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Die Verschwörung frisst ihre Kinder

Seit Wochen setzt ein Thema US-Präsidenten Donald Trump unter Druck wie kein anderes: Der Fall Jeffrey Epstein (Si apre in una nuova finestra). Man kann, komplett ohne konspirative Untertöne, sagen: Das ist kein Zufall. Der Fall Epstein bietet nämlich alles, was eine einflussreiche Erzählung braucht, um Menschen zu bewegen, und sie wurde vom MAGA-Lager, und Trump selbst, immer und immer wieder kreativ aufgekocht; Tatsachen vermischen sich mit Verschwörungserzählungen, Wahrheit wird immer weiter verdreht durch Fiktion. Nun scheint es, dass Trump sich an seinem eigenen verschwörungstheoretischen Süppchen verbrennt.

Die America-First-Revolution frisst ihre Kinder (Si apre in una nuova finestra). Besonders schwer haben es dieser Tage jene Trump-Loyalisten, die auf sein Wahlkampfversprechen, die Akte Epstein vollständig zu veröffentlichen, hereingefallen sind. Einige von ihnen vollziehen momentan eine geradezu lächerlich-lustige Wende. Sie tun jetzt, während der US-Präsident wegen seiner Verstrickungen in den Epstein-Skandal immer weiter unter Druck gerät, so, als sei die ganze Epstein-Sache Schnee von gestern, komplett irrelevant und hätte sie sowieso nie wirklich interessiert. Blöd nur, wenn man zuvor nachweislich das genaue Gegenteil gepostet hat:

(Si apre in una nuova finestra)

Dass der Fall Epstein auch Nicht-Verschwörungstheoretiker emotionalisiert, liegt auf der Hand. Ein reicher Milliardär, der sich in den höchsten Kreisen der Machtelite bewegt und mithilfe einer devoten Komplizin (Si apre in una nuova finestra) Mädchen und junge Frauen erst manipuliert und dann missbraucht (und damit jahrelang durchkommt), bis er schließlich verhaftet wird und unter ungeklärten Details im Gefängnis stirbt – allein der faktisch belegte Teil des Epstein-Falles liest sich wie ein gruseliges Hollywood-Drehbuch. Zugegebenermaßen ein Drehbuch mit Glaubwürdigkeitsproblemen, wenn es uns weismachen will, ein manipulativer Missbrauchstäter bewege sich über Jahre unerkannt in der High Society neben Ex-Präsidenten, Tech-Milliardären wie Bill Gates (Si apre in una nuova finestra), Donald Trump usw. ohne jemals als Straftäter aufzufallen. Nicht wenige von uns würden dieser Storyline im Film mit Skepsis begegnen und sie für unglaubwürdig halten, oder zumindest sehr unwahrscheinlich (und Wahrscheinlichkeit spielt in der Poetik seit der griechischen Antike eine tragende Rolle; das Mögliche und Plausible wird schon ausführlich von Aristoteles thematisiert (Si apre in una nuova finestra)). Hier zeigt sich der Unterschied zwischen faktischer Wirklichkeit und Drehbuch insofern, als dass in der Realität auch unwahrscheinliche Schurken mitunter lange mit ihren Machenschaften durchkommen. Die Geschichte von Harvey Weinstein (Si apre in una nuova finestra) z.B. ist, nüchtern und als Plot betrachtet, auf ähnliche Weise vermeintlich unglaubwürdig: Dass ein anerkannter Hollywood-Produzent, der von Pulp Fiction (1994) über Shakespeare in Love (1998) und Herr der Ringe (2001-2003) bis hin zu Paddington (2014) und The Hateful 8 (2015) gefühlt jeden zweiten Kinoerfolg mitproduziert hat, in Wahrheit ein serieller Seriensexualstraftäter gewesen ist, ist zwar bittere Realität – als Drehbuch erschiene es uns jedoch over the top, unglaubwürdig. Es ist wohl manchmal wirklich so: Die Wirklichkeit schreibt die gruseligsten Drehbücher, Superschurken inklusive.

Aber zurück zum eigentlichen Thema.

Trumps vielfach belegte, kumpelhaft-freundschaftliche Beziehung (Si apre in una nuova finestra) zu Jeffrey Epstein sorgt derzeit für so viel Wirbel, dass seine Anhänger eine atemberaubende mentale Gymnastik unternehmen müssen, um die Überzeugungen, die sie gestern oder vorgestern erst hatten („Jeffrey Epstein ist das Böse in Person und wer mit ihm zu tun hatte, ist zweifellos ebenso ein übelster Verbrecher und ein Vertreter des Deep State (Si apre in una nuova finestra)”), loszuwerden oder auf andere Weise zu relativieren, um ihre jetzigen Überzeugungen zu retten („Trump ist nach wie vor ein toller Präsident und soll es bitte bleiben”). Beispiel hierfür sind die vielen, vielen Stimmen, die Trumps Beteiligung an der Causa Epstein kleinreden:

Aus psychologischer Sicht ist dies interessant, weil es uns einiges über politischen Tribalismus (Si apre in una nuova finestra) und die Psychologie von Verschwörungserzählungen (Si apre in una nuova finestra) verrät. Politischer Tribalismus bezeichnet die Tendenz, „politische Stammeszugehörigkeit” über alles andere zu stellen, auch über die eigenen Überzeugungen – in der Extremform wird so bspw. die MAGA-Bewegung (oder meinetwegen auch die CDU oder die Mitgliedschaft in der Partei Sahra Wagenknechts) mehr als nur Ausdruck politischer Überzeugungen und geht über in einen kernrelevanten Teil der eigenen Identität. Von einer politischen Bewegung, die man betreten oder auch verlassen kann, wird die politische Weltanschauung auf diese Weise zur politischen Heimat, die man nicht einfach so ablegen kann oder will (nicht zu Unrecht vergleicht man die Republikaner unter Trump seit Jahren mit einer Sekte (Si apre in una nuova finestra)).

Ein wesentlicher Teil der trumpistischen Kernidentität sind wiederum: Verschwörungserzählungen (Si apre in una nuova finestra). Zum Beispiel die vielfach widerlegte Idee, alle Wahlen, die man selbst nicht gewinnt, seien durch Wahlbetrug gewonnen (Si apre in una nuova finestra) worden (wobei die demokratische Gegenseite, aus bisher unbekannten Gründen, dann doch manchmal aufhört zu betrügen und Trump einfach gewinnen lässt (Si apre in una nuova finestra)); ebenso die absurde Vorstellung, Trump sei selbst nicht Teil einer Machtelite (hallo, Epsteinzirkel), sondern ein Mann des Volkes, der von außen das Establishment aufmische (“drain the swamp” (Si apre in una nuova finestra)); oder eben die Vorstellung, Jeffrey Epstein sei nur die Spitze des Eisbergs und stehe nur stellvertretend für ein größeres Netzwerk, das die Wahrheit über die wahren Ausmaße moralischer Verdorbenheit und der sexuellen Verbrechen der Polit-Elite vertusche (so lange, bis Trump endlich „aufräume”).

Jetzt, wo sich herausstellt, dass Trump nichts aufräumt außer vielleicht seine eigene Beteiligung, stehen die Anhänger jener Verschwörungsüberzeugungen unter Druck. Ihre Wahl: Sich lossagen von zuvor als relevant empfundenen Überzeugungen oder schlichtweg neue Überzeugungen vertreten, selbst im offenen Widerspruch zu vorher Gedachtem und Gesagtem.

Wie kann das sein? Vermeiden wir Menschen nicht Widersprüche, so gut es geht? Wer gleichzeitig an eine üble Epstein-Machtelite glaubt, die es auf jeden Fall zu bekämpfen gelte, kann doch nicht gleichzeitig achselzuckend dastehen, wenn sich herausstellt, dass der geliebte Donald Trump ganz zentraler Teil dieser Epstein-Machtelite ist! Oder doch?

Die psychologische Forschung – jetzt geht es, wie oben versprochen, endlich etwas mehr um die Psychologie von Verschwörungserzählungen – hat nämlich herausgefunden, dass Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, mitunter eine geradezu erstaunliche Widerspruchstoleranz aufweisen. In ihrem Paper „Dead and Alive: Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories” (Si apre in una nuova finestra) (2012) zeigen die Psychologen Wood, Sutton und Douglas: In den Köpfen von Verschwörungstheoretikern finden teils sehr widersprüchliche Verschwörungserzählungen mühelos gleichzeitig Platz:

The present research shows that even mutually incompatible conspiracy theories are positively correlated in endorsement. In Study 1 (n = 137), the more participants believed that Princess Diana faked her own death, the more they believed that she was murdered. In Study 2 (n = 102), the more participants believed that Osama Bin Laden was already dead when U.S. special forces raided his compound in Pakistan, the more they believed he is still alive.

Jene also, die glaubten, Prinzessin Diana sei in Wahrheit ermordet worden, glaubten gleichzeitig, sie habe ihren Tod nur vorgetäuscht und lebe in Wahrheit weiter (z.B. auf einer geheimen Insel). Wer glaubt, Osama Bin Laden sei beim Zugriff der Spezialkräfte bereits tot gewesen, glaubt tendenziell auch, er habe den Zugriff überlebt.

Ähnliches Widerspruchsdenken beobachten wir jetzt im Fall Trump-Epstein. Jene, die jahrelang nach Veröffentlichung der Epstein-Akten riefen und jeden, der auch nur entfernt mit dem Sexualstraftäter zu tun hatte, für den Teufel persönlich hielten, finden es plötzlich halb so wild, dass Donald Trump ein guter Freund Epsteins war, ihm offenbar obszöne Geburtstagsgrüße schrieb und malte (Si apre in una nuova finestra), und es innerhalb der Trump-Regierung kein Geheimnis ist, dass Trumps Name sehr wohl in den Epstein-Akten steht:

https://www.spiegel.de/ausland/jeffrey-epstein-pam-bondi-informierte-donald-trump-dass-sein-name-in-den-akten-steht-a-82ac1bc1-f24c-4297-a764-e7609bbe5c02 (Si apre in una nuova finestra)

Das Bedürfnis, als Teil des politischen „Stammes” der MAGA-Bewegung gegen die Demokraten zu sein, gegen Einwanderung und gegen eine progressiv-weltoffene, multikulturelle Gesellschaft ist nicht wenigen Trump-Wählern schlichtweg wichtiger als die logische Widerspruchsfreiheit ihrer Überzeugungen. Lieber Trump mit Widerspruch als eine widerspruchsfreiere Weltsicht, aber dafür ohne Trump.

„Die Verschwörung frisst ihre Kinder” heißt allerdings auch, dass nicht alle von Trumps Wählerinnen und Wählern, von seinen Anhängern und Influencern diesen Weg mitgehen; längst nicht alle sind bereit, Trumps selbst für die Loyalsten immer sichtbarere Beteiligung am Epstein-Skandal kleinzureden, zu relativieren, sie egal oder gar gut zu finden. Der Druck auf Trumps Regierung, einen Ausweg aus der Causa Epstein zu finden, ist immens:

(Si apre in una nuova finestra)

Quelle: Reuters (Si apre in una nuova finestra).

Ob Trump das gelingen wird, ist fraglich. Denn die über Jahre aufgebaute Verschwörungsmentalität seiner Anhänger bedeutet auch: Egal, was die Trump-Regierung in der Sache-Epstein veröffentlichen wird – den Verschwörungstheoretikern wird es nicht reichen. Wer eine konspirative Weltsicht hat, zieht nämlich eine „gefühlte Wahrheit” der faktischen, belegten Wirklichkeit stets vor. Dies zeigt sich auch angesichts der Tatsache, dass knapp die Hälfte der republikanischen Wähler selbst dann weiter Trump wählen würden, wenn Trumps Beteiligung im Falle Epstein noch offizieller nachgewiesen werden sollte:

(Si apre in una nuova finestra)

Selbst, wenn die Trump-Regierung in bester Salami-Taktik immer weiter Epstein-Details an die Öffentlichkeit kommuniziert: Trump kann nichts veröffentlichen, das echte Verschwörungstheoretiker zufriedenstellt. Wer konspirativ denkt – und dieses Denken auch gerade durch und mit Trump über Jahre hinweg eingeübt hat –, wird immer denken: Die Wahrheit liegt im Dunkeln. Man verheimlicht uns etwas. Prinzessin Diana lebt – und ist gleichzeitig tot.

(Si apre in una nuova finestra)

© Jesse Duquette (Si apre in una nuova finestra)

PS: Für alle, die die Themen Verschwörungsdenken und Wahrheitsprobleme weiter interessieren, gibt es mein Buch zum Thema:

https://www.reclam.de/produktdetail/wahrheit-und-verschwoerung-9783150206263 (Si apre in una nuova finestra)

PPS: Einen guten Artikel hierzu gab es neulich auch auf ZEIT:

https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-07/fall-jeffrey-epstein-donald-trump-verschwoerungstheorie-5vor8 (Si apre in una nuova finestra)

PPPS: Ich selbst habe schon vor genau sechs Jahren (!), kurz nach dem Todesfall, über Epstein-Verschwörungserzählungen in der ZEIT geschrieben:

https://www.zeit.de/kultur/2019-08/verschwoerungstheorien-jeffrey-eppstein-suizid-fake-news-glaubwuerdigkeit/komplettansicht (Si apre in una nuova finestra)

PPPPS: Wie oft, sehr hörenswert: Brian Tyler Cohen (Si apre in una nuova finestra)!

https://open.spotify.com/episode/5tqUXK5nGIpEylCCDZkokl (Si apre in una nuova finestra)

5PS: Weihnachten ist zwar noch etwas hin, aber ich habe mit den Expert:innen von Veritas (Veritas - Die Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen (Si apre in una nuova finestra)) eine Podcastfolge zu Verschwörungserzählungen aufgenommen, die man durchaus das ganze Jahr lang hören kann (mit vielen Tipps):

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/338f5cf4-51c6-4c7d-92e3-d6eb7bda3e7e (Si apre in una nuova finestra)https://www.veritas-berlin.de/de/ (Si apre in una nuova finestra)

Update 6.8.25, 14:34: Zu guter Letzt eine Ergänzung meines geschätzten Autorenkollegen Michael Butter als Reaktion auf diesen Artikel:

(Si apre in una nuova finestra)

Bald erscheint übrigens Michael Butters neues Buch, das ich noch nicht kenne, aber – ich kenne seine anderen – bestimmt ebenfalls sehr lesenswert und informativ ist:

https://www.suhrkamp.de/buch/michael-butter-die-alarmierten-t-9783518029923 (Si apre in una nuova finestra)

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