Gofigramm

Am vergangenen Samstag habe ich etwas getan, wofür ich mir schon lange nicht mehr die Zeit genommen habe: Ich bin wandern gegangen.
Ich habe den Vorteil, direkt am Stadtrand zu leben. Also habe ich mir nach dem Frühstück die passenden Klamotten angezogen und bin losgelaufen, rein in den nebligen, nassen Wald. Die Hauptwege kann ich inzwischen im Dunkeln gehen, ich weiß genau, wo sie verlaufen. Interessanter ist es mit den Pfaden. Der Wald verändert sich ständig. Er ist ein lebendiger Organismus und bleibt niemals gleich. Da muss man manchmal ein wenig suchen, bevor man eine bekannte Stelle wiederentdeckt.

Meine Runde hat mich etwa 15 Kilometer im Kreis geführt, vorbei an Orten und Plätzen, die sich atmosphärisch total voneinander unterscheiden und je eine ganz eigene Schönheit besitzen. Was ich an der Landschaft, in der wir leben, besonders liebe, sind die langgezogenen Höhen, die wie Wellen beinahe parallel zueinander verlaufen und durch Täler voneinander getrennt sind. Auf diesen Höhen kann man entlangwandern mit wunderschönen Panoramablicken.

Hier habe ich die alte Buche getroffen. Sie ist natürlich die ganze Zeit dort gewesen, ich vermute, seit etwa dreihundert Jahren. Ihr mächtiger und knotiger Stamm teilt sich in drei Metern Höhe in zwei immer noch ziemlich imposante Stämme auf.
Ich blieb stehen und betrachtete sie genauer. Der Wind hatte die feinen Tropfen des Nebels gegen den Stamm geweht, sodass er weiter oben glänzte, als wäre er glasiert. Aber als ich unten meine Hand auf die Rinde legte, war sie rau. Um sie herum verstreut lagen dicke Äste auf dem Boden. In den Stürmen und dem Schnee der vergangenen Jahrzehnte muss sie sie abgeworfen haben. Oben im Geäst konnte ich noch die alten Bruchstellen erkennen, an denen das Holz dunkel geworden war. Aber die Wunden waren noch immer sichtbar.
Ich sagte ihr, wie schön ich sie finde, und wünschte ihr noch ein langes Leben. Dann fiel mir ein, dass dieser Baum sehr wahrscheinlich noch immer dort stehen wird, wenn ich schon lange von der Erdoberfläche verschwunden sein werde. So, wie er dort bereits gestanden hat, als weder ich noch meine Eltern noch meine Großeltern geboren worden waren. Vielleicht sogar noch länger.
Wie würde sie mich wohl sehen, wenn sie Bewusstsein hätte? Möglicherweise gar nicht, weil meine Bewegungen zu schnell für sie wären. Aber was würde sie denken, wenn sie mich doch wahrnehmen könnte? Vielleicht: Schon wieder einer dieser räuberischen, kleinen Parasiten. Schon wieder eines dieser kleinen Tiere, die alles fressen und zerstören, was ihnen in die Finger gerät. Während ich mich mit ihr unterhielt, waren in ein paar Kilometern Entfernung die Motorsägen zu hören.
Als ich weiterging, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Vielleicht will sie mir noch etwas sagen, dachte ich, und kehrte noch einmal um. Aber es war nur das Brummen irgendeines Motors in der Ferne.

Gestern Abend habe ich beim openSPACE online mit Freund*innen über das Fremdsein nachgedacht. Wie fühlt es sich an, in der Fremde zu sein? Und wie ist es, wenn man sich im bekannten Umfeld fremdfühlt? Nach der Begegnung mit dem Baum denke ich: Wenn ich bei aller Nähe zu den Dingen um mich herum nicht immer auch eine gewisse Fremdheit spüre, schaue ich nicht genau hin. Andererseits sind wir, der Baum und ich, aus demselben Stoff. Irgendwann werden wir beide Erde sein. So fremd können wir einander also nicht sein.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
Danke für Dein Interesse! Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Lyrik
Ich habe aus Neugierde einen meiner Texte vom Google-Übersetzer auf Englisch übersetzen lassen. Das Ergebnis gefällt mir ziemlich gut. Möglich, dass ich diesen Text am morgigen Dienstagabend bei der nächsten Aufnahme von POP KUNST SEELE vorlese. Dieses Mal wird die Dichterin Kacy Garvey aus Jamaika zu Gast sein. Und Du kannst live dabei zuschauen, wenn Du möchtest. Hinweise folgen unten.

In the Ivory Tower
There must be some kind of way outta here
says the fool to the thief
and laughs.
He looks like Bob Dylan
and sounds like Leonard Cohen.
There is none
says the thief.
He covers one nostril
bends forward
and spits on the floor of the dungeon
where they've been imprisoned for years
together with poets
musicians
dancers
painters
singers
dancers
musicians
artists
and poets
cis men, the lot of them.
Not a single woman is among them.
This drives them crazy,
because they're all heterosexual
and long for
a tender touch.
The fool releases himself
from the thief's arms
and slowly stands up.
Soon the guard will come
and drive them back to the cells
each one on their own.
There they will go about their work.
The singers will sing,
the poets will compose,
the dancers dance,
the painters paint,
only the thief will, like every day,
squat in front of the noose
that he has woven from cobwebs over the years
and ask himself
whether he has the guts today
to finally hang himself,
because who is a thief supposed to steal from
when he's sitting in solitary confinement?
The other artists have it good.
They steal each other's ideas
and then work in their solitude
to make it look as if they were their own.
The gate bursts open.
The guards are there.
They squeeze past each other
into the interior of the tower courtyard.
Their chitinous shells rustle and crackle.
Their long antennae feel their way ahead
into the narrow curve
and brush the panicked faces
of the inmates.
Their reddish compound eyes shimmer
in rainbow colors like soap bubbles,
while their front legs with their
small claws scrape across the bony plates.
They all look like William S. Burroughs.
But only when they stand close together.
There must be some kind of way outta here,
the fool says again to the thief.
Don't think I have it better than you.
I need someone
to tell my jokes to.
If I have to laugh at my own jokes just once more
I'll die.
Don't be like that,
says the thief.
People do this every day.
It can't be that bad.
I won't accept this anymore, says the fool.
His white makeup has been flaking off for years.
Only a residue remains behind his right ear.
He takes off his dirty fool's cap,
and stuffs it so far down his throat
that he chokes on it.
The insect-like guards pounce on him
and leave nothing of his corpse.
For them, this day has already been worthwhile.
It's a hard life in the ivory tower,
thinks the poet,
a truly hard life.
And really, one shouldn't even call it
a life.
More like dying.
A slow, crawling
waste away.
That's what it really is.
A creeping death disguised
as life.
That's the real achievement of these idiots,
the thief thinks,
that they manage to sell their painful demise
as the truly great thing,
as the one thing that everyone should experience
at least once.
And the crazy thing is,
he tells himself,
the crazy thing is
that they're successful at it,
that there are actually people who believe them,
who admire them,
who seek their company,
as if they knew something that others don't.
But they only know one thing,
the thief tells himself,
namely how to make everyone think their shit is gold.
These are the real con men,
he thinks,
I have absolutely no business
being among them.
I'm just ripping off a few idiots
who don't take enough care of their belongings.
But these ones, he thinks, they're really big.
They really screw over everyone and everything,
especially the beautiful, rich, and powerful.
That is, the ones I will
never in my life get close to.
And then he admires them
in the end,
the thief,
while the insect-like guards
drive them back into the cells,
making a purring noise
of which he knows the human equivalent
would be a smacking of the tongue or
a growling stomach.
And when he is finally pushed into his cell
and the door closes behind him
he finally overcomes himself,
not out of desperation,
but because
respect for these con artists
simply demands it.
He slips the noose
over his head and
the threads feel soft as silk,
and he hangs himself from the bars
of the window.
And so the fool was right after all.
There is always some way out.
News
Sei live bei POP KUNST SEELE dabei

Am Dienstag, dem 1. Dezember, ist die jamaikanische Dichterin Kacy Garvey zu Gast bei POP KUNST SEELE. Sie wird sich aus Jamaika zu uns dazuschalten zu einem ganz besonderen, internationalen POETRY TALK. Marco Michalzik und ich werden die Gastgeber sein. Kacy spricht kein Deutsch, deshalb werden wir unser Gespräch auf Englisch führen. Wir werden Texte vorlesen und Kacy wird von ihrer spannenden Arbeit als Autorin und Netzwerkerin im karibischen Raum erzählen. Wenn Dich die englische Sprache nicht stört, kannst Du live dabeisein und uns zuschauen. (Du wirst nicht zu sehen sein und Dich auch nicht am Gespräch beteiligen können.) Folge diesem Link:
https://riverside.fm/studio/pop-art-soul (Si apre in una nuova finestra)Um 20 Uhr geht es los.
Feiere meinen Geburtstag mit HOSSA TALK und mir
Am 9. Dezember werde ich 55. Das möchte ich feiern, und zwar gemeinsam mit Dir und Hossa Talk. Wir treffen uns am Dienstag, dem 9., abends um 20 Uhr online und nehmen eine Geburtstags-Jahresrückblick-Hossa-Talk-Folge auf. Wenn Du teilnimmst, wirst Du Dich beteiligen können. Den Link verrate ich Dir in der nächsten Ausgabe des GOFIZINEs.
Vielleicht ein schönes Weihnachtsgeschenk?
Begleite Judith Seibold von CHAVAJA und mich auf eine Reise nach Griechenland vom 17.-24.5.2026

Shaul von Tarsos war radikal. Was er anpackte, das erledigte er zu 150%. Und dabei konnte er rücksichtslos sein – gegen sich selbst und auch andere.
Aufgewachsen als Bürger zweier Kulturen, der hellenistischen und der jüdischen, fließend zweisprachig (Griechisch und Aramäisch), war er in einer multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt zu Hause. Als Handwerker, jüdischer Theologe und Mystiker. Mit einem großen Ziel: Er wollte die Welt mit seiner Botschaft erobern.
Unter seinem Künstlernamen Paulus (der Kleine) ging er die große Aufgabe an. Wo er auftauchte, spaltete er die Geister. Während die einen ihn liebten und verehrten, war er für die anderen ein rotes Tuch. So erreichte er Europa. Und Europa empfing ihn mit Stockhieben und Gefängnis. Doch einen radikalen Aktivisten wie Paulus stachelte das nur an. Er machte weiter und legte eine Spur, der wir noch heute folgen können.
Komm mit uns dorthin, wo für das Christentum in Europa alles begann: nach Griechenland. Wir besuchen die Orte, an denen Paulus wirkte, an denen er Zuspruch und Widerstand erlebte, an denen er Dinge sagte und tat, die die Leben von Menschen und den Lauf der Geschichte veränderten. Wir versuchen herauszufinden, was ihn antrieb, was ihn für manche so unwiderstehlich machte und welche Bedeutung sein Werk bis heute für uns hat.
Ich bin schon seit vielen Jahren von Saulus aus Tarsos fasziniert. Für mich gibt es fließende Übergänge zwischen den Propheten und Aposteln der Antike und unserem heutigen Verständnis von Künstlern.
Als Guide konnten wir den griechenlanderfahrenen Dany Walter aus Israel gewinnen, der uns den jüdischen Paulus näher bringen wird.
Einen Einblick in Programm erhaltet Ihr hier: Programm_Die_Griechenlandreise (Si apre in una nuova finestra)
Mehr Informationen zu Chavaja – Bildungs- und Begegnungsreisen erfahrt Ihr hier: https://www.chavaja.de/ (Si apre in una nuova finestra)
Danke für Dein Interesse! Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, kannst Du das zum Beispiel hier.