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Auf eigenes Risiko: Wackelpartie Wissenschaft

Draußen ist es grau, und je näher wir dem Dezember kommen, desto mehr Licht rinnt von Woche zu Woche aus den ohnehin nicht sonderlich hellen Tagen. Mir drückt der Herbst aufs Gemüt, er macht mich müde — das ist alles nicht neu und wenig überraschend, aber dieser spezielle Herbst, der Herbst 2025, hat es ganz besonders in sich, was demoralisierende Kräfte betrifft. Denn ich hänge derzeit in der Luft. Als ich im Frühjahr 2022 meine Ernennungsurkunde erhielt, war darauf zu lesen:

„Ich ernenne Frau Dr. phil. Amrei Bahr unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Zeit mit Wirkung vom 01. April 2022 für die Dauer von vier Jahren zur Professorin als Juniorprofessorin.“

Jetzt kann man syntaktisch von dem Satz halten, was man will, seine Aussage ist klar: Meine Zeit in Stuttgart könnte schon im März 2026 enden, wenn nicht … ja, wenn nicht meine Zwischenevaluation einen positiven Ausgang nimmt. Wobei: Genau genommen sind es drei mögliche Szenarien. Erstens die Verlängerung um zwei Jahre im Falle der positiven Evaluation. Zweitens die Verlängerung um ein Jahr, die das Hochschulgesetz ermöglicht und die auch die uniinterne Satzung (Öffnet in neuem Fenster) zulässt (‚fun‘ fact: für mich wird die Tenure-Track-Version herangezogen, obwohl die Uni auch über eine Version für Juniorprofessuren ohne Tenure Track verfügt, von denen ich ja eine innehabe). In der Satzung heißt es nämlich:

„Das Beamtenverhältnis soll mit Zustimmung der Tenure-Track-Professorin oder des Tenure-Track-Professors auf Vorschlag der zuständigen Fakultät von der Rektorin oder vom Rektor auf insgesamt sechs Jahre verlängert werden, wenn die oder der Betreffende sich nach den Ergebnissen der Zwischenevaluation bewährt hat; anderenfalls kann das Beamtenverhältnis mit Zustimmung der Tenure-Track-Professorin oder des Tenure-Track-Professors um bis zu einem Jahr verlängert werden.“

Man muss keinen Doktor in Modallogik haben, um zu sehen, dass diese Formulierung auch noch eine dritte Möglichkeit erlaubt, nämlich eine Verlängerung unter einem Jahr oder gar überhaupt keine Verlängerung („kann … verlängert werden“ eröffnet jedenfalls formal die Option, das nicht zu tun). Nach fast fünf Jahren #95vsWissZeitVG und viereinhalb Jahren #IchBinHanna habe ich immer wieder mitbekommen, was in der deutschen Wissenschaft alles nicht klappt. Das ging von nicht geschlossenen Verträgen bis hin zu scheiternden Tenure-Track-Verfahren. Ich habe alles Mögliche und Nötige getan, damit studentische Beschäftigte von mir zum Semesterbeginn einen Arbeitsvertrag haben — und es wurde trotzdem nichts. Meine Zuversicht ist begrenzt, was den guten Ausgang von Prozessen im deutschen Wissenschaftssystem anbelangt (und das, obwohl ich grundsätzlich sehr zu Zuversicht neige, allein schon aus strategischen Gründen (Öffnet in neuem Fenster)).

Nun kann ich mich aus der grauen Stimmung retten, indem ich mir gut zurede und mich selbst zuversichtlich stimme, etwa dadurch, dass ich mich daran erinnere, dass es viele gute Gründe gibt, mein Arbeitsverhältnis zu verlängern, und nicht viele, das zu unterlassen. Gleichwohl ist meine Perspektive auf meine mittelfristige Zukunft — wie schon so oft in meinem beruflichen Leben — auch dieses Mal wieder durchsetzt mit Fragezeichen. Eines davon steht hinter der Frage, wann genau ich Gewissheit erhalte über die Zeit nach Ende März 2026 — schon jetzt ist es bis dahin nicht einmal mehr ein halbes Jahr. Natürlich habe ich versucht, in Erfahrung zu bringen, wann ich Näheres zum Ausgang der Zwischenevaluation erfahre. Die Antwort: Es könnte noch dieses Jahr etwas werden, vielleicht aber auch nächstes Jahr. In jedem Fall gilt: Meine Zeit in Stuttgart geht in absehbarer Zeit zu Ende, auch, wenn sich nicht absehen lässt, wann genau. Das macht etwas mit mir — was genau, steht im heutigen Newsletter.

Commitments lassen sich nicht wegzaubern

Der Anlass für mein Nachhaken, wann ich mehr erfahre in Sachen Zwischenevaluation, war einigermaßen banal: Ich stehe aktuell vor der Entscheidung, ob ich erneut eine BahnCard 100 für ein Jahr kaufen soll oder nicht. Diese Bahncard kostet aktuell irrsinnige 4.899 Euro. Während der desaströse Zustand der Deutschen Bahn nicht besser wird (ich muss ihn mir zweimal pro Woche sehr genau ansehen, für insgesamt zehn Stunden und mehr), lässt sie sich gleichzeitig immer mehr dafür bezahlen, dass man sie als Vielfahrerin nutzt, was mich fürchterlich ärgert. Aber das ist hier nicht der Punkt, sondern: Fast 5.000 Euro sind irrsinnig viel Geld, und wenn ich es ausgebe, wird es einen beachtlichen Teil meiner ohnehin spärlichen Rücklagen auffressen. Das zu tun hat nur Sinn, wenn ich nach März 2026 noch nach Stuttgart pendle. Im November läuft meine jetzige BahnCard 100 ab. Ich werde aller Voraussicht nach vorher nicht erfahren, ob die Zwischenevaluation positiv ausfällt oder nicht. Bleibt also zu hoffen, dass bei negativem Ausgang zumindest die Regelung „bis zu einem Jahr“ so ausgelegt wird, dass die BahnCard-Investition nicht überwiegend für die Tonne ist. Ganz klar: Ich gehe hier eine beachtliche Verpflichtung ein, und zwar auf eigenes Risiko.

Ähnliches gilt für meine kleine Pendelwohnung in Stuttgart, die ich nur brauche, wenn ich hier auch arbeite. Es gibt Kündigungsfristen, die einzuhalten sind, aber ob ich vor deren Ablauf im Bilde bin, wie es weitergeht, bleibt unklar. Ich kenne das schon von der Uni Düsseldorf: Da sollte ich seinerzeit die Corona-Verlängerung erhalten, die man für das WissZeitVG in der Theorie eingeführt hatte — in der Praxis weigerte sich die Uni; sie schlug vor, ich könne mich ja im Sommer kurz vor dem Ablaufen meiner eigentlichen Höchstbefristungsdauer noch einmal melden und die Verlängerung erbitten (es ging um einen zusätzlichen Monat im Winter). Mir war damals schon klar, dass die Verwaltung es kaum geschafft hätte, den Vertrag dann noch rechtzeitig fertig zu machen, zumal dort sehr wahrscheinlich niemand einen neuen Vertrag mit nur einem Monat Laufzeit riskiert hätte wegen des Klagerisikos. Damals schrieb ich an die Verwaltung:

„Sie werden sicherlich verstehen, dass die Veranlassung einer Vertragsverlängerung Mitte 2023 deutlich zu spät käme. Wegen der üblicherweise benötigten 8 Wochen wäre dann ja frühestens im Herbst 2023 mit einem Arbeitsvertrag für den Dezember 2023 zu rechnen, was für mich unzumutbar wäre: Der in Rede stehende Monat macht für die Kündigungsfrist meiner Düsseldorfer Wohnung, die Frage nach dem frühestmöglichen Antritt einer anderen Stelle und auch eine etwaige Arbeitslosigkeitsmeldung einen entscheidenden Unterschied.“

Interessiert hat das niemanden. Es galt auch hier: Alles auf eigenes Risiko! Ich hatte zu der Zeit wohlgemerkt zwei halbe Stellen inne, immerhin das, denn Leute mit Teilzeitstellen sind noch prekärer unterwegs — aber für uns alle gilt: Dass uns Mehrkosten über das Arbeitsverhältnis hinaus drohen, ist dann eben unser eigenes Problem.

Aber es sind nicht bloß vertragliche Verpflichtungen durch BahnCards und Wohnungen, die ich eingehe. Ich habe auch Verpflichtungen gegenüber meinem Institut, meinen Kolleg_innen, meinen Studierenden. Wenn ich etwa jetzt noch Abschlussarbeiten annehme, ist unklar, ob ich sie bis zum Einreichen betreuen und später noch bewerten kann. Als ich von Münster nach Düsseldorf gewechselt bin, habe ich noch Monate später studentische Arbeiten aus Münster korrigiert, unentgeltlich. Das habe ich nach dem Wechsel von Düsseldorf nach Stuttgart nicht mehr getan und ich werde es auch nicht machen, wenn ich die Uni Stuttgart verlasse. Denn damit normalisiere ich unbezahlte Arbeit nach dem Auslaufen des Arbeitsverhältnisses und trage dazu bei, dass andere Leute unter Druck gesetzt werden, diese Arbeit ebenfalls zu investieren. Allerdings folgt daraus in meiner Situation: Ich sollte aktuell besser keine Abschlussarbeiten mehr annehmen und auch keine Seminare ankündigen, denn es kann sein, dass ich den eingegangenen Verpflichtungen dann nicht genügen kann, und das ist für niemanden fair.

Und immer wieder: Abschied auf Raten

Doch es sind nicht allein derlei praktische Probleme, die mich dieser Tage umtreiben. Da ist noch etwas anderes: Ich habe ein schweres Herz. Es ist schwer vom Abschied auf Raten, der letztlich schon an meinem ersten Tag in Stuttgart leise seinen Anfang nahm, weil ich damals bereits wusste: Das hier, das hat ein Ablaufdatum, ein unklares zwar, aber es wird früher oder später zu Ende gehen. Und mit ihm alles, was ich mir in Stuttgart aufgebaut habe. In der Uni. In der Stadt. Damit meine ich nicht nur berufliche Dinge. Ich meine auch: Freund_innenschaften. Es gibt einige Menschen in Stuttgart, die ich in mein Herz geschlossen habe. Ihretwegen wird es wehtun, aus Stuttgart wegzugehen. Erneut muss ich Menschen zurücklassen, die ich gern habe. Die mir wichtig sind. Ich hatte es wirklich versucht, innerlich auf Abstand zu bleiben, denn ich kenne das schon, aus Münster und Düsseldorf und auch aus Bielefeld, ich habe jedes Mal Rotz und Wasser geheult, wenn ich da weg musste und die lieben Menschen vor Ort plötzlich nicht mehr regelmäßig treffen, mit ihnen zusammenarbeiten, Kaffee trinken, zum Mittagessen gehen und auf dem Flur quatschen konnte. Diese wiederholte Entwurzelung schmerzt tief, und der Schmerz nutzt sich nicht ab, wenn man sie erneut erlebt, im Gegenteil. Es werden alte Wunden aufgerissen, und selbst, wenn es manchmal gelingt, digital den Kontakt zu halten, dann weiß ich: Viele Freund_innen und Kolleg_innen werde ich wahrscheinlich auch dieses Mal verlieren.

Wir Wissenschaftler_innen sind keine Denkmaschinen, die ohne jedes Bedürfnis wie Gehirne im Tank liegen und Forschung und Lehre produzieren. Wir sind Menschen. Wir brauchen Sicherheit, um zur Ruhe zu kommen, nicht die ständige Unsicherheit bis Mitte 40 mit wahrscheinlichem Rauswurf, die unser Leben zu einer einzigen Wackelpartie macht, voller Zukunftsängste und Existenzsorgen (und immer mit der Furcht davor, nicht zu genügen, oder mit den Worten der TT-Satzung: uns eben nicht ‚zu bewähren‘). Wir brauchen Verbindungen zu anderen, die uns Halt geben in einem beständigen Netz, statt eines Systems, das einer gigantischen Schere gleich alle geknüpften Verbindungen früher oder später kappt. Es fühlt sich so an, als fiele man beruflich und sozial immer wieder ins Nichts. Und das gilt ganz besonders angesichts der Tatsache, dass die ständigen Arbeitsortwechsel auch die Verbindungen des privaten Netzwerks aufzuribbeln drohen (Pendeln etwa ist auch mit der Pflege eines Freund_innenkreises außerhalb der Wissenschaft nicht übermäßig kompatibel).

Ich kann von Glück sagen, dass ich Freund_innen im Leben habe, die bei allen Widrigkeiten an meiner Seite waren und sind — und dass ich trotz Abwertungen, Zurückweisungen und Schuldzuweisungen durch das Wissenschaftssystem inzwischen ziemlich genau weiß, dass ich etwas kann und was genau das ist. Das ändert aber nichts daran, dass es eine bodenlose Frechheit ist, mit fast 40 Jahren nicht zu wissen, ob ich nächstes Jahr noch einen Job habe, und dass die Geschichte meiner sozialen Beziehungen im Erwachsenenleben eine Geschichte der ständig wiederkehrenden Abschiede bleibt. Ich wundere mich kein bisschen darüber, dass viele andere schon vorher die Reißleine ziehen und aus- oder gar nicht erst einsteigen. Ohne die #IchBinHanna-Arbeit, die mit meinem jetzigen Beruf gut zu vereinbaren ist, hätte ich es ihnen bereits gleichgetan. Bleibt zu hoffen, dass wir mit dieser Arbeit mittelfristig die Verhältnisse so ändern, dass Wissenschaft als Beruf in Deutschland nicht mehr das Aushalten von finanziellen und sozialen Risiken voraussetzt. Denn unter diesen Umständen kann man diesen Beruf wirklich niemandem guten Gewissens empfehlen.

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