Marktpreisen erzählen.
Auf der einen Seite stehen die Experten, die den physischen Öl- und Gasmarkt betrachten: So warnt etwa der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, vor der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten: Die aktuelle Situation entspreche “zwei Ölkrisen und einem Gaskollaps in einem”, (Si apre in una nuova finestra) die Auswirkungen des Iran-Kriegs seien so dramatisch wie die beiden Ölkrisen der 1970er und die Gaskrise von 2022 zusammengenommen. Daniel Sternoff, Senior Fellow am Center on Global Energy Policy der Columbia University in New York, nennt die Lage einen “Versorgungsschock von historischem Ausmaß” (Si apre in una nuova finestra). Ähnlich äußern sich viele andere Experten.
Auf der anderen Seite ist es auf dem Öl- und Gasmarkt erstaunlich ruhig geblieben: Der Ölpreis (Brent) notiert aktuell (31.3.2026) bei 105 US$/Barrel. Er ist damit zwar seit Beginn des Krieges um etwa 40% gestiegen, liegt aber immer noch deutlich unter den Höchstwerten, die es in den letzten 25 Jahren schon gab (siehe Chart). (NB: Wenn man sich die längere Zeitreihe anschaut, erinnert man sich wieder, dass wir vor dem Fracking-Boom in den USA schon mal mehrere Jahre (2011-2014) Ölpreise von über 100 $/Barrel hatten...)
(Si apre in una nuova finestra)Ähnliches gilt für den Gaspreis an der europäischen Börse (TTF): Er ist seit Beginn des Iran-Krieges zwar ebenfalls deutlich gestiegen, von etwa 30 EUR/MWh auf aktuell (31.3.2026) etwa 50 EUR/MWh, immerhin eine Steigerung von 66%. Wir liegen damit aber weit unter dem Niveau der Energiepreiskrise 2021/2022, die Russland mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine herbeigeführt hat — und erstaunlicherweise auf dem gleichen Level wie vor einem Jahr, als Trump der Welt noch weismachen wollte, er sei der größte Friedensstifter aller Zeiten (siehe Chart).
(Si apre in una nuova finestra)Der Analyst Seb Kennedy fasst die Lage wie folgt zusammen:
“The physical gas market is screaming. Financial markets are not listening.” (Si apre in una nuova finestra)
Wie passt das zusammen? Sind die Öl- und Gasexperten hysterisch? Oder die Marktteilnehmer blind? Ist das die Ruhe vor dem Sturm, steht also der eigentliche Energiepreisschock noch bevor?
Im Grunde stehen sich hier zwei Szenarien gegenüber:
Auf der einen Seite sind die Optimisten, die glauben, dass der Iran-Krieg bald beendet ist, die Straße von Hormuz dann wieder vollständig geöffnet wird und dass die Schäden, die iranische Bomben dem LNG-Exportterminal Ras Lafan zugefügt haben, schnell behoben werden. Die Nachrichtenagentur Reuters hat verschiedene Gasmarkt-Analysten nach ihren Erwartungen befragt, und sie sind bemerkenswert homogen (siehe Grafik): Sie prognostizieren, dass 2026 nur etwa 6-7% der LNG-Mengen wegfallen. Trump werde, so ist diese Lesart wohl zu verstehen, schon bald den Krieg für beendet erklären und mit dem iranischen Regime einen Deal eingehen, der die Öl- und Gaslieferungen wieder aufleben lässt. Dies ist ganz augenscheinlich die vorherrschende Sicht am Markt und erklärt die vergleichsweise geringen Preisaufschläge bei Öl und Gas.
(Si apre in una nuova finestra)Auf der anderen Seite stehen die Skeptiker wie etwa die Ökonomin Isabella Weber, die die aktuelle Lage mit der Covid-Situation im Februar 2020 vergleicht (Si apre in una nuova finestra) — als das Virus schon weltweit bekannt war und sich unaufhaltsam ausbreitete, die Lockdowns und die verheerenden ökonomischen Wirkungen aber noch bevorstanden. Sie verweisen darauf, dass nicht nur Öl und Gas, sondern auch Helium, Schwefel, Dünger, Naphta und Aluminium von der Blockade der Straße von Hormuz betroffen sind, und deren Knappheiten, so der Risikoanalyst Marco Felsberger, in drei Wellen die gesamte Weltwirtschaft erfassen werden (Si apre in una nuova finestra) (siehe Abbildung). Hinzu komme, dass nicht nur kein Ende des Iran-Kriegs abzusehen sei, sondern es von iranischer Seite noch einiges an Eskalationspotenzial gebe — nicht zuletzt durch die Huthi im Jemen, die die Bab-el-Mandeb-Straße auf der anderen Seite der arabischen Halbinsel schließen könnten. Durch die verkauft aktuell Saudi-Arabien noch einen Teil seines Öls….und der Suez-Kanal ist von da auch nicht mehr weit…
(Si apre in una nuova finestra)Welche Seite hat recht? Wohin werden jetzt die Preise gehen? Ich weiß es auch nicht. Aber wir können ja versuchen, uns mit ein paar Indizien der Sache zu nähern.
1) “Demand destruction” is coming closer. Studierende der Wirtschaftswissenschaften lernen im ersten Semester: Wenn in einem eigentlich ausgeglichenen Markt plötzlich ein Teil des Angebots wegbricht, dann steigt der Preis so lange, bis eine gleich große Nachfragemenge ebenfalls wegfällt. Im englischen heißt das “demand destruction” und die sozialen Effekte sind oft auch so brutal, wie das Wort klingt. In Südasien führen schon die aktuellen Öl- und Gaspreise dazu: Die Philippinen haben den nationalen Energienotstand ausgerufen, Sri Lanka hat den Mittwoch zum Stay-at-home-day erklärt, in etlichen Ländern Asiens wird der Benzin- und Dieselverkauf rationiert— und das ist erst der Anfang. Die Internationale Energieagentur hat bereits Empfehlungen zum Energiesparen (Si apre in una nuova finestra) veröffentlicht (Überraschung: Schärfere Tempolimits sind natürlich auch dabei) und einen eigenen Tracker für bereits beschlossene Regierungsmaßnahmen erstellt (Si apre in una nuova finestra) auf dem Stand 26.3. schon über 20 Länder gelistet sind. Mit jeder Woche, in der die Öl- und Gaslieferungen aus der Straße von Hormuz fehlen, muss mehr “demand destruction” stattfinden; und dafür muss der Preis weiter steigen.
2) Es gibt noch mehr Energierisiken. Der Ukraine-Krieg ist zwar bei vielen aus dem Blickfeld geraten, aber er läuft in unverminderter Brutalität weiter. Auch hier ist die “Energiefront” ein Kern-Bestandteil des Krieges: Russland bombardiert die ukrainische Strom- und Gasinfrastruktur, Ukraine reagiert mit Angriffen auf die russische Ölinfrastruktur. Hinzu kommt, dass in Australien dieser Tage ein Zyklon das größte LNG-Exportterminal beschädigt hat, die Reparatur wird mehrere Wochen dauern. Und auch nach einem Waffenstillstand im Iran-Krieg wird es Monate dauern, bis die Öl- und Gasproduktion wieder zu 100% funktioniert, und Jahre, bis die Schäden in Ras Lafan repariert sind. Kurz: Es fehlen dem Weltmarkt aktuell mehr Mengen als die, die der Iran blockiert.
3) Trump kann sein Benzinpreisproblem lösen, indem er unseres verschärft. Das innenpolitische Problem Trumps mit diesem Krieg ist der steigende Benzinpreis. Auch MAGA-Anhänger realisieren bei ihrer Fahrt zur Tankstelle, dass sie für diesen Krieg einen nicht unbeträchtlichen Preis zahlen — Benzin ist im letzten Monat immerhin um ein Drittel teurer geworden, auf 4 $/Gallon. Noch grummelt die Basis nur, aber was, wenn der Ölpreis noch weiter steigt (wegen demand destruction, s.o.)? Bis dato ist das der Hauptgrund, warum alle davon ausgehen, dass der Krieg bald beendet ist: Weil Trump Angst vor einer Benzinwut à la USA hat. Aber er kann auch eine andere Strategie wählen: Exportbeschränkungen für amerikanisches Öl. Sofort würde der Ölpreis in den USA fallen, und im Rest der Welt steigen. (NB: De facto haben wir das schon beim Gas: Die amerikanischen Gas-Exporte sind kapazitätsmäßig begrenzt und sorgen für stark unterschiedliche Preise zwischen den USA und dem Rest der Welt.) Neben dem innenpolitischen Vorteil sinkender Benzinpreise könnte Trump Gefallen daran finden, dass die Europäer zur Strafe für ihre Nicht-Beteiligigung am Iran-Krieg höhere Ölpreise zahlen müssen.
4) Selbst wenn die Waffen schweigen: Der Status Quo Ante kommt nicht wieder. Es ist schon jetzt absehbar, dass das iranische Regime kurzfristig nicht fallen wird. Und weil es mit seiner asymmetrischen Drohnenstrategie vergleichsweise günstig die Welt in Atem halten kann, ist die iranische Regierung für die Gespräche mit den USA in einer recht guten Verhandlungsposition. Inzwischen schält sich ein Detail heraus, das der Iran am Schluss verlangen und vermutlich auch durchsetzen wird: Die weitere Kontrolle über die Straße von Hormuz und eine Maut für jedes Schiff, das sie passiert. Damit wird nicht nur jeder Öl- und Gastransport teurer, es verbleibt auch ein dauerhaftes geopolitischess Risiko — was sich in drastisch höheren Versicherungskosten für Öl- und Gastanker niederschlagen wird. Das gilt auch für den Fall, dass es zwar keine Maut, aber einen internationalen militärischen Begleitschutz für alle Schiffe durch die Straße von Hormuz gibt.
5) Erste Analysten und Investoren gehen von einer längeren Krise aus. Berichten von Bloomberg zufolge hat die US-Administration sich eine Analyse der Folgen eines Ölpreises von 200 $/Barell (Si apre in una nuova finestra)machen lassen. Der Gasmarkt-Analyst Seb Kennedy hat beobachtet, dass sich institutionelle Anleger am EU-Gasmarkt (TTF) gerade in erheblichem Maße mit Gasfutures für 2028 eingedeckt haben, die aktuell immer noch günstig zu haben sind — sie erwarten wohl, dass die Preise auch 2028 noch nicht wieder auf das Niveau von vor dem Iran-Krieg gesunken sein werden. Und immer mehr Analysten nehmen Ölpreise von 150$ bis 200$ in den Mund, wie etwa Wood McKinsey (Si apre in una nuova finestra):
How much higher could Brent go?
Certainly over US$150/bbl in the coming weeks as it did in 2022 (in real terms), when Russia invaded Ukraine. However, supply volumes at risk this time are dimensionally bigger – and real. In our view, US$200/bbl is not outside the realms of possibility in 2026.
Was bedeutet das alles?
Ich gebe zu, dass ich Analysten, die die physischen Zahlen im Blick haben, ein deutlich größeres Vertrauen in Bezug auf Langzeitentwicklungen entgegenbringe als Finanzmarktakteuren. Aus den vielen oben genannten Gründen hieße das, die Finanzmarktrealität wird nach und nach die tatsächlichen Knappheiten abbilden und die Öl- und Gaspreise steigen nochmal deutlich über das Niveau, das wir aktuell sehen.
Andererseits braucht Trump ein baldiges Ende des Iran-Krieges: Er hat den Militäreinsatz als vier- bis sechswöchige Aktion angekündigt, und er würde seine komplette Basis verlieren, wenn der Iran ein zweites Afghanistan-Desaster für die USA würde. Zudem kann er es sich nicht erlauben, dass die Benzinpreise in den USA während seiner Amtszeit deutlich über dem Niveau von Biden liegen. Das spräche für einen baldigen, wie auch immer gearteten Deal mit dem iranischen Regime und in der Folge wieder sinkende Öl- und Gaspreise.
Es gibt allerdings auch noch eine dritte mögliche Entwicklung: Es kommt zwar bald zu einem Waffenstillstand, aber weil das mit dem Iran und der Straße von Hormuz kompliziert und unsicher bleibt, verharren die Öl- und Gaspreise deswegen in etwa auf dem aktuellen Niveau. Zeichnet sich das als neues Normal ab, gerät Trump innenpolitisch unter Druck — und erlässt Exportbeschränkungen für Öl aus den USA. Damit würde der Ölpreis in den USA sinken und im Rest der Welt nochmals etwas steigen; und zwar dauerhaft. Auch beim Gaspreis ist nicht zu erwarten, dass Trump den Preisunterschied zwischen den USA und dem Rest der Welt nivellieren wird — was eigentlich der Effekt der vielen im Bau befindlichen und geplanten LNG-Export-Terminals in den USA wäre. Auch hier sind dauerhafte Exportbeschränkungen naheliegend.
Meine Prognose des Öl- und Gaspreises Ende 2026
Sie merken, von den drei o.g. Szenarien tendiere ich zur dritten Option. Und ich lehne mich jetzt damit weit aus dem Fenster, aber ich will da auch ein Preisschild dran hängen. Das würde für uns in Europa dauerhaft höhere Öl- und Gaspreise bedeuten als vor dem Irankrieg — in einer Schwankungsbreite von 100 bis 120 $ für das Barrel Öl und 50-70 EUR pro Megawattstunde Gas. Im Schnitt wären wir dann bei fast doppelt so hohen Öl- und Gasimportkosten wie vor dem Iran-Krieg. Das ist zwar nicht die ganz große Energiekrise — aber groß genug, um Deutschland weiter in eine Nullwachstumsrunde zu schicken. Denn die 30-40 Milliarden Euro, die das zusätzlich kostet, fehlen ja dann den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen an anderer Stelle.
Der einzige Weg da raus, um Deutschland wieder auf einen Wachstumspfad zu schicken, wäre ein Super-Turbo für die Energiewende. Denn je schneller der Erneuerbaren-Ausbau und die Elektrifizierung vorankommen, desto unabhängiger wird Deutschland von Öl und Gas, die in der neuen geopolitschen Realität die eigentlich fluktuierenden und volatilen Energieträger sind.
Katherina Reiche verfolgt mit ihrer Politik allerdings das genaue Gegenteil. Warum ihre ideologische Fixierung auf Öl und Gas für die deutsche Wirtschaft katastrophal ist, die Regierung in ein Gasspeicherproblem für den Winter 26/27 hineinläuft, was die Alternativen wären und weshalb ich mir die Frage stelle, was BDI und DIHK eigentlich so hauptberuflich machen, darum soll es aber erst im nächsten Blogeintrag gehen — dieser ist ohnehin schon länger geworden als geplant.
Bis dahin hoffe ich, dass dieser Text interessant genug war, dass Sie bis zum Schluss gelesen haben und meinen newsletter gern weiterempfehlen. Und ich wünsche allen ein gesegnetes Osterfest — möge der traditionelle Friedensgruß des Papstes urbi et orbi seine Wirkung entfalten!
Herzlichst,
Ihr Patrick Graichen
P.S. Ich freue mich über Ihren Blick in die Glaskugel: Wo stehen die Öl- und Gaspreise am 31.12.2026 — und warum? Wer am nächsten am tatsächlichen Wert ist, den lade ich Anfang 2027 gern auf einen Drink ein!