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schreiben gegen ohnmacht, februar 26 / write against, february 26

ein felsbrocken, auf dem leuchtend grünes moos wächst, rundherum liegt schnee  / a rock covered in bright green moss, the ground is covered in snow

(english below)

februar, der monat, in dem der winter noch einmal zuschlägt, bevor der frühling kommt. “die tage im kürzesten monat waren so lang wie ein nimmer endendes jahr”, bemerkt ida in katharina adlers roman.

wir schlittern über berlins zentimeterdick mit eis bedeckte gehwege, während in deutschland, einem der reichsten länder der welt, obdachlose menschen sterben, weil sie keine möglichkeit haben, der kälte zu entfliehen.

februar, der monat, in dem sich hanau jährt. diesen januar ist ibrahim akkuş gestorben, an den spätfolgen des anschlags, den er 2020 knapp überlebt hatte. interviews mit ihm machen die mangelnde solidarität mit den anschlagsopfern ebenso bewusst wie die abwertung behinderter und pflegebedürftiger menschen - die dieses land seit über hundert jahren verstärkt kultiviert, und die von politiker*innen momentan wieder massiv verbreitet wird. wenn menschen, die nicht mehr arbeiten können, schlechter oder gar nicht versorgt werden sollen, sind alle, die sich auf dem glatteis die hüfte brechen, mitgemeint. wenn ein kanzler vom “stadtbild” redet, wenn zeitungen das als debattenthema aufgreifen, als ginge es darum, ob vanille oder erdbeer die bessere eissorte sei, sind alle, die in hanau ermordet wurden oder den anschlag überlebt haben, mitgemeint. ihre angehörigen sind mitgemeint.

ich verspreche mir: ich werde mich nicht daran gewöhnen.

während ich schreibe, taut draußen das eis. ich gehe über das tempelhofer feld, auf der wiese ein priel aus schmelzwasser, den ich und andere spaziergänger*innen mit einem unsicheren lachen überspringen. auf dem rückweg innehalten, als sich ein riesiger schwarm tauben von einem hohen gebäude stürzt, eine mäandernde wolke. die sich aufschwingt, kreist, sich in verschiedene formen gießt. dann setzen sich die tiere wieder auf ihre mauervorsprünge, und der moment ist vorbei.

februar ist auch der monat, in dem der angriffskrieg auf die ukraine begann.

“und dann fallen mir die tage anfang märz des Jahres 2022 ein”, schreibt francesca melandri, “als in butscha das geschah, was geschah und wovon wir erst einen monat später erfuhren, und als sich an den grenzen zu polen und rumänien lange schlangen von frauen und kindern bildeten, die sich in Sicherheit bringen wollten, bevor die ganze ukraine zu einem einzigen großen butscha werden würde, was kein unwahrscheinliches szenario war; und dann fällt mir wieder ein, mit welcher verachtung ein berühmter italienischer historiker erklärte, dass seiner meinung nach die verantwortung für den russischen angriff bei der NATO liege, ja sogar bei der ukraine selbst, zusammen mit den USA seien sie die wahren verantwortlichen für den konflikt; und dass ihn nur das große geopolitische spiel interessiere, die wechselwirkung zwischen weltmächten und hegemonien, und ganz gewiss nicht, so der berühmte historiker weiter, die völlig unmaßgeblichen erfahrungen von einzelnen frauen, die mit ihren am rockzipfel hängenden kindern an der grenze stünden - von ‘irgendwelchen irynas’, wie er hinzufügte.”

melandri setzt die kriegserfahrungen ihres vaters im zweiten weltkrieg mit ihrer zeuginnenschaft der gegenwart in verbindung. sie schreibt von italien, aber ich kann ihre schilderung auf meine eigene erfahrungswelt als deutsche problemlos anwenden.

ich schlafe schlecht, sitze um fünf uhr morgens am schreibtisch. ich kann mich nicht auf die arbeit konzentrieren. schaue stattdessen eine arte-dokumentation über walt disney.

“er fühlte so viel, und er wollte, dass die menschen dasselbe fühlen wie er”, sagt eine filmhistorikerin in die kamera. erster gedanke: patriarchat in a nutshell.

jenseits der scharfen formulierung, dass ein einzelner weißer mann seine sicht der dinge einer ganzen welt aufdrücken möchte, ist der kunstTM wohl ein geltungsbedürfnis immer inhärent. malen, schreiben, theater, film, alles funktioniert nur bedingt ohne publikum, das mit dem geschaffenen interagiert. für sich selbst schreiben ist ein schöner anspruch, ob er sich erfüllen lässt, weiß ich nicht. wollen wir nicht immer auch gelesen werden?

“in many ways, writing is the act of saying i, of imposing oneself upon other people, of saying listen to me, see it my way, change your mind.” (joan didion)

in der küche ein silberfischchen aus der spüle retten. es fällt auf den boden, läuft dann weiter, als wäre es nicht gerade aus über einem meter höhe gestürzt. krone richten, weitermachen, denke ich.

walt disney, mit seinen fantastischen und damals einzigartigen visionen einerseits, seiner “familie” von angestellten, von denen er bedingunslose loyalität forderte (und bekam: zeichnerinnen berichten, dass viele bis zur völligen erschöpfung an disneys projekten arbeiteten) und seinem despotismus andererseits erinnert mich an myazaki. der filme erschaffen hat, die mich immer wieder und wieder berühren, der seit jahrzehnten umweltzerstörung und krieg ebenso thematisiert wie found family und die ambivalenz zwischenmenschlicher beziehungen. ich bewundere seine fantasie und bin bei jedem schauen neu hingerissen von seiner interpretation von sophie, von nausicaä oder san. zugleich ist er jemand, der seine mitarbeiterinnen vor laufender kamera schikaniert. dem nie etwas gut genug ist, und der seine unzufriedenheit und eitelkeit kultiviert wie erstrebenswerte eigenschaften.

im botanischen garten streife ich durch die gewächshäuser. nichts kann mich auf die art beruhigen, wie die pflanzen es vermögen. gleichzeitig ist der anblick tropischer blätter vor verschneiten wiesen absurd.

in tár legt die so erfolgreiche wie arrogante dirigentin ein verhalten an den tag, wie wir es von männern in ihrer position gewohnt sind: egozentrik, aggression, machtmissbrauch. das an einer frauenfigur zu sehen, war neu. “in the art houses, the concept of the ‘independent woman’ is being subjected to a little narrative passive aggression”, schreibt zadie smith in ihrem essay über den film. tár sei etwas völlig anderes: “she is something far more destabilizing and radical: a human being in crisis.” sie schreibt: “her self-love is malignant - catastrophic.”

im gegensatz zu zahlreichen männlichen “vorbildern” kann die dirigentin ihren destruktiven trip jedoch nicht lange durchziehen. sie verliert ihre karriere und ihre familie (kein mann, der ihr den rücken freihält, sondern eine partnerin, offenbar wäre die idee eines unterstützenden ehemanns innerhalb einer heterobeziehung immer noch zu radikal gewesen). es drängt sich die frage auf, warum die erzählung über eine kreative frau in machtposition in selbstzerstörung enden muss. wie könnte ihre krise erzählt werden, ohne die figur zu verlieren?

in diesem februar lädt der öffentlich rechtliche rundfunk eine verfassungsfeindliche partei ein, um zu diskutieren, ob wir us-amerikanischen faschismus nicht auch in deutschland brauchen. wir schreiben an die ard. spenden an vereine, die versuchen, die demokratie zu erhalten. wir gehen wieder demonstrieren. auf dem balkon schieben sich die ersten krokustriebe aus der erde.

walt disney stellte seinen megakonzern als ergebnis seiner persönlichen arbeit dar - doch ohne seinen bruder roy, der immer wieder das geld auftreiben, und ohne seine zeichner*innen, die zwölf, vierzehn oder noch mehr stunden durcharbeiten mussten, hätte er keinen einzigen seiner berühmten filme veröffentlicht.

disneys behauptung, privilegien ließen sich durch leistung verdienen (er erzählte das seinen mitarbeiter*innen 1941, unter anderem, um seine ablehnung von gewerkschaften zu begründen), fügt sich nahtlos ein in diese tage, im februar 2026, in einer deutschen großstadt. das gleiche märchen wird uns immer noch erzählt. arbeite hart, und du wirst es zu etwas bringen. wenn du einen unfall hast oder krank wirst, liegt das allein an dir, und dein wert als mitglied der gesellschaft ist zu recht erloschen.

“mich wundert, dass die menschheit sich nicht weiterentwickelt hat in all diesen jahrtausenden. wann verlassen wir endlich diese patriarchale linearität in der politik und im sein”, fragt karen, eine der stimmen in “frauenprobleme”. viele der in diesem band aufgezeichneten sprachnachrichten verhandeln den backlash, beschäftigen sich mit krieg und unsicherheit. wie werden menschen in einigen jahrzehnten auf diese zeit zurückblicken, frage ich mich. und werden wir bis dahin eine veränderung erwirkt haben? oder lassen wir uns einschüchtern?

was kleines tun:

wenn du mit der berichterstattung in den öffentlich rechtlichen nicht einverstanden bist: schreib ihnen. nutze ihre online-formulare. es kostet dich nichts.

literatur:

katharina adler: ida

„ich wünsche mir, dass menschen einander nicht töten“. taz, 16.01.26

https://taz.de/Hanau-Ueberlebender-stirbt-an-Spaetfolgen/!6146257/ (Si apre in una nuova finestra)

francesca melandri: kalte füße. übersetzt von esther hansen

joan didion: why i write

abrufbar unter https://lithub.com/joan-didion-why-i-write/ (Si apre in una nuova finestra)

zadie smith: the instrumentalist. on tár. in: dead and alive. essays

lina muzur (hg.): frauenprobleme. 33 neue nachrichten

film:

walt disney, der zauberer, regie: sarah colt, 2015

das wandelnde schloss, regie: hayao myazaki, 2004

nausicaä aus dem tal der winde, regie: hayao myazaki, 1984

prinzessin mononoke, regie: hayao myazaki, 1997

never-ending man: hayao miyazaki, regie: kaku arakawa, 2016

tár, regie todd field, 2022

february. the month when winter strikes one more time before spring will arrive. “the days of the shortest month were as long as a never ending year”, remarks ida in katharina adler’s novel. (translation by me).

we are slipping on berlin’s ice-encrusted sidewalks, while in germany, one of the richest countries in the world, homeless people are dying because they have no chance to escape the cold.

february, the month when a far-right terrorist murdered nine people in hanau. last month, january 2026, ibrahim akkuş died as a result of the attack which he had narrowly survived in 2020. his statements in interviews make us realise the victims’ struggle for solidarity as well as our society’s contempt for disabled or care-dependent people - a contempt upheld in this country for over a hundred years and being keenly pushed by politicians right now. when people who are unable to work are to be provided for less and less or not at all, this includes everyone breaking a hip on the glaze. when a chancellor talks about “cityscape”, when newspapers pick it up as if they were discussing which ice cream flavour is the most preferable, they include everyone killed in hanau, everyone who survived the attack, and their loved ones.

i promise myself that i will not get used to this.

while i write, outdoors the ice is thawing. i cross the tempelhofer field, meltwater building tideways in the meadow. i and other walkers jump over it with an insecure laugh. on my way back i stop to watch a giant flock of pigeons throwing themselves from a high building. a meandering cloud, rising, circling, pouring into multiple forms. then the birds settle on the ledges again, the moment is gone.

february is also the month when the russian invasion of ukraine started.

“then i remember the days in early march 2022”, francesca melandri writes, “when what happened in butcha did happen und what we learnt of only a month later, when at the borders to poland and romania long queues of women and children started to form, who wanted to get into safety before ukraine as a whole would turn into one big butscha, which wasn’t an unlikely scenario at all; and then i remember how a famous italian historian scornfully declared that in his opinion, the NATO bore the blame for the russian attack, indeed even ukraine itself, that they along with the USA were truly responsible for the conflict, and that he personally was only interested in the big geopolitical game, the interplay between world powers and hegemonies, and surely not, the famous historian continued, in the irrelevant experience of some individual women who stood at the borders with children tied to their apron strings - ‘some irynas’, he added.” (translation by me from the german edition)

melandri relates her father’s experience during world war II to herself witnessing the present. she writes about italy, but i am easily able to apply her account to my german experience.

i cannot sleep, i’m sitting at my desk at 5 am. unable to focus on my work, i watch a documentary about walt disney instead.

“he is feeling so much inside, and he wants people to feel the same inside”, a film historian states into the camera. first thought: patriarchy in a nutshell.

but beyond the harsh phrasing that a single white man likes to force his opinion on the whole world, artTM itself always seems to hold a craving for attention. painting, writing, theater, film, all of this will hardly function without an audience who interacts with the work. the claim to write solely for oneself is a nice one, but i am not sure if it can be true. don’t we always long for a reader, too?

“in many ways, writing is the act of saying i, of imposing oneself upon other people, of saying listen to me, see it my way, change your mind.” (joan didion)

rescuing a silverfish out of the kitchen sink. it drops onto the floor and walks away despite just having fallen down from great height. get up, move on, i think watching it.

walt disney, with his fantastic and in his time exceptional vision on the one hand, his “family” of workers of whom he demanded absolute loyalty (and he actually got it: drawers talk about many of them working until complete exhaustion) and his despotism on the other hand reminds me of myazaki. who created films that never cease to affect me, who since decades depicts destruction of the environment and war as well as found family and the conflicting and complicated nature of relationships. i am in awe of his imagination, entranced again and again by his version of sophie, by nausicaä or san. at the same time, he is someone who will humiliate his staff on camera. who is never satisfied, who cultivates his displeasure and vanity like desirable character traits.

i am strolling through the green houses in the botanical garden. the plants comfort me in a way nothing else ever can. at the same time, the sight of tropical leaves in front of snow covered meadows feels absurd.

in tár, the successful and arrogant conductor behaves in a way we are accustomed to by men in her position: egocentrism, aggression, abuse of power. to watch this in a female character was something new. “in the art houses, the concept of the ‘independent woman’ is being subjected to a little narrative passive aggression”, writes zadie smith in her essay about the film. tár is different: “she is something far more destabilizing and radical: a human being in crisis.” smith writes: “her self-love is malignant - catastrophic.”

unlike countless male “role models” the conductor cannot continue on her disastrous trip for long. she loses her career and her family (not a man, mind you, to cover her back, but a female spouse, it seems the idea of a supportive husband within a hetero relationship would have been too radical). question is, why must the tale of a creative woman in a position of power end in self destruction. how could her crisis be narrated without losing the character?

this february, german public broadcaster ard invites an anti-constitutional political party in order to discuss if we need US fascism in germany. we write mails to the ard. we donate to associations that try to keep up our democracy. we go protesting, again. on the balcony, the first crocus sprouts are pushing through the soil.

walt disney claimed that his mega company and success was his own personal achievement - but without his brother roy who again and again came up with the money, and without his workers, who would be forced to draw for twelve, fourteen or even more hours a day, he wouldn’t have been able to show a single one of his famous films.

disney’s statement that everyone can earn privileges by working hard (as he told his workers in 1941, to, among other reasons, justify his strong refusal of unions) fits seamlessly into these days in february 2026, in a german city. the same fairy tale is still fed to us today. work hard and you will make it. if you happen to have an accident or get sick, it’s your own fault and your worth as a member of our society is rightfully erased.

“i am amazed that humans haven’t evolved during all these thousands of years. when will we finally leave behind this patriarchal linearity in politics and in our existence”, karen aks. (translation by me) she is one of the voices in “frauenprobleme” (literally: womens’ problems).

many of the voice messages written down in this book deal with the backlash, with war and instability. how will people look back on our times in a few decades from now, i wonder. and will we have accomplished some change by then? or are we going to be intimidated?

tiny call to action:

if you don’t like the public broadcasters’ coverage, go and tell them. use their contact form. it costs you nothing.

books etc:

katharina adler: ida

„ich wünsche mir, dass menschen einander nicht töten“. taz, 16.01.26

https://taz.de/Hanau-Ueberlebender-stirbt-an-Spaetfolgen/!6146257/ (Si apre in una nuova finestra)

francesca melandri: piedi freddi. i’m quoting from the german edition translated by esther hansen

joan didion: why i write

read online https://lithub.com/joan-didion-why-i-write/ (Si apre in una nuova finestra)

zadie smith: the instrumentalist. on tár. in: dead and alive. essays

lina muzur (ed.): frauenprobleme. 33 neue nachrichten

film:

walt disney, der zauberer, directed by sarah colt, 2015

howl’s moving castle, directed by hayao myazaki, 2004

nausicaä from the valley of the winds, directed by hayao myazaki, 1984

princess mononoke, directed by hayao myazaki, 1997

never-ending man: hayao miyazaki, directed by kaku arakawa, 2016

tár, directed by todd field, 2022

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