Das Zhuangzi ist ein daoistischer Klassiker. Es steckt voller Geschichten, in denen Menschen Tiere mit ihren guten Absichten umbringen. Na, klingelt was?

Endlich ist es geschehen: Der an der Ostseeküste gestrandete Buckelwal ist tot. Wie es sich für einen würdigen Abgang gehört, explodiert er wahrscheinlich bald. Der Wal versetzte Deutschland in eine kollektive Psychose, die wir seit Bruno dem Problembär nicht mehr erlebt haben. “Timmy Hope” wurde Tag und Nacht von Schaulustigen, Umweltministern und Walflüsterern belagert und bekam dann noch einen Namen, der klingt, als hätte Uwe Ochsenknecht ihn vergeben.
Und was ist nun die Moral von der Geschicht’? Vielleicht, gestrandete Meerestiere in Ruhe zu lassen, so wie die Dänen es machen. Vielleicht, keine Ahnung, irgendwas mit Artenschutz und der Absurdifizierung der Gegenwart.
Oder vielleicht sollten wir mal einen Blick in das Zhuangzi werfen.
Der Text ist einer der Grundpfeiler daoistischer Philosophie. Im Zhuangzi finden sich eine Menge absurder Tiergeschichten, in die sich Timmys Schicksal mühelos einreihen könnte. Diese Geschichten sind nicht bloß lustige Tierfabeln. Sie erzählen von den Fallstricken vermeintlich moralischen Handelns. Und sie erklären, warum Timmy der Wal sterben musste.
Vom Töten eines Vogels durch Fürsorge
Ein Vogel nistete am Rande des Staates Lu. Der Marquis brachte ihn in seinem Streitwagen zum Tempel und bereitete ihm ein Festmahl. Er ließ die Musiker für ihn spielen und servierte ihm nur das beste Fleisch, um ihm etwas Gutes zu tun. Der Vogel blickte verzweifelt drein und traute sich nicht, einen Bissen zu essen. Nach drei Tagen war der Vogel tot.
“Vom Töten eines Vogels durch Fürsorge”, heißt diese Geschichte aus dem Zhuangzi. Es beschreibt, wie ein Mensch ein wildes Tier trotz, oder gerade mit seinen guten Absichten umbringt. Na, klingelt was?
Ein Wal, der an einer Küste strandet, ein Land über Wochen in emotionalen Ausnahmezustand versetzt und schließlich in einer sehr teuren Rettungsaktion verendet - diese Geschichte hätte so auch im Zhuangzi stehen können. Das Werk geht auf den gleichnamigen Philosophen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zurück. Das Zhuangzi steckt voller abstruser Anekdoten, es handelt von Fischen, die sich in Vögel mit kilometerweiten Flügeln verwandeln, von Charakteren wie “Sir Shoestrap” und Hundun, einem Herrscher in Form eines gestaltlosen Klumpens.
Stünde Timmys Geschichte im Zhuangzi, würde sie zum Genre der “Kill Stories” gehören. Das sind Geschichten, die von der unabsichtlichen Tötung eines wilden Tieres handeln. Wie die Geschichte des Seevogels oben. Eine andere Kill Story handelt vom Pferdetrainer Bo Le, dessen Zähmungsversuche die ihm betrauten Pferde nach und nach umbringen.
Auch die Geschichte des Klumpens Hundun ist eine Kill Story. Hundun ist ein hervorragender Gastgeber, und seine Gäste wollen ihm zum Dank ein menschlicheres Antlitz verleihen. So beginnen sie, ihm Löcher für die Augen, Nase und den Mund in den Körper zu bohren. Hundun stirbt an den Bemühungen seiner Gäste.
Kill Stories sind Diagnosen der Gegenwart
So wie die vermeintlichen Retter des Buckelwals haben die Täter der Kill Stories nur das Beste im Sinn. Sie betrachten sich als moralisch überlegen und wissen nicht - oder ignorieren - die mörderischen Konsequenzen, die ihr Handeln für das wilde Tier hat. Schon vor über 2000 Jahren erzählte das Zhuangzi also Geschichten vom Zusammenprall zwischen Mensch und Natur.
Kill stories sind allerdings keine Geschichten über Tierschutz. Tiere sind im Zhuangzi Metaphern für die vor-zivilisatorische Sorglosigkeit und Leichtigkeit, nach daoistischer Auffassung der Idealzustand der Gesellschaft. Diese Sorglosigkeit wird aber von den sich zu Zhuangzis Zeit ausbreitenden konfuzianischen Werten und Normen zerstört. In einer harmonischen Gesellschaft nach Konfuzius’ Vorbild fügen sich die Menschen ihren sozialen Rollen, vereinfacht gesagt. Sie widmen sich der Kultivierung von Güte und Respekt. Wer aber immer damit beschäftigt ist, respektvoll und gütig aufzutreten, dem fällt es wahrscheinlich schwer, leicht und sorglos zu leben.
So richten die Kill Stories den Scheinwerfer auf das Leid und die Unruhe, die unter konfuzianischen Werten wie Güte, Harmonie und Respekt brodeln. Sie sind ein Brennglas für die Pathologien der Zeit des Zhuangzi.
Timmy zeigt, woran die Moderne krankt
Ich glaube, auch die Kill Story “Timmy Hope” ist ein Brennglas für die Pathologien der Gegenwart. Natürlich sind es nicht die gleichen wie jene im Zhuangzi, wir befinden uns schließlich nicht im antiken China. Aber keine Zivilisation ohne Zivilisationskrankheit, auch die Moderne hat ihre unangenehmen Nebenwirkungen.
Zum Beispiel das Unbehagen am Anthropozän. So nennen manche Forscher*innen das Zeitalter, das vom Menschen angeführt wird. Im Anthropozän ist der Mensch selbst zu einer Naturgewalt geworden, der die wilde Natur gezähmt, unterworfen und aus unserem Erfahrungshorizont verbannt hat. Zumindest glauben wir das. Denn manchmal schlägt sie eben doch zurück, zum Beispiel während der Coronakrise.
Oder wenn ein Wal ganz unerhört an einer Küste strandet. Da liegt sie nämlich, die wilde Natur, am Strand von Poel. Und keiner weiß so recht mit ihr umzugehen. Zhuangzi hätte seine Freude an dieser Kill Story gehabt.
Das Konzept der Kill Stories geht auf Professor Hans-Georg Moeller zurück, der an der Universität von Macau lehrt. Hier (Si apre in una nuova finestra) steht mehr dazu. RIP Timmy und hier kannst du mir Feedback geben 👇
(Si apre in una nuova finestra)