(Si apre in una nuova finestra)26/03/2026
Liebe Leute,
heute eine etwas knappe Notiz, bei mir war diese Woche viel Chaos, und später im Laufe des Tages mache ich mich auf nach Schweden, wo ich am Freitag in Stockholm (Si apre in una nuova finestra), am Sonntag in Göteborg, und am Montag in Oslo (Si apre in una nuova finestra) Veranstaltungen absolvieren werde. Das wird viel Herumgereise, und leider gibt's bei meinen schwedischen und norwegischen Genoss*innen kaum Staatsknete, wie hierzulande, um Honorare zu zahlen. Aber wie Ihr wisst, ist Schweden einer meiner Inspirationsorte, außerdem hab ich langsam wirklich Lust, die Kollapsdebatte auch mit anderen Bewegungen als den deutschen zu diskutieren, die – my European comrades mostly agree – wenn es um Kollaps geht in ständige Abwehrreflexe verfallen. Daher eben auch meine besonders große Freude über die Sache mit der englischen Übersetzung meines ersten Buches.
Die omnipräsente Macht des Fossilismus
Jetzt aber zur Sache: “die Weltwirtschaft”, so schreiben die Zeitungen, zittert und bibbert ob der Möglichkeit einer tiefen globalen Rezession, die zentrale Diskussion in fast allen Ländern der Welt ist die über steigende Benzinpreise, die derartige politische Sprengkraft hat, dass sogar die fossile KI Katharina Reiche sich vor die Kameras stellt, Konzernschelte betreibt, und “Markteingriffen” (makes sign to ward off the evil eye) das Wort redet. Und mit gutem Grund: als ich für meine Diss zum Thema “Riots” recherchierte - mir ging's um Gipfelkrawalle, aber die wirklich interessanten historischen Forschungen zu Riots handeln oft von den “early modern bread riots” in Europa, die massenhaft ausbrachen, als im Rahmen des entstehenden Kapitalismus Bäcker begannen, ihre Preise eher “dem Markt” anzupassen, als der moral economy der Dörfler*innen, an die sie ihr Brot verkauften – stach ein Konsens ziemlich schnell hervor: wer Menschen zum krawallieren auf die Straße treiben will, kann das am einfachsten durch eines von zwei Mitteln erreichen – erstens, die Preise von Treib- und Brennstoffen (fuels) zu erhöhen, zweitens die von Grundnahrungsmitteln.
Und genau deswegen beinhaltet jeder Nachrichtenbeitrag über die steigenden Benzinpreise einen “VoxPop”-Ausschnitt, wo also “ganz normale Menschen” über ihr schreckliches Leid ob der steigenden Preise klagen dürfen, weil DAS ist die wirklich wichtige Frage. Der Benzinpreis. Über den droht sogar Trump zu stolpern, dessen Fähigkeit, politische Krisen zu überstehen, ja schon legendär ist. Klar, Faschismus einführen, trans Menschen abschaffen, Gulags für Migrant*innen bauen... Aber 4 Liter Benzin für 4 Dollar? Neeneeenee Donald, das geht zu weit. Und wer sich jetzt bequem in ein bisschen “boah, ey, die Amis haben echt weirde Prios” zurücklehnen will, die sollte sich erinnern, dass auch die meisten von uns zumindest durch Nichthandeln genau die selben Prioritäten artikulieren: ist uns doch egal (oder wir finden es gut), dass die EU jetzt Abschiebegefängnisse (“Rückführungszentren”) in irgendwelchen Exkolonien bauen will, dass sie Tausende Menschen im Mittelmeer absaufen lässt, und... never mind, you get the idea.
Massenmord im Sudan? Basically egal. 3 Millionen projected (entirely preventable) deaths durch AIDS? Auch egal. Klimakatastrophe: hmmm, ja, ok, aber dann am Ende auch nix, worüber man wirklich nachdenkt. Aber wenn das Benzin teurer wird, dann wackelt die fossile Gesellschaft in ihren Grundfesten, denn Benzin, dass die Durchschnittsdeutsche sich auch wirklich leisten kann, weil Autofahren halt (vor allem außerhalb der Städte “soziale Teilhabe” erst ermöglicht, weil billiges Benzin Auto- und Flugreisen ermöglicht, weil billiges Gas affordable Heizen ermöglicht.
Ohne billiges Öl kein Mampf
Was mich zum zweiten absolutely foolproof Mittel bringt, Volksaufstände auszulösen: steigende Grundnahrungsmittelpreise. Denn fossile Brennstoffe sind nicht nur die materielle Grundlage für Mobilität und Wärme (natürlich weiß ich, dass es auch andere, nichtfossile Energien gibt, die Wärme und Mobilität produzieren, aber, you know: in general and average...), sondern auch die Grundlage billiger, massenhafter industrieller Landwirtschaft. Ihr werdet das aus den Nachrichten kennen: die Straße von Hormuz ist nicht nur eine Ölarterie, die Region um sie herum ist einer der globalen Hauptproduzenten von Schwefel und Harnstoff, weshalb die Preise für Düngemittel um allenthalben die Angst vor einer globalen Nahrungsmittelkrise um.
Der Fossilismus und “gutes Leben für Alle!”
Ich erzähl Euch all dies, um die unglaubliche, die gigantische, die in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesene (ich mag das englische Wort awesome in diesem Zusammenhang), die zerstörerische Allmacht des Fossilismus zu illustrieren: stellt Euch die hauptsächlich fossilkapitalistisch organisierte Welt mal als Körper vor, mit Benzin/Öl/Gas als zirkulierendes Blut. Jetzt ist eine wichtige Arterie verstopft, und schon wird's an den Kapillaren kälter, der Zufluss des lebenswichtigen Elixiers wird verknappt, die Angst vor einem echtem Herzinfarkt grassiert. Und wie ich hoffentlich belegt habe: diese Angst ist gar nicht so unrealistisch. Stellt Euch steigende Benzin- und Nahrungsmittelpreise in politisch instabilen Regionen (which, tbh, means most of the world today, including the “Old West”) vor, die dann von zum Beispiel faschistischen Bewegungen in Proteste artikuliert werden, die zu faschistischen Machtergreifungen führen. Und natürlich wird die Angst vor steigenden Benzinpreisen der letzte Sargnagel der Klimadebatte, weil jedes Mal, wenn uns unsere Abhängigkeit vom Fossilismus – unser Aller, auch der Ökos und der Klimas – so direkt und erschreckend vor Augen geführt wird, müssen wir danach unseren laut und deutlich und ständig wiederholten Wunsch nach “mehr Klimaschutz” noch stiller und heimlicher verdrängen, weil das die Momente sind, wo wir nicht analytisch, sondern, viel wichtiger, deep in our bones verstehen, dass mehr Klimaschutz sehr viel weniger materielle Lebensqualität bedeuten würde, und wir haben uns nunmal ziemlich an unsere billige und bequeme fossilimperiale Lebensweise gewöhnt. Ich habe darauf schon mehrfach hingewiesen, wiederhole es aber gerne: wer für billige Lebenshaltungskosten in Deutschland kämpft, kämpft dadurch auch notwendigerweise für eine funktioniernde fossilkapitalistische Weltwirtschaft, denn diese, gepaart mit Deutschlands Position recht weit oben auf der globalen Ausbeutungspyramide, ermöglicht erst die angesichts ökologischer Realitäten immer noch absurd niedrigen Benzin- und Nahrungsmittelpreise im globalen Norden.
Schlussgedanken
Und doch reden zentristische und grüne und linke Hopiumist*innen uns weiterhin ein, die “grüne Transformation” würde ja doch stattfinden, abgesehen von den üblichen deutschen Diskursschnarchnasen und Mitteanbiederer*innen wie Christian Stöcker, Maja Göpel oder Volker Quaschning kürzlich erst wieder eindrücklich bestätigt von einem meiner frühen Doomer-Helden: David Wallace-Wells, der vor ein paar Jahren einen einflussreichen Artikel schrieb, mit dem eingängigen Titel “The Uninhabitable Earth”. Dave ist jetzt zurück in den Schoss der Verdrängung (I get it: da ist es echt gemütlicher), mit dem irgendwie ziemlich selbstentlarvenden Titel “Don't look now, but the green transition is still happening.”
Abgesehen davon, dass, wie schon oft erwähnt, es in der Geschichte der Welt bisher immer nur energy additions, aber keine energy transitions gab, wird halt hier klar, dass das nur Pfeifen im Walde ist: der Iran-Krieg zeigt, dass die wichtigste Variable der Welt der Preis fossiler Energien ist, denn im Gegensatz zu den Verdrängungsträumen der Energiewendefantast*innen spielen erneuerbare Energien, die ohnehin richtig effektiv nur im Stromsektor eingesetzt werden können (daher auch die ebenso illusorische Hoffnung auf universelle Elektrifizierung), ist der Fossilismus halt wirklich überall, er ist in Tea Shops in Bangalore, auf Straßen in Patagonien, in Kochstellen in Nigeria, in der Datsche in Brandenburg...
Und was noch schlimmer ist: der Fossilismus sind halt wirklich WIR ALLE. Würden Nahrungsmittelpreise wegen des drohenden fossilen Herzinfarkts steigen, wären WIR ALLE negativ betroffen. Würde Benzin dauerhaft massiv teurer werden, wären WIR ALLE Teil der gesellschaftlichen Konflikte darüber. Und ja, linke Linke, auch wir/ihr: wenn das Benzin zu teuer und die Futterpreise zu hoch, rufen Linke nach staatlicher Deckelung der Preise. Sure. Aber was glaubt ihr denn, woher die staatlichen Ressourcen kommen, die Preise deckeln? In Deutschland aus einem direkt vom Fossilismus finanzierten Staatshaushalt.
Das tolle ist: gerade weil das alles so verdammt offensichtlich, werden die Hopiumist*innen ihre “ENERGIEWENDE, YEAY!”-Erzählung, und Linke ihre “die Bösen sind immer die Anderen” jetzt noch lauter verbraten. Oh well: gut, dass ich von den meisten ehemaligen Weggefährt*innen (der ehemalige Chef meiner ehemaligen Bezugsgruppe comes to mind, ebenso Freund*innen aus den alten Bewegungen, deren Scheitern ich wohl ein oder zweimal zu oft konstatiert hatte) oder auch solchen, vor denen ich mal intellektuellen Respekt hatte (Stöcker und Göpel zum Beispiel) nichts mehr erwarte. Ich habe schon vor 4 Jahren vorhergesagt, dass ab bald auch linke und öko-Diskussionen immer dümmer würden.
Welcome to the future, in denen der grüne, der linke und der konservative Flügel der Verdrängungsgesellschaft sich immer härter aneinanderklammern. Ich freue mich sehr, das im Rahmen der neuen Kollapsbewegung hinter mir lassen zu können.
Mit schwedenfreudigen Grüßen,
Euer Tadzio