Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Viele Bezeichnungen, die im Alltag geläufig klingen, sind auf den zweiten Blick sexistisch. Einige existieren nur für Frauen. Einige nur für Männer. Und immer machen sie deutlich, wie die Gesellschaft tickt.
Familienvater. Schon mal von der Familienmutter gehört? Wahrscheinlich nicht. Denn Mutter impliziert Familie schon irgendwie mit. Aber der Familienvater, das ist einer, der die Rolle ganz besonders ausfüllt. Die Familienmutter gibt es nicht, weil die gleiche Wertschätzung für Mütter, die ihren Job besonders gut machen, nicht existiert. Perfide wird es, wenn bei Femiziden und Morden an Kindern vom Familienvater die Rede ist, der die ganze Familie ausgelöscht hat. Hier wird mit einem bewusst positiven Framing individualisiert, wie Männer Macht und Kontrolle über Frauen und Kinder ausüben. Mit Familiensinn hat das nichts zu tun. Vorschlag: Öfter mal Familienmutter benutzen und diskutieren, dass auch Väter nur Väter sein können und Mütter die Rolle als Familienmutter beklatschenswert ausfülllen.
Powerfrau. Das Pendant für Männer? Powermann? Klingt komisch. Sollten wir aber viel öfter benutzen. Nicht weil wir Männer empowern wollen, sondern weil wir aufzeigen, dass Powerfrau kein Kompliment ist. Powerfrau impliziert Gegensätze: Eine Frau, die es trotzdem schafft. Aber Frauen schaffen viel und noch viel mehr und die Zuschreibung von außen, wieviel Power sie doch hätten, brauchen Frauen nicht. Schon gar nicht von Männern. Frauen wissen, was sie leisten. Bei Powerfrau schwingt auch noch mit, dass Frauen sonst ja naturgemäß gar nicht so stark sind. Nur Powerfrauen sind es. Indirekt wertet der Begriff also sogar Frauen ganzheitlich ab. Ein bisschen wie beim Dating, wenn er sagt, sie so ganz anders, als alle anderen.
Fräulein. Zugegeben, diese Anrede stirbt aus. Dennoch finden Herren höheren Alters es durchaus angebracht, junge Servicekräfte oder Mitarbeiterinnen so zu bezeichnen. Fräulein rührt aus einer Zeit, in der der Bindungsstatus einer Frau noch vor ihrer Persönlichkeit zu entschlüsseln galt. Und Fräulein machte klar, hier ist jemand frei(Wild). Fräulein, das klingt nach Unterordnung und patriarchaler Gewichtung, nach altväterlichem Tätscheln und Belächeln. Fräulein oder die Frau Doktor, nicht als Ärztin, sondern als Frau des Herrn Doktor, diese Anreden stehen für Zeiten, in denen Frauen vorrangig über ihre Rolle im Leben eines Mannes gewürdigt wurden. Diese Zuordnung zu Männern ist bis heute die Basis für patriarchales Anspruchsdenken.
Karrierefrau. Man ahnt es: der Karrieremann macht deutlich, wie sexistisch der Begriff im Kern ist. Frauen mit Karriere müssen besonders betont werden? Männer nicht, denn ihnen wird die Karriere selbstverständlich zugeschrieben. Frauen mit Karriereambitionen gelten dagegen als Sonderfall und wollen besonders betont werden. Das dient jedoch nicht als Kompliment für die einzelne Frau, sondern als Abwertung für alle anderen. Ist die Karrierefrau dann auch noch Mutter, klingt schnell mit an, wie falsch sie ihre Prioritäten setzt. Die Aufwertung einer einzelnen Frau dient im Patriarchat fast immer zeitgleich der Abwertung aller anderen Frauen.
Lolita. Zuletzt war immer wieder von minderjährigen Frauen die Rede. Von jungen Verführerinnen. Von Kindern. Doch sobald Mädchen Teenager werden, gelten sie in den Augen erschreckend vieler Männer als Verführerinnen. Ja, sozusagen als Täterinnen, bei denen Männer gar nicht anders können. Lolita bezeichnet dieses Kinderbild, das uns nicht zuletzt seit Woody Allen konsequent als Frauenbild verkauft wurde. Für Männer müssen weltweit Gesetze geschaffen werden, damit sie nicht Kinder heiraten. In keinem Land der Welt werden männliche Kinder an Frauen verheiratet. Lolita erinnert uns daran, dass Frauenrechte und der Schutz von Mädchen und Frauen ein Must sind, dass Sexismus bereits in den Klassenzimmern sitzt und Frauen und Mädchen weltweit noch immer eine Ware sind.
Girl Dinner. Wer kennt es nicht, das Männerabendessen, das inzwischen als eigener Marketing-Gag als verpackte Zusammenstellung von Snacks im Supermarkt zu finden ist. Gibt’s nicht? Für Frauen sehr wohl. Männer essen. Was sie wollen. Wenn Frauen nicht kochen und nur einen Teller Antipasti snacken, dann wird auch das verniedlicht. Warum? Weil tief verwurzelt im Patriarchat sitzt, dass Frauen richtig kochen sollen. Eine Single-Frau, die sich abends selbstbestimmt für all das entscheidet, was ihr schmeckt? Muss sofort bewertet und als Girl diminuiert werden. Denn die richtigen, erwachsenen, guten Frauen kochen abends für die Familie.
Helikoptermutter. Die Familienmutter gibt es nicht, die Helikoptermutter dagegen schon. Denn gut existiert für Mütter nicht und zu gut ist verdächtig. Am Spielplatz ist die Helikoptermutter, die die neben der Rutsche steht. Schaut sie dagegen einen Moment für die Firmenmail aufs Handy, ist sie die nachlässige Rabenmutter (Auch so ein Wort, das für Väter nicht existiert.) Die Helikoptermutter ist zuviel, die Rabenmutter ist zu wenig. Die (ausreichend gute) Mutter existiert in der Vorstellung der Gesellschaft nicht. Egal wie sehr sich Frauen anstrengen, sie werden je nach Zweck abgewertet oder über andere Frauen erhoben. Aus der Helikoptermutter wird im Familiengericht die Bindungsgestörte, die mit der zu engen Bindung, die mit Münchhausen by proxy. Oft mit lebensverändernden Folgen, wie der Inobhutnahme von Kindern. Mädchen und Frauen können es der Gesellschaft schon nicht recht machen. Doch Mutterschaft ist nochmal ein ganz anderes Level der patriarchalen, sprachlichen Abwertung.