Woran ich nicht aufhören kann zu denken

Das Make-up aus Euphoria Staffel 3
Gerade läuft noch diese Katastrophe von Sendung und wir können nur beten, dass Sam Levinson Euphoria endlich in Ruhe sterben lässt und wir mit der Zeit vergessen, was wir da sehen mussten.
Euphoria erschien zuerst 2019, die zweite Staffel erlangte 2022 dank der vielen daraus entstandenen Memes große Aufmerksamkeit. Zurecht.
https://www.youtube.com/watch?v=oZvSenzdGH0 (Öffnet in neuem Fenster)Es geht um Rue, gespielt von Zendaya, die gerade ihren Abschluss macht und stark drogenabhängig ist. Wir verfolgen ihre Geschichte und die ihrer Klassenkamerad:innen, u.a. gespielt von Hunter Schafer, Alexa Demie, Jacob Elordie, die sich zwischen Trauma, Liebe, Sex und Drogen bewegen.
Zwischen den Staffeln hat sich der Cast zerstritten, Elordie hat Zendaya betrogen, Sydney Sweeney ist hyper-Republikanerin geworden (Öffnet in neuem Fenster), Künstler Labrinth, der der Sendung einen unvergesslichen Soundtrack (Öffnet in neuem Fenster) verpasst hat, ist raus, Angus Cloud und Eric Dane sind verstorben, Petra Collins, die maßgeblich für die Ästhetik der Serie in Staffel 1 verantwortlich war, wirft Macher Levinson vor ihre Arbeit geklaut zu haben… Es war viel los.
https://www.instagram.com/p/DWRrPN2CXYq/?hl=de&img_index=1 (Öffnet in neuem Fenster)Staffel 3 enttäuscht vor allem, weil Levinson nun alleine dafür schreibt. Nichts bleibt subtil, was eine Entscheidung wäre, aber es ist eine Tragödie, dass Staffel 3 darüber hinaus schockieren will und degradierende Schimpfwörter im Minutentakt um sich wirft und Bilder zeigt, die niemand braucht, um zu verstehen, was die fadenscheinige und belanglose Aussage ist.
Das Licht am Ende dieses Tunnels aus Brüsten und Konföderiertenflaggen sind Fashion und Make-up. Für letzteres ist Alexandra French verantwortlich. Ihr Stil ist gleichzeitig extrem zeitgenössisch und wiedererkennbar: präzise Eyeliner, markante Lipliner und ein Vintage-je ne sais quoi-Blush, der in Haut und Bild aufgeht.
Hier sehen wir zum Beispiel Alexa Demie als Maddy Perez in einem Jean Paul Gaultier Set von 1995, gestylt von Natasha Newman-Thomas.
Beides macht mich unfassbar glücklich.
https://www.instagram.com/p/DYcqhrUmEMm/?utm_source=ig_web_button_share_sheet&igsh=ZDNlZDc0MzIxNw== (Öffnet in neuem Fenster)Slim Aarons
George Aarons war amerikanischer Fotograf, der die Nachkriegswelt der Reichen und Schönen porträtiert hat. Oder wie Vanity Fair (Öffnet in neuem Fenster) schreibt:
His sunny portraits of postwar affluence captured the habits and habitats of the elite—and of the wider stylish class, whose socialites commingled with bohemians and trendsetters.
In mir lösen seine Bilder Neid (na klar) und Nostalgie aus. Was ich sehe, kommt mir bekannt vor, ich erkenne es wieder, auch wenn mein Leben nicht weiter von den hier dargestellten entfernt sein könnte.
Aber es sind Bilder, die ich als Kind in Filmen gesehen habe, die mir suggeriert haben, dass das das Leben sein kann, das mich erwartet, wenn ich erstmal erwachsen bin. Insofern wecken Bilder wie die von Aarons ein Verlangen nach Mehr und sehen dabei so ansprechend aus, für das Auge beruhigend.




Vecna
In Dungeons & Dragons ist Vecna ein böser Zauberer, der zum Lich wurde. Einem, wenn ich das richtig verstanden habe, untoten bösen Zauberer. Das Multiplayerspiel Dead by Daylight hat vor einigen Jahren einen DLC in Kooperation mit DnD veröffentlicht, in dem Vecna selbstverständlich enthalten war. So sieht er aus:

Je länger ich mir sein Design ansehe, desto mehr Fragen habe ich. Was hat es mit dem Kristall in der Hand auf sich? Wieso hat er Plugs in der Nasenscheidewand? Wieso ist er lila? Wieso hat er goldene Koteletten? Was für Schriftzeichen leuchten da rot auf dem Schlüsselbein?
Das Design des Charakters muss schon dessen Geschichte erzählen. Zumindest Fragen aufwerfen, die Tiefe ermöglichen. Gleich, was für Lore nun hinter all dem steckt, regt es doch immerhin die Fantasie an.
Meine Freundin, die einen Triathlon geschafft hat
Die ersten zehn Jahre meines Erwachsenenseins waren davon geprägt, dass ich mir nichts zugetraut habe und entsprechend mich nichts getraut habe. Für jeden Traum habe ich mir drei Szenarien ausgedacht, wieso er eh nicht in Erfüllung geht und weshalb ich es auf keinen Fall versuchen sollte.
Das ändert sich langsam, vor allem dank dieser Einsicht. Ein wichtiger Moment war eine Mittagspause mit einer Freundin. Wir haben mal im gleichen Team gearbeitet, weshalb da eine gewisse Nähe zwischen unseren Leben und Fähigkeiten ist. Diese Freundin erzählte mir in besagter Mittagspause, dass sie einen Triathlon gelaufen, geradelt, geschwommen ist. Einfach so.
Natürlich nicht einfach so. Sie hat trainiert, sich vorbereitet und, am aller wichtigsten, — sich getraut. Das hat was mit mir gemacht. Ich habe erkannt, dass man (ich) sich nicht selbst limitieren darf, dass einem (mir) immer noch alle Möglichkeiten offen stehen und kein Raum, keine Tätigkeit von vornherein verschlossen ist (oder bleiben muss).
CDs
Ich liebe CDs.
https://bsky.app/profile/chrissikills.bsky.social/post/3mlbduhxivs2i (Öffnet in neuem Fenster)Den Mythos, dass man mit Zahnpasta die kleinen Kratzer rauspolieren kann. Musik zu besitzen. Musik zu sammeln, zu kuratieren und auf silberne Datenträger zu brennen und sich dabei jedes Mal über den besten Namen, den ein Produkt je hatte, freuen: nero burning ROM.
Der Ablauf war immer gleich: Ein Lied im Radio hören und dann mit ganz gespitzten Ohren darauf hoffen, dass jemand am Ende sagt, wie es heißt und dann darauf hoffen, dass man Titel und Interpret nicht vergisst. Oder unten im Fernseher MTV gucken, schnell hochlaufen und das Lied laden und wenn man 20 oder so hatte, eine CD daraus machen und mit Edding drauf schreiben, was für Lieder drauf sind.
Nicht nur das Brennen, auch das CD-Hören ist heute mit so viel Aufwand verbunden, den wir eigentlich wieder nötig hätten. Ich möchte nicht mehr Bequemlichkeit auf Kosten meiner und unserer digitalen Unabhängigkeit. Ich möchte einen CD-Ständer in meinem Wohnzimmer.
1965/1–⚭
1965/1–⚭ ist das Lebenswerk des französisch-polnischen Künstlers Roman Opalka. 1965 schrieb er links oben die Zahl 1 auf eine graue Leinwand. Er schrieb immer weiter. Ab 1972 hellte er jede Leinwand, auf der er weiterzählte, um ein Prozent auf. Die Zahlen wurden größer und die Leinwände heller. Er bemalte 233 Leinwände und kam bis zur Zahl 5.607.249. Einige seiner Leinwände sind im Lenbachhaus in München (Öffnet in neuem Fenster).
Faux Fairies
Glaubt ihr an Feen? Geisterwesen, Außerirdische, Andere? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten zwei Mädchen Hunderte davon überzeugen, dass sie mit Feen abhingen — und es mit Fotos beweisen. Die Geschichte erzählen Sarah Marshall und Chelsey Weber-Smith im Podcast You’re Wrong About.
https://podcasts.apple.com/de/podcast/youre-wrong-about/id1380008439?i=1000623726701 (Öffnet in neuem Fenster)Hirstory
Was ich zuerst für einen Tippfehler hielt, will ein cleveres Wortspiel sein, das mir zwar nicht ganz ein Lächeln abringen konnte, dessen Geschichte ich aber für teilenswert halte.
Der Musermeku-Newsletter rezensiert die Ausstellung „Trans Hirstory in 99 Objects“ des Museum of Trans Hirstory & Art (MOTHA) und geht dabei auf die Relevanz und Geschichte von Trans History in der Kunst ein.
https://musermeku.org/museum-trans-hirstory/ (Öffnet in neuem Fenster)Das Moschino Pianokleid aus Staffel 4, Folge 23 von The Nanny
Es ist mir unbegreiflich, wie The Nanny und Sex and the City zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt spielen und grundlegend dieselben Themen besprechen — und dann nicht unterschiedlicher sein könnten.
Was sie wieder eint: Fashion. Seit ich es vor einigen Tagen sah, denke ich jeden Tag an dieses Pianokleid von Moschino, ca. 1995, das Rosalía (die übrigens auch eine Rolle in Euphoria hat) letztes Jahr zum Dinner trug.

Menschen, die Cheater entlarven
Für so ziemlich jedes Spiel gibt es Speed- und Challengerunner. Menschen, die ein Spiel entweder besonders schnell oder mit besonders großen, selbst auferlegten Herausforderungen spielen. Weil beides in den jeweiligen Nischen mit Prestige verbunden ist, gibt es immer wieder Menschen, die dabei betrügen.
Berüchtigt ist zum Beispiel ein Speedrunner, der sich sogar einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde ermogelte, und vorgab der weltschnellste Halo-Spieler zu sein. Aus welchen Gründen auch immer sagte er eine Teilnahme bei GDQ zu (kurz für Games Done Quick, ein zweijährliches Event, bei dem Menschen, naja, Spiele speedrunnen) und versagte dabei auf ganzer Strecke. Statt der geplanten 30 Minuten brauchte er über vier Stunden.
Spannender als diese vier Stunden sind Videos, in denen Menschen jeden Frame, Codes und Videodateien analysieren, wenn sie den Hauch eines Verdachts haben. Als dwangoAC ein Tool entwickeln wollte, das auf Groobos Diablo-Run aufbaute, der angeblich nur drei Minuten und zwölf Sekunden dauerte, stellte er fest, dass sich der Run nicht replizieren ließ (Öffnet in neuem Fenster). Was folgte, war eine lange Auseinandersetzung, in der Coder und Streamer versuchten herauszufinden, was genau geschehen war und Groobo auf Anschuldigungen reagierte.
Ein anderes Beispiel ist ein vermeintlicher Hitless-Run des Elden Ring DLC. Nur wenige Tage nach Release veröffentlichte jemand ein Video, in dem er das Spiel durchspielte ohne ein einziges Mal getroffen zu werden. Youtuber Htwo kamen einige Stellen komisch vor. Also analysierte er das Video GANZ genau, um zu beweisen, dass der Run ein Schwindel ist (Öffnet in neuem Fenster).
Ein aktuelles Beispiel traf die Resident-Evil-Challenge-Run-Community. Um die Spiele auf ein lächerlich schweres Level zu bringen, nutzen Spieler*innen Mods wie Berserker oder Madhouse ++. Gegner haben damit mehr Gesundheit, sind schneller und tödlicher und werden darüber hinaus randomized. Das heißt, sie tauchen nicht dort auf, wo sie hingehören, sondern irgendwo anders. Ein Boss aus dem late game kann also der erste Gegner sein, auf den man trifft.
Ein junger Mann gab vor (genau genommen gibt er es Stand jetzt immer noch vor, er hat noch nicht reagiert) alle Resident Evil-Spiele mit solchen Mods durchgespielt zu haben. In einer Geschwindigkeit, mit der kein anderer Youtuber konkurrieren kann.
Weil alles gefälscht ist, wie euch dieses Video in einer kompakten Stunde aufschlüsselt.
https://www.youtube.com/watch?v=43dyoDAWrYA (Öffnet in neuem Fenster)Das zu konsumieren ist mein Hobby, I regret nothing.
Es ist so unterhaltend wie inspirierend Menschen dabei zuzusehen, wie sie all ihr Nischenwissen nutzen, um die Ehrlichkeit und Fairness ihrer Nische zu bewahren (und Content zu produzieren, aber lasst uns an dieser Stelle kurz romantisch sein).
Meme der Woche
Im Englischen gibt es den wunderschönen Ausdruck “benefit of hindsight”. Er beschreibt, dass wir erst im Nachhinein und mit der notwendigen Distanz Erkenntnisse erlagen können.
Wenn wir an das Internet und Leben damit vor 15 Jahren denken, fühlt es sich entweder gar nicht so weit an, weil wir die Entwicklungen in Echtzeit erlebt und durchlebt haben, oder es ist schon vom Schleier der Erinnerungen verhüllt und mehr romantische Vorstellung als alles andere.
In jedem Fall helfen Bilder auf die Sprünge, um besagten benefit of hindsight auch nutzen zu können.
Langer Rede kurzer Sinn: Guckt euch dieses Video von 2010 an, das damals wirklich JEDE und JEDER gesehen und anderen gezeigt hat. Es ist ein Best of des Internets, eine Sammlung von Ausschnitten, die damals alle kannten.
https://www.youtube.com/watch?v=LGOIzsNZaPQ (Öffnet in neuem Fenster)Ich versuche die ganze Zeit eine Verbindung zu heute herzustellen und frage mich, ob sich nicht nur unser Umgang mit dem Internet geändert hat (Stichwort alle haben Smartphones und können jederzeit alles streamen oder hochladen), sondern auch die Inhalte, die wir für sehenswert empfinden. Sicher, aber wie genau?
Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass es heute mehr darum geht gesehen zu werden als zu sehen. Mehr darum etwas zu repräsentieren, was man für sehenswert hält. Im Gegensatz dazu sind die Clips aus dem Video unschuldig: Menschen, die mit Absicht oder aus Versehen beeindruckende oder lustige Dinge tun.
Danke
Danke, dass du meinen Mini-Newsletter abonniert hast und liest :) Wenn er dir gefällt, klick doch gerne auf das High Five. Oder schreib mir:
Unterstützen kannst du mich mit einer Bonus-Mitgliedschaft, einem Kaffee (Öffnet in neuem Fenster) oder indem du diese Ausgabe teilst.
💋
Christina