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40 Jahre Diet Culture lösen sich nicht in Luft auf

Content Note: Im folgenden Text geht es um die Themen Körperbild, Bodyshaming, Diet Culture und Abnehmen. Außerdem wird das Thema Magen Darm Infekt angeschnitten, ich habe mich hier um möglichst wenig Anschaulichkeit bemüht. Bitte lies den Text nur, wenn du aktuell Kapazitäten für diese Themen hast.

Ich war letzte Woche krank. Die aktuelle Infektwelle hat mich, obwohl ich gar nicht so häufig unter Menschen bin, mit voller Wucht erwischt. Binnen weniger Stunden wurden mein Partner und ich nacheinander vom heftigsten Magen Darm Infekt niedergestreckt, den ich bislang erlebt habe. Ich hasse Magen Darm Infekte, vor allem deshalb, weil ich es hasse, mich zu übergeben. Andererseits kenne ich keinen Menschen, der freiwillig sagen würde: „So ein paar Tage mit Norovirus im Bett würde ich mir auch gern mal wieder gönnen. Komm, Schatz , das machen wir!“

Mit chronischer Erkrankung ist jeder akute Infekt jedoch noch einmal ein anderer Schnack. Ich bin dann nicht einfach nur ein paar Tage lang angeschlagen, sondern meist längerfristig ausgeknocked. Jede noch so simple Erkältung kostet mich, wenns gut läuft, zwei Wochen. Jede Grippe gerne auch mal sechs Wochen. Und so war auch dieser Magen Darm Infekt nicht, wie ich es von früheren, gesünderen Zeiten kannte, binnen 24 Stunden erledigt. Die Abgeschlagenheit, die Erschöpfung, die Muskelschmerzen und -schwäche, aus denen ich mich in den letzten Monaten (nicht zum ersten Mal nach einem großen Dip in meiner sog. Baseline) sukzessive hervorgearbeitet hatte, sind zurückgekehrt. Nicht mit voller Wucht, aber doch heftiger als zuvor. Das macht mir Angst, denn ich weiß nur zu gut, dass jede Symptomverschlechterung lange dauern kann – oder sogar dauerhaft werden kann.

Doch etwas anderes hat mich dieses Mal noch viel heftiger erschreckt: Denn bevor da die Sorge um eine Zustandsverschlechterung und ihre etwaige Dauer war, war der Blick in den Spiegel und die leise Freude darüber, dass ich zwei Tage lang nichts essen konnte. Dass sich mein Körper so sehr vollständig entleert hatte, dass bei jedem Würgen nichts mehr aus ihm herauskam und stattdessen nur noch blanker Schmerz da war. Es hat mich einige Momente gekostet, bis ich erschrocken und mit benebeltem Gehirn feststellen konnte: Die Diet Culture hat mal wieder zugeschlagen.

Wir sind Kinder der Diet Culture

Ich bin 1986 geboren und damit ein Kind der Neunziger und eine Teenagerin der Nullerjahre. Ich habe, wie so viele von uns, erlebt, wie die Medien Promis für ihre Körper auseinandernahmen. Fettpolster kommentierten, sich über sie lustig machen und die Personen, an denen man sie vergeblich suchte, als undiszipliniert und unansehnlich abwerteten. Optische Merkmale herauspickte und sie willkürlich mit Charaktermerkmalen in Verbindung brachten – ohne Sinn und Verstand. Wir alle waren mittendrin, als Hüftjeans und bauchfreie Tops, unter denen Nabelpiercings hervorblitzten, der Look schlechthin waren – während jeder Millimeter Haut, der von diesen Outfits freigelegt wurde, scheinbar von allen und jedem ungefragt kommentiert werden durfte. Dieses ungefragte Kommentieren von Körpern galt (und gilt) dabei nicht nur für Promis und die Medien (nicht, dass es in jemals in irgendeiner Form oder irgendeinem Kontext legitim wäre), sondern auch auf dem Schulhof, im Verein, unter Freund*innen und in Familien. Es war allgegengewärtig. Und es scheint nie weg gewesen zu sein, auch wenn wir Zwischenzeit wirklich die Hoffnung hatten, dass sich endlich etwas zum Guten verändert.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Normalität und Allgegenwärtigkeit, mit der Körper verhandelt wurden (und werden) an irgendjemandem spurlos vorbeigegangen ist. Wenn man jedoch in einem dicken Körper steckt – und bereits in Kindheit und Jugend gesteckt hat – hat man auf Basis dieser Art, wie er allerseits und selbstverständlich kommentiert, be- und verurteilt wird, sehr schnell und sehr tief verinnerlicht: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich muss meinen Körper verändern, anpassen, verkleinern. Ohne Schlankheit werde ich keine Akzeptanz und Zugehörigkeit erfahren – und vor allem werde ich nicht erfahren, wie es ist, unkommentiert existieren zu dürfen.

Ich weiß, dass ich mit dieser Erfahrung ganz und gar nicht alleine bin. Nicht umsonst liegt heute ein Schwerpunkt meiner Arbeit darauf, Räume zu erschaffen, in denen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, insb. aufgrund ihrer Körperform, vertrauensvoll zusammenkommen und erleben können, dass sie einfach nur sein dürfen. Ohne etwas zu beweisen, ohne sich zu verändern, ohne sich zu kümmern, ohne zu leisten, ohne die eigene Scham durch Lustigkeit, Schlagfertigkeit oder People Pleasing (oder alles zusammen) überdecken zu müssen.

Sollte ich es nicht besser wissen?

Und doch habe ich in den vergangenen Tagen meines Infekts gemerkt, wie tief die Spuren in mir sind, die die Diet Culture und die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinterlassen haben. Obwohl ich mich in den vergangenen Jahren so intensiv damit beschäftigt habe, sie zu durchdringen, zu entlarven, zu dekonstruieren, sie zu entlernen und stattdessen neue Denk- und Verhaltensweisen zu etablieren. Obwohl ich andere genau bei diesen Prozessen begleite. Obwohl ich es doch eigentlich besser weiß.

Aber genau das ist der Punkt: Die Beschäftigung damit und das Wissen darum allein reichen nicht aus, um etwas vollständig aus dem System zu bekommen, was so tief verankert ist.

Ich habe meine erste Diät in der Grundschule gemacht.

Alle weiblichen Mitglieder meiner Familie und meiner Peergroups haben ihre Körper und ihr Essverhalten konstant kommentiert und immer wieder herausgestellt, dass Schlankheit das Ziel ist. Egal, in welchem Zustand sie gerade waren, egal, ob sie schlank waren, es (wieder) werden wollten oder genau wussten, dass sie es vielleicht nie werden würden: Immer ging es darum, eigentlich schlank sein zu müssen. Das wurde nicht einmal diskutiert. Es galt als unverhandelbarer Fakt. Was dabei immer fehlte, war der Frieden mit sich selbst. Das Ankommen bei sich, das Ruhen in sich – und die Kapazitäten, die frei geworden wären, wenn sie, wenn wir, uns mit etwas anderem als der eigenen Nahrungsaufnahme und Gewichtsabnahme beschäftigt hätten. Erst in den letzten Jahren hat sich in meinem Umfeld hier etwas verändert.

Davor haben viele meiner Freund*innen, egal wie schlank sie waren, immer wieder artikuliert wie „fett sie sich fühlen“. Zur Erinnerung: Fett sein ist kein Gefühl, keine Emotion. Ich habe alle erdenklichen Beschimpfungen zu meinem Körper gehört, von Menschen, die mich kannten, und von Fremden.

Ich habe die abfälligen Gesten und Blicke gesehen, gespürt, auch wenn ich vorgab, es nicht zu tun. Sie haben sich in meine Haut eingebrannt. Tiefer noch. In meine Seele.

Ich habe Hunderte von Zeitschriften gelesen, in denen mir auf der einen Seite erklärt wurde, wie ich effektiv und schnell abnehme, während auf den Folgeseiten Rezepte für Braten und Torten gelistet waren, gefolgt von weiteren Diättipps und Seiten voller Mode und Models, die nichts im entferntesten etwas mit meiner Körperform zu tun hatten.

Ich habe versucht, mich mit Bridget Jones und all den anderen Figuren zu identifizieren, die als „dick“ gelabelt wurden. Dabei entsprach nicht einer dieser „dicken“ Körper dem meinen – was dazu führte, das am Ende wieder nur hängen blieb, dass es ums Abnehmen geht und dass nicht nur die unzähligen beschämten Protagonistinnen, sondern auch ich, verinnerlichten, dass Liebe nur derjenigen zuteil wird, die schlank, elegant und unkompliziert ist. Ich war nichts davon.

Die Erfahrungen sitzen tief

Also ja, natürlich sitzt all das, was jahrzehntelang auf mich eingeprasselt hat, noch immer tief in meinem System. Ganz egal, wie oft ich es mit korrigierenden Erfahrungen zu überschreiben versuche, es sitzt zu tief. Kein Wunder also, dass der Blick in mein krankes Spiegelbild vor einigen Tagen erst einmal zu einer schmerzhaften Freude und zur aufblitzenden Hoffnung geführt hat, auf vermeintlich „leichte“ Weise möglicherweise Gewicht verloren zu haben. Dass der erste Blick in den Spiegel prüfend zu meinen vielleicht hohler gewordenen Wangen ging. Dass der zweite zu meinem wieder hervortretenden Grübchen ging. Der dritte zu einer möglicherweise strafferen Jawline. Ich habe mich geprüft, inspiziert.

Und dann bin ich endlich sauer geworden. Nicht auf mich selbst, sondern auf das, was die Diet Culture mit mir, mit uns, gemacht hat. Wie nachhaltig sie unser Selbstbild und unseren Selbstwert gef*ckt hat.

Einen Augenblick lang habe ich mich gefragt, ob all die Bemühungen, die ich in den letzten Jahren in die Auseinandersetzung mit Fettfeindlichkeit, Körperbildern, Sexismus, Patriarchat, Kapitalismus und Co. gesteckt habe, umsonst gewesen sind. Ob ich wirklich nichts gelernt habe. Für einen Moment war ich enttäuscht von mir, resigniert.

Aber so ist es nicht. Nichts davon war umsonst. Dieser Moment im Badezimmer, diese Blicke in den Spiegel haben mir nur gezeigt, wie lange der Weg ist, etwas zu entlernen, mit dem man so lange, so intensiv, so vielfältig und so allgegenwärtig konfrontiert worden ist. Außerdem ist es ja nicht so, dass die Diet Culture der Vergangenheit angehört, noch immer werden wir mit den gleichen Themen und Vorbehalten konfrontiert, auch wenn sie manchmal in einem anderen Gewand daherkommen.

Was mir die Beschäftigung mit meinem eigenen Körperbild und den strukturellen Ebenen dieses gesamten Themenkomplexes aber durchaus gebracht hat, ist: Ich kann erkennen, wenn die Automatismen und Mechanismen kicken. Ich weiß, warum diese Filme in meinem Kopf ablaufen. Auf Basis dessen kann ich mich bewusst dazu entscheiden, mich davon zu distanzieren, es anders zu machen, wieder in den liebe-, und vor allem respektvollen Umgang mit meinem Körper zu kommen. Und dann kann ich mich immer wieder neu dazu entscheiden, der Diet Culture die Stirn zu bieten, mich im Spiegel anzulächeln und mir selbst die Gewissheit geben, dass mein Körper nichts ist, was öffentlich verhandelt werden darf.

Zwei Dinge in eigener Sache

Um das Thema Scham & Körper geht es am 26. Februar ab 19.30 Uhr in meinem neuen 90-minütigen Gruppencoaching-Format. In “Share & Care” kommen regelmäßig maximal acht Personen zusammen, um über schambehaftete Themen in den vertrauensvollen Austausch zu kommen. Der Prozess wird von mir moderiert und begleitet und jede Gruppe wählt jedes Mal neu, auf welche Art sie an jedem Termin zusammenarbeiten möchte. Die Themen wechseln monatlich (z. B. Neurodivergenz, People Pleasing, Wut), den Auftakt macht das Thema “Körper”.

Hier erhältst du alle Infos und kannst dich anmelden:

Um eine mehrgewichtige, neurodivergente Protagonistin, die ein Buchcafé eröffnen möchte und der dabei allerlei Steine in den Weg gelegt werden, geht es außerdem in meinem ersten Roman. Pages of Pearville ist gerade im Eigenverlag erschienen und ist als eBook und Taschenbuch erhältlich.

Kategorie Body Acceptance

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