(Si apre in una nuova finestra)02/07/2026
Liebe Leute,
ich habe gestern die Einleitung für mein 2. Buch geschrieben, heute das Ende. Eigentlich wollte ich heute morgen die Einleitung als Blogtext posten, aber ihr hattet schon ein paar Einblicke in den Anfang, noch ein Text über “Angst” würde Euch evtl. langweilen.
Also kommt Euer Text heute ausnahmsweise am Nachmittag (schweig still, geschundene Zwanghaftigkeitsstörung!), was für Euch glaube ich eher egal ist, aber bei mir Zuckungen auslöst ;)
Was Ihr hier vor Euch habt, ist der wirkliche Schluss des Buches, das werden die letzten Seite, Absätze, Sätze sein. Der 1st draft steht zwar noch nicht, ich hab alle möglichen Deadlines gerissen und muss noch richtig viel überarbeiten und neu schreiben (einschließlich dieses Schlussteils). Aber ich glaube, im Kern hab ich’s.
Schaut mal in den Schluss rein, und sagt Bescheid, ob Ihr den Eindruck auch habt. Ach ja, diesmal bitte ich eigentlich nicht wirklich um kritisches Feedback - das gerne nächste Woche. Heute möchte ich mich ein bisschen freuen, in zwei Monaten schreiben so weit gekommen zu sein. 220 Seiten, 7 Kapitel, eine Geschichte, die Euch hoffentlich interessiert.
Hier also, als Teaser und zum “hey Tadzio, das liest sich voll gut”-fishing-for-compliments: der Schluss meines 2. Buches. Gemeinsam gegen die Angst: solidarische Kollapspolitik, erscheint im Oktober 2026 im mandelbaum Verlag.
Enjoy.
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Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung
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Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.
Dylan Thomas
Der letzte schwule Kuss
…Jetzt würde an dieser Stelle in einem linken Politbuch üblicherweise der „Visioning“-Teil kommen, denn jede große linke Erzählung – und das wäre dieses Buch zumindest gerne – braucht eine Utopie, denn ohne Utopie kein „utopischer Wärmestrom“. Ohne Utopie wäre die politische Perspektive, die ich hier aufgemacht habe, sich nicht unbedingt von denen einer durchschnittlichen Freiwilligen Feuerwehr irgendwo mitten in Deutschland zu unterscheiden. Als ich vor gut zwei Jahren gegenüber einem alten Freund und Genossen die „SoliPreppen“-Strategie erklärte, fragte dieser mich ein wenig süffisant, ob denn „in der Flut Sandsäcke schippen“ jetzt wirklich der ausschließliche Horizont meines politischen Denkens und Handelns geworden wäre – und wenn ja, ob ich mich dafür als Kommunist denn nicht schämen würde.
Das war natürlich erstmal viel freundschaftliches Frotzeln, aber die Frage ist mir im Kopf geblieben, ich hab sie in fast jeder meiner Lesungen und öffentlichen Veranstaltungen zitiert, weil sie mich lange umgetrieben hat: was ist denn nun der „radikale“ Kern meiner Erzählung? Hat sie überhaupt einen?
Was die „radikale“ Linke seit jeher von der „moderaten“ Linken unterschied – ich benutze bewusst nicht identitäre historische Zuschreibungen wie „revolutionär“ oder „reformistisch“, erstens, weil sie zu ungenau sind, zweitens, weil der Begriff „revolutionär“, wie oben erklärt, keine Bedeutung mehr hat, und daher nicht als Gegenpart eines Begriffspaars fungieren kann – war die Utopie. In konkreten Arbeiter*innenkämpfen zum Beispiel können Sozen und Kommunist*innen gut miteinander, beide wollten ja Lohnerhöhungen. Aber für die sozialdemokratischen Arbeiter*innen ging es bei Lohnkämpfen wirklich um Löhne, während Kämpfe innerhalb des Kapitalismus, also zum Beispiel um die relative Verteilung des Mehrwerts zwischen den zwei miteinander ringenden einander auch brauchenden Klassen, für die kommunistischen Arbeiter*innen immer nur ein Schritt zur besseren Organisierung für die Revolution sein konnte: die Utopie, also Annahmen über die Zukunft, bestimmen die Bedeutung von Dingen in der Gegenwart.
Was soviel bedeutet: ohne ein Bild der Zukunft ist die Gegenwart im politischen Sinne zwar nicht vollständig bedeutungslos, aber wenn ich im Heute sitze, und mir überlege, was ich im Morgen machen soll, dann ist die einzige Art und Weise, diese Entscheidung sinnvoll zu treffen, eine Vorstellung davon zu haben, wie das Übermorgen aussieht. Strategien sind Linien, und damit diese Linien nicht all over the place gehen, brauchen sie einen Fluchtpunkt. Diesen Fluchtpunkt stellt traditionell für radikale Linke eben „die Revolution“ dar, später, als den meisten denkenden Linken klar wurde, dass die Sache mit der leninistischen Revolution mittlerweile ungefähr so realistisch geworden war, wie die Vorstellung einer Reiterstaffel, die eine Seeschlacht gewinnt, nannten wir es dann „Transformation“, was eigentlich nur „ganz viele Reformen, die irgendwann eine Revolution werden“ bedeutete, also im Kern gar nichts.
Es gibt eigentlich keine radikal-linke Utopie mehr, außer den modernistischen Fieberträumen der „Akzelerationist*innen“, deren strategische Position damals in Empire – einem Buch, das in der globalisierungskritischen Bewegungen stark rezipiert wurde, und während der Nuller Jahre den zentralen theoretischen Frame der radikalen Linken in den imperialen Zentren darstellte – folgendermaßen zusammengefasst wurde: „we've got to push through Empire and come out the side“. Also: Kapitalismus bis zum Anschlag, dann magisch in den Kommunismus rüber, und alle sind happy. Fully automated luxury communism als die letzte falsche Utopie der kapitalistischen Moderne.
Es gibt aber auch keine progressive bürgerliche Utopie mehr, denn die hätte im Kern immer ein bisschen ausgesehen, wie die Welt, in der Star Trek/“Raumschiff Enterprise“ spielt: überall Demokratie, überall technologischer Hyperfortschritt, keine Kriege, keine Armut... in der Utopie des Bürgertums ist es einfach so, dass Alle zu Bürger*innen geworden sind, weil genau so, wie unsere (und jetzt meine ich ganz spezifisch: meine Klasse) Leben im Idealfall aussehen – wohlhabend, friedlich, mit Rechten und politischer Macht ausgestattet – sollten doch alle Leben aussehen können, richtig? Diese Idee ist mittlerweile genau so realistisch, wie die leninistische Revolution, oder eben der Sieg von Kublai Khans Reiterstaffeln im peloponnesischen Krieg. Die seit langem konstatierte „Verrohung“ des Bürgertums – was ich im letzten Buch als „Arschlochisierung“ analysiert habe – ist auch eine Reaktion auf die verdrängte Einsicht in die Unmöglichkeit, dass Alle auf der Welt so leben, wie das Bürgertum z.B. in Deutschland, und deswegen fühlt dieses auch, das seine Privilegien nicht unbedingt von Dauer sein werden. Es kann ja sein, dass irgendjemand anderes irgendwann mal das mit uns macht, was wir as a matter of course früher mit Anderen, andernorts gemacht haben: militärisch besiegen, besetzen, ausrauben, umbringen. Dass das nicht besonders realistisch ist: geschenkt. Aber Gewalttäter sind selbst von ihren Gewalttaten so traumatisiert, dass sie nie mehr in der Lage sind, die Opfer ihrer Taten anzuschauen, und keine Angst zu haben, dass ihnen irgendwann das angetan wird, was sie Anderen angetan haben.
Dass es keine ökologische, keine grüne Utopie im globalen ökologischen Kollaps geben kann, ist klar. Aber auch die linken und bürgerlichen, die humanistischen Utopien funktionieren im Kollaps nicht mehr. Der Kollaps räumt die Fluchtpunkte modern-kapitalistischer Politik ab, linke included, weil die lagen immer weit oben auf der Y-Achse gesellschaftlicher Outcomes: „the arc of the moral universe is long, but it bends towards justice.“ Da im globalen ökologischen Kollaps nur noch netto negative gesellschaftliche Outcomes denkbar sind – weil sich die materiellen Bedingungen menschlichen Lebens auf dem Planeten so schnell und so drastisch verändern werden, dass „Chaos“ das wahrscheinlichste Makroresultat ist – braucht es also neue Fluchtpunkte, neue progressive Utopien.
Grenzutopien im Kollaps
Aber kann es im Kollaps eigentlich noch Utopien geben? Ein kurzer Rückblick: seitdem Thomas More im frühen 16. Jahrhundert die erste „Utopie“ verfasste, ist die U-Topie (gleichzeitig ein „nicht-Ort“, und der „glückliche Ort“ ein nicht-existierender Ort, außerhalb der Realität, von dem aus man die Realität kritisieren kann. Alles, was in der Realität schlecht ist, ist am U-Topos (am Nichtort) gut, und bleibt auch gut. Die U-topie ist ein stabiler Ort des Guten, wenn nicht sogar des Perfekten, und der Kollaps macht ja gerade alle Orte instabil. Egal, wo man wohnt, je mehr der ökologische Kollaps eskaliert, je schneller er auf der Erde Effekte hat, desto weniger noch stabile Orte wird es geben. Deswegen bauen die Hyperreichen ja so viel Raumschiffe: weil sie das verstanden haben.
Na gut, wenn es keine wirkliche Utopie im klassischen Sinne geben kann, brauchen wir sie denn dann wirklich? I mean, ich wehre mich die ganze Zeit gegen jedes bisschen „hopium“ in der Klima- und Kollapsdebatte, rege mich wahnsinnig auf, wenn meine Genoss*innen wieder durch irgendeine Hintertür das magische Denken in unsere Strategiedebatten einladen – will ich jetzt der sein, der die Utopie zurück in die Kollapsdebatte bringt?
Die Antwort wird Euch überraschen: ja, der möchte ich sein. Besonders meine Erfahrung während meiner „Zukunftsdepression“, der Phase absoluter Sinnfreiheit meines Lebens, als es keinerlei Fluchtpunkt gab außer „get high and get fucked“, hat mir gezeigt, dass es, oder auch: dass ich ohne „Fluchtpunkt“ nicht funktionieren kann. Ich brauche die Vorstellung eines Ziels, das außerhalb des Jetzt liegt, einer Situation, auf die ich hinarbeiten kann, einen „horizon state“, etwas, das zwar nie erreicht werden, aber in dessen Richtung man sich immer bewegen kann.
Das mit der „Richtung“ wird auch von der wahrscheinlich berühmtesten Formulierung der Funktion von „Utopie“ in der Geschichte der globalen Linken betont. Der uruguayische Autor Eduardo Galeano schrieb mal dies: „Die Utopie steht am Horizont. Ich gehe zwei Schritte auf sie zu, sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich gehe zehn Schritte und der Horizont weicht zehn Schritte zurück. Wozu dient die Utopie? Dazu, dass wir weitergehen.“
Weitergehen. Genau darum geht es mir: dass wir weitergehen, weitermachen, weiterkämpfen, weiterlieben, weiter... Deswegen braucht es für mich weiterhin Utopie. Aber Utopie im klassischen Sinne ist im Kollaps unmöglich, denn, wie gesagt: eine Utopie ist ein stabiler Ort, von dem aus wir das Bestehende kritisieren können, aber da im Kollaps „stabile Orte“ nicht nur „weit weg“ sind, sondern tatsächlich unmöglich, müssen wir das Konzept an den Kollaps anpassen. Wenn es keine stabilen Orte geben kann, von denen aus wir das Bestehende kritisieren, und die unsere strategischen Fluchtpunkte darstellen können, dann brauchen wir eine Konzeption von „Utopie“, die nicht statisch ist, die immer und überall funktionieren kann, unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Situation ist, in der wir handeln. Die „Utopie“ beschreibt dann keinen perfekten Ort, auf den wir zulaufen, sondern eine Handlung, eine Intervention, die einen temporären Zustand herstellen soll: sie besteht aus einer Handlung, die auf ein Ziel hinarbeitet, sie ist eine Utopie, der es ganz bewusst um das „weitergehen“ geht, egal, wie schlecht es in Realität wird. Das klingt jetzt ehrlich gesagt total abstrakt, also mach ich's lieber konkret, und erzähle Euch von meiner ganz persönlichen Kollapsutopie.
Wichtiger Hinweis: die wird sich von Euren Kollapsutopien unterscheiden. Wie genau wir uns den Kollaps und unsere Rolle darin vorstellen, ist eine total persönliche Sache, genau wie das mit den Ängsten – ich habe riesige Angst vor dem Verschwinden meiner HIV-Medis, die meisten von Euch wohl nicht, also ergeben sich andere Pläne und Strategien, which makes total sense. Meine Kollapsutopie geht von mir aus, von meinen Ängsten, meinen Bedürfnissen, meinen Fähigkeiten, weshalb sie möglicherweise auch nur mich motivieren wird – but that's fine, weil sie ja genau das tun soll: mich motivieren, mir das weitergehen ermöglichen. Ich lade Euch also gar nicht unbedingt ein, meine Kollapsutopie zu Eurer zu machen, die ist schon ziemlich nischig. Natürlich freu ich mich, wenn sie Euch inspiriert, aber eigentlich möchte ich Euch durch's Erzählen dieser letzten kleinen Geschichte dazu einladen, Eure eigenen Kollapsutopien zu formulieren. In meiner Erzählung tauchen Nazis auf und kommunistische Queers, sexpositive Parties in dunklen Berliner Kellern, Prügeleien oder Schießereien mit faschistischen Kampftruppen. Meine eigene Privatutopie entspringt also sehr genau meiner eigenen Vorstellungswelt, und als mich jemand mal fragte, ob ich nicht eine weniger „private“ Utopie, eine potenziell für Alle formulieren könnte, zum Beispiel eine, in der auch Kinder vorkämen, war meine Antwort: nope, meine Utopien handeln vom Kämpfen und vom Knutschen, da passen Kinder überhaupt nicht rein. Wenn Ihr Kinder in Euren Utopien haben wollt: dann baut sie da ein. Darum geht’s in der Kollapsbewegung. Selber machen. Weil erstens Eure Utopie für Euch da ist, sie soll Euch beim weitergehen helfen: das ist viel, viel effizienter, wenn Ihr es selbst macht. Und zweitens, weil die „Kollapsutopie“, die Ihr formuliert, immer auch eine Antwort auf die Frage sein wird, die diese Suchbewegung auch ein bisschen antreibt: wer will, wer werde ich im Kollaps sein – und ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung, wie das bei Euch konkret aussieht. Und wenn wir dann erstmal Alle so ne Utopie vor uns haben, einen Weg, auf dem wir weitergehen können, dann wäre es spannend, die zueinander ins Verhältnis zu setzen, zum Beispiel im Rahmen einer solidarischen Kollapsbewegung.
My own private collapse utopia
Aber noch sind wir nicht da, noch muss recht viel weitergegangen werden, durch zunehmend umkämpftes Terrain, das immer schwieriger zu navigieren wird. Als ich mir dieses neuen Terrain zum ersten Mal bewusst wurde, verzweifelte ich, weil ich keinen Weg durch das Dickicht fand, das sich vor mir auftürmte. Und warum sollte ich mich überhaupt durch den ganzen Schmodder hindurchkämpfen, wenn am Ende ohnehin die Niederlage der wahrscheinlichste Outcome ist, wenn die Gefahren so groß, die Gegenseite so stark ist? Why fight if we're most likely gonna lose?
Aber dann wurde mir klar, dass ich als Mensch nicht funktioniere, wenn ich nicht den Eindruck habe, strategisch nach vorne zu gehen, zu handeln. Einen Weg durchs Dickicht finden wurde also für mich zur Überlebensbedingungen – literally: ich hatte versucht, mich aus „der Politik“ und „dem Kampf“ zu verabschieden, und was ich in der Zeit war und getan habe... nunja. I've had better days – und im Dienste des eigenen Überlebens werden wir bekannterweise oft ziemlich kreativ.
Ich seh das mittlerweile so: wir sind zwar in einer schlechten strategischen Situation relativ zu der, in der wir uns noch vor 10, 20 Jahren befanden, aber Andere, andernorts waren in viel, in unvergleichbar schlechteren Situationen, und haben trotzdem gekämpft. Der Beispiele, die ich zitieren könnte, sind viele, und alle bringen ihre eigenen Gefahren mit sich: ob ich indigene Kämpfe in den Amerikas zitiere, die seit über 500 Jahren von Menschen aus Europa kollabiert werden, oder den Aufstand im Warschauer Ghetto, der ohne Erfolgswahrscheinlichkeit affirmatives, kämpfendes jüdisches Leben in einer Hölle ermöglichte, die designed war, jüdisches Leben zu zerstöre, ich würde immer Kämpfe und Situationen zitieren, die sich von unserer signifikant unterscheiden. Ich würde immer Gefahr laufen, aus meiner privilegierten Situation die falschen Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen Anderer zu ziehen.
Also versuch ich es mal ohne historische Vergleiche: die Agenda ist auch gar nicht so kompliziert: Egal, wie schlecht es wird, haben wir nicht das Recht, aufzugeben, und das heißt auch, dass wir nicht das Recht haben, wie die meisten von uns es noch tun, uns in komfortable Lügen zu flüchten, in einer dieser hopium-Stories, in denen China, Norwegen oder irgendwelche aufgeklärten Aliens uns noch vor uns selbst retten können. Egal, wie dramatisch sich die Situation hierzulande verschlechtert, es gilt die klassisch-queere Strategie des „aufstehen, Krone richten, weiterkämpfen...“.
Weiterkämpfen bis...? Bis wann und wohin? Meine Kollapsutopie beginnt, appropriately, in einer dystopischen Situation, was zuerst vielleicht merkwürdig klingt, aber im Kollaps funktional ist: wenn die Zukunft dystopisch wird, dann muss die Utopie, die mir erlaubt, in dieser Zukunft trotz allem immer „weiter zu gehen“ auch in einer Dystopie Sinn ergeben, egal, wie dunkel diese ist. Also sollten Kollapsutopien immer von einem „worst case Szenario“ ausgehen, und darin Inspirierendes verorten, eben etwas, das einen zum „Weitergehen“ motiviert.
In meinem Kopf sieht das so aus: der globale ökologische Kollaps hat innerhalb weniger Jahre dazu geführt, dass die Gewalt und Zerstörung und das gesellschaftliche Chaos, das wir sonst exportiert haben, auch in den reichen Externalisierungsgesellschaften des Nordens angekommen ist. Der Faschismus ist bewaffnet, in den meisten Ländern des „alten Westens“ kontrolliert er auch die Staatsapparate, und Deutschland ist mal wieder Weltmeister geworden, zum zweiten Mal halten wir den Pokal für „größte faschistische Arschlöcher aller Zeiten“ in unseren Händen, sind wie immer die Gröfaaz
Einige Städte hielten eine Zeitlang den Angriffen aus den eher ländlichen Regionen stand, aber eine nach der anderen fielen sie unter dem Ansturm der braunen Horden (wer hier Echos des Herrn der Ringe hört: sure. We're telling stories, aren't we?). Alle Städte? Nein, das von unbeugsamen Migrant*innen, Queers und Kommunist*innen bevölkerte Berlin war die letzte Stadt, die aushielt – bis vor ganz kurzem, als die Faschist*innen die Stadt umzingelten, uns von unseren Vorwärtsverteidigungspositionen (ehedem: „Speckgürtel“) und Nahrungsmittelproduktionsexklaven abschnitten, und mit der Unterstützung von Kollaborateur*innen im reichen Berliner Westen und im faschistischen Berliner Südosten begannen, in Richtung Berliner Ring vorzustoßen. Das mythische „Letzte Gefecht“, das kommunistische Ragnarök (except that we traditionally hoped we'd win – da waren die alten Vikinger realistischer, die wussten, die Guten würden am Ende verlieren) bahnt sich auf dem Tempelhofer Feld an, nicht, weil Städtekampf sich in offenen Feldschlachten ergießt, sondern, weil mein Kopf es da besser inszenieren kann.
Mich interessiert der letzte Kampf aber nicht: ich bin Teil der Pink Panthers Brigaden, deren Aufgabe es ist, in der sozioökologischen hellscape, zu der die Welt, auch die ehedem reichen Teile im Kollaps geworden sind, in der die braunen Horden fast ganz Europa übernommen haben, in der sich migrantisch gelesene Menschen, Linke, Queers, Menschen mit Behinderungen verstecken müssen, temporäre aber geschützte Räume für queeres Leben zu organisieren, im Notfall: zu erkämpfen. Wir wissen: die Niederlage kommt. Genau deswegen werfen wir alle unsere verbleibenden Ressourcen in unsere Kernmission, queeres Leben zu ermöglichen und zu verteidigen. Wir ziehen uns in die Katakomben der Stadt zurück, in die vielen Keller und Tunnel unter Berlin, die wir in jahrelanger vorausschauender Vorbereitungsarbeit ausgebaut und miteinander vernetzt haben.
Nachrichten gehen raus an unsere Verbündeten jenseits Berlins: die Großstädte der Welt sind gefallen, aber überall – erinnert Euch an Independence Day: die Aliens zerstören die Großstädte, die Menschen ziehen sich in Höhlen, Wüsten und Wälder zurück – leben noch radikale Queers, und überall wollen Menschen noch einmal eine letzte fett geile queere Party feiern, bevor es in die permanente Flucht geht, ins Lager, oder eben... wie drückte Rosa Luxemburg das mal aus? „Ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus.“i (Si apre in una nuova finestra)
Der letzte Kampf der Pink Panthers ist also nicht der (in dieser dunklen Utopie) aussichtslose Kampf auf dem Tempelhofer Feld, gegen die anrückenden Massen. Er ist der Kampf in den Katakomben für affirmatives queeres Leben, für queeres Leben, wie es sein sollte, frei, ekstatisch, gemeinsam, geil, solidarisch, liebevoll, sexy, euphorisch, menschlich... Die Party ist ein rauschendes Fest, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Darkroom und Dancefloor, überall wird geknutscht, gevögelt, gegessen, gesoffen, geweint, getanzt, gefesselt und gepeitscht, geliebt und gelacht...
Ich selbst bin nicht auf der Feier. Ich bin Teil der Panthers, unsere Aufgabe war es, die Party zu ermöglichen, jetzt ist es unsere Aufgabe, sie zu verteidigen. Ich höre die Musik, ich höre das Stöhnen und das Lachen. Ich bin nicht dabei, und trotzdem erfüllt mich dieser Moment total, denn ich weiß genau, was ich tue, warum ich hier stehe: an einem der Eingänge zu den Katakomben, wo ich jetzt schon die erste Vorhut der Faschos auf uns zukommen sehe. Ich weiß: lang wird die Party nicht mehr sein. Der Gegner ist schon da.
Aber ich weiß auch: je länger wir hier stehen, desto länger wird es noch queeres Leben geben. Also werfen wir alles in diesen letzten Moment, opfern uns tatsächlich auf. Für das was in den vergangenen Jahren zum Sinn unserer Leben geworden ist. Die Verteidigung queeren Lebens, das aktive, das offensive Erschaffen von Räumen, in denen queeres und feministisches und humanistisches und solidarisches und liebevolles und warmes... in denen menschliches Leben möglich ist, wie es sein soll. Die Art von Leben, das die Arschlöcher so irritiert, weil es eben so menschlich ist.
In meiner Kollapsutopie bin ich, sind wir in der Lage, diese letzte queere Party so lange gegen die anrückenden Faschos zu verteidigen, bis der letzte Sechzehnjährige auf dieser Welt den letzten schwulen Kuss mit dem letzten Achtzehnjährigen geküsst hat. Und so merkwürdig das klingen mag: das reicht mir als „meaning of life“, das reicht mir als Ziel für ein erfülltes Leben im Kollaps. Und wenn das nicht als Motivation ausreicht, sich den Raum der Katastrophe als strategischen Raum auszumalen, weiß ich auch nicht. Denn die Agenda ist klar, der Weg ist klar – wir müssen uns nur aufraffen, und anfangen, ihn zu gehen.
To be sure: wir können in der Katastrophe sehr, sehr viel mehr erreichen und erkämpfen, als nur einen schwulen Kuss irgendwo zu ermöglichen. Aber mein Punkt ist der: dieser Gedanke gibt Orientierung. Alles Gute, was wir erkämpfen können, ist wichtig, denn wenn wir es nicht erkämpfen, nicht erschaffen, wird es dieses Gute nicht geben, in einer Welt, die sonst immer schlechter wird.
Mit zunehmend erschöpften Grüßen,
Euer Tadzio