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Gewaltschutz funktioniert nur, wenn Ihr den Frauen glaubt

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger

Wer Gewaltschutz umsetzen will, muss Frauen glauben. So einfach ist das. LeSuBiA zeigt: Im besten Fall kennen wir die Spitze des Eisbergs von Gewalt gegen Frauen. Der Rest passiert ungesehen und aus Angst und Unterdrückung unangezeigt. Die größte Hürde im Gewaltschutz für Frauen ist dennoch der Fakt, dass ihnen schlicht nicht geglaubt wird. Im Umfeld, in der Öffentlichkeit, bei der Polizei, in den Gerichten. Das muss sich ändern.

LeSuBiA, die Bevölkerungsabfrage zu Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag des Bundeskriminalamts hat den Scheinwerfer angeknipst. Was wir sehen: Die bisherigen Lagebilder zu Gewalt gegen Frauen sind ein Fliegenschiss im Vergleich zu dem, was Frauen im Land täglich wirklich in den Wohnzimmern, Schlafzimmern und im Netz widerfährt. Unter fünf Prozent aller Taten werden strafrechtlich erfasst. Teils nur unter zwei Prozent. Gewalt und insbesondere Gewalt gegen Frauen und Kinder ist so weit verbreitet, dass Millionen Menschen davon betroffen sind.

Was gleichzeitig passiert: Frauen machen Gewalt öffentlich und werden als Lügnerinnen beschimpft. Das soziale Umfeld grenzt sie aus. Staatsanwaltschaften stellen Ermittlungen ein und Jugendämter hofieren Täter. Bei diesen Zahlen ein Verbrechen im Verbrechen.

Frauen in Deutschland glaubt man nicht. Erleben sie Gewalt, wird gefragt, ob sie es denn provoziert hätten, erleben sie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, sagt man ihnen nach, dass sie es selbst initiiert hätten. Trennen sie sich wegen Gewalt, wollen sie ihm alles nehmen und suchen sie Schutz, dann wird sich gefragt, ob es denn wirklich so schlimm sei.

Haltung bitte!

Wir müssen uns ehrlich machen. Der Gewaltschutz im Land mag an unzureichend ausgebildeten Fachkräften wie Polizei, Richter:innen und Jugendämtern scheitern. Auch tragen die fehlenden Schutzplätze und unterfinanzierten Beratungsstellen ihren Anteil. Doch der größte Faktor, warum Frauen hierzulande keinen Schutz bei Gewalt erfahren, ist die Tatsache, dass man ihnen nicht glauben will. Natürlich schließt sich auch hier der Kreis zu ungebildeten Fachkräften, die aus ihrer jahrelangen misogynen Praxis die Deutungshoheit über Gewaltbetroffenheit behalten wollen. Doch die Schichten unter dem Unwillen, Frauen zu glauben, sind dichter. Sie basieren auf Mythen, darüber, was gute Frauen ausmacht, was gute Mütter ausmachen soll. Was Frauen bitteschön still erdulden sollen, sei es im Sinne des Kindeswohls oder gleich für den gesellschaftlichen Frieden.

Frauen sollen schon sein, aber bitte nicht so, dass sie arg aus der Reihe tanzen. Männer haben sich Räume gebaut, die ihnen nutzen und Frauen sollen sie betreten dürfen, hier und da ein bisschen aufräumen, abstauben und die Kinder daran hindern, den Papi zu sehr zu stören. Dass sich Frauen einen Stuhl nehmen, sich mit an den Tisch setzen und sagen: „Schau her, das sind die neuen Regeln, wie ich das auch gut finden kann und hier sein will“, das ist nicht vorgesehen. Und so gehen Frauen. Und Männer und Fachkräfte aus dem bestehenden System schreien ihnen Vorwürfe hinterher.

Gemeinsam kehrt man zurück an den Tisch, diesmal unter sich, kramt in der Vorurteilsschublade und holt hervor. Dass es ja auch Täterinnen gebe. So viele sogar. Und arme Männer. Sogar solche, die schwerste Gewalt erleben. Und irre seien die Frauen, alle. Schlimmste Mütter. Geldgeil sowieso. Und dahinter wedeln ein paar Frauen still Staub und Krümel weg und lernen schweigend, dass sie nie laut an diesen Tischen sitzen werden können. Und wenn sie es versuchen, enden sie verurteilt als Thema an denselben.

Ein System, das Frauen einordnet und ihnen die Deutungshoheit nimmt, erhält sich selbst. Ehrlich machen heißt hier, sich zu fragen, wer diese Deutungshoheit warum an sich reißt und wie lange die Zahlen von tatsächlicher Gewaltbetroffenheit noch ignoriert werden können.

Es ist Zeit, mit fünf hartnäckigen Vorurteilen aufzuräumen, die Frauen und Kinder in Deutschland um ihren Schutz und ihre Versorgung bringen.

1. Vorurteil: So viele Männer werden auch Opfer

Tatsächlich weist die Gewaltstatistik des Bundeskriminalamts (2023) unter den insgesamt 167.865 Menschen, die Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden, auch männliche Opfer aus. Doch in knapp vier von fünf Fällen ist nach polizeilicher Kriminalstatistik eine Frau betroffen. Das Statista Research Department/statista.com veröffentlichte dazu: “Im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 34.900 männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt polizeilich erfasst. Damit stieg die Zahl der betroffenen Männer um circa 10,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr und auf einen Höchststand. Als Partnerschaften definiert die Quelle Ehen, eingetragene Lebenspartnerschaften, nichteheliche Lebensgemeinschaften und ehemalige Partnerschaften. Was hier zwischen den Zeilen steht, meint, dass die Opfer mehrheitlich Gewalt durch andere Männer in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften erfahren haben. Hinzu kommen Fälle in denen männliche Gewalttäter strategische Gegenanzeigen stellen, um ihrem weiblichen Opfer zuvorzukommen oder eine Patt-Situation herzustellen, wie Opferanwält:innen berichten. Es bleibt ein Prozentsatz von unter 10 Prozent Männer, die Gewalt durch ihre (Ex-)Partnerin zur Anzeige bringen.

2. Vorurteil: Das kann ja nicht stimmen.
Wenn es so schlimm wäre, wäre sie doch längst gegangen.

Ein Grundsatz im Gewaltschutz ist es, sich die Abhängigkeitsverhältnisse anzuschauen. Sie sagt, sie habe Gewalt erlebt und konnte nicht gehen. Er sagt, er ist es, der Gewalt durch sie erlebt hat. Ihre Situation: schwanger, Baby oder Kleinkind zuhause, kein eigenes Einkommen, kein volles Gehalt, geringfügige Beschäftigung oder eine Teilzeitstelle und die volle Verantwortung für zu betreuende Kinder nach Schule und Kindergarten. Sie springt, wenn das Kind vormittags abgeholt werden muss. Sie nimmt frei, wenn das Kind krank ist. Seine Situation: Vollzeitstelle, volles Gehalt, Betreuung der Kinder gemeinsam nach Feierabend.

Die Frage lautet: Wer kann gehen? Wir sprechen über 14.000 fehlende Frauenhausplätze und einen Rechtsanspruch darauf ab 2032. Wir sprechen über weitere fehlende Frauenhausplätze für 36.000 Kinder und oft Altergrenzen für männliche Teenager bei der Aufnahme in eine Schutzunterkunft. Hinzu kommen Selbstzahleranteile für Frauen und eine gewöhnliche Aufenthaltsdauer von höchstens 12 Wochen in einer Schutzunterkunft. Anschlusswohnraum ist für die meisten Frauen in Gewaltsituationen mit Kind nicht alleine finanzierbar und oft auch nicht anmietbar. (Ohne Mann kein Mietvertrag.) Darüber hinaus zwingen Jugendämter und Gerichte zu Umgangskontakten mit dem Täter. Viele von Gewalt betroffene Frauen gehen nach einem Frauenhausaufenthalt irgendwann zum Täter zurück. Weil sie wirtschaftlich keine andere Wahl haben.

Wer die Abhängigkeiten in den Beziehungen in den Blick nimmt, erkennt schnell, wer eine gemeinsame Wohnung bei Bedrohung hätte verlassen können und wer nicht. Täter machen sich genau diesen Umstand der finanziellen und räumlichen Abhängigkeit der Frauen oft zunutze. Die Frauen wissen, dass sie die Kinder bei einer Flucht ins Frauenhaus aus Schule und Kita nehmen müssten, oft droht auch ein Umzug in ein anderes Bundesland, den Gerichte dann nicht selten als “unnötig” und schädigend für die Beziehung zum Vater werten.

Frauen bleiben nicht aus Naivität oder fehlendem Mut. Sie bleiben in aller Regel, weil sie es müssen. Weil es manchmal das nackte Überleben sichert. Spannend dazu auch: Die in der Psychologie sogenannte fawn-response, also stillhalten wie ein Reh im Autoscheinwerferlicht, bedeutet für viele Betroffene auch aushalten, bis eine Lösung erscheint, die machbar ist. Oft jedoch erscheint diese machbare Lösung Jahre nicht und Frauen bleiben gefangen in Situationen, die sie mehr und mehr psychisch belasten und darüber weiter handlungsunfähig machen.
Angeblich gewaltbetroffene Männer könnten die Situation dagegen meist (zeitweise) relativ unkompliziert verlassen, jedoch sind sie es in der Regel, die Auszug und räumliche Trennung verweigern.

3. Vorurteil: Frauen erfinden Gewaltvorfälle und sexualisierte Gewalt

Im November 2023 wurde erstmals ein eigenes Lagebild nur zur geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen und Mädchen vorgestellt. Warum? Weil die Zahlen seit Jahren durch die Decke gehen. Weibliche Opfer häuslicher Gewalt: 180.715, ein Plus von 5,6 Prozent gegenüber 2022. Tötungsversuche mit weiblichen Opfern: 938 Frauen, 360 davon vollendete Femizide. 52.330 weibliche Opfer sexualisierter Gewalt, ein Plus von 6,2 Prozent. Digitale Gewalt: 17.193 betroffene Frauen, eine Zunahme von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. (Bundeskriminalamt) Die Zahlen bilden das Hellfeld erfasster, angezeigter Straftaten ab. Das Dunkelfeld nicht erfasster ist Schätzungen zufolge achtmal so groß.

Männer sind Frauen gegenüber gewalttätig, täglich werden Frauen Opfer von Gewalt. Das eigene Zuhause ist dabei für Frauen der gefährlichste Ort, der eigene (Ex-)Partner in der Mehrheit der Fälle der Täter. Wer sagt, Frauen würden Taten erfinden, will diese Zahlen aus internalisierter Misogynie ignorieren. Das gilt für Frauen und Männer.

In diesem Zusammenhang spannend sind auch Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, wie oft wer in solchen Fällen vor Gericht lügt. Eine kanadische Studie betrachtete die Anschuldigungen von sexualisierter Gewalt nach Trennungen unter Eltern. Sie ergab: 1,3 Prozent der Frauen lügen in Sorgerechtsverfahren vor Gericht hinsichtlich der Vorwürfe. Bei Männern waren es 21 Prozent. (Vgl. Bala, Nicholas, Schumann)

4. Vorurteil: Frauen geht es nur ums Geld

Narrative von geldgierigen Frauen, die Männer nach Scheidungen verarmt zurücklassen, halten sich hartnäckig. Genau das Gegenteil beweisen die Zahlen des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Selbst solvente Väter zahlen häufig gar keinen Unterhalt – und der Staat belangt sie nicht dafür. Rund 50 Prozent der Väter zahlen keinen Unterhalt für ihre Kinder, 25 Prozent zahlen zu wenig Unterhalt und nur 25 Prozent zahlen soviel, wie sie laut Einkommen und Düsseldorfer Tabelle zahlen müssten. Erklärt ein Vater den Mangelfall, dann fallen Ehegattenunterhalt und Trennungsunterhalt für die Mutter ersatzlos weg. Beim Kindesunterhalt dagegen springt der Staat ein und zahlt auf Steuerkosten, was Väter verweigern. 2,5 Milliarden Euro – so hoch war die Summe 2022. Eingetrieben wird das Geld bei den säumigen Vätern in der Regel nicht. Den fehlenden Zahlungswillen finanzierte die Allgemeinheit 2022 mit knapp zwei Milliarden Euro.

Für Mütter, die dann vom Staat einen Unterhaltsvorschuss, also eine Ersatz-Zahlung, für ihre Kinder erhalten, wird von dieser Summe das volle Kindergeld abgezogen. Sich an einer Trennung bereichern, sieht anders aus.

5. Vorurteil: Frauen profitieren davon, wenn sie Männer “loswerden”

Alleinerziehende sind mit 42 Prozent die Gruppe, die in Deutschland am häufigsten von Armut betroffen ist, in vielen Fällen trotz Arbeit, das ermittelte u.a der Paritätische Armustbericht 2024. Geringer oder kein Kindesunterhalt, fehlender Betreuungsunterhalt, Kindergeldanrechnung auf den Unterhalt vom Staat, Teilzeitarbeit oder völlige Erwerbslosigkeit durch fehlende Kinderbetreuung – die Gründe sind vielfältig. Das merken die Frauen beim Wohnen, Essen, in der Freizeit, bei fehlenden Reisen und dann, wenn ihre Kinder Wünsche haben oder Sportarten ausüben wollen, für die das Familienbudget nicht ausreicht. Hinzu kommt oft eine Posttraumatische Belastungsstörung und andere gesundheitliche Folgen in Fällen von Gewalt durch den Ex-Partner. Diese Folgen ergeben sich auch für mitbetroffene Kinder und werden von der Mutter aufgefangen.

Der 10. Familienbericht des Bundesfamilienministeriums aus dem Januar 2025 bescheinigt Alleinerziehenden zudem die höchste Belastung, wenn es um Dauerstress, fehlende Kinderbetreuung und daraus resultierende, eingeschränkte Berufstätigkeit, hohe psychische und körperliche Belastungen sowie finanzielle Unsicherheiten und Existenzangst geht. Als wäre das nicht genug, fühlen sich viele Alleinerziehende gesellschaftlich und von Behörden als Eltern zweiter Klasse stigmatisert und erleben eine vorurteilsgeleitete Bewertung ihrer Lebenssituation.

Fazit: Männer lügen häufiger und Frauen haben keinen Vorteil

Trennen sich Frauen (=fliehen Frauen bei Gewalt) und bringen Vorwürfe von Gewalt und Missbrauch ein, dann wird ihnen in der Regel nicht geglaubt und sie erhalten keinen umfassenden Schutz. Sie lügen sehr selten zu den Anschuldigen, die Männer gelten trotz hoher Gewaltzahlen dennoch als glaubwürdiger. Frauen verarmen häufiger nach Trennungen und leiden alleinerziehend unter Dauerbelastung, Krankheit und Stigmatisierung. Männer zahlen sehr oft keinen Kindesunterhalt und werden dafür nicht belangt. Sie sehen ihre Kinder meist auch bei dokumentierter Gewalt an Mutter und Kindern weiterhin folgenlos und haben bei Trennungen wenig bis keine finanziellen Einbußen. Ihre berufliche Situation wird mehrheitlich nicht beeinträchtigt.1

Quellen:

Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder — Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen (www.bmfsj.de)

Bundeslagebilder - Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2023 (www.bundeskriminalamt.de)

Bala, Nicholas und John Schumann (2000), Allegations of Sexual Abuse When Parents Have Separated; Canadian Family Law Quarterly

  1. Die Zahlen und Teile des Textes stammen aus Bildungs-Initiative Gewaltschutz 2025

Argomento Gewalt gegen Frauen

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