Heute vor 78 Jahren hat David Ben Gurion den Staat Israel ausgerufen. Meine Mutter war damals elf; die restlichen 70 Jahre ihres Lebens hat sie davon erzählt, wie sie auf den Straßen tanzten und endlich, endlich! — die ganze Nacht hindurch ihre Unabhängigkeit feierten. Endlich war die Hoffnung auf ein freies, selbsbestimmtes Leben als Juden in Sicherheit und ohne Angst vor Verfolgung mit einem eigenen Staat in Erfüllung gegangen. Tags drauf, so erzählte sie, "griffen uns bereits fünf arabische Armeen an, wir konnten sie jedoch in unserem Unabhängigkeitskrieg vernichtend schlagen.". Mit diesem Narrativ bin ich aufgewachsen, wie Millionen andere Israelis. Meine Mutter konnte sich — wie fast alle Israelis bis heute — nicht an Deir Yassin erinnern, obwohl sie in der Nachbarschaft zu dem Dorf gelebt hatten, und auch nicht an das Massaker an der arabischen Bevölkerung dort und an die Vertreibungen, etwa aus Lifta bei Jerusalem, die lange vor der Staatsgründung von jüdischen Milizen an der palästinensischen Bevölkerung verübt worden waren. Vielleicht war sie zu jung gewesen, vielleicht geschahen die Vertreibungen auch so geschickt, dass man sie einfach nicht... mitbekommen konnte? Obwohl sie schon als 30-Jährige, gleich nach dem 1967er Krieg, kritisch gegenüber der israelischen Regierungspolitik war und mit meinem Vater und mir Israel für immer verließ, obwohl sie eine strikte Gegnerin der Besatzung war, obwohl sie Israel und ihre Familie in den letzten Lebensjahren mit wachsender Wut besuchte und wieder verließ, blieb ihre Sehnsucht nach einer gerechten, demokratischen israelischen Staatlichkeit und Heimat ebenso fester Bestandteil ihres Seins wie ihre widersprüchlichen Rechtfertigungsversuche im Hinblick auf das schreiende Unrecht, das Palästinensern durch Israel seit rund 80 Jahren widerfährt.
Mittlerweile markiert der 15. Mai den Nakba-Tag, mit dem die Palästinenser an die damalige und die andauernde Nakba — zu Deutsch: Katastrophe — erinnern. Was "andauernde Nakba" für Palästinenser bedeutet, kann man mithilfe der Grafiken von VISUALIZINGPALESTINE interaktiv erfahren und erahnen. Zum Beispiel kannst Du in dieser Grafik (Öffnet in neuem Fenster) die Namen von 60.199 Palästinensern aufrufen, die zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Juli 2025 in Gaza getötet wurden.
(Öffnet in neuem Fenster)VISUALIZINGPALESTINE erstellt seit 2012 Infografiken zu fast allen Bereichen palästinensischen Lebens, um Menschen auch diese Sichtweise nahezubringen. Ich empfehle sehr, auf deren Website (Öffnet in neuem Fenster) zu stöbern. Hier noch ein Beispiel, was uns Europäer direkt betrifft:
(Öffnet in neuem Fenster)Stichwort Europäer: Im neu entstandenen Magazin equator hat Eva Menasse dieses ausführliche und unbedingt lesenswerte Essay geschrieben (wer des Englischen nicht mächtig ist, dem empfehle ich einen online-Übersetzer wie z.B. DeepL). Es lohnt sich, wenn Du die Mechanismen und Verstrickungen zwischen “Staatsräson”, Antisemitismus”bekämpfung” und eingeschränkten Diskursräumen in speziell Deutschland tiefer verstehen willst.
(Öffnet in neuem Fenster)Auf dem Goldenen Sofa in Chemnitz wird weiterhin Tacheles geredet. Das letzte Gespräch mit Deborah Feldman ist ab sofort auf dem YouTube-Kanal des Café Julius (Öffnet in neuem Fenster) zu sehen — kostenfrei für Dich und in voller Länge. Kosten sind uns natürlich schon entstanden, und da uns die zugesagte Förderung nachträglich entzogen wurde, sammeln wir Geld mit einer Crowdfunding Kampagne auf StartNext (Öffnet in neuem Fenster). Dort findest Du alle Informationen zu diesem Skandal und kannst auch spenden. Wir haben schon gut die Hälfte des benötigten Budgets, aber ein bisschen was können wir schon noch brauchen.
https://youtu.be/BoJDpHUA7Io?si=vWsq8f053blKvIHo (Öffnet in neuem Fenster)Das nächste Tacheles-Gespräch findet am 4. Juni mit Dr. Shir Hever statt. Bitte unbedingt reservieren, es wird voll werden! Hier findest Du alle weiteren Termine sowie den aktuellen Flyer (Öffnet in neuem Fenster). Das Gespräch mit Prof. Susan Neiman haben wir aus organisatorischen Gründen auf den 27. August verlegt.
Auf bald — bei hoffentlich höheren Temperaturen im Außen und in den Herzen —

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