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April // Florence Foster Jenkins

Über Menschen wie Florence Foster Jenkins sagt man, sie seien ihr eigenes Phänomen. Florence jedoch war mehr als das, sie war zugleich Phänomen und Legende, und das bereits zu Lebzeiten. Der Begriff „Phänomen“, etymologisch vom griechischen phainómenon abgeleitet, bezeichnet „das, was erscheint, was sich zeigt“. Also etwas Seltenes, Außergewöhnliches, Staunenswertes - ein Ereignis der sinnlichen Wahrnehmung. Kaum ein Begriff passt so treffend auf die faszinierende Figur der Florence.

Die Lebensgeschichte von Florence Foster Jenkins - einziges Kind aus gutem Hause, Tochter eines wohlhabenden Bankiers, die nach dessen Tod ein beträchtliches Vermögen erbte und sich damit ein Leben ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltete - könnte leicht als flache Anekdote gelesen werden: eine Geschichte darüber, dass es auf dieser Welt nichts gibt, was man nicht kaufen kann, in diesem Fall sogar ein Publikum, ein Auditorium, ja sogar wohlwollende Kritiken. Für mich jedoch ist es mehr als das.

Es ist eine Geschichte über eine vergangene Epoche - die 1920er bis 1940er Jahre -, über die snobistische Welt der New Yorker Elite, die selbst im Schatten des Krieges weiter feierte. Über eine exzentrische Erbin und Philanthropin, die sich so leidenschaftlich in die Musik verliebte, dass sie beschloss, selbst Opernsängerin zu werden. Über eine Frau mit bescheidenem Talent, aber gewaltigen Ambitionen und außergewöhnlichen gesellschaftlichen Möglichkeiten. Man könnte meinen, dies sei eine perfekte Tragikomödie, eine Mischung aus Groteske und Farce. Doch wäre es nur das, hätten wir sie längst vergessen. Es wäre ein Exzess gewesen, kein Phänomen. Deshalb empfehle ich euch von Herzen, die archivalischen Aufnahmen dieser grotesk falsch singenden Sopranistin zu hören. Erst wenn man sich in ihre fehlgeleiteten Töne vertieft, beginnt man zu verstehen, was es heißt, ihre Perspektive einzunehmen, und dass in diesem vermeintlichen Wahnsinn eine eigene Methode lag.

Denn besteht ein Phänomen nicht genau darin, dass uns etwas mitreißt - nicht weil es unbestreitbar gut ist, sondern gerade weil es zweifelhaft, vielleicht sogar schlecht ist, und wir dennoch dabei bleiben, weil es authentisch ist? Und bleiben wir am Ende nicht - wenn das Staunen oder das Lachen verstummt - nicht mehr wegen des Effekts oder des Witzes, sondern wegen des Menschen selbst, der vor uns steht: nackt in seiner rührenden Verletzlichkeit und zugleich erfüllt von fiebriger Leidenschaft?

Ich gestehe: Mich faszinieren besonders jene Menschen, deren Entscheidungen eine radikale Haltung oder ein scheinbares Wahnsinns-Moment in sich tragen. Ich lasse mich gern von den Biografien exzentrischer Persönlichkeiten überraschen. Ich mag es, wenn etwas „nicht stimmt“, wenn es mich aus der Monotonie innerer und äußerer Ordnung reißt und die sogenannten Normen -  auch meine eigenen, derer ich mir nicht immer bewusst bin - infrage stellt.

Florence ist eine Figur, die sich leicht romantisieren oder verflachen lässt. Ihre Unbekümmertheit verführt und provoziert zugleich. Ich selbst spüre eine solche Schwäche für sie, dass ich mich immer wieder daran erinnern muss, sie nicht vorschnell aus ihrem historischen, sozialen und persönlichen Kontext herauszulösen - verführt von der Legende, die sie selbst erschaffen hat.

Viele kennen sie vermutlich durch die Verfilmung ihrer Geschichte unter der Regie von Stephen Frears, mit einer großartigen schauspielerischen Leistung von Meryl Streep. Dort erscheint sie warmherzig und sympathisch - doch ihre Figur ist in Wahrheit weitaus komplexer und subversiver. Betrachtet man Biografien, Plakate und Aufnahmen, könnte man zu dem Schluss kommen, Florence habe sich ihren Ruhm schlicht erkauft, dass es eitel, kalkuliert oder schlicht naiv gewesen sei, dass viele Menschen sie ausnutzten - während sie sie im Gegenzug finanziell unterstützte, um ihre persönliche, absurde Illusion von Größe aufrechtzuerhalten. Und ja, vieles davon entspricht den Fakten. Doch es ist nur die oberste, sehr oberflächliche Schicht, weit entfernt von dem, was darunter liegt.

Denn auf der anderen Seite dieses „Wahnsinns“ steht ein radikaler Akt der Emanzipation: die kompromisslose Autonomie über das eigene Leben. Florence emanzipiert sich nicht durch Programme, sondern durch Gesten. Durch die Beharrlichkeit ihrer Präsenz. Durch die Weigerung, sich beschämen zu lassen - ein Akt der Kontrolle, der vielen Frauen nur allzu vertraut ist.

Sie war eine reife Frau, die ihr Leben nicht der Suche nach einem Ehemann widmete, sondern der Kunst - und dem Aufbau einer beachtlichen Gemeinschaft um sich herum. Sie bestimmte selbst über ihre Karriere, formte und inszenierte sie, lenkte ihren Umfang - selbst wenn dies mit erheblichem finanziellem Einsatz geschah. Vielleicht sollten wir es als eine Form persönlichen Mäzenatentums bezeichnen.

In gewisser Weise wagte sie sich in Bereiche vor, die lange Männern vorbehalten waren: Sie „verkaufte“ ihre hoch eingeschätzten - vielleicht überschätzten - Fähigkeiten, getragen von Charisma und Hartnäckigkeit. War das nicht eine moderne Form der Selbstbestimmung durch Performance? War ihre radikale Überzeugung vom Recht auf eigene Ausdrucksform nicht eine reine Form weiblicher Souveränität?

Wusste sie tief im Inneren, dass ihre technischen Fähigkeiten begrenzt waren? Und hatte sie dennoch einen so umfassenden Plan für sich selbst, dass sie, vom New Yorker Verdi Club über ihre selbst entworfenen Kostüme und Inszenierungen bis hin zum restlos ausverkauften Konzert in der Carnegie Hall am 25. Oktober 1944 -  ihre eigene Karriere inszenierte und zu Lebzeiten ihre eigene Legende erschuf? Ich vermute: ja. Und doch hielt sie das nicht auf. Genau darin liegt für mich der verführerische Kern dieser Geschichte: Florence verwandelte das Scheitern der Kompetenz in den Erfolg der Präsenz und zeigt uns, dass man nicht perfekt sein muss, um herausragend und zutiefst inspirierend zu sein.

„Die Leute mögen sagen, ich könne nicht singen, aber niemand wird je sagen, ich hätte nicht gesungen.“

In gewisser Weise beneide ich Florence um ihren Mut, ja sogar um ihre Kühnheit und Fantasie. Man braucht all das in hohem Maße, um vor tausenden sensationshungrigen Menschen aufzutreten, im festen Glauben, dass das genügt, um zu sein. Ich werde an sie denken, jedes Mal, wenn ich auch nur einen Moment zögere, ein Risiko einzugehen.

„Sie war zweifellos ein Star. Dass sie von einem sanften Wahnsinn berührt war, spielt keine Rolle“, soll ein Journalist gesagt haben.

Denn wäre Kunst ein rein logischer Akt und der Künstler ein berechenbarer Mensch, würde sich das Leben vermutlich auf eine Abfolge von Funktionen reduzieren - statt auf jene intensiven Momente, die uns oft an die Grenzen unserer Wahrnehmung führen.

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