Teil 4: Trauma Bond: Bei der
Mutter pathologisch, beim Kind
ein gefestigter Kindeswille
Autorin: Anna Rhoër-Stenker | Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Eine Mutter, die mehrfach in eine Beziehung zurückgeht, von der sie behauptet, sie sei gewaltvoll, gilt vor deutschen Jugendämtern und Familiengerichten als psychisch instabil. Möchte ein Kind aber nach Jahren einer gewaltvollen Beziehung weiter zum Vater oder sogar dorthin ziehen, wird das ernst genommen und als gefestigter Kindeswille protokolliert. Was beide Verhaltensweisen gemeinsam haben und völlig verkannt wird, ist der Trauma Bond — eine weitverbreitete Sucht.
Was Trauma Bond ist
Trauma Bond ist die biochemische Bindung an eine Person, die einem schadet. Sie entsteht in Beziehungen, in denen Bedrohung und Zuwendung sich systematisch abwechseln. Heute ist sie das Wichtigste in seinem Leben, morgen ignoriert er sie tagelang. Auf eine Demütigung kommt ohne Übergang Lovebombing. Diese Wechsel haben System; sie sind der Mechanismus, mit dem die Bindung entsteht.
Der Fachbegriff dafür ist intermittierende Verstärkung. Das Belohnungssystem reagiert auf den Wechsel zwischen Stress und Erleichterung, nicht auf konstante Reize. Bei akutem Stress schüttet das Gehirn Cortisol und Adrenalin aus. Wird der Täter danach „lieb", folgen Dopamin und Oxytocin, also dieselben Botenstoffe, die im normalen Leben mit Liebe und Bindung verbunden sind. Im Gehirn entstehen Verschaltungen, in denen Schmerz und Erleichterung nicht mehr getrennt voneinander erlebt werden können. Daraus entsteht der Mechanismus: Nur derjenige, der einen entwertet, lässt einen auch wieder gut fühlen.
Es ist derselbe Mechanismus wie bei Spielsucht. Was süchtig macht, ist die Unsicherheit, ob beim nächsten Wurf etwas kommt; ein Automat, der konstant ausschüttet, würde niemanden binden. Genau deshalb sind Trauma Bonds so schwer zu lösen wie eine Suchterkrankung. Patrick Carnes hat das in den 90er Jahren unter dem Begriff „Betrayal Bond" beschrieben und entsprechende Therapieansätze entwickelt. Im englischsprachigen Raum existiert seither eine spezialisierte Behandlungsliteratur. In Deutschland ist davon praktisch nichts angekommen, weder in der Hausärzt:innen-Versorgung noch in der Standard-Therapieausbildung.
Eine Schicht, nicht der einzige Grund
Bevor das missverstanden wird: Trauma Bond ist nicht der einzige Grund, warum Frauen in Gewaltbeziehungen bleiben oder zurückgehen. Es gibt auch ganz handfeste äußere Gründe. Bloß — eine Frau im Trauma Bond hat all diese Gründe und zusätzlich eine reale Sucht.
Eine Trennung bedeutet etwa in der Praxis des deutschen Familienrechts sehr oft, dass das Kind anschließend die Hälfte der Zeit beim Täter verbringt, ohne Schutz durch die Mutter. Wohnung suchen als alleinerziehende Frau in deutschen Ballungsräumen ist ein Vollzeitjob ohne Erfolgsgarantie. Jacquelyn Campbells Forschung zeigt zudem, dass das Risiko, vom Partner getötet zu werden, in den ersten Wochen nach dem Verlassen am höchsten ist, deutlich höher als während der Beziehung. Das soziale Umfeld bröckelt parallel ab: Was bei einer Suchterkrankung als Rückfall verstanden würde und Anlass zu mehr Unterstützung wäre, wird bei der mehrfach zurückkehrenden Frau zum moralischen Versagen umgedeutet, und die Hilfe versiegt mit jedem Versuch.
Ohne Trauma Bond könnten Frauen unter diesen Bedingungen vielleicht trotzdem gehen. Mit ihm braucht es Hilfe von Menschen, die wissen, was hier passiert, und wesentlich mehr Zeit, als für eine „normale" Trennung angesetzt wäre. Wer Trauma Bond benennt, ohne die strukturellen Hürden mitzudenken, schiebt die Schuld zurück auf die Frau. Wer die strukturellen Hürden benennt ohne den Trauma Bond, übersieht, was im Inneren tatsächlich abläuft.
Was sie davon nicht weiß
Was die Sache zusätzlich verkompliziert: Die wenigsten Frauen wissen, dass das, was sie an den Täter fesselt, eine Sucht ist. In
der deutschen Regelversorgung kommt Trauma Bonding praktisch nicht vor. Wer es erlebt, hat keinen Begriff dafür und greift
folglich zu den Begriffen, die kulturell verfügbar sind: schicksalhafte Liebe, Seelenverwandtschaft, Zwillingsflamme. Diese Begriffe werden online inflationär verwendet, um genau
die Dynamik zu romantisieren, die in der Forschung als Suchtmuster beschrieben wird.
In religiösen Kontexten kommt eine zusätzliche Schicht dazu. „Bis dass der Tod euch scheidet" reicht in vielen Köpfen weit über die kirchliche Trauung hinaus, und die Ehe wird zur Schicksalsgemeinschaft, in der alles auszuhalten ist. Die Bindung an den Täter wird damit zur spirituellen Mission stilisiert. Wer würde eine Seelenverwandtschaft aufgeben, die laut Selbsthilfe-Esoterik das Größte sein soll, was zwei Menschen erleben können? Wer würde einen heiligen Bund beenden, weil ein Mann sie permanent entwertet, wo er doch nicht zuschlägt? Wäre die Betroffene aufgeklärt darüber, dass die vermeintlich „ewige Liebe", die sie spürt, banaler Suchtdruck ist, sähe das Ganze wahrscheinlich sehr anders aus.
Was bei einer anderen Sucht Standard wäre
Was die Frau selbst nicht weiß, weiß ihr Behandlungssystem auch nicht. Bei einer alkoholabhängigen Frau, die in eine Klinik kommt, würde niemand verlangen, vor dem Entzug erst einmal die Kindheitsthemen aufzuarbeiten. Es käme auch niemand auf die Idee zu sagen, der Alkohol sei ja jahrelang freiwillig getrunken worden, da lasse sich nichts mehr machen. Beides wird Trauma-Bond-Betroffenen routinemäßig gesagt.
Wer sich aus einer Coercive-Control-Beziehung lösen will, wird in der Regel an Therapeut:innen verwiesen, die in der Vergangenheit graben. Was war mit der Mutter, welche Kindheitsmuster wiederholen sich, wo liegt der eigene Anteil daran, dass sie solche Männer „braucht". Da Trauma Bond im therapeutischen Mainstream nicht als Sucht gilt, wird er auch nicht als Sucht behandelt. Stattdessen wird die Frau selbst zum Problem erklärt, und ihre Schuldgefühle vertiefen sich.
Was es bräuchte, gibt es bei anderen Süchten längst: eine spezialisierte Akut-Therapie, die nicht erst die Kindheit aufarbeiten will, ärztliche Begleitung in den körperlichen Entzugswochen sowie Peer-Strukturen mit anderen Betroffenen, in denen Rückfälle als Teil des Prozesses verstanden werden statt als persönliches Versagen. Nichts davon existiert in der Regelversorgung. Die Folge: Familie und Freunde fragen, warum sie nicht einfach geht. Hat sie es mehrmals versucht und ist immer wieder zurückgegangen, fragen sie, was mit ihr nicht stimmt. Bei einer Alkoholabhängigen würde niemand ernsthaft den Wiederrückfall als Beweis nehmen, dass sie eigentlich gar nichts ändern wolle — Rückfälle gehören dazu, das wissen wir. Bei Trauma-Bond-Betroffenen ist genau diese Umdeutung Standard.
Helfersystem und Mutter-Bias
Die Diagnose, die das Helfersystem ihr verpasst, hat es in sich. An genau dem Punkt, an dem sie über die Gewalt redet und trotzdem zurückgeht, kippt die Bewertung. Anstelle des Täters wird sie selbst zum Problem erklärt. Wer einen Mann gewalttätig nennt und sich ihm danach zum dritten Mal aussetzt, kann nach gängiger Logik nicht klar im Kopf sein. Sie ist von da an die Labile in der Akte.
Während sie diese Rolle nicht loswird, erzählt der Täter parallel seine Version: Sie sei hysterisch, hänge an ihm, brauche eigentlich Therapie. Beweisen muss er nichts. Er erzählt es ruhig, und allein das macht ihn glaubwürdiger als sie, die mit Tränen kämpft. Coercive Control hinterlässt keine Spuren, die sich fotografieren ließen, und körperliche Gewalt, die nur gegen sie ging, gilt im Familiengericht traditionell als „Paarebene", bedauerlich, aber nicht relevant für die Frage, wie der Vater zum Kind ist.
Beim Jugendamt fügt sich das Bild zu einer Diagnose: emotional, widersprüchlich, instabil, psychisch nicht belastbar. Ihre Schilderungen klingen dann nicht mehr wie Hilferufe, sondern wie Symptome ihrer eigenen Verwirrung. Damit fällt sie als Schutzinstanz für das Kind aus. Sie kann nicht mehr glaubhaft sagen: Lasst das Kind nicht zu ihm.
Der Doppelstandard
Die Mutter, die mehrfach zurückgeht, gilt als labil. Ihre biochemische Bindung an den Täter wird nicht als Sucht erkannt, weil das Helfersystem das Konzept nicht kennt. Stattdessen wird interpretiert, was kulturell verfügbar ist: eine emotional instabile Frau, die sich nicht entscheiden kann, eventuell die Trennung nicht verkraftet und eifersüchtig ist, vielleicht schon immer schwierig war.
Und das Kind, das in derselben Beziehung lebt und nach Jahren sagt, es wolle weiter zum Vater oder sogar dorthin ziehen? Auch hier wird die biochemische Bindung nicht als Sucht erkannt, aus demselben Grund. Der Unterschied liegt in der Umdeutung: Was bei der Mutter als Schwäche gelesen wird, gilt beim Kind als Stärke und heißt dann gefestigter Wille.
Bleibt der Vater, der diese Abhängigkeit in Mutter und Kind erst produziert hat. Solange er das Kind nicht selbst schlägt, ist er fein raus. Die Bindung, die durch sein Verhalten entstanden ist, wird im Verfahren als gegebene Realität verbucht: das Kind hängt nun einmal an ihm. Und schließlich brauchen Kinder doch ihre Väter.
Was im Kindergehirn passiert
Wenn Coercive Control so eine schlimme Sucht bei der Mutter kreiert — muss man sich dann zwingend fragen: Welche Auswirkungen hat das auf das unfertige kindliche Gehirn?
Das Kind im selben Haushalt erlebt denselben Wechsel. Heute ist es Liebling, morgen Sündenbock. Aus „du bist mein Stolz" wird ohne erkennbaren Übergang „wegen dir habe ich schlechte Laune". Die intermittierenden Verstärker funktionieren in einem kindlichen Nervensystem genauso, wie in einem erwachsenen.
Bei einem Kind passiert das alles in einem Gehirn, das gerade erst wächst. Die neuronalen Pfade, die festlegen, wie sich Liebe, Sicherheit und Beziehung anfühlen werden, werden in dieser Lebensphase angelegt. Bruce Perry, Allan Schore, Bessel van der Kolk und Martin Teicher haben seit Jahrzehnten gezeigt, dass chronischer Stress in der Kindheit Hirnstrukturen messbar verändert. Ein Kind im Trauma Bond entwickelt also keine Sucht zusätzlich zu seiner Persönlichkeit, sondern die Persönlichkeit selbst wird im Modus dieser Sucht gebaut.
Was kindliche Liebe ist
Das wirft eine Frage auf, die in deutschen Familiengerichten praktisch nie gestellt wird: Was ist eigentlich kindliche Liebe? Es gilt als Naturgesetz, dass ein Kind seine Eltern liebt. Wer Bindungsforschung gelesen hat, weiß, dass das, was wir kindliche Liebe nennen, im Kern Selbsterhaltung ist. Ein Säugling ist ohne Bezugsperson nicht überlebensfähig, sein Nervensystem bindet sich an die nächste verfügbare Person, und zwar nach Verfügbarkeit, nicht nach Sympathie. Ist diese Person gewalttätig und sorgt zugleich für das Kind (auch wenn nur minimal), entsteht dadurch sofort der Trauma Bond. Das Kind hat keine Chance, sich aus dieser Bindung zu befreien, wenn es nicht von außen herausgeholt wird, da es in seiner Unselbstständigkeit in absoluter Abhängigkeit vom Täter bleibt. Das erklärt auch, warum ein Kind „liebt", obwohl es geschlagen oder gedemütigt wird und in permanenter Angst lebt. Es ist dieselbe Sucht, die bei der Mutter erzeugt wurde — nur in einem Kindergehirn.
Bei einer anderen Sucht wäre diese Logik der Liebe undenkbar. Würde ein zwölfjähriges Kind alkoholabhängig sein, käme niemand auf die Idee zu sagen, das Kind liebe Alkohol und das müsse man respektieren. Kein Jugendamt würde es regelmäßig zur Flasche schicken, weil das nun einmal seine Bindung sei. Beim gewalttätigen Vater greift dieselbe Logik nicht. Die Bindung an die Substanz, in diesem Fall an den Täter, wird zur Liebe verklärt, und weil die „Substanz" ein Mensch ist, der gleichzeitig die juristische Rolle des Vaters innehat, schaut niemand mehr genauer hin.
Und was wäre wenn?
Ich frage mich manchmal, was wäre, wenn bei Familiengerichten endlich akzeptiert würde, wie normal männliche Coercive Control in Partnerschaften ist, und wenn entsprechende Konsequenzen folgen würden. Sofort und immer wieder würde auf Coercive Control gescreent. Bei Anzeichen würden die notwendigen Schritte eingeleitet: Der Täter muss das Zuhause verlassen, Umgang findet — wenn überhaupt — nur in Begleitung statt.
Und dann? Die Kinder würden zwar ohne eine vermeintliche Vaterfigur aufwachsen - Ihre Lebenserwartung und die ihrer Mutter würden sich jedoch drastisch erhöhen. Der bereits entstandene Trauma Bond ließe sich behandeln. Zudem würden Kinder nicht mehr von klein auf konditioniert werden, dass Liebe und Gewalt zusammengehören.
Wahrscheinlich würden einige dieser Kinder als Erwachsene den Kontakt zum Vater suchen — warum auch nicht —, aber nun mit den gefestigten Werten eines jungen Erwachsenen und dem Wissen, was Liebe nicht ist. Hätte sich der Vater wundersamerweise geändert, stünde einer Bindung auf gesunder Basis nichts im Weg. Sollte der Vater weiterhin missbräuchlich sein, könnte der junge Erwachsene selbst entscheiden, ob er das in seinem weiteren Leben möchte.
Der oft beschworene Schaden, der angeblich entsteht, wenn Kinder nicht mit ihrem Vater aufwachsen, geht auf einen Auswertungsfehler der Studien zurück. Nicht der Vater fehlte meist, sondern die finanzielle Sicherheit eines zweiten Elternteils. Die aktuelle Forschung zeigt, dass Kinder emotional vor allem eine stabile, sichere und liebevolle Bindungsperson brauchen, um sich optimal entwickeln zu können. Dem gegenüber stehen die sehr realen psychischen und körperlichen Risiken, die bis hin zur tödlichen Gefahr für Mutter und Kind reichen können, wenn ein Vater, der Coercive Control ausübt, Teil des Aufwachsens bleibt. Auch das ist durch die Forschung klar belegt.
Weitere Informationen zu Coercive Control unter
www.ars-coaching-mediation.de (Si apre in una nuova finestra)