
US-Präsident Donald Trump geht seit Beginn seiner zweiten Regentschaft jeden vierten Tag golfen und führt mithilfe des Sports seinen Kulturkrieg weiter. In Deutschland tritt mit Christiane Schenderlein die Staatsministerin Sport ihren Dienst an.
Im Politik-Journalismus ist es ein gängiges Format, dass eine neu amtierende Regierung nach 100 Tagen bewertet wird. Legislaturperioden sind lang, viel lässt sich, so dachte speziell der Großteil der amerikanischen Polit-Journalist*innen, in 100 Tagen sowieso nicht umsetzen. Doch dann kam die zweite Amtszeit von Donald Trump.
Das mutwillige Zerstören transatlantischer Verhältnisse, das aus europäischer Sicht schockierende Aufbohren der Sicherheitsarchitektur und eine offensichtlich faschistische Politik, die auf white supremacy basiert – für tiefergehende Analysen eignen sich die Texte von Annika Brockschmidt (Öffnet in neuem Fenster).
Was bei einem Blick auf die ersten 100 Tage unter Donald Trump auch hängenbleibt: 24 Tage hat er beim Golfen verbracht. Vierundzwanzig Tage. Verbunden mit Flügen, Kosten für den Sicherheitsapparat und, naja, eine frappierende Selbstbereicherung an den Strukturen des Staats. Ob Trump ein guter Golfer ist, kann ich nicht beurteilen, da diese Sportart mir auf Deutsch gesagt scheißegal ist. Doch die Rolle, die Sport für Trumps Regentschaft spielt, ist auch jenseits des Golfs gar nicht so klein wie gedacht.
Sport als Katalysator für Trumps Kulturkrieg
Am Tag der Amtseinführung, dem 20. Januar, unterschrieb Trump in Washington gleich acht executive orders, um die Politik seines Vorgängers Joe Biden abzuwickeln und seine eigene rassistische und faschistische Agenda durchzusetzen. Der Ort, an dem diese angsteinflößende und gefährliche Fascho-Theatervorstellung stattfand, war die Capital One Arena – dort spielen die Washington Wizards in der NBA und die Washington Capitals in der NHL. An diesem Tag allerdings jubelten die 20.000 Trump-Anhänger*innen bei jeder Unterschrift, woraufhin Trump die Stifte ins Publikum warf. Surreal.
Einige Tage später in New Orleans war Trump dann der erste amerikanische Präsident, der das Finale des Super Bowl von der Tribüne verfolgte.
Es ist offenbar so: Sport dient Trump als Spielfeld, als Katalysator für seine Selbstdarstellung und den von ihm hart geführten Kulturkrieg gegen alles, was einigermaßen progressiv ist. Durch die Unterzeichnung der executive order „Keeping Men out of Women’s Sports“ verbot er Transgender-Athletinnen die Teilnahme an Mädchen- und Frauensport. Der „Krieg gegen den Frauensport“ sei damit beendet. Schulen und Sportverbände, die sich weigern, die erforderlichen Maßnahmen umzusetzen, bekommen weniger Geld aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung gestellt. Dieses Dekret ist nur ein Baustein, dass die Trump-Regierung festlegt, dass es nur zwei Geschlechter gibt – männlich und weiblich.
Trumps Politik: Fernab von Respekt und Fairness
Im amerikanischen Hochschulsport, der von der National Collegiate Athletic Association (NCAA) organisiert wird, sind etwa 500.000 Athlet*innen aktiv, etwa zehn von ihnen sind laut NCAA-Präsident transgender. Trumps Politik stellt also die Identität und Existenz von Transgender-Athletinnen in Frage, während der Ton schärfer wird und Angriffe auf Trans-Rechte zunehmen. Mit Respekt und Fairness, die der Sport meistens wie Standarten vor sich herträgt, hat das nichts zu tun.
Bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles will Trumps Regierung allen Trans-Menschen die Einreise verweigern. Und damit wächst auch der Druck auf das IOC, das bis dato auch nicht gerade als progressive, dafür aber profitorientierte Organisation bekannt war – und sich in der Vergangenheit bei den wirklich drängenden Problemen des globalen Sports (sexualisierte Gewalt, ungleiche Bezahlung, Korruption) nicht wirklich engagiert gezeigt hatte.
Wen aus der Sportwelt Trumps Politik nicht alarmiert, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Und damit spannen wir den Bogen nach Deutschland.
Am kommenden Dienstag wählt der Deutsche Bundestag mit Stimmen von Union und SPD den neuen Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Kabinett in den vergangenen Tagen bekannt wurde. Unter sportpolitischen Gesichtspunkten rückte dabei der Name Christiane Schenderlein in den Fokus. Sie wird den neu geschaffenen Posten der Staatsministerin Sport im Bundeskanzleramt antreten. Während im Bundestag vorrangig Jurist*innen sitzen, sind Politikwissenschaftler*innen und Soziolog*innen die zweit- beziehungsweise drittgrößten Berufsgruppen – Schenderlein ist Kommunikationsberaterin, einen sportpolitischen Hintergrund hatte sie bis dato nicht.
Schenderlein besetzt die vom Sport geforderte neue Position
Ihre Berufung war eine Überraschung, die insbesondere bei Interessierten hängenblieb. Viel relevanter (Öffnet in neuem Fenster) war die Benennung von Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister.
Auf der Homepage der sächsischen Politikerin, die auf Bundesebene bisher allgemein nicht sonderlich in Erscheinung getreten war, werden ihre Fokusthemen deutlich: Kultur, Medien, Inneres, Heimat und Tourismus. Für die CDU hatte sie in den Koalitionsverhandlungen die Arbeitsgruppe „Kultur und Medien“ geleitet. Lange hatte der organisierte Sport darauf hingearbeitet, dass dieser Posten neu geschaffen wird – mich würde wahnsinnig interessieren, wie diese Information bei DOSB und DFB intern aufgenommen wurden, von Pressestatements mal abgesehen.
Es ist nicht fair, Schenderlein nur auf Grundlage dessen zu bewerten, dass sie keinen sportpolitischen Hintergrund und dieses Themenfeld vorher nicht wirklich intensiv beackert hat. Das muss auch nicht unbedingt so sein. Vielleicht braucht es eher andere Fähigkeiten wie Führungsstärke, Kommunikation und Mediation, wer weiß. Wie ihre konkrete Rolle aussehen wird, zeigt sich erst in den kommenden Tagen, wenn die Organisationserlasse bekannt werden – die klingen zwar wie executive orders von Donald Trump, regeln im bundespolitischen Betrieb jedoch nur den Zuschnitt der Bundesministerien und deren Verantwortlichkeiten.
Was möchte Schenderlein wie, wo und mit wem bewirken?
Für Schenderlein dürfte es einigermaßen herausfordernd sein, sich im teilweise undurchschaubaren Dickicht der Abteilung Sport im Bundesinnenministerium (BMI) zurechtzufinden. Stand heute ist nicht klar, ob das BMI diese Abteilung an das Kanzleramt abgeben muss. Ist es sinnvoll, die Verantwortung für Sport auf mehrere Häuser zu verteilen? Bekommt Schenderlein den nötigen Apparat, den sie braucht, um Herausforderungen wie die populäre wie populistische Olympia-Bewerbung1, den Sportstättenbau und die Leistungssportreform voranzutreiben?
100 Tage nach dem 6. Mai, das wäre dann der 14. August, wäre also der erste Moment, um Schenderleins Aktivitäten zu bewerten.
Bis dahin werden die Ausschüsse des Bundestags schon aktiv sein – über diese Ausschüsse hatte ich in der ersten Ausgabe von „B-Note“ geschrieben und die Frage gestellt, ob AfD-Abgeordnete dort einen Vorsitz übernehmen könnten. Nachdem der Unions-Fraktionschef Jens Spahn zuletzt gefordert hatte, die AfD wie eine „normale Oppositionspartei“ zu behandeln, hat die Frage nach dem Ausschuss-Vorsitz jetzt durch eine sowohl neue als auch erwartbare Entwicklung eine neue Relevanz bekommen.
Gestern hatte der Verfassungsschutz verkündet, dass die AfD als „gesichert rechtsextrem“ gilt, der entsprechende Bericht von 1100 Seiten ist wenig überraschend zu diesem Ergebnis gekommen. Vielleicht wäre es vor der Bundestagswahl im Februar eine gute Idee gewesen, diesen Bericht zu veröffentlichen, aber wir leben in schwierigen Zeiten.
Koalition uneins über Umgang mit AfD
Der Süddeutschen Zeitung hatte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann gesagt, dass die Abgeordneten selbst entscheiden müssten, ob sie AfD-Abgeordnete zum Ausschuss-Vorsitz wählen würden. Markus Söder als CSU-Chef hatte sich dagegen ausgesprochen. Aber so richtig eindeutig scheint die Herangehensweise der Union noch nicht, auch am Tag der Meldung, dass die AfD rechtsextrem ist, hielten sich die beiden Verantwortlichen der beiden Parteien merklich zurück.
Im Parlament hat sich in den letzten Wochen auch wenig bis überhaupt nichts getan, sodass die Grünen und die Linken in der Öffentlichkeit mehrfach die Frage gestellt haben, wann die Ausschüsse zusammenkommen werden. Detailarbeit, gar die Ausarbeitung von Gesetzen sind auf diese Weise nicht möglich im politischen Betrieb. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Während die SPD sich klar dagegen ausspricht, der AfD Ausschuss-Vorsitze zu gewähren, ist die Union uneins. Und dieser Streit will erstmal gelöst werden.
Und wenn dann der Sportausschuss seine Arbeit irgendwann angetreten haben wird, folgt nach 100 Tagen die Bilanz. Wenn es denn bis dahin überhaupt möglich ist, irgendetwas zu bewerten. Und da diese Zeiten auch jenseits bundespolitischer Nischenthemen wie Staatsministerinnen Sport und Ausschüssen herausfordernd sind, hier das neue Motto: Kein Golf den Faschisten!
An dieser Stelle ausdrücklich nicht zu empfehlen ist ein Interview, das der kommissarische DOSB-Vorstand Volker Bouffier dem Springer-Verlag gegeben hatte. Darin konnte der frühere hessische Ministerpräsident über die Olympia-Bewerbung auslassen. Deutschland stehe „vor zahlreichen Herausforderungen, die wir gemeinsam angehen müssen“, eine Bewerbung könne „Auslöser für einen Rück sein, damit sich endlich wieder etwas bewegt im Land“. Und jetzt kommt’s: „Deutschland wird nicht aus dem Quark kommen mit der Vier-Tage-Woche und zwei Tagen davon im Home-Office.“ Achso, na dann, weiterhin gutes Gelingen und liebe Grüße. ↩