Wir bündeln diese Woche sehr unterschiedliche, aber eng miteinander verwobene Blicke auf das Kino der Gegenwart: In neuen Kritiken gehen wir Kindheit unter Diktatur nach, fragen, wie literarische Klassiker für unsere Zeit geöffnet werden können, und untersuchen, wie viel Grausamkeit im gut gemeinten Handeln steckt. Ergänzt wird dies durch eine neue Folge Cinema Moralia, in der wir über Bilder, Moral und auffällige Leerstellen im deutschen Film nachdenken, durch eine Videokritik über einen Film, der präzise Kapitalismuskritik mit schwarzem Humor verbindet, sowie durch einen Podcast, in dem wir dem Klischee vom „schwachen Filmjahr“ entschieden widersprechen – und stattdessen für ein Kino der Ambivalenz, der Uneindeutigkeit und der großen Leinwand plädieren.
Neue Kritiken:
Ein Kuchen für den Präsidenten (Mamlaket al-qasab) (Öffnet in neuem Fenster) (Irak/Katar/USA 2025)
Die leise Last der Befehle: Ein Kind soll einen Kuchen backen und trägt dabei das Gewicht einer Diktatur auf den Schultern. Hasan Hadis poetisches Debüt erzählt von Würde, Verlust und der stillen Grausamkeit einer Macht, die selbst Kindheit in Pflicht verwandelt. – Kritik von Axel Timo PurrDer Schimmelreiter (Öffnet in neuem Fenster) (D 2025)
Auf dem Deich der Vorsicht: Francis Meletzkys Adaption des Klassikers von Theodor erkennt die Aktualität der Vorlage und will Zukunft erzählen, bleibt aber zu oft in vertrauten Sicherheiten stecken – Kritik von Axel Timo PurrUngeduld des Herzens (Öffnet in neuem Fenster) (D 2025)
Vergiftung durch Mitgefühl: Happy-Ends sind was für Langweiler: Lauro Cress bearbeitet mit Florian Plumeyer Zweigs einzigen Roman und versetzt diese Ungeduld des Herzens plausibel ins Jetzt – Kritik von Rüdiger Suchsland
Cinema Moralia:
Böse Menschen haben schlechte Bilder (Öffnet in neuem Fenster)
Auf der Insel der Sehnsucht und eine auffällige Stille im deutschen Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 376. Folge – von Rüdiger Suchsland
Neue Videokritik:
No Other Choice (Öffnet in neuem Fenster)
Lehrstunde in Kapitalismuskritik: Park Chan-wooks schwarzhumorige, mit makelloser Präzision inszenierte Satire hat weltweit einhelliges Lob erhalten. Auch Felicitas Hübner und Axel Timo Purr lassen sich – mit ein paar Einschränkungen – gerne darauf ein.
Neuer Podcast:
»Man muss diese Filme im Kino sehen, um sie wirklich zu sehen. (Öffnet in neuem Fenster)«
»Filme sollten suspekt bleiben« sagt der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. Im artechock-Podcast widersprechen er und Rüdiger Suchsland heftig dem Vorurteil vom angeblich 'enttäuschenden Filmjahr 2025' und erinnern an einige Highlights jenseits des geschmäcklerischen Petzold-Kinos: Sirât (Öffnet in neuem Fenster), In die Sonne schauen (Öffnet in neuem Fenster) und den georgischen Film April. Im Gespräch geht es auch um den Stand des Hollywood-Kinos zwischen Der Brutalist (Öffnet in neuem Fenster) und One Battle After Another (Öffnet in neuem Fenster), zwei Filme in 'Vistavision' und um die Vorzüge eines Kinos der Uneindeutigkeit und der Ambivalenz. mehr...