
Generative KI in der Arbeitswelt
Liebe Leserin, lieber Leser,
als Führungskräfte in der Erwachsenenbildung berührt uns das Thema „KI in der Arbeitswelt“ gleich doppelt: nach innen – in unsere Organisationen, in denen wir Tempo, Richtung und Kultur der Transformation mitgestalten müssen. Und nach außen mit unserem Geschäftsmodell, nämlich als Bildungsanbieter Menschen dabei zu begleiten, sich in einer zunehmend KI-geprägten Lebens- und Arbeitswelt sicher, wirksam und selbstbestimmt zu bewegen.
Dabei bewegen wir uns auf einem Spielfeld, das sich während des Spiels verschiebt – Linien, Regeln, Rollen: alles in Bewegung. Manchmal sind wir nicht einmal sicher, ob wir wirklich alle dasselbe Spiel spielen. Und selbst wenn, spielen wir es in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zwischen „Wir testen gerade erste Tools“ und „KI ist längst Teil unserer Wertschöpfung“ liegen heute nicht Jahre, sondern oft nur Teams oder sogar einzelne Personen.
Darum der Versuch einer Standortbeschreibung. Für den Moment.
Was wissen wir aktuell über KI und Arbeitswelt und was folgt daraus für unsere beiden Rollen nach innen und außen?
Erstens: Wir reden oft über KI, meinen aber Verschiedenes.
Für viele ist die Unterscheidung zwischen „klassischer KI“ und „generativer KI“ immer noch unscharf. Das klingt nach einem Detail, ist aber in der Praxis teuer: Wenn wir beides in einen Topf werfen, entstehen Lösungen, die technisch nicht passen, Fehler produzieren oder Erwartungen wecken, die das System gar nicht erfüllen kann. Problematisch wird es dort, wo man nach großen technischen Lösungen sucht. Erwachsenenbildung ist selten dafür aufgestellt, dafür geeignete Partner zu identifizieren, geschweige denn bezahlen zu können. Der Markt der Ich-baue-Deinen-Firmen-Chatbot-Anbieter erinnert noch spürbar an Corona-Testzentren.
Zweitens: Schatten-KI bleibt ein Führungsthema
Viele Einrichtungen haben inzwischen professionelle Antworten gefunden: Sie nutzen leistungsstarke, digital souveräne und datenschutzkonforme KI-Systeme, mit der Freiheit, Anbieter zu wechseln, ohne die eigene IT jedes Mal neu aufzusetzen und dennoch preisgünstig.
Parallel gibt es aber weiterhin zwei riskante Gegenpole: Einrichtungen, die KI komplett ignorieren und solche, die auf selbstgebaute Inhouse-Lösungen setzen, die mit dem Tempo und der Leistungsfähigkeit aktueller Modelle nicht Schritt halten können. In beiden Fällen entsteht ein ähnlicher Effekt: Beschäftigte schaffen Fakten und greifen zu privaten Accounts. Das ist verständlich, aber heikel, weil mit den nationalen Umsetzungen des EU AI Acts sich zunehmend auch Verantwortlichkeiten und Haftungsfragen schärfen, die am Ende im Management landen können.
Drittens: Die größte Herausforderung ist nicht das Tool, es ist das Team.
Wir erleben drei Gruppen, oft gleichzeitig:
Menschen, die sich weigern, sich mit KI zu beschäftigen.
Menschen, die ein bisschen chatten und prompten können, sich aber nicht ausreichend mit den Basiskompetenzen beschäftigt haben
Poweruser, die längst weitergezogen sind
So wird KI zum „Einzelding“ statt zu einer Team-Leistung. Und genau das ist für uns als Führungskräfte wie auch als Bildungsanbieter der neuralgische Punkt: Transformation gelingt nicht über einzelne Leuchttürme, sondern nur gemeinsam und kompetent.
Viertens: Kompetenzmodelle hinken hinterher
Was vielerorts noch fehlt, sind relevante, arbeitsmarktscharf formulierte Kompetenzbeschreibungen, die über Buzzword-Tabellen hinausgehen. Wer Stellen mit KI-Fähigkeiten ausschreibt oder eigene Weiterbildungsangebote formulieren möchte, dem fehlt aktuell noch ein belastbares Raster, um Anforderungen und Lernziele zu operationalisieren.
Fünftens: Die Transformation endet nicht beim Chatbot.
Wer KI auf ein bisschen Prompting und Chatbots reduziert, verpasst das Wesentliche. Der nächste Sprung bleibt nicht im Chatfenster. Agentische Systeme, die Aufgabenketten selbstständig planen und ausführen, Vibe Coding sowie Embodied/physikalische KI, die in reale Umgebungen hineinwirkt, verschieben die Spielregeln noch einmal. Wer heute nur über „Chatbot-Einsatz“ spricht, riskiert, von Entwicklungen überholt zu werden.
KI verändert die Grundannahmen unserer Angebote. Wenn Vibe Coding Tabellen, Formeln und Auswertungen mit einem Satz erzeugt, was ist dann der Kern einer Excel-Schulung? Wenn der Babelfish praktisch schon im Ohr steckt, was ist dann der Kern von Fremdsprachenlernen?
Für Führungskräfte heißt das: nicht in Hektik verfallen, aber aktiv gestalten. AI-Literacy wird Pflichtprogramm, nicht Kür.
Sechstens: KI darf nicht zur Arbeitsverdichtung führen
Was derzeit vielerorts passiert, ist paradox: KI wird zwar eingeführt, aber nicht als neue Basis der Wertschöpfung gedacht, sondern „on top“ auf bestehende Prozesse gesetzt. Statt Aufgaben wirklich zu ersetzen, wird KI oft genutzt, um zusätzlich mehr Output zu erzeugen, d.h. mehr Varianten, mehr Geschwindigkeit, mehr Erwartungen. Das entlastet Menschen nicht, sondern verdichtet Arbeit und verhindert, am Ball bleiben zu können.
Wenn KI wirken soll, braucht es deshalb nicht nur Tool-Einführung, sondern konsequente Prozess- und Prioritätenarbeit: Was hören wir auf zu tun? Was vereinfachen wir radikal? Welche Qualitätsansprüche passen wir an? Entlastung entsteht nicht automatisch durch Technologie, sie entsteht durch Entscheidungen. Und diese Entscheidungen sind Führungsaufgabe.
Wir begleiten Sie dabei mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung.
David Röthler, Sonya Dase und Christiane Carstensen
von Milenu (Öffnet in neuem Fenster)und Dase & Carstensen (Öffnet in neuem Fenster)
Empfehlen (Öffnet in neuem Fenster) Sie uns gerne weiter …
Außerdem im Infobrief:
EU AI-Act wird konkret und durchsetzbar
Kein Urheberrecht auf KI-Logos
Claude erweitert Gratis-Funktionen
Podcast-Tipp: KI-Agenten mal anders
Termine rund um KI und Erwachsenenbildung im DACH-Raum
EU AI-Act wird konkret und durchsetzbar
Die deutsche Bundesregierung hat den Gesetzentwurf zur nationalen Durchführung der europäischen KI-Verordnung beschlossen. Damit werden die Vorgaben, die ab August 2026 gelten, in deutsches Verwaltungsrecht überführt – einschließlich klarer Zuständigkeiten, Verfahren und Sanktionsregelungen.
KI-Compliance entwickelt sich damit – ähnlich wie der Datenschutz – zu einem zentralen Thema der Corporate Governance. Die Verantwortung liegt nicht mehr ausschließlich bei KI-Teams oder Fachabteilungen, sondern ausdrücklich auch bei Vorstand und Geschäftsführung.
Verstöße gegen die KI-Verordnung können erhebliche Bußgelder nach sich ziehen. In bestimmten Konstellationen kann zudem eine persönliche Haftung des Managements in Betracht kommen. Mehr in der F.A.Z. (Öffnet in neuem Fenster)
Kein Urheberrecht auf KI-Logos
Ein deutsches Amtsgericht hat entschieden, dass Logos, die mit einem KI-Bildprogramm erstellt wurden, nicht automatisch urheberrechtlich geschützt sind.
In dem Fall hatte jemand drei Logos mit Hilfe einer KI erstellt und auf seiner Website genutzt. Eine andere Person kopierte diese Logos ohne Erlaubnis und verwendete sie ebenfalls auf ihrer eigenen Seite. Dagegen wollte der Ersteller rechtlich vorgehen und verlangte, dass die Logos entfernt und künftig nicht mehr genutzt werden.
Das Gericht lehnte das jedoch ab. Die Richter waren der Meinung, dass die Logos keinen ausreichenden eigenen kreativen Anteil hatten, um als geschützte Werke nach dem Urheberrecht zu gelten. the decoder (Öffnet in neuem Fenster)
Claude erweitert Gratis-Funktionen
Claude (Öffnet in neuem Fenster) , das derzeit als eine der besten Alternativen zu Chat GPT und Gemini gilt, stellt zentrale Premium-Funktionen künftig kostenlos zur Verfügung. Mit einem Gratis-Account lassen sich nun direkt im Chat PowerPoint-Präsentationen, Excel-Tabellen, Word-Dokumente und PDFs erstellen. Inhalte können damit nicht nur formuliert, sondern sofort als fertige Datei ausgegeben werden.
Neu in der kostenfreien Version sind zudem sogenannte Connectors. Sie ermöglichen die Verknüpfung mit Diensten wie Notion, Canva, Stripe oder Figma sowie Google Workspace-Anwendungen.
Auch Skills sind im kostenlosen Tarif enthalten. Dabei handelt es sich um gespeicherte Anweisungen, die wiederkehrende Aufgaben schneller und effizienter machen sollen. Zusätzlich sind längere Gespräche mit der KI sowie erweiterte Bild- und Sprachfunktionen möglich. Insgesamt wird das Gratisangebot damit deutlich umfangreicher.
Podcast-Tipp: KI-Agenten mal anders
Noch eine technische Erklärung zu KI-Agenten? Brauchen wir nicht. Was wir brauchen, ist eine gute Einordnung. Gerade wir als Erwachsenenbildner müssen nicht in erster Linie technisch denken, sondern von unserem Auftrag her: Orientierung geben, Zusammenhänge verstehen helfen und Entwicklungen in einen gesellschaftlichen Kontext stellen.
Die aktuelle Folge des Podcasts „Tech, KI & Schmetterlinge“ mit Sascha Lobo und Elisabeth L’Orange leistet genau das. Statt sich in Technikdetails zu verlieren, ordnet sie den rasanten Aufstieg von KI-Agenten ein, also von Systemen, die nicht mehr nur auf Eingaben reagieren, sondern eigenständig Aufgaben ausführen.
Besonders spannend ist der Blick auf die möglichen Folgen: KI-Agenten könnten die Macht großer Plattformen verschieben, indem sie als digitale Stellvertreter im Hintergrund agieren. Das verändert nicht nur technische Abläufe, sondern auch unsere Rolle im Netz – als Nutzende, Lernende und Gestaltende.
Für Bildungsanbieter ist das mehr als ein Randthema. Lobo und L’Orange feiern in der Folge die Notwendigkeit der Erwachsenenbildung und betonen, wie wichtig es ist, Digitale Grundbildung aktiv aufzugreifen. Wenn KI-Agenten künftig Informationssuche, Entscheidungen oder Transaktionen mitsteuern, brauchen Menschen Kompetenzen, um diese Systeme zu verstehen, kritisch einzuordnen und souverän zu nutzen.
Hier geht es zum Podcast. (Öffnet in neuem Fenster)
Terminübersicht zu KI und Erwachsenenbildung
Eine Terminübersicht zu Fortbildungen, Events und Tagungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund um KI, Erwachsenenbildung und Bildungsmanagement finden Sie hier. (Öffnet in neuem Fenster)
(Öffnet in neuem Fenster)Newsletter an- und abmelden
Am Ende jedes Newsletters finden Sie einen Link, mit dem Sie den Newsletter über unseren Dienstleister Steady (Öffnet in neuem Fenster) abbestellen können.
Wir freuen uns, wenn Sie unseren Infobrief (Öffnet in neuem Fenster) weiterempfehlen.
Sie erreichen uns als Redaktion unter info@51GradNord.ai.
51° Nord ist eine Gemeinschaftsredaktion von Milenu (Öffnet in neuem Fenster) und Dase & Carstensen (Öffnet in neuem Fenster).