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Lies ins Buch: Schattennixe I

Prolog

»Du und ich, Sel, wir beide sind füreinander bestimmt«, flüsterte er mir mit verführerischer Stimme ins Ohr. Ein Schauer rann mir den Rücken hinab. Seine Worte ließen mein Herz schneller schlagen.

»Wir beide?«, fragte ich in der Hoffnung, dass er mir unsere Zukunft ausmalen würde. Und prompt tat er mir diesen Gefallen.

»Natürlich! Die Dunkelheit selbst wird sich unserem Willen beugen. Du wirst die nächste Schattenkönigin und ich der nächste Schattenkönig. Keiner wird es wagen, sich uns entgegenzusetzen. Du und ich waren schon lange vor dieser Zeit füreinander bestimmt. Vor hundert Jahren zuletzt. Wir werden Shadow Beyond neu erbauen – mit der dunkelsten Kraft dieser Zeit.«

Das Bild, das er von unserer Zukunft zeichnete, legte sich wie eine Umarmung um mich. Am liebsten hätte ich mich in seine Dunkelheit geschmiegt und mich von ihr tragen lassen. Doch tief in mir blieb dieses Ziehen, dieser eine Tropfen Wehmut, der niemals verschwand.

Helles Licht

Die Sonne erklomm langsam den hellen, wolkenlosen Himmel. Rot und Orange vermischten sich zauberhaft mit dessen Blau. Der Tau schimmerte noch auf den feinen Gräsern, der Tag hatte gerade erst begonnen. Einzelne Vögel sangen. Verträumt lief ich auf das golden glänzende Weizenfeld zu. Ich liebte diesen Duft, so früh am Morgen, den feuchten Reif unter meinen nackten Füßen, die erste Sonne auf meiner Haut. Doch das Schönste waren die glühend roten Mohnblumen, die das gesamte Feld durchbrachen. Ich schloss die Augen und lief einfach zwischen Mohn und Weizen hindurch. Der Wind fuhr durch meine Haare. Meine Finger streiften die feinen Blütenblätter, ich spürte ihre Zerbrechlichkeit unter meinen Händen.

Doch plötzlich brannte die Sonne auf meiner Haut – verbrannte mich, der Weizen stach in meine Handfläche, ich rutschte auf dem Tau. Verzweifelt sah ich zurück zu den Mohnblumen, die ich gestreift hatte. Sie waren schwarz und tot.

 

 

JETZT – Selena

Das Erste, was ich hörte, war mein Herz. Es schlug so schnell und laut, als wäre ich tausend Meilen gerannt. Was ich ja auch war, zumindest im Traum. Es hämmerte so fest gegen meine Brust, dass ich kaum atmen konnte. Nur ein Traum. Ein Traum, der sich nun schon seit sechs Monaten wiederholte.

›Es war nur ein Traum‹, versuchte ich, mich zu beruhigen: ›Wach einfach auf!‹ Ich zwang mich zu blinzeln – und blickte direkt in die schwärzesten Augen, die ich je gesehen hatte. Augenblicklich verlangsamte sich mein Herzschlag, so als bremste man eine Schallplatte mit dem Finger aus.

»Wo – wo bin ich?«, stotterte ich mit einer Stimme, die mir selbst fremd war. Langsam erkannte ich, dass die sonderbaren Augen zu einem jungen, männlichen Gesicht gehörten. Und noch bevor er antworten konnte, spürte ich es ganz deutlich in jeder einzelnen Faser meines Körpers.

Ich war zu Hause. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Nicht nur das! Ein Blick in seine dunklen, feurigen Augen genügte und ich wusste, wer – oder besser gesagt, was – er war. Er war mein Gegenstück. Die Dunkelheit und Schwärze die von ihm ausgingen, brachten mein Herz zum Glühen.


 

Zwölf Monate zuvor - Selena

Es war ein kalter Wintertag, als ich ihn kennenlernte. Ein Tag, an dem ich war, wie alle anderen Mädchen in meinem Alter. So normal, wie mein ganzes Leben hätte werden können mit ihm. Doch ich war nicht wie die anderen und meine Zukunft sollte es auch nicht sein. An diesem Tag aber erlebte ich das Normalste auf dieser Welt: Ich verliebte mich zum ersten Mal.

Ich war mit Freunden am See verabredet, wir wollten Schlittschuh laufen. Im Sommer verbrachte ich beinahe jeden Nachmittag dort, denn ich war eine Wasserratte durch und durch. Es gab nichts Schöneres für mich, als lautlos durchs Wasser zu gleiten und mich treiben zu lassen. Dagegen war gefrorenes Wasser überhaupt nichts für mich, aber ich hatte mich dazu überreden lassen, weil meine Freundin Jenny versuchte, Maggie (meine kleine Schwester) zu verkuppeln. Sie hatte den ganzen Vormittag geradezu selbst von dem Jungen geschwärmt. Ich konnte unser Gespräch in der Schule noch deutlich hören.

»Oh Sel, er ist soo hübsch! Und total sexy, richtig sportlich. Die beiden werden sich mega verstehen, du wirst sehen.«

»Du weißt schon, dass Maggie bisher kein Interesse an den Jungs hatte, die du angeschleppt hast?«, erinnerte ich sie skeptisch.

Jenny hatte nur die Augen verdreht und abgewunken. »Aber dieses Mal ist es anders, du wirst sehen! Der ist einfach perfekt!«

Ich musste schmunzeln und zu meinem Glück war ich dieser Diskussion schnell entflohen. Maggie und Jenny hatten augenscheinlich mehr Interesse an der Liebe als ich. Wenn ich ehrlich war, hatte ich mir noch nie wirklich Gedanken darum gemacht. Ich glaubte, die Liebe würde mich schon finden, irgendwann. Meine beiden Freundinnen sahen das etwas anders und hatten auch schon den einen oder anderen Freund gehabt. Bei dem Gedanken an die seltsamsten Gestalten musste ich in mich hineingrinsen. Was für einen Vogel sie dieses Mal wohl wieder ausgesucht hatte?

Doch jetzt machte ich mich erst einmal auf die Suche nach den Schlittschuhen. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir überhaupt noch passten.

»Ich habe sie!«, brüllte Maggie da durchs Treppenhaus. Wir hatten ihr noch nichts von dem neuen Typ erzählt, doch sie war trotzdem aufgedreht wie immer.

»Super!«, rief ich zurück und wischte mir den Staub von der Hose.

Schon kam sie die Treppe herunter gestürmt. »Komm schon Selena!«

Dieses Mal verdrehte ich leicht genervt die Augen und warf mir einen Schal um, denn es war wirklich kalt. Maggie musterte mich misstrauisch.

»Was ist?«, hakte ich nach.

»Willst du tatsächlich diesen alten Schal anziehen?«

Ich drehte mich zum Spiegel um und kuschelte mich tiefer in den weichen Stoff. Ja, wollte ich tatsächlich. Ich konnte nichts Schlechtes daran finden.

»Na gut«, meinte sie und war schon nach draußen verschwunden. Ich warf noch einen letzten Blick auf mein Spiegelbild und eilte ihr nach. Bald hatte ich sie eingeholt und schweigsam liefen wir nebeneinander her zu Jenny, um sie abzuholen.

Jenny kannte uns beide seit dem Kindergarten. Wir waren ein beinahe unzertrennliches Dreiergespann, auch wenn gerade Maggie und ich sehr verschieden waren. Meine Schwester war oft vorlaut, stürmisch und unbedacht. All das, was ich eigentlich nicht war. Aber sie war auch mutig, mutiger als ich und dafür bewunderte ich sie. Mich selbst hätte ich als ruhig, sehr überlegt und vorsichtig beschrieben.

Nach wenigen Minuten kamen wir bei Jenny an, sie wartete bereits am Straßenrand und grinste uns entgegen wie ein Honigkuchenpferd. Ich konnte es kaum glauben, aber sie schaffte es tatsächlich Maggie nichts von ihrem Plan zu erzählen. Die beiden unterhielten sich auf dem Weg angeregt über alles Mögliche. Ich hörte gar nicht richtig zu, sondern ließ meinen Blick über die nicht vorhandene ›Winterlandschaft‹ streifen.

Es war zwar eiskalt, aber Schnee war noch nicht zu sehen. Alles war trist und grau. Wie ich so in die graue Ferne starrte, bildeten sich vor meinem Auge plötzlich kleine Eiskristalle und fielen vor uns zu Boden. Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, dass es tatsächlich schneite.

»Mags, Jenny«, rief ich aufgeregt, »schaut nur, es schneit!«

Die beiden blieben stehen und sahen ebenso begeistert wie ich in den Himmel.

»Tatsächlich, der erste Schnee!«, stellte Maggie fest. In winterlicher Stimmung liefen wir weiter in Richtung See.

 

Als wir ihn erreicht hatten, war der Boden bereits weiß bedeckt. Alles war so wunderschön. Tief sog ich die kalte Luft ein und richtete meinen Blick nach vorne. Der gefrorene See lag vor uns, geheimnisvoll glitzernd. Ich vergaß einen Moment lang alles um mich herum und starrte auf das Winter Wunderland direkt vor mir. Zum ersten Mal seit Beginn des Winters spürte ich dieses starke Kribbeln in meinem Bauch. Die gefrorene Wasseroberfläche schien nach mir zu rufen, wie sonst nur im Sommer das klare Wasser. Ich konnte es kaum erwarten, anmutig darüber zu gleiten und mich so frei zu fühlen, wie sonst beim Schwimmen.  

 

Just in diesem Moment zerrte jemand an meinem Arm und ich erwachte wie aus einer Trance.

»Los Selena, komm mit!« Maggie stürmte an mir vorbei aufs Eis, während Jenny schon grazil ihre erste Runde drehte. Auf dem See hatten sich bereits einige Jugendliche versammelt. Ich fragte mich, ob Maggies Zukünftiger auch dabei war.

Gemächlich setzte ich mich auf einen Stein und zog meine Schlittschuhe an. Ich passte gerade noch so hinein, sie waren wie Klötze an meinen Füßen. Aus dem Traum grazil übers Eis zu fliegen wurde nichts, das war mir sofort klar.

Unsicher wankend stiefelte ich am Rand entlang. Es war so unglaublich lange her, dass ich das letzte Mal Schlittschuh gelaufen war, bestimmt würde ich andauernd hinfallen.

Zaghaft bewegte ich ein Bein nach vorne, dann das andere. Mags fuhr kichernd an mir vorbei. »Wo bleibst du denn?«

Ich wedelte mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. »Fahrt ihr ruhig schon vor, ich brauch noch ein bisschen!«, rief ich hinterher, aber Maggie hätte meine Erlaubnis dazu sicher nicht gebraucht.

Nach einigen sehr langen Metern fiel mir das Gleiten auf dem Eis gerade etwas leichter, da überraschte mich meine beste Freundin von hinten und beinahe wären wir beide gestürzt.

»Jenny!«, schimpfte ich lachend mit ihr.

Doch sie flüsterte mir aufgeregt etwas ins Ohr. »Er ist jetzt da, ich habe ihn schon gesehen! Ich sehe zu, dass ich sie ihm vorstellen kann.«

Und schon war sie einfach davongeschlittert. Ich würde erstmal weiter meine Runde ziehen und beobachten, was passierte. Allmählich nahm ich richtig Geschwindigkeit auf, das gefiel mir. Ich hatte gerade einen super Lauf, da verfing sich mein Schuh in einem kleinen Loch.

»Ahh«, schrie ich noch und streckte die Arme aus, in dem Glauben, gleich auf dem knallharten Eis zu landen.

Da umfasste mich jemand fest von hinten und hielt mich mitten im Fallen auf. Überrascht wollte ich mich zu meinem Retter umdrehen, verlor jedoch erneut das Gleichgewicht und schwankte. Sofort griffen die Hände nach mir und ehe ich mich versah, fand ich mich eng umschlungen in fremden Armen wieder.

Dankbar blinzelte ich und blickte in das schönste Gesicht, das ich je gesehen hatte. Seine Haare fielen ihm ein wenig in die Stirn und seine Augen strahlen mich an, heller als die Sonne auf dem Eis. Ein unbekanntes Gefühl stieg in mir auf, es kribbelte wie verrückt in meinem Bauch.

»D-danke«, stammelte ich.

Der Junge lächelte mich freundlich an, lies mich aber nicht los. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Ich musste kichern und fragte verlegen: »Wirst du mich denn je wieder loslassen?«

Sein Lachen sorgte dafür, dass mir von innen heraus warm wurde.

»Nur, wenn du dann ordentlich fährst«, erwiderte er und zwinkerte.

Bei diesen Worten wurden meine Wangen feuerrot. »Ich versuchs, versprochen!«

Nicht sehr überzeugt sah er mich an, lockerte aber seine Umarmung etwas. Ganz los ließ er mich jedoch nicht. »Weißt du was, ich zeig dir noch mal, wie das geht!«

Ich nickte, immer noch verzaubert von seinem Lächeln. Er griff fest nach meiner Hand.

»Ich bin übrigens Selena«, stellte ich mich schüchtern vor. Wieder lächelte er und die Schmetterlinge in meinem Bauch flatterten hin und her.

»Hi Selena. Nenn mich einfach Nick!«

Hand in Hand fuhren wir langsam nebeneinander her und jedes Mal, wenn ich auch nur ein kleines bisschen unsicher wurde, zog er mich wieder ganz nah zu sich. Es gab nur noch uns beide, mitten auf dem gefrorenen See, Hand in Hand. Weiße Schneeflocken rieselten auf uns hinab und verzauberten die Welt um uns herum. Immer wieder warfen wir uns verstohlene Blicke zu. Seine Hand war warm und sicher und der Nachmittag schien unendlich.

Es war tatsächlich so gekommen, wie erwartet. Die Liebe hatte mich gefunden, einfach so. Und sie hatte mich gepackt von Kopf bis Fuß.

Ich konnte nicht mehr sagen, wie lange wir so vor uns hinfuhren, mir kam es viel zu kurz, aber zugleich wie eine Ewigkeit vor.

Irgendwann jedoch wurde es dunkler und Maggie und Jenny unterbrachen unsere Zweisamkeit. »Hi Selena… wir sollten jetzt dann gehen.«

Ich konnte es kaum fassen. Sogar die vorlaute Maggie fühlte sich unwohl dabei, uns zu stören. Sie blickte zwischen Nick und mir hin und her.

Auch Jenny hielt sich im Hintergrund. »Wisst ihr was, wir warten einfach schon mal am Ufer.«

Und schnell wie der Blitz waren sie verschwunden. So viel Feingefühl hätte ich ihnen gar nicht zugetraut. Na ja, wahrscheinlich konnte auch ein Blinder sehen, was hier zwischen uns geschah.

»Dann heißt es wohl sich verabschieden …«, meinte Nick und wirkte traurig. Ich nickte mit einem Kloß im Hals und starrte zu Boden. Als ich meinen Kopf wieder hob, stand er ganz nah vor mir und legte seine Arme um mich. Mein Puls raste vor lauter Aufregung und ich konnte kaum noch atmen. Fühlte sich so Verliebtsein an?

»Es war wunderschön, dich kennenzulernen Selena. Ich möchte dich unbedingt wiedersehen!« Sein Flüstern kitzelte in meinem Ohr. Mein Herz tat einen Sprung.

»Treffen wir uns doch morgen wieder hier?« Zaghaft schmiegte ich mich in seine Umarmung. Er war warm und ich fühlte mich so sicher bei ihm. Nach einigen Sekunden löste er sich sanft, strich mir eine Strähne hinters Ohr und nickte.

»Dann bis morgen, Selena!«

»Bis morgen, Nick!«

Vorsichtig trennten wir uns und mit einem breiten Grinsen im Gesicht gab ich mir alle Mühe, elegant zum Ufer zurückzuschlittern.                                                                                                                                                                                                      

Jenny und Maggie erwarteten mich schon neugierig. Verträumt zog ich meine Schlittschuhe aus und schaute in ihre gespannten Gesichter.

»Was denn?«, fragte ich lachend.

Da hakten sie sich bei mir ein und wollten alles haargenau wissen. Während wir nach Hause liefen, begann ich das erste Mal in meinem Leben so richtig von einem Jungen zu schwärmen und die Gedanken an ihn hielten mich die ganze Zeit warm.

Als wir bei Jenny zu Hause ankamen, umarmte sie mich zum Abschied mit einem seltsamen Blick, den ich nur schwer deuten konnte. Ich beschloss, sie am nächsten Morgen danach zu fragen.

Maggie und ich gingen weiter, doch sie hörte nicht auf, mich zu löchern. »Was hat er für Hobbys? Welche Augenfarbe hat er? Habt ihr euch geküsst?«

Ich unterbrach sie: »Immer langsam Mags! Ich muss ihn doch selbst erst kennenlernen.«

Bei dem Gedanken an seine Umarmung musste ich wieder lächeln. Hatte ich schon jemals so viel Glück auf einmal empfunden? Ganz leise sagte ich fast mehr zu mir selbst: »Er ist einfach perfekt.«

Maggie grinste mich an und wir waren beide unglaublich glücklich. Als ich an diesem Abend ins Bett ging, konnte ich nur an unser nächstes Wiedersehen denken. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem wohligen, warmen Gefühl in meinem Inneren schlief ich ein. In dieser Nacht waren meine Träume wunderschön.

 

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf. Ich hatte wunderbar geschlafen – viel zu kurz zwar, aber mit dem süßen Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. Immer wieder ging mir der gestrige Abend durch den Kopf, jedes Lächeln von Nick, jeder Satz, jede Bewegung. Mein Herz klopfte schneller, sobald ich nur an ihn dachte. Ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

Die Schule verging daraufhin wie im Flug. Ich konnte nur noch an Nick denken. Jenny musste mich einige Male anstupsen, damit ich mich wieder auf den Unterricht konzentrierte.

»Selena, pass auf!«

»Jaja, mach ich schon!«, zwinkerte ich ihr zu. Da fiel mir ihr seltsames Verhalten vom gestrigen Abschied wieder ein.

»Psst, Jenny, was war denn gestern Abend los?«

Meine Freundin warf mir einen unsicheren Blick zu, so als wüsste sie nicht, ob sie mir tatsächlich darauf antworten sollte.

»Komm schon, du kannst es mir sagen«, drängte ich. Immerhin konnten wir uns alles erzählen. Sie seufzte und wollte sich gerade dazu äußern, da kam uns der Lehrer dazwischen.

»Was gibt es denn hier zu tuscheln, die Damen?«

Jenny und ich wurden rot und schwiegen. Lautlos formte sie mit ihren Lippen die Worte: »In der Pause, okay?!«

Ich nickte und war gespannt, was sie mir zu sagen hatte. Gleich nachdem es zur Pause geläutet hatte, zog sie mich beiseite.

»Es geht um Nick…«, begann sie zögernd.

»Was ist mit ihm?« Ein ungutes Gefühl überkam mich.

Jenny senkte ihren Blick und druckste herum. »Na ja, er ist derjenige.«

»Er ist wer?«, fragte ich verwirrt. Ich hatte keine Ahnung auf was sie hinaus wollte.

Sie atmete tief ein und aus. »Er ist der Typ, mit dem ich Maggie verkuppeln wollte.«

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Nick war also der geheimnisvolle Junge gewesen, von dem Jenny so geschwärmt hatte. Mein Nick. Von Jetzt auf Gleich schien all mein Glücksgefühl zu verschwinden. Mir war zum Heulen zumute. Jenny sah mir meine Stimmung deutlich an und sofort nahm sie mich in den Arm.

»Aber weißt du- zu dir passt er auch sehr gut. Maggie muss davon ja nie etwas erfahren…«, wollte sie mich trösten.

»Was muss ich nie erfahren?«, fragte eine Stimme hinter uns. Natürlich war es Maggie.

»Ähm… nichts«, erwiderte Jenny einfallslos. Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Maggie zu mir. In meinem Inneren explodierten tausende Gefühle auf einmal. Aber eines wusste ich ganz genau. Nach nur einem Treffen mit Nick, hatte ich mich unsterblich in ihn verliebt. Das zwischen uns war echt und wenn es eben so sein sollte, würde ich diese Beziehung nicht mit einer Lüge beginnen. Also fasste ich mir ein Herz und beschloss, mit Maggie reinen Tisch zu machen. »Der Junge von gestern, Nick, der, den ich so unglaublich toll finde…«

»Ja, was hat er mit mir zu tun?«

»Jenny wollte euch miteinander verkuppeln«, erklärte ich und fügte schnell hinzu: »Aber ich wusste nicht, dass er es war, als ich ihn kennengelernt habe.«

Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern. In mir drin war ich längst nicht so gleichgültig, wie ich mich gab. Was, wenn Maggie ihn haben wollte? Jenny plagten wohl dieselben Gedanken und sie starrte mich vorwurfsvoll an. Meine Schwester jedoch blickte zwischen uns beiden hin und her, dann begann sie schallend zu lachen.

»Ist doch egal. Ich meine, so wie er dich gestern angesehen hat, hatte ich sowieso keine Chance.«

Sie legte gönnerhaft ihre Arme um unsere Schultern und schob uns in Richtung Pausenhof.

»Er gehört ganz dir, Schwesterherz!«

Das drückende Gefühl in meiner Brust war augenblicklich verschwunden. Ich fühlte mich leicht wie eine Feder. Heute Nachmittag würde ich ihn wiedersehen.

Schmetterlinge im Mondschein

 

Ich rannte schon seit Stunden. Mein Atem ging schnell, viel zu schnell. Kurz warf ich einen Blick über meine Schultern. Sie waren immer noch hinter mir her, dessen war ich mir sicher. Konnte ich eine kurze Pause wagen? Nach Luft ringend lehnte ich mich gegen den nächsten Baum und stützte mich mit den Armen auf meinen Knien ab. Tränen rannen mir über die Wangen.

»Lasst mich in Ruhe!«, flüsterte ich heiser. Verzweifelt hob ich meinen Kopf und da sah ich sie wieder. Schwarze Schlingen krochen ihr voraus, dunkel und mächtig. Alles in mir schrie ›Lauf Selena, lauf!‹, doch meine Füße schienen so schwer zu sein und nicht minder langsam. Mit aller Kraft riss ich sie vom Boden los und lief weiter und weiter.

 

Sechs Monate zuvor - Selena

Leise hörte ich das Rauschen des Wassers an meinem Ohr. Mit dem letzten Zug tauchte ich am Beckenrand auf und sah in das schimmernde Gesicht von Nikolai. Ich ließ meinen Blick weiter schweifen, weit über ihn hinaus bis zum Himmel, wo der Mond hell strahlte. Seufzend schloss ich die Augen. Ich spürte, wie er mich mit seinem Lächeln bedachte. Es genügte, an seine Lippen zu denken und schon wurde mir warm ums Herz.

»Sel, wir müssen jetzt dann verschwinden.«

Wieder fragte ich mich, wie seine Stimme so wunderbar sanft sein konnte. Alles, was ich wollte, lag heute genau vor mir.

Das kühle Nass um mir, der Mondschein über mir und Nick an meiner Seite. Wenn man Glück in den Händen halten konnte, musste es sich so anfühlen.

»Noch nicht«, bat ich und bewegte meine Füße im kristallklaren Wasser.

Nikolai lachte. »Der Sommer hat doch erst angefangen. Komm, lass uns gehen.«

Ich schnaubte kurz, aber er hatte recht. Schwungvoll sprang ich aus dem Wasser und griff nach dem Handtuch, das er mir reichte. Ich war mir seiner Blicke wohl bewusst. Noch einmal betrachtete ich wehmütig die im Mondlicht glitzernde Wasseroberfläche, dann ergriff ich Nikolais ausgestreckte Hand und wir liefen im Schatten der Bäume entlang zum Zaun.

Mein Freund half mir hinüber und ich schnappte die Tasche, die er mir zuwarf. Dann nahm er Anlauf und schwang sich selbst über den Zaun. Ich bewunderte wie immer seine Sportlichkeit. Er war groß und schlank und hätte mit Sicherheit ein absoluter Frauenheld sein können. Doch er war ebenso zurückhaltend wie ich und wenn ich in seine Augen sah, sah ich nur mich.

Kichernd kletterte ich hinter ihm aufs Fahrrad und schlang meine Arme um seine Mitte. Es war wie immer schön, ihm so nah zu sein. Seine feuchten Haare dufteten verführerisch und ich nahm einen tiefen Atemzug.

Ungesehen verließen wir das Schwimmbad. Es war nicht das erste Mal, dass wir nachts hierhergekommen waren. Anfangs war meine Schwester dabei gewesen, Maggie, denn ohne sie wären wir nie auf diese Idee gekommen. Wir wussten natürlich alle, dass das verboten war. Aber nachdem ich das klare Wasser im Mondlicht hatte glitzern sehen, konnte ich einfach nicht anders. Es war, als zog es mich magisch an, sodass ich immer und immer wieder hierher zurückkehren musste.

Nick setzte mich vor unserem Haus ab. Mal für Mal bewunderte ich, wie schön er doch war. Seit sechs Monaten waren wir jetzt zusammen und immer noch flatterten die Schmetterlinge wie verrückt in meinem Bauch, wenn er mich ansah. Lächelnd, als wüsste er, an was ich dachte, zog er mich an sich und ich schloss meine Lider als er mir einen innigen Kuss gab.

»Bis morgen Sel«, flüsterte er mit noch geschlossenen Lidern.

»Bis morgen Nick.« Wie konnte es sich so unfassbar schwer anfühlen, jemanden gehen zu lassen? Ohne seine Umarmung war es kalt und dunkel. Ich beobachtete wehmütig wie er auf seinem Fahrrad davonfuhr, dann schlich ich mich leise ins Haus.

Kaum hatte mich Nikolai verlassen, überkam mich eine seltsame Schwere. Mit jeder Stufe wurde ich langsamer. Seit Kurzem plagten mich jede Nacht Träume, die ich nicht zuordnen konnte. Ich fühlte mich verfolgt, wusste jedoch nicht von wem oder was.

Gedankenverloren betrat ich mein Zimmer und schrak zurück. Eine dunkle Gestalt saß auf meinem Bett.

»Gott Maggie, hast du mich erschreckt!«, murrte ich empört und schloss die Tür hinter mir. Ich wollte nicht noch mehr Aufsehen erregen. »Was ist los?«

»Warst du etwa beim Schwimmen?«, fragte sie mich mit zusammengekniffenen Augen. Ich seufzte nur und stellte meine Tasche ab. Natürlich kannte sie die Antwort. Ich meine, ich hielt ein nasses Handtuch im Arm.

»Ja war ich.«

Grimmig musterte sie mich. »Warum hast du mich nicht mitgenommen?«

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und reckte trotzig mein Kinn. »Du bist zu unvorsichtig.«

»Das ist nicht wahr und du weist es!«, rief sie empört. Und natürlich hatte sie recht, aber das wollte ich nicht zugeben. Es gab keinen Grund sie nicht mitzunehmen. Außer vielleicht den, dass ich weder das Becken noch meinen Freund teilen wollte. Also beschloss ich sie zu ignorieren. Ich wandte ihr den Rücken zu und begann meine nasse Kleidung auszuziehen. Mein Nachthemd war luftig leicht, gerade richtig für so eine heiße Sommernacht.

Maggie beobachtete mich kurz, dann verließ sie wutentbrannt mein Zimmer, nicht ohne mich noch zu beschimpfen: »Du - du – du bist richtig gemein geworden!«

Ich verdrehte nur die Augen und ließ mich ins Bett fallen. Das nächtliche Schwimmen machte müde. Aber schlafen konnte ich dennoch nicht. Ich wälzte mich hin und her, von einer Seite zur anderen. Da klopfte es an der Tür.

»Ja?«, knurrte ich genervt, in Erwartung, es wäre erneut meine kleine Schwester mit einer neuen Schimpftirade. Lautlos wurde die Tür geöffnet und Helena, meine ältere Schwester, trat ein. Mit ihr hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Der Türspalt warf nur einen schwachen Lichtstrahl ins Zimmer und dennoch schimmerten ihre Haare wie Gold darin. Leise und vorsichtig setzte sie sich auf meine Bettkante und sah mich an. In Helenas Augen konnte man lesen, wie in einem Buch. Ich erkannte, was sie mir zu sagen hatte, noch bevor sie dem Mund öffnete.

»Warum warst du schon wieder im Schwimmbad?«

Wir starrten uns schweigend an. Ich hatte keine Chance ihr eine vernünftige Antwort zu geben. Denn es gab keine. Wie konnte ich sie ansehen und ihr erklären, dass das Verbotene mich magisch anzog, dass ich den Mondschein im Wasser betrachten MUSSTE?

Helena runzelte die Stirn und blickte mich besorgt an. »Das muss aufhören, Sel.«

»Du bist nicht meine Mutter!«

»Nein, aber wenn du nicht aufhörst, dann…«

»Was dann? Verrätst du es ihr?«, zischte ich wütend und erschrak über mich selbst. So kannte ich mich überhaupt nicht. Meine älteste Schwester erhob sich und warf mir einen letzten, mahnenden Blick zu.

»Das muss aufhören«, mit diesen Worten schloss sie die Tür hinter sich.

Ich blieb allein zurück. Und obwohl ich längst im Bett lag, war ich unruhiger als zuvor. Seit Tagen wurden meine Träume dunkler, bedrohlicher – fast schon real. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas auf mich zukam. Etwas, das stärker war als ich.

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Kategorie Öffentliche Posts

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